Sämtliche Werke 13

Part 33

Chapter 333,250 wordsPublic domain

„Aber es wird doch Blut dabei vergossen! – Menschenblut!“ rufen unsere Klugen entsetzt, und wieder beginnen sie ihr altes Lied. Alle diese Rumpelkammerphrasen von vergossenem Blut sind mitunter wirklich nichts weiter als eine Häufung der allernichtigsten schönen Worte zu einem bestimmten Zweck. Die Börsenspekulanten z. B. lieben es jetzt geradezu auffallend, über die Humanität zu philosophieren, – doch für wie viele von ihnen ist sie nur ein Geschäft! Indessen wäre ohne Krieg vielleicht noch mehr Blut vergossen worden. Glaubt mir, in nicht wenigen Fällen, wenn nicht in allen – abgesehen von Bürgerkriegen –, ist der Krieg ein Mittel, durch das man mit dem geringsten Blutvergießen, dem geringsten Weh und der geringsten Kraftverschwendung internationale Ruhe erreicht, und durch die sich, wenn auch nur annähernd, einigermaßen normale Beziehungen zwischen den Nationen herstellen. Selbstverständlich ist das traurig, doch was tun, wenn es so ist! Lieber einmal mit dem Schwerte dreinschlagen, als endlos Leid tragen. Und wodurch ist denn der jetzige Friede zwischen zivilisierten Nationen besser als – Krieg? Im Gegenteil: weit eher als der Kampf vertiert der Friede, besonders der lange Friede, den Menschen und macht ihn grausam. Ein langer Friede züchtet stets Gemeinheit, Feigheit und rohen, feisten Egoismus, vor allem aber – geistigen Stillstand. In der Zeit eines langen Friedens werden nur die Ausbeuter des Volkes fett. Man glaubt im allgemeinen, daß Friede Reichtum erzeuge, – aber das trifft doch nur für ein Zehntel der Menschheit zu! Und dieses Zehntel, das gar bald von den Krankheiten des Reichtums angesteckt ist, überträgt dann diese Krankheiten natürlich auch auf die übrigen neun Zehntel, versteht sich, ohne Reichtum. Krank aber ist es durch Verderbnis und Zynismus. Durch die übermäßige Anhäufung des Reichtums in den Händen Einzelner verrohen deren Gefühle bis zur Stupidität. Das Gefühl für das Vornehme verwandelt sich in die Gier launischen Übermutes und launischer Anormalitäten. Sinnenlust gebiert Grausamkeit und Feigheit. Die betrunkene rohe Seele des Wollüstlings ist grausamer als jede andere, selbst lasterhafte Seele. Mancher Wollüstling, der beim Anblick eines abgeschnittenen Fingers in Ohnmacht fällt, kann einem armen Schlucker nicht einmal eine lumpige Schuld verzeihen und bringt ihn ruhig ins Gefängnis. Grausamkeit aber erzeugt verstärkte, schon allzu feige Sorge um die Sicherstellung seiner selbst, und diese verwandelt sich am Ende eines langen Friedens in eine geradezu krankhafte Angst um die eigene Person, durchdringt schließlich alle Schichten der Gesellschaft und bringt die furchtbarste Gier nach Gelderwerb hervor. Der Glaube an die Solidarität der Menschen, an ihre Brüderlichkeit, an die Hilfe der Gesellschaft, geht verloren und die These: „Ein jeder für sich und nur für sich“ wird laut auf den Märkten verkündet. Der Arme sieht nur zu gut, was der Reiche ist, und was er ihm für ein „Bruder“ sein kann; und so sondern sich alle ab und vereinsamen. Großmut und Hochherzigkeit werden vom Egoismus ertötet. Nur die Kunst erhält in der Menschheit noch das höhere Leben: sie hält noch die Seelen wach, die in den Perioden langen Friedens einzuschlafen drohen und auch pflegen. Deswegen glaubt man auch, daß die Kunst nur zur Zeit eines langen Friedens blühen könne – welch ein Irrtum! Die Kunst, d. h. die _wirkliche_ Kunst, entwickelt sich im Frieden ja nur deshalb, weil sie allen trunkenen, lasterhaften Einschläferungen der Seelen entgegengesetzt ist und durch ihre