Sämtliche Werke 13

Part 3

Chapter 33,441 wordsPublic domain

Worin liegt nun eigentlich die Kraft des Bauern Marei, der vor dem „Wolf“, dem Tier-Antichrist beschützen kann? In der heiligen Erde Gottes liegt sie, in der feuchten Muttererde, die sich dort, wo der Horizont sich hinzieht, mit dem heiligen Himmel Gottes vereinigt. In dieser letzten zukünftigen, noch nicht vollzogenen, jedoch möglichen Vereinigung des Bauerntums mit dem Christentum, der Wahrheit der Erde mit der Wahrheit des Himmels, liegt die religiöse Kraft des Bauern Marei. Er ist, gleich dem Recken Mikula Sseljäninowitsch in unseren alten Sagen, der Held der dunklen Tiefen unserer Erde, und zu gleicher Zeit der neue Sswjätogor, der Held der Berges- und Sternenhöhen. Er ist der heilige Georg, der „Besieger des Drachens, des uralten Wurmes“. Er ist – das russische „Gotträger-Volk“ selbst. Bauerntum ist Christentum, oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Christentum ist Bauerntum. Doch nicht das alte, staatliche, byzantinische, griechisch-russische, wohl aber das junge, freie, volkliche Bauernchristentum ist – die „Rechtgläubigkeit“. Dies ist der Grundgedanke Dostojewskis. „Das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit. Die ist alles, was es hat. Doch mehr braucht es auch nicht, denn seine Rechtgläubigkeit ist – alles. Wer die nicht versteht, der wird auch von unserem Volke nichts verstehen; ja, der wird das russische Volk nicht einmal lieben können.“

In diesem Grundgedanken liegt zugleich der Grundirrtum Dostojewskis. Er nimmt Zukünftiges für Gegenwärtiges, Mögliches für Wirkliches, sein neues apokalyptisches Christentum für die alte historische Orthodoxie.

Das Bauerntum will Christentum werden, doch ist es das noch nicht geworden. Die Wahrheit der Erde will sich mit der Wahrheit des Himmels vereinigen, doch noch hat sie sich nicht mit ihr vereinigt: für das historische Christentum, die Orthodoxie, hat sich diese Vereinigung als unmöglich erwiesen. Und noch niemals ist das Bauerntum dem Christentum so entgegengesetzt gewesen wie in der jetzigen Zeit. Als das Christentum sich in den Himmel zurückzog, verließ es die Erde; und das Bauerntum, das an der Erdenwahrheit verzweifelte, ist jetzt bereit, auch an der Himmelswahrheit zu verzweifeln. Die Erde ist ohne Himmel, der Himmel ist ohne Erde; Erde und Himmel drohen, in ein uferloses Chaos ineinanderzufließen. Und wer kann wissen, wo der Boden dieses Chaos ist, dieses klaffenden Abgrunds, der sich zwischen Erde und Himmel, zwischen Bauerntum und Christentum aufgetan hat?

Aus diesem einen Grundirrtum ergeben sich auch alle übrigen Täuschungen oder Selbsttäuschungen Dostojewskis. Derselbe Irrtum, der in seiner Auffassung des russischen volkstümlichen Christentums liegt, liegt auch in seiner Auffassung der Beziehung dieses Christentums zur allgemeinen Aufklärung: er verwechselt das Zukünftige mit dem Gegenwärtigen, das Mögliche mit dem bereits Vorhandenen, das Apokalyptische mit dem Historischen. Worin besteht nun die Besonderheit der Orthodoxie oder, wie Dostojewski sagt, des „russischen Christus“?

Er gibt mehrere Definitionen der Rechtgläubigkeit, doch keine befriedigt ihn vollkommen.

„In der ganzen Welt gibt es keinen anderen Namen, denn seinen – den Namen Christi –, der uns erlösen kann,“ das wäre, wie er meint, die „Hauptidee der Rechtgläubigkeit“. Nur ist das eine viel zu allgemeine Definition: sie umfaßt nicht nur das orthodoxe, sondern auch das katholische und protestantische sowie überhaupt jedes christliche Glaubensbekenntnis; denn sie alle erkennen, ganz wie die Orthodoxie, den Namen Christi als den einzigen erlösenden an.

