Part 27
Doch genug! Ich habe gesprochen, wie ich es verstanden habe. Wenn man nicht alles versteht, wenn ich mich unzureichend ausgedrückt, so nehme ich die Schuld auf mich – aber das, was man versteht, möge man in einer friedlichen und unverletzenden Weise verstehen. Ich wünschte nur, daß man unparteiisch begriffe: daß ich zuerst und vor allen Dingen für das Volk stehe, daß ich an seine Seele, an seine Kräfte, deren Größe noch niemand von uns zu ahnen scheint, wie an ein Heiligtum glaube, hauptsächlich aber an die errettende Bedeutung des großen, alles erhaltenden und aufbauenden Volksgeistes. Mich verlangt nur nach einem: daß alle ihn erschauten – denn wenn sie ihn nur einmal erschaut haben, werden sie sofort auch alles Übrige verstehen.
Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen und Westler
... Ich will von einem geistvollen Bureaukraten erzählen, der mir vor kurzem in einer Gesellschaft eine sehr interessante Sache auseinandergesetzt hat – eine, die gerade jene Grundsätze berührt, die für die Veränderung unserer gegenwärtigen[36] Lage in Frage kommen.
Das Gespräch drehte sich um die Finanzen, um die allgemeine ökonomische Situation, und zwar speziell in dem Sinne, daß wir Russen unsere Mittel nicht verschwenden sollten, sondern vernünftig mit ihnen umzugehen versuchen müßten, damit auch nicht eine einzige Kopeke für irgendeine Phantasterei hinausflöge.
Über diese Art Ökonomie wird jetzt bei uns überall gesprochen, und die Regierung beschäftigt sich unausgesetzt mit diesem Problem. Es ist auch tatsächlich so etwas wie eine Kontrolle eingeführt worden, und alljährlich will man in den Etats eine bestimmte Summe zu streichen suchen. In der letzten Zeit sprach man sogar von einer Verringerung der Armeeausgaben. Manche meinten, man könne das stehende Heer auf die Hälfte der Truppen herabsetzen. „Deswegen“, hieß es, „würde doch nichts anders werden“. Das wäre ja alles ganz wunderbar, aber trotzdem gibt es etwas, was sich einem dabei unwillkürlich in die Gedanken einschleicht: Gut, wir reduzieren die Armee vorläufig um fünfzigtausend Mann, das Geld aber geht uns doch wieder durch die Finger, für dieses und jenes, natürlich nur für die Bedürfnisse des Staates, jedenfalls aber für Bedürfnisse, die so radikaler Opfer nicht wert sind. Die abgeschafften fünfzigtausend Mann jedoch werden wir dann niemals wieder einbringen können, oder höchstens mit Mühe und Not; denn was man einmal abgeschafft hat, ist schwer wieder anzuschaffen. Soldaten aber brauchen wir mehr als je und besonders jetzt, da in Europa alle einen Stein für uns bereit halten. Es ist gefährlich, diesen Weg zu betreten, doch nur in der _gegenwärtigen_ Zeit. Wir würden nur dann uns überzeugen lassen, daß dieses heilige Geld wirklich für etwas Notwendiges ausgegeben wird, wenn wir, z. B. den Entschluß faßten, unerbittliche Ökonomie zu treiben, so wie etwa Peter sie durchgeführt haben würde, wenn er sich vorgenommen hätte, zu sparen. Sind wir nun aber dazu fähig, bei den „schreienden“ Nöten unserer gegenwärtigen Lage, in der wir nun einmal stecken? Ich bemerke hierbei, daß dieses einer der ersten Schritte wäre zu einer Umkehr vom alten, phantastischen Gegenwärtigen zum neuen, wirklichen und für uns notwendigen Zukünftigen. Wir reduzieren ziemlich oft die Etats, das Beamtenpersonal usw., doch das Ergebnis ist immer dasselbe: daß die Etats ganz von selbst sich wieder vergrößern und vermehren. Ja, sind wir denn überhaupt fähig zu einer richtigen Reduzierung, fähig, zum Beispiel, von vierzig Beamten mit einemmal auf vier herunterzugehen? Daß vier Beamte ohne Ausnahme dasselbe leisten können, was jetzt vierzig leisten, das wird natürlich niemand bezweifeln, besonders bei einer Vereinfachung des Eingaben- und Verordnungswesens mit all seinen Schreibereien, und überhaupt bei einer radikalen Veränderung der jetzigen Formen der Beamtenarbeit.