Schöpfungen in diesen Perioden stets zum Ideal ruft, Protest und Tadel aufwirbelt, die Gesellschaft bewegt und oftmals Menschen leiden macht, die da lechzen nach der Errettung aus der übelriechenden Grube. Und so erweist es sich, daß der lange bourgeoise Friede zu guter Letzt selber das Bedürfnis nach Krieg erzeugt, ihn wie eine traurige Folge gleichsam von selbst aus sich hervorbringt. Doch leider kommt es dann nicht zu einem Kriege mit einem großen, gerechten Ziele, das einer großen Nation würdig ist, sondern zu einem aus irgendwelchen erbärmlichen Börseninteressen, zur Erwerbung neuer Märkte für die Besitzer der Goldsäcke, mit einem Wort: zu einem Kriege aus Gründen, die nicht einmal durch die Notwendigkeit der Selbsterhaltung gerechtfertigt werden, sondern umgekehrt, nur von dem launischen, krankhaften Zustande des Nationalorganismus zeugen. Diese Interessen und die Kriege, die um ihretwillen geführt werden, verderben die Völker, ja, richten sie völlig zugrunde; während der Krieg mit einem hochherzigen Ziele – zur Befreiung Unterdrückter, für eine uneigennützige und heilige Idee – nur die von giftigen Miasmen erfüllte Luft reinigt, die Seele heilt, die schmähliche Feigheit und Faulheit verjagt, ein festes Ziel setzt und schließlich eine Idee gibt und sie verständlich macht, eine Idee, zu deren Verwirklichung diese oder jene Nation berufen ist. Ein solcher Krieg stärkt jede Seele durch das Bewußtsein des Selbstopfers und den Geist der ganzen Nation durch das Bewußtsein der Solidarität und Vereinigung aller, die die Nation ausmachen, vor allem aber durch das Bewußtsein der erfüllten Pflicht, der vollbrachten guten Tat –: „so sind wir doch noch nicht ganz gefallen und verderbt, so gibt es auch in uns noch Menschliches!“ Und womit fingen denn diese unsere jüngsten Prediger des Friedens und der „Menschlichkeit“ ihre Reden an? Mit der allerunmenschlichsten Härte. Sie wollten selbst nicht helfen und ließen auch nicht zu, daß andere den Gemarterten, die nach uns riefen, halfen. Sie, die scheinbar so „human“ und gefühlvoll sind, leugneten kaltblütig und spöttisch die Notwendigkeit des Selbstopfers und der geistigen Heldentat für uns. Sie wollten Rußland auf den erbärmlichsten, einer großen Nation unwürdigsten Weg stoßen, – ganz zu schweigen von ihrer Verachtung für das Volk, das in den slawischen Märtyrern seine Brüder anerkannte, und ihrer hochmütigen Abwendung vom Volkswillen, über den sie ihre falsche „europäische“ Bildung stellten. Ihre Lieblingsthese war: „Arzt, heile dich selbst.“ „Ihr drängt euch, andere zu heilen und zu retten, während bei euch noch nicht einmal Schulen gebaut sind,“ hoben sie ganz besonders hervor. „Nun gut, dann wollen wir uns heilen. Schulen sind eine wichtige Sache, das wird niemand leugnen; doch Schulen brauchen einen Geist und eine Richtung, – so gehen wir denn jetzt in den Krieg, um uns mit Geist zu versehen und eine gesunde Richtung zu erlangen. Und das werden wir auch erreichen, und werden es doppelt, wenn Gott uns Sieg schickt. Mit dem Bewußtsein, daß wir eine uneigennützige Tat vollbracht, daß wir mit unserem Blute ruhmvoll der Menschheit gedient, mit dem Bewußtsein unserer erneuten Kraft und Energie werden wir dann zurückkehren – und werden all das an die Stelle unseres jetzigen kläglichen Wankelmutes setzen, an die Stelle unseres ertötenden Stillstandes in dem sinnlos übernommenen Europäismus. Und wir schließen uns dem Volke an und vereinigen uns fester mit ihm; denn nur in ihm allein werden wir die Heilung von unserer Krankheit finden – von unserer zwei Jahrhunderte langen unfruchtbaren Kraftlosigkeit.“