Schließlich aber fand er eine für seine persönliche Religion allerdings tiefere und genauere, für die Orthodoxie aber durchaus falsche Definition. Die östliche Orthodoxie sei, wie er meint, die universale _geistige_ Vereinigung der Menschen in Christo; das westliche, römisch-katholische, päpstliche Christentum aber sei dem östlichen gerade entgegengesetzt. Er sagt: „Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker – _nicht geistig, sondern staatlich_ – auf Erden nicht zu verwirklichen sei. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben, und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung zu verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das Umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.“

Hierbei fällt einem infolge des zweideutigen Gebrauchs des Wortes „Staat“ oder „staatlich“ eine gewisse Unklarheit auf. Zuerst ist der „Staat“ als Reich Gottes, als _Theokratie_ aufgefaßt, d. h. als durchaus freies, nur auf Liebe begründetes Gemeinwesen, das jede äußere vergewaltigende Macht verneint und folglich allen bis jetzt in der Geschichte bekannten Staatsformen vollkommen unähnlich ist; im zweiten Fall aber versteht Dostojewski darunter eine äußere, vergewaltigende Macht, eine Herrschaft von dieser Welt, das Reich des Teufels – die _Dämonokratie_. Hätte nun Dostojewski diese Zweideutigkeit nicht zugelassen und die Entgegenstellung der brüderlichen, freien Vereinigung gedanklich zu Ende geführt, so hätte sich auch für ihn ein völlig unerwarteter, doch ganz unvermeidlicher Folgeschluß ergeben, und zwar: die vollständige Verneinung jeder äußeren staatlichen Macht, jedes Reiches, jeder Herrschaft auf Erden im Namen des Königs aller Könige, des Herrschers aller Herrscher: die volle _Anarchie_, – natürlich nicht die Anarchie im alten oberflächlichen, sozialpolitischen, sondern im neuen, viel tieferen, religiösen Sinne, eine universale Monarchie als Weg zur universalen Theokratie, die Herrschaftslosigkeit als Weg zur Gottherrschaft.

Es ist aber kaum anzunehmen, daß Dostojewski sich entschlossen haben würde, zu behaupten, die theokratische Anarchie sei das Ideal des östlichen und speziell des russischen Christentums, der Rechtgläubigkeit. Was aber nicht im religiösen Ideal ist, das ist natürlich auch nicht in der religiösen Wirklichkeit und kann es ja auch gar nicht sein: unbedingter Gehorsam allen weltlichen Machthabern, völliger Verzicht auf brüderliche und freie Gemeinsamkeit, vollständige Unterjochung der Kirche durch den Staat – das ist die historische Wirklichkeit der Orthodoxie. Im Westen kam es zum Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, des neuen christlichen Ideals einer universalen Theokratie mit dem altrömischen, heidnischen Ideal einer universalen Monarchie; das römische Kirchenoberhaupt mußte sein anfängliches christliches Ideal verraten, um sich in einen römischen Cäsar verwandeln zu können. Im Osten ging die Verzichtleistung auf die christliche Freiheit im öffentlichen Leben, d. h. ging der Sieg des heidnischen Staates über die christliche Kirche ohne jeden Kampf vor sich und ohne jeden Verrat; denn es gab nichts, wogegen man hätte kämpfen müssen, bzw. was man hätte verraten können – aus Mangel an einer Idee einer allgemeinen Heiligkeit im Ideale der Rechtgläubigkeit selbst. Die historische Wirklichkeit ist dem historischen Schema Dostojewskis vollkommen entgegengesetzt: die Idee der universalen geistigen Vereinigung der Menschheit in Christo hat nur in der westlichen Hälfte des Christentums, im Katholizismus, existiert – wenn auch ihre Realisierungsversuche schließlich erfolglos geblieben sind, während die östliche Orthodoxie von dieser Idee sich nicht einmal hat träumen lassen. Hier im Osten ist der römische Cäsar, der Selbstherrscher im heidnischen Sinne, der „Erdengott“, der „Mensch-Gott“, auch im Christentum das geblieben, was er vor dem Christentum war. Und keine Vergewaltigung, keine Religionsspötterei, keine Willkür der autokratischen Macht hat es hier gegeben, die die orthodoxe Kirche nicht gesegnet hätte. Die letzte Grenze dieser Macht ist in der natürlichen Fortsetzung und Vollendung des Oströmischen Reiches, in der russischen Autokratie erreicht. Und wenn die staatliche Macht der Päpste Dostojewski eine Lossagung von Christus erscheint, so müßte ihm die russische Autokratie als der gerade und breite Weg zur Herrschaft des Antichrist erscheinen. Die Autokratie aber dem Papsttum als geistige christliche Freiheit der staatlichen heidnischen Vergewaltigung, als Theokratie der Demokratie gegenüberstellen, heißt das Schwarze weiß machen und das Weiße schwarz.