Auf dieses Thema kamen wir, wie gesagt, zufällig zu sprechen. Einige bemerkten, daß eine derartige Reform jedenfalls ein großer Bruch mit dem Alten wäre. Andere entgegneten, daß bei uns schon viel kapitalere Reformen als diese durchgeführt worden seien. Die Dritten fügten hinzu, daß man den neuen Beamten, also diesen vier, die die vierzig ersetzen sollen, das Gehalt sogar verdreifachen könnte, und daß diese dann gewiß treffliche Arbeiter abgeben würden. Und selbst wenn man das Gehalt auch für diese vier verdreifachte, so würde ihr Gehalt doch nur dem der jetzigen zwölf entsprechen; folglich wären die Ausgaben immer noch um fast drei Viertel der heutigen vermindert.
Hier aber geschah es, daß mich mein Bureaukrat unterbrach. Ich bemerke noch, daß auch er zu meiner größten Verwunderung gegen die Möglichkeit, durch vier vierzig zu ersetzen, nichts einzuwenden hatte: „Auch mit vieren wird es sich machen lassen.“ Doch was er angriff, war etwas ganz anderes: er wies auf das Grundsätzliche hin, auf die Fehlerhaftigkeit und das Verbrecherische dieses neuen „Prinzips“. Ich kann seine Entgegnung nicht wörtlich wiedergeben, und ich führe sie nur an, weil mir seine Meinung in ihrer Art bemerkenswert erschien und so etwas wie eine pikante Idee enthielt. Er hat sich natürlich nicht herabgelassen, auf Einzelheiten einzugehen, da ich in dieser Sache nicht „Spezialist“ bin: „verstehe wenig davon“, was vorauszuschicken ich mich beeile – aber sein „Prinzip“, so hoffte er, würde mir doch einleuchten.
„Die Reduzierung der Beamten von vierzig auf vier,“ begann er gemessen und in eindringlichem Tone, „ist für die Sache nicht nur unnütz, sondern allein schon ihrem Wesen nach direkt schädlich, trotz der tatsächlich beträchtlichen Verringerung der Staatsausgaben. Unmöglich und schädlich wäre nicht nur, von vierzig auf vier zu reduzieren, sondern selbst von vierzig auf achtunddreißig. Und das aus folgendem Grunde: es wäre ein verderblicher Anschlag auf das Grundprinzip. Jetzt sind es zweihundert Jahre her, d h. seit Peter, daß wir, die Bureaukraten, im Reiche _alles_ sind; ja, im Grunde genommen sind _wir_ das Reich und überhaupt _alles_; – _das Übrige_ – ist nur Anhängsel. Wenigstens ist es bis vor kurzem, bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft, noch so gewesen. Alle früheren Wahlämter, als da sind ... nun, da, die der Adligen zum Beispiel, haben ganz von selbst, sozusagen infolge einer Anziehungskraft, unseren Geist und Sinn angenommen. Und wir haben uns deswegen, als wir das einsahen, keineswegs beunruhigt; denn das Prinzip, das vor zweihundert Jahren aufgestellt worden ist, wurde dadurch nicht im geringsten angegriffen. Nach der Bauernreform schien allerdings etwas Neues kommen zu wollen: es kam die Selbstverwaltung, es kam das Semstwo usw. ... Jetzt hat es sich deutlich erwiesen, daß auch all dieses Neue sofort und ganz von selbst unsere Form, unsere Seele und unsere Gestalt annimmt, sich sozusagen in unsere Form verwandelt. Und das ist nicht etwa durch Zwang geschehen – das wäre eine total falsche Auffassung –, sondern gerade ganz von selbst; denn es ist schwer, sich Jahrhunderte alter Gewohnheiten zu entledigen, und wenn Sie wollen, ist das auch nicht nötig, besonders nicht in einer so fundamentalen und großen Nationalfrage. Sie können mir das, wenn Sie wollen, nicht glauben; doch wenn Sie tiefer nachdenken, so werden Sie die Richtigkeit des Gesagten, dessen bin ich gewiß, anerkennen. Denn – was sind wir? Wir sind _alles_, sind bis jetzt _alles_ gewesen und werden fortfahren, alles zu sein, – und wiederum ohne uns darum selber sonderlich zu bemühen, einfach nach dem natürlichen Gang der Dinge, also unwillkürlich! Es ist schon lange her, daß man sagt, unsere Arbeit sei tote, papierene Kanzleiarbeit, und Rußland wäre all dem entwachsen. Vielleicht ist es dem entwachsen, aber vorläufig sind wir immer noch die einzigen, die Rußland