Im allgemeinen kann man sagen, daß, wenn die Menschheit ungesund und voll Ansteckungsstoff ist, selbst eine so nützliche Sache, wie ein langer Friede, der Gesellschaft anstatt Nutzen nur Schaden bringt. Das ließe sich im allgemeinen auf ganz Europa anwenden. Nicht umsonst ist in der europäischen Geschichte, wenigstens seit der Zeit, da wir uns ihrer erinnern, noch keine einzige Generation ohne Krieg ausgekommen. So ist, wie man sieht, wohl auch der Krieg zu irgend etwas nötig, kann auch der Krieg die Menschheit heilen und ihr das Leben erleichtern. Es mag empörend sein, wenn man es theoretisch überdenkt, doch in der Praxis ergibt sich diese eine Tatsache gerade aus der anderen Tatsache, daß nämlich für einen kranken Organismus auch der schöne Frieden nur Schaden bringt. Wirklich nützlich erweist sich freilich nur der Krieg, der für eine große Idee unternommen wird und nicht wegen materieller Interessen, nicht zu gieriger Eroberung, nicht um hochmütiger Vergewaltigung willen. Solche Kriege haben die Nationen bis jetzt nur auf falsche Wege verschlagen und sie stets verdorben. Wenn nicht wir, so werden es unsere Kinder erleben, wie England enden wird. Jetzt aber ist für alle in der Welt bereits „die Stunde nah“. Und wahrlich, es ist auch die höchste Zeit.

Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat

Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem Buch zugesandt, das im vorigen Jahr in Kiew erschienen ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen Nikon nach den Aufzeichnungen des Archidiakonus Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist es von Iwan Obolenski.

Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in meinem „Tagebuch“ anführen, da es vielleicht meine Leser interessieren wird, zu erfahren, wie Rußlands „sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) die Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir aus dieser charakteristischen Aufzeichnung, welch einen Kummer es ihm bereitet hat, nicht der „Zar-Befreier“ der unterdrückten Balkanslawen sein zu können:

Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest (1656), als er mit den griechischen Kaufherren, die alsdann in Moskau weilten, den Osterkuß tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt ihr vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus der Gefangenschaft befreie und loskaufe?“ und als sie geantwortet: „Wie kann es anders sein? wie sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: „So bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, alle Bischöfe und Mönche, zu Gott für mich zu beten und Messen zu lesen, auf daß mir durch ihre Gebete die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes zu fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen geweint, habe er sich an die Edlen gewandt und also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist betrübt und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser Armen, die von den Feinden unseres Glaubens unterdrückt werden; am Tage des Gerichtes wird Gott mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft fordern, _warum ich, wenn ich die Macht hatte, sie zu befreien, selbiges zu tun unterlassen_ ... Ich weiß nicht, wie lang er währen wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, doch seit der Zeit meines Vaters und meiner Väter Väter haben nicht aufgehört Patriarchen, Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen über ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns zu kommen, und keiner von ihnen hatte anders die Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem Leid und auf daß er der Grausamkeit entginge. _Und Angst erfaßt mich vor den Fragen des Schöpfers an jenem Tage! So habe ich denn beschlossen in meinem Sinn, wenn es Gott gefällig ist, meine treuen Heere und mein ganzes Gold dahinzugeben und mein Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, auf daß ich sie befreie._“ Darauf haben die Edlen geantwortet: „_Herr, tue also, wie dein Herz es dir befiehlt._“

Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem

Jahre 1528

Und man hat mir auch noch von einem sehr sonderbaren Dokument Mitteilung gemacht. Es ist das eine alte, schleierhafte und allegorische Weissagung der heutigen Ereignisse und des heutigen Krieges. Einer unserer jungen Gelehrten hat in London, in der Königlichen Bibliothek, einen alten Folianten gefunden: „Das Buch der Weissagungen“, „Prognosticationes“ von Johannes Lichtenberger, eine Ausgabe in lateinischer Sprache aus dem Jahre 1528. Jedenfalls ein seltenes Exemplar, – vielleicht das einzige in der Welt. In nebelhaften Bildern wird in diesem Buch die Zukunft Europas und der Menschheit geschildert. Ein sonderbar mystisches Buch. Ich führe nur die Zeilen an, die für uns nicht ohne Interesse sind.

Nach der Prophezeiung der Französischen Revolution (1789) und Napoleons I., der _aquila grandis_ genannt wird, heißt es weiter von den zukünftigen europäischen Ereignissen wie folgt:

_Post haec veniet altera aquila_

Hierauf wird ein anderer Adler kommen,

_quae ignem fovebit in gremio sponsae Christi_

der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird,

_et erunt tres adulteri unusque legitimus_

und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger,

_qui alios vorabit._

der die anderen verschlingen wird.

_Exsurget aquila grandis in_

Aufsteigen wird der große Adler

_Oriente, aquicolae occidentales_

im Osten, die westlichen Inselbewohner

_moerebunt. Tria regna_

werden anfangen zu weinen. Drei Reiche wird er

_comportabit. Ispa est aquila grandis,_

verschlingen. Dieses ist der große Adler,

_quae dormiet annis multis, refutata_

der viele Jahre schläft, der besiegte

_resurget et contremiscere faciet aquicolas_

wird sich wieder erheben und die westlichen

_occidentales in terra Virginis_

Wasserbewohner im jungfräulichen Lande

_et alios montes Superbissimos; et volabit_

zittern machen und noch andere stolze Gipfel; und

_ad meridiem recuperando amissa._

fliegen wird er gegen Süden, um das Verlorene

_Et amore charitatis inflammabit Deus_

wiederzunehmen. Und mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen

_aquilam orientalem volando ad ardua_

Adler entflammen, der zu Großem fliegt

_alis duabus fulgens in montibus christianitatis._

mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des Christentums.