Schließlich begriff Dostojewski aber doch, daß man, wenn man auf dem Boden der Rechtgläubigkeit blieb, im „russischen Christ“ keine universale Bedeutung finden konnte. Da verließ er denn die Kirche und wandte sich der russischen Aufklärung, ihren zwei größten Repräsentanten, zu – Peter und Puschkin.

In den Reformen Peters findet Dostojewski „eine hervorragend synthetische Begabung, die Fähigkeit zur Allversöhnung, zur Allmenschheit“. „Der Russe kennt keine europäische Begrenztheit. Er lebt sich mit allem ein und lebt sich in alles ein. Allem Menschlichen, wenn es auch außerhalb seiner Nationalität, seines Blutes und Bodens steht, kann er nachfühlen. Sein Instinkt errät sofort den allmenschlichen Zug selbst in den schroffsten Sonderheiten anderer Völker: sofort vergleicht, versöhnt er sie in seiner Idee, und nicht selten findet er einen Einigungs- und Versöhnungspunkt in vollkommen entgegengesetzten feindlichen Ideen zweier ganz verschiedener europäischer Nationen.“

„... Dort, in Europa, lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich; wir aber werden, wenn unsere Zeit anbricht, gerade damit beginnen, daß wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Und darin besteht unsere Größe, denn all das führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Erste im Reiche Gottes sein will – der werde der Diener aller. So verstehe ich die russische Bestimmung in ihrem Ideal.“

Dieselbe russische Besonderheit sieht Dostojewski auch in Puschkin: „Wir begriffen in ihm, daß das russische Ideal – Ganzheit, Allheit, Allversöhnung, Allmenschheit ist.“

Peter gab die staatliche, Puschkin die ästhetische Form der russischen „Allmenschheit“; Dostojewski war es vorbehalten, den religiösen Inhalt in diese Form zu gießen. Die Allmenschheit, als Übergang zur Gottmenschheit, die Vereinigung der Welt Christi mit der universalen Aufklärung ist nur möglich, wenn in der letzteren die Grundlage der Welt Christi enthalten ist: in der Allmenschheit – Gottmenschheit, die in ihrer ganzen Größe zu offenbaren eben der christlichen Erkenntnis bevorsteht. Doch braucht dabei das geringe Vorhandensein oder der völlige Mangel dieser christlichen Erkenntnis in der heutigen europäischen Kultur – in der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, im öffentlichen Leben überhaupt – nicht zu beunruhigen: der Hauptunterschied der Allmenschheit, als Übergang und Mittel, von der Gottmenschheit, als Ziel, besteht ja gerade darin, daß in der ersten, in der Allmenschheit, das Menschliche mit dem Göttlichen noch nicht durch die religiöse Erkenntnis verbunden ist, während im zweiten, in der Gottmenschheit, die Vereinigung sich schon endgültig vollzogen hat. Dostojewski stand nun vor der Aufgabe, das Unvereinbare zu vereinigen, zu zeigen, daß die europäische Kultur außerhalb Christi und scheinbar sogar gegen Christus, dennoch zu Christus geht, vom gekommenen Christ zum kommenden Christ, und daß folglich die Wege Rußlands und Europas, trotz aller scheinbaren zeitweiligen Abweichungen, ein und derselbe ewige Weg sind.

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In der politischen Tat fand Dostojewski, was er in der religiösen Anschauung nicht finden konnte, – die Definition der Rechtgläubigkeit.