halten und es davor bewahren, daß es auseinanderfällt! Denn das, was Sie erstarrtes Kanzleitum nennen, – d. h. also wir, als Einrichtung, und dann auch unsere ganze Tätigkeit – das ist, wenn man sich eines Beispiels bedienen will, wie das Skelett, in einem lebendigen Organismus. Zerstören Sie das Skelett, werfen Sie die Knochen durcheinander – und der ganze lebendige Körper muß vergehen. Schön, mag die Sache auch noch so tot betrieben werden, dafür aber geht es nach dem System, nach dem Prinzip, dem großen Prinzip – erlauben Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache. Mag es auch auf Kanzleimanier geschehen, meinetwegen sogar schlecht, unvollkommen, so wird es immerhin irgendwie doch gemacht und, die Hauptsache: Rußland steht noch und fällt nicht! Das ist es ja, daß es noch immer nicht fällt! Ich bin bereit, Ihnen zuzugeben, daß wir im Grunde meinetwegen auch nicht gerade _alles_ sind, – oh, wir sind klug genug, um einzusehen, daß wir nicht _ganz_ Rußland sind und besonders jetzt nicht; dafür aber sind wir immerhin _etwas_, d. h. etwas bereits Wirkliches, tatsächlich Vorhandenes, wenn auch vielleicht teilweise Körperloses. Nun aber, was habt ihr, womit ihr uns ersetzen könntet? Woraufhin könnten wir uns mit der Überzeugung zurückziehen, daß auch bei euch ein _Etwas_ entstanden ist, das uns wirklich ersetzen kann, – ohne daß alles fallen muß? All diese Selbstverwaltungen und Semstwos – das ist doch vorläufig immer noch ein Vogel in den Wolken, meinetwegen ein prachtvoller Vogel, einer, der unter dem Himmel herumfliegt, jedoch immerhin einer, der sich noch niemals auf die Erde herabgelassen hat. Folglich ist er trotz seiner Schönheit als Wert für uns eine Null, wir aber, wenn wir auch durchaus nicht ‚prachtvoll‘ sind und man unser sogar sehr überdrüssig geworden ist, wir aber _sind_ dafür wenigstens etwas, und zwar nichts weniger als eine Null. Ihr nun werft uns vor und beschuldigt uns: wir seien daran schuld, daß der Vogel sich bis jetzt noch nicht auf die Erde herabgelassen hat, und wir bemühten uns, ihn, den prachtvollen Vogel, in unsere Bureauform umzuwandeln, unserem Kanzleigeist anzupassen. Es wäre natürlich sehr nett von uns, wenn das wirklich der Fall wäre; denn damit würden wir beweisen, daß wir für das ewige, grundlegende und edelste Prinzip einstehen, und eine nutzlose Null in ein nützliches Etwas verwandeln. Doch glauben Sie mir, hierbei tragen wir nicht die geringste Schuld, oder doch nur eine verschwindend geringe Schuld, und glauben Sie mir, der herrliche Vogel ist selber im Zweifel: er weiß selbst nicht, was er eigentlich werden soll – das, was wir sind? oder wirklich etwas Selbständiges? Wie gesagt, er ist noch selber unschlüssig und hat vielleicht sogar ein wenig den Kopf verloren. Ich versichere Sie, er ist aus eigenen freien Stücken zu uns gekommen, und wir haben ihn nicht im geringsten zu beeinflussen gesucht. So stellt es sich heraus, daß wir sozusagen ein natürlicher Magnet sind, zu dem in Rußland bis heute noch alles hingezogen wird – und das kann noch lange, lange so fortdauern. Sie glauben mir noch immer nicht? Es erscheint Ihnen vielleicht lächerlich? Und doch bin ich bereit, um einerlei was zu wetten: versuchen Sie es, lösen Sie Ihrem herrlichen Vögelchen die Flügel, gestatten Sie ihm alle Freiheiten, befehlen Sie zum Beispiel Ihrem Semstwo mit aller Strenge: ‚Von jetzt ab mußt du ein selbständiger und nicht mehr ein bureaukratischer Vogel sein!