„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, und der _besiegte_“ (bezieht sich das nicht auf unseren Krieg mit Europa vor 22 Jahren?) „wird sich wieder erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die Gegenwart anwenden lassen, natürlich wenn man von unseren europäisierenden „Weisen“ absieht, die immer noch gewissermaßen vor den Bewohnern des Westens Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser Weissagung, und das in einer Zeit, in der sich der Adler „mit zwei leuchtenden Schwingen“ schon erhoben hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da zittern, nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen Lande“ könnte sich, wenn man an die heutigen Verhältnisse denkt, auf England beziehen. In dem Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? Im Jahre 1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. Oder meint Lichtenberger mit dieser Allegorie vielleicht Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst Napoleon über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen war, geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde hat einnehmen lassen, gleicht einer Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch der Adler wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel zittern machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das Verlorene wieder zu nehmen“, und – was am auffallendsten ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses könnte schon stimmen. Hat sich nicht unser Adler aus Barmherzigkeit für die Unterdrückten und Gequälten erhoben? War es nicht die christliche Liebe, die unser Volk zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem Jahre? Wer will das leugnen? Diese Bauern, diese Soldaten aus diesem unserem Volke, das die „Gebete nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, vor Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben und zum Verbandsplatz getragen, und dann erst die Russen: „Lassen wir die noch etwas liegen: einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für ihn muß man zuerst sorgen.“ Ist nicht Christi Geist in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist nicht die Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, doch guten, unwissenden, aber niemals barbarischen Volke? Ja, Christus ist seine Kraft, ist unsere russische Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden fliegt! Was bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des christlichen Geistes und der „barmherzigen Liebe“, die in unserer Zeit offenbar geworden sind, wenn auch die „Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen, den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, daß unser Volk mit Herz und Geist an dem heutigen Schicksal Rußlands und des Balkans Anteil nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit und Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit und Rückständigkeit, bei der es, wie es heißt, unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich geht. Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich – schon seit vier Jahrhunderten. Nur die jetzigen Diplomaten würde es nicht verstehen, wenn es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein Tier auferzogen worden, hat Qualen seit seinem ersten Tage und die ganzen tausend Jahre seiner Geschichte erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen wäre. Unser Volk aber ist in ihnen nur stärker und fester geworden. So werft ihm doch, meine Herren Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. Ihr habt es vor zweihundert Jahren verlassen und euch von ihm endgültig getrennt, habt es in zinspflichtige Nummern verwandelt, in eine für euch arbeitende Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine europäisch gebildeten Herren, von euch vergessen und verstoßen, von euch wie ein Tier in seine Höhle verjagt. Doch mit ihm war Christus und mit dem allein hat es bis zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig Jahren der nordische Adler sich erhob und seine Flügel ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel Roheit in unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese Roheit – das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, von dem die Zeit das Volk befreien wird. Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen wird. Ich habe Verbrecher gesehen, die viel Tierisches getan und mit ihrem verderbten, geschwächten Willen tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese Tiere wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie fühlten, wie tief sie gesunken, und in reinen, hellen Augenblicken, die Gott auch solchen „Tieren“ schickt, verstanden sie, sich selber zu verurteilen, wenn sie auch oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder aufzurichten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Roheit wie ein Idol über alles erhoben wird und die Menschen es anbeten und gerade deswegen glauben, Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach ihm alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, um nicht die Marter zu sehen, die man ganzen Völkern auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den „Interessen der Zivilisation“, und weil die Gemarterten Slawen sind, also etwas Neues in sich tragen und man sie folglich mit der Wurzel ausrotten muß – und das gleichfalls für die Interessen der alten angefaulten Zivilisation! _Das_ ist meiner Meinung nach Roheit, bloß gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor diesem Idol beugt man sich nicht nur im Westen, sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat der nicht in seinen letzten Tagen noch den Türken, den Quälern der Christenheit, Sieg gewünscht über die Russen, die im Namen Christi für die Christenheit auszogen? – Und warum? Weil nach seiner „_unfehlbaren_“ Definition die Türken immerhin besser seien als die russischen Ketzer, die den Papst nicht anerkennen! Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch? Die Weissagung Johannes Lichtenbergers scheint sich wirklich auf unsere Zeit zu beziehen. Und ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst? Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten gemeint haben: „Hierauf wird ein anderer Adler kommen, der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird, und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? In der religiösen, mystischen Sprache hat man unter der „Braut Christi“ immer die „Kirche“ im allgemeinen verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit seien die drei verschiedenen Kirchen gemeint: die katholische, die protestantische und ... welche ist nun die dritte illegitime? Und welche dann die legitime?

Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes Buch ist im Jahre 1528 geschrieben und gedruckt, was immerhin sehr beachtenswert ist: in jener Zeit sind wahrscheinlich des öfteren solche Bücher entstanden. Obgleich die Zeit den Stürmen der großen protestantischen Reformation voranging, gab es doch schon viele Protestanten, Reformatoren und Propheten. Bekannt ist auch, daß später, besonders unter protestantischem Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben und geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug aus dem alten Buch habe ich nicht etwa als Wunder angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es denn nur die Wunder allein, die ein Wunder sind? Das größte Wunder ist häufig das, was in der Wirklichkeit geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer nur so, wie wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst voreingenommen, vorurteilsvoll erklären. Sehen wir aber dann plötzlich in dem Sichtbaren nicht das, was wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit ist, so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, das geschieht keineswegs selten! Bisweilen aber, wahrlich glauben wir eher an Wunder und Unmöglichkeiten als an die Wirklichkeit, an die wir _nicht glauben wollen_. Und so ist es immer in der Welt gewesen, darin besteht ja die ganze Geschichte der Menschheit.

Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten

Don Quijote