Es könnte noch die Frage sein, ob Dostojewski selbst die Anschauungen seines Helden in den „Dämonen“ teilt, wenn er sie nicht in dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ wiederholte: „Jedes große Volk glaubt und muß glauben, daß in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten und sie zu dem letzten Ziele, das ihnen allen vorbestimmt ist, zu führen ... Der große Eigendünkel, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt sagen will und kann, ist das Unterpfand des höchsten Lebens einer Nation.“

So ist denn die Rechtgläubigkeit, ist das wahre Christentum nach Dostojewskis Meinung der „große Eigendünkel“ des russischen Volkes, der Glaube an sich selbst, wie an Gott; denn er sagt doch, daß der russische Gott, oder der „russische Christus“, nichts anderes sei als die „synthetische Persönlichkeit“ des russischen Volkes. Folglich kann man an die Stelle der früheren Formel: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit“, die umgekehrte Formel setzen: „die ganze Rechtgläubigkeit ruht im russischen Volke“. Nur dann, wenn Rußland mit seinem Gott, mit seinem Christ „alle anderen Götter und Christusse besiegt und aus der Welt vertrieben haben wird“, kann oder wird der „russische Christus“ zum Christus der ganzen Welt werden. Wenn aber Gott nur die „synthetische Persönlichkeit des Volkes“ ist, so ist nicht das Volk der Leib Gottes, sondern Gott der Leib, die Fleischwerdung der Volksseele; dann erhält nicht das Volk sein Dasein von Gott, sondern erhält Gott sein Dasein vom Volk. Dann hat nicht Gott das Volk geschaffen, sondern das Volk und überhaupt die Menschheit, d. h. der Mensch, hat Gott geschaffen, nach seinem, des Menschen, Ebenbilde. Das Volk ist absolut; Gott ist relativ. Folglich sind alle Religionen – nur Mythologien, nur scheingöttliche Ebenbilder der menschlichen Wahrheit. Also hat der Atheist Feuerbach recht, wenn er behauptet, daß der Mensch in Gott sich selbst so lange verehrt, bis er erkennt, daß er, der Mensch, selbst Gott ist und es einen anderen Gott außer ihm überhaupt nicht gibt.

Das schrecklichste ist ja, daß, wer an den „russischen Christus“, an den „russischen Gott“, glaubt, nicht an das wahre Gotteswort, an den universalen Christ glauben kann. Die vermeintliche Gottmenschheit, oder „Volkgottheit“, ist, ebenso wie die wahre Menschgottheit, der sichere Weg zur Gottlosigkeit. Die religiöse Tragödie Dostojewskis besteht darin, daß er, dessen wahre Religion nicht die Orthodoxie war, glaubte, ein Nicht-rechtgläubiger könne auch nicht Russe sein, aber aus Furcht vor dem ewigen Schrei: „ein Wolf kommt!“ den Bauer Marei nicht auf einen Augenblick zu verlassen wagte. Der kleine Fedjä täuschte sich: dieser ewige Schrei ertönte nicht neben ihm, sondern in ihm; es war der erste Schrei des letzten Entsetzens: „das Tier kommt, der Antichrist kommt!“ Vor diesem Entsetzen konnte ihn der Bauer Marei (das russische Volk) nicht retten; denn nachdem er der „russische Christ“ geworden ist, der Doppelgänger Christi, hat er sich in ein Tier verwandelt, in den Antichrist, denn der Antichrist ist der Doppelgänger Christi.

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In der Autokratie vollendete sich für Dostojewski das, was bei ihm in der Orthodoxie begonnen hatte: die Verwechslung der Menschgottheit mit der Gottmenschheit.

Der Zar sei unserem Volk der Vater und das Volk verhalte sich wie ein Kind zu ihm. „Hierin liegt eine überaus tiefe, ursprüngliche Idee ... Der Zar ist für das Volk nicht eine äußere Kraft, nicht die Macht irgendeines Besiegers, sondern ist eine allvolkliche, allvereinende Kraft, die das Volk selbst begehrt, die es in seinem Herzen großgezogen, für die es gezittert hat; denn nur von ihr allein erwartete es seinen Auszug aus Ägypten. Für das Volk ist der Zar die eigene Fleischwerdung, die Inkarnation seiner Idee, seiner Hoffnungen und seines Glaubens. Das Verhältnis des russischen Volkes zu seinem Zaren ist der ureigenste Zug, der unser Volk von allen anderen Völkern Europas und der ganzen Welt unterscheidet ... Diese Idee enthält eine so große Kraft, daß sie natürlich unsere ganze weitere geschichtliche Entwicklung beeinflussen wird ... Ja, genau genommen haben wir in Rußland überhaupt keine andere Kraft, die uns erhält und leitet, als diese organische lebendige Verbindung des Volkes mit seinem Zaren, und aus ihr allein entsteht bei uns alles.“