‘ – und, glauben Sie mir, daß alle Vögel, wie sie da sind, ohne eine Ausnahme, sich von selbst noch viel mehr zu uns drängen und schließlich damit enden werden, daß sie sich in echte, rechte Beamte verwandeln, unseren Geist und unsere Gestalt annehmen, alles von uns kopieren! Sogar der Bauer wird zu uns kommen, denn es würde ihm doch gar zu schmeichelhaft sein, uns ähnlich zu werden! Nicht umsonst hat sich der Gefallen, den sie an uns Beamten gefunden haben, zweihundert Jahre lang entwickelt. Und Sie verlangen nun, daß wir, das einzig Reale und Feststehende in Rußland, uns selber gegen dieses Rätsel eintauschen sollen, gegen diese Scharade, gegen diesen Ihren schönen Vogel in den Wolken? Nein, lieber behalten wir unseren Sperling in der Hand. Lieber verbessern wir uns selber irgendwie, nun, sagen wir, indem wir etwas Neues einführen, etwas mehr, wie Sie es nennen, Fortschrittliches, dem Geiste der Zeit Entsprechenderes: wir werden, sagen wir, etwas wohltätiger werden oder sonst irgend etwas von der Art ... Aber gegen das Hirngespinst, den plötzlich erschienenen Traum, tauschen wir nicht unser einziges reales _Etwas_ ein; denn es ist klar, daß wir vorläufig niemanden haben, der uns ersetzen könnte! Wir widersetzen uns der Vernichtung sozusagen durch unseren mächtigen passiven Widerstand. Dieser Widerstand ist es gerade, der an uns wertvoll bleibt, denn nur durch ihn allein hält sich noch alles in unserer Zeit. Darum aber wäre der Versuch, uns von vierzig auf achtunddreißig zu reduzieren (von einem ‚von vierzig auf vier‘ ganz zu schweigen) grundschädlich, ja wäre sogar unmoralisch! Man würde Kopeken sparen, dafür aber das Prinzip zerstören. Vernichten Sie, verändern Sie jetzt noch unsere Formel, wenn Sie nur das Gewissen dazu haben: Es würde ein Verrat an unserem ganzen russischen Europäismus, an unserer ganzen Bildung sein! – wissen Sie das auch? Das wäre die Verneinung dessen, daß auch wir ein Reich, auch wir Europäer sind, das wäre Verrat an Peter! Und wissen Sie, Ihre Liberalen – übrigens die unserigen gleichfalls –, die in den Zeitungen so heftig für die Semstwos gegen das Beamtentum eintreten, widersprechen sich im Grunde genommen alle selbst. Denn diese Semstwos, alle diese Neuheiten ‚im volklichen Geiste‘ – das sind doch dieselben ‚Volksgrundsätze‘, oder die beginnende Formulierung dieser Grundsätze, über die jene Partei, die unseren europäisierenden Russen so verhaßt ist, eben die ‚russische Partei‘ zetert (vielleicht haben Sie schon gehört, daß man sie in Berlin so benannt hat?); das sind diese selben ‚Grundsätze‘, die unser russischer Liberalismus und Europäismus so wütend leugnet, die er verlacht und sogar nicht einmal als vorhanden anerkennen will! Oh, er fürchtet sie sehr: Nun, wie, wenn sie tatsächlich vorhanden sind und sich verwirklichen – dann ist’s doch in gewissem Sinne eine unangenehme Überraschung! Also sind alle Ihre Europäer genau genommen mit uns und wir mit ihnen ... was sie eigentlich schon längst hätten einsehen und sich merken sollen. Wenn Sie wollen, sind wir nicht nur mit ihnen, sondern sogar _wir sind sie_, denn wir sind ein und dasselbe: in ihnen, in ihnen selber ist unser Geist enthalten und sogar unsere Gestalt, gerade in diesen Ihren Westlern. Ja, das ist tatsächlich so! Und ich werde Ihnen noch etwas sagen: Europa, d. h. das russische Europa oder Europa in Rußland – das sind ja nur wir allein! Wir sind die Verkörperung der ganzen Formel des russischen Europäismus und enthalten sie restlos in uns. Wir allein sind ihre Ausleger. Ich begreife nicht, warum man diesen unseren Europäern nicht für ihren Europäismus gewisse Kennzeichen verleiht, wenn wir mit ihnen doch nun einmal so ohne weiteres zusammenfließen? Mit Vergnügen würden sie sie tragen, und damit könnte man auch noch viele anlocken. Aber bei uns versteht man’s nicht. Nichtsdestoweniger schimpfen sie auf uns – die Eigenen erkennen die Eigenen nicht! Doch, um mit Ihren Semstwos und all diesen Neuheiten endlich abzuschließen, sage ich Ihnen ein für allemal: Nein! Denn dieses ist eine lange Sache und keineswegs so kurz, wie Sie vielleicht annehmen. Dazu bedarf es einer eigenen vorhergehenden Kultur, einer eigenen, neuen, vielleicht noch einmal zweihundertjährigen Geschichte. Nun, sagen wir, einer hundertjährigen, oder meinetwegen auch fünfzigjährigen, da wir ja jetzt das Jahrhundert der Telegraphen und Eisenbahnen haben. Also immerhin doch eine fünfzigjährige Entwicklung: also geht es nicht sofort. Augenblicklich jedenfalls wird nichts anderes entstehen als unseresgleichen. Und so wird es noch lange bleiben.“
Damit verstummte mein Bureaukrat stolz und würdevoll, und, wissen Sie, ich habe ihm auch nichts entgegnet, denn in seinen Worten war gerade solch ein „Etwas“, irgendeine traurige Wahrheit, die wirklich, wirklich da ist. Selbstverständlich war ich innerlich nicht mit ihm einverstanden. Und zudem – in _solchem_ Ton sprechen nur Leute, die sich überlebt haben. Aber trotzdem war in seinen Worten „etwas“ ...
Die Judenfrage[37]
Vorbemerkungen
Oh, bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier wirklich, die „Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift habe ich nur zum Scherz hingeschrieben. Ein Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, das unter seinen Söhnen drei Millionen Juden zählt, – solch ein Problem zu lösen geht über meine Kraft. Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung haben, und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele Juden sich plötzlich für diese Meinung interessieren. Seit einiger Zeit schreiben sie mir Briefe, in denen sie mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele über sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen seiner „Mängel“, „nicht als Ausbeuter“, sondern gerade als „Juden“, als Volk, also etwa in dem Sinne von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben mir „gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, einem zu verstehen zu geben, daß sie bei ihrer Bildung schon längst nicht mehr die „Vorurteile“ ihrer Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche erfüllen, wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies für unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott glaubten sie nicht mehr, schreiben sie. Dazu will ich vorläufig nur bemerken, daß es von diesen „höheren Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen, einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte lebenden Jehova zu vergessen und zu verleugnen. Es ist nicht nur aus dem Gefühl der Nationalität heraus Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen Gründen. Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden ohne Gott gar nicht denken kann? Doch dieses Thema gehört schon zu den ganz großen, daher müssen wir von ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich eines: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden als Volk, als Nation, ja, für einen Judenhasser hält? Den Juden als Ausbeuter und für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... aber nur in Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch schwerlich einen reizbareren und kleinlicheren Menschen als den gebildeten Israeliten finden, einen, der sich leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch wann und wodurch habe ich Haß auf die Juden, als Volk, bewiesen? Da ich in meinem Herzen nie so etwas gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, dieses wissen, so weise ich ein für allemal eine solche Beschuldigung, noch bevor ich auf die Judenfrage näher eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun zu müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen des „Hasses“, weil ich statt „Israelit“ „Jude“ sage? Erstens habe ich nicht geglaubt, daß dieser Name kränken könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit ich mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten Idee bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ u. dgl. m. Es hat sich dabei stets um einen gewissen Begriff, eine besondere Richtung, um die Charakteristik irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über diese Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, aber man kann doch nicht das Wort als beabsichtigte Kränkung auffassen.
Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen Schreiben eines äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, das mich ungemein interessiert hat: es enthält eine der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen mich wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben worden sind.
... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: das ist Ihr Haß auf den „Juden“, der fast in jedem Heft Ihres „Tagebuches“ durchbricht.
Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur gegen den Juden auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter im allgemeinen? Ich verabscheue nicht weniger als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich habe nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals werde ich zugeben, daß schon im Blute dieser Nation das gewissenlose Aussaugen der anderen liege.
Sollten _Sie_ denn wirklich nicht das Grundgesetz jedes sozialen Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme _alle_ Bürger eines Staates, wenn sie nur alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an _allen_ Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat gewährt, Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter des Gesetzes, für die schädlichen Mitglieder der Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz gelten muß? ... Warum müssen alle Israeliten in den Rechten beschränkt werden, und warum werden sie nach besonderen Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die Ausbeutung durch die Ausländer – die Juden sind doch immerhin russische Untertanen –: durch die Deutschen, Engländer, Griechen, deren es in Rußland so unzählige gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung? Wodurch sind die russischen rechtgläubigen Aufkäufer, Blutsauger, Schmarotzer, Branntweinverkäufer, die betrügerischen Prozeßführer für die Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden können, besser als dasselbe Handwerk betreibende Juden, die doch immer nur ein begrenztes Feld der Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter als jener?
Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten Juden mit ähnlich berüchtigten Russen, natürlich solchen, die ersteren in nichts nachstehen. Was beweist das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie, heben sie doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im Gegenteil, wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht ehrenwert sind.
... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden stellen. Währenddessen verstehen Sie, wenn Sie vom „Juden“ sprechen, unter diesem Begriff die ganze bettelarme Masse der drei Millionen Israeliten Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf um ihre elende Existenz führen und doch sittlicher sind, ja, nicht nur sittlicher als die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von Ihnen vergötterte russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem Namen die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, die eine höhere Bildung genossen haben, die sich auf allen Gebieten des Staatswesens auszeichnen, wie z. B. ...
Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen ich nicht das Recht zu haben glaube; denn mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte es vielleicht unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer Herkunft sind. Dann fährt er fort:
... und Goldstein, der in Serbien für die slawische Idee den Heldentod gefunden hat, und alle die anderen, die fürs Wohl der Gesellschaft und der Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“ erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich selbst nicht einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten abstammt, und der die englische konservative Politik selbstverständlich nicht vom Standpunkt des „Juden“ leitet ... (?)
Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser _Volk_, weder sein Leben, noch seinen Geist, noch endlich seine vierzig Jahrhunderte alte Geschichte. Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch unbewußt der riesigen Masse eines bettelarmen Volkes Schaden zufügen. Die mächtigen „Juden“ jedoch, die die Mächtigen dieser Welt in ihren Salons empfangen, fürchten natürlich weder die Presse noch selbst die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch nun genug über dieses Thema! Schwerlich werde ich Sie überzeugen können – wohl aber wünschte ich sehr, daß Sie mich überzeugten ...