Wie soll man nun die Behauptung Dostojewskis: „das russische Volk ruht ganz in der Rechtgläubigkeit, außer ihr hat es nichts und braucht es auch nichts, denn die Rechtgläubigkeit ist alles“, mit dieser neuen Behauptung: „das russische Volk ruht ganz in der Autokratie, die ist alles, was es hat, doch mehr braucht es auch nicht, denn die Autokratie ist alles“, vereinigen? Entweder heben sich diese Behauptungen gegenseitig auf, oder sie verbinden sich zu einer dritten: Autokratie und Rechtgläubigkeit sind in ihrem letzten Wesen ein und dasselbe. Die Autokratie ist der Leib und die Rechtgläubigkeit ist die Seele. Die Autokratie ist ebenso eine absolute, ewige, göttliche Wahrheit, wie die Rechtgläubigkeit. Und ebendies ist jenes „neue Wort“, das das russische „Gottträger-Volk“ der Welt zu sagen berufen ist.

Die Autokratie wie die Orthodoxie hat Rußland von Byzanz geerbt, vom zweiten christlichen Rom, das sie seinerseits vom ersten, dem heidnischen Rom, geerbt hatte. Auch im Heidentum war die Idee der Autokratie in ihrer letzten Tiefe keine bloß politische, sondern zugleich eine religiöse Idee. Die unumschränkte Macht des römischen Kaisers über das Imperium, die Macht eines Menschen über die ganze Menschheit, schien eine göttliche Macht, und der Mensch, der diese Macht besaß, schien kein Mensch sondern ein Gott zu sein, ein Erdengott, der dem Himmelsgott gleichkam. So ergab sich die Apotheose des römischen Kaisers: Divus Cäsar, göttlicher Cäsar, Cäsar-Gott, Mensch-Gott. Doch unter der Maske des Gottes verbarg sich das Gesicht des Tier-Nero, des Tiberius, des Caligula. Und in dem Augenblick, als auf dem strahlenden Gipfel des Imperiums in den Prunkgemächern der römischen Cäsaren der Mensch zum Gott wurde, da geschah es, daß zu Bethlehem in einer dunklen unterirdischen Höhle bei Hirten Gott zum Menschen ward – da ward Christus geboren. Nach Dostojewskis Worten geschah „der Zusammenstoß zweier denkbar entgegengesetzter Ideen, der entgegengesetztesten, die es überhaupt auf der Erde geben konnte: der Menschgott stieß auf den Gottmenschen, Apollo auf – Christus.“

Wodurch wurde dieser Zusammenstoß entschieden? Wer siegte? – Niemand. „Es ergab sich ein Kompromiß,“ antwortet Dostojewski. Ein „Kompromiß“, d. h. ein ungeheuerlicher Vertrag zwischen dem Gottmenschen und dem Tier-Gott. Solange die Autokratie noch heidnisch blieb, starben die christlichen Märtyrer lieber, als daß sie das Tier in der Person des Kaisers anbeteten. Als jedoch die Autokratie das „Christentum“ annahm, natürlich nur dem Namen nach, denn seinem Wesen nach kann die Herrschaft des Tieres nicht die Herrschaft Christi sein, da nahm die Kirche ihrerseits wiederum die Autokratie an, beugte sich vor dem römischen Cäsar und segnete das Tier mit dem Namen Christi. Dostojewski behauptet, dieses sei nur im Westen, im Katholizismus, geschehen, keineswegs aber im Osten, in der Orthodoxie. Doch diese Behauptung ist ein Irrtum oder ein Selbstbetrug Dostojewskis. Im Westen wie im Osten geschah ein und dasselbe, wenn auch in zwei entgegengesetzten Richtungen: im Westen verwandelte sich die Kirche in einen Staat, der Papst, der christliche Erzpriester, wurde zum römischen Cäsar; im Osten verwandelte sich der Staat in eine Kirche, die er verschlang, der russische Kaiser wurde zum christlichen Erzpriester, wurde das Kirchenoberhaupt, „der oberste Richter der Kirchenangelegenheiten“, nach den Worten Peters des Großen in dem Reglement des Heiligen Synod. Doch hier wie dort geschah die gleiche Verwechslung dessen, was des Kaisers ist, mit dem, was Gottes ist, nur mit dem Unterschiede, daß im Westen durch den – wenn auch mißlungenen – Versuch einer Theokratie, durch den Kampf der geistlichen Macht mit der weltlichen, der Päpste mit den Kaisern, die religiöse Idee des römischen Imperiums geschwächt wurde; während im Osten diese Idee, da sie auf keine Hindernisse stieß, sich entwickelte, auswuchs und schließlich ihre letzte universal-historische Vollendung in dem dritten Rom, in der russischen „orthodoxen Autokratie“ erreichte. Die alte heidnische Maske der Menschgottheit wurde durch die neue christliche Maske der Gottmenschheit ersetzt; doch das wahre Gesicht blieb dasselbe – die Fratze des Tieres. Und nirgendwo in der Welt ist die Herrschaft des Tieres so grausam, so gottlos und glaubenslästerlich gewesen wie gerade hier, in der russischen Autokratie.

Die rechtgläubige Kirche weiß selbst nicht, was sie tut, wenn sie die Nachfolger des römischen Tieres „Christen“, d. h. die „Gottgesalbten“, nennt. Sollte sie es aber einmal erfahren und sich dann doch nicht von der Autokratie lossagen, so könnte sie von sich dasselbe sagen, was der Großinquisitor Dostojewskis zu Christus von der römischen Kirche sagt.

„Wir sind nicht mit dir, sondern mit _ihm_ (mit dem Teufel), das ist unser Geheimnis! ... Wir nahmen von ihm das, was du unwillig verschmähtest, jenes Letzte, das er dir anbot, als er dir alle Erdenreiche zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers.“

Womit sonst, wenn nicht mit dem Schwert des Kaisers, muß nun die orthodoxe Autokratie Konstantinopel erobern und das letzte dritte Rom gründen – „die Erde mit Blut überschwemmend“? Daß in der auswärtigen Politik das Angesicht der Autokratie das Gesicht des Tieres ist, daran zweifelte, wie’s scheint, selbst Dostojewski nicht. Nur glaubte er gleichzeitig, daß das Gesicht des Tieres in der inneren Politik, also das zu Rußland gewandte, das Angesicht Gottes werden würde. Er versichert, daß bei uns die allergrößte bürgerliche Freiheit sich ausbilden könne, und zwar „gerade auf diesem selben unerschütterlichen Boden (auf der Autokratie) wird sie sich aufbauen. Nicht durch ein geschriebenes Gesetz wird sie sich bilden, sondern einzig auf Grund der kindlichen Liebe des Volkes zum Zaren, als zu seinem Vater; denn Kindern kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Gesetzen leben, undenkbar ist; Kindern kann man so viel anvertrauen, wie es noch in keinem Staate erlebt worden ist, denn die Kinder werden ihren Vater nicht verraten.“ „Ja, zu unserem Volke kann man Zutrauen haben, denn es ist dessen würdig.“

Übrigens hat Dostojewski, wie es scheint, selbst gefühlt, daß etwas in diesen Gedanken über das Zutrauen des Zaren zum Volke nicht stimmte, etwas, das nicht so sehr jenem „unerschütterlichen Boden“ gleicht als jenem Abgrund, über dem der „Eherne Reiter“[2] mit seinem Zügelruck Rußland zum Aufbäumen gebracht hat.

„Ich bin der Diener des Zaren. Ich werde noch mehr sein Diener sein, wenn er wirklich glauben wollte, daß das Volk sich zu ihm wie ein Kind verhält. Woran mag es nur liegen, daß er, wie es doch scheint, noch immer nicht daran glaubt?“ schrieb er wenige Tage vor seinem Tode.

Warum glaubte er denn nicht daran, und wird er vielleicht niemals daran glauben? – das ist die Frage, die Dostojewski hätte beantworten müssen. Aber er kam nicht dazu, – er starb. Und kaum war er gestorben, da rollte auch schon der erste Donnerschlag der großen russischen Revolution durch die Welt. Ein Vierteljahrhundert zog das Gewitter herauf, doch erst jetzt, zur fünfundzwanzigjährigen Gedächtnisfeier Dostojewskis, beginnt es, sich zu entladen.

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Alle Irrtümer Dostojewskis ergeben sich daraus, daß er die Widerstandskraft, die der Staat der Kirche entgegensetzt, überhaupt nicht beachtet. Diese Widerstandskraft kommt der ganzen Lebenskraft des Staates gleich: das Leben der Kirche – ist der Tod des Staates, das Leben des Staates – ist der Tod der Kirche.