Sämtliche Werke 13

Part 21

Chapter 213,711 wordsPublic domain

In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren Stelle. „_Ôte-toi de là que je m’y mette._“ Indem nun die Bourgeoisie den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte, machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von _Recht_, sondern nur von „_Geschichte_“, von historischer Entwicklung der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war, leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „_Ôte-toi de là que je m’y mette._“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um „Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist, sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern _alles_ haben will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, _nichts_ abzutreten und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut.

So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer Zeit sogar, gab es auch dort eine _moralische_ Auffassung der Frage, es gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist, daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben. Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht, antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher „Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat; ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse, und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist. Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich einfach zum Kampf vorbereiten.

Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein, sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen – denn in ihr allein liegt das Heil.

Die russische Lösung des Problems

Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken, Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es heißt:

„Groß war diese Kraft der Seele, Die da auszog, Gott zu dienen.“

Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal _unbedingt_ nötig, sein Gut zu verteilen, – jede _Unbedingtheit_ würde hier, in der Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben. Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt: gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen, was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“.

Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß _deine Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen_, alles, was dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“, ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“. Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre: „Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen fertigzustellen verstehen.

Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben. Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet, sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“ Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, – Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist – nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug, er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar; rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an: daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur – weil ich euch alle liebhabe.“

Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der Überfülle der Liebe.

Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei, daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei. Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft; dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen, und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und selbst wenn man sie _vor_ der Praxis erlangen könnte, einfach so _a priori_, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“ Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen, daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern, selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen, sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens, es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat: Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt! Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze Geheimnis dieses ersten Schrittes.

Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten[30]

... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine Freude daran ... Doch vor allem freut es mich, nicht im Auslande zu sein, nicht unsere sich dort herumtreibenden Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in unserer so volklichen, so politischen Zeit, da man gerade überall bei sich zu Hause Russen sucht, Russen erwartet, nur Russen will und fordert, in solch einer Zeit ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung unserer expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der Verwandlung echt russischen, noch rohen und vielleicht prachtvollen Menschenmaterials in erbärmliches, internationales Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne Charakter, ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede nicht von den Vätern, – die Väter sind nun einmal nicht mehr anders zu machen. Nun, und – Gott mit ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die sie dort im Auslande verderben. Die Väter werden jetzt sogar schon von unseren verschriensten Westlern lächerlich gefunden. Herr Burenin, der sich kürzlich als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben hat, erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung mit einem unserer „Europäer“, der beständig im Auslande lebe, nur jetzt absichtlich auf den Kriegsschauplatz gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, – und der im Waggon überall Witzchen gemacht, worüber diese Herren nun schon vierzig Jahre lang Witze machen: über den russischen Geist, die Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, soll er gesagt haben, weil es bei uns in Rußland „für einen ernsten und anständigen Menschen noch immer nichts zu tun gäbe“ ...

Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei diesem Wort) aus Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, und seit der Zeit setzt sich die Emigration in jedem Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch waren es in der großen Mehrzahl, wenn nicht alle, Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten; die einen aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, „daß es in Rußland für so anständige und kluge Leute, wie sie, nichts zu tun gäbe“, die anderen vielleicht ohne jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus physischem Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und Wälder, wegen der Gesetze und Bräuche, wegen des befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen russischen Geschichte, mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke dazu, daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig und bis zur Apathie gleichmütig sein kann. Und dann kam noch die Befreiung der Bauern hinzu, und überdies erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, daß durch diese Befreiung alles verloren sei – das Land und die Landwirtschaft und der Adel und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach der Aufhebung der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende Organisation und Sicherstellung blieb und die Grundbesitzer infolgedessen den Kopf verloren und natürlicherweise eine solche Angst bekamen, wie es nach keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer an ihre Güter zu verkaufen, und ein Teil von ihnen – und nicht der kleinste – zog ins Ausland. Was sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben mögen – sie können doch nicht, weder vor ihren Mitbürgern noch vor ihren eigenen Kindern verbergen, daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die Verlockung zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls aber: seit der Zeit wird das russische persönliche Landeigentum verkauft und gekauft, es ändert seine Herren allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen, denn es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, in wessen Händen es endgültig bleiben, aus welchen Leuten sich schließlich der neue russische Grundbesitzerstand zusammensetzen wird, all das ist schwer vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man will, die wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es scheint wirklich ein Naturgesetz zu sein, nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt: diejenigen, welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch die Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei uns jedoch, wird man sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, – die sei der „Herr“! Aber ... gehört denn etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu den endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa fünfzehn Jahren gleichfalls in eine neue Phase, wie alles andere? Doch darüber später – vorläufig will ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine Überzeugung darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche die Verwaltung des Bodens eine _ernste_ ist, dann wird, meiner Meinung nach, auch alles andere im Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im großen Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt müht man sich bei uns, zum Beispiel, um Bildung, müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube, daß Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und gründlich werden sein können, wenn unsere Landesverwaltung und Landwirtschaft ernstlich und gründlich organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch eine Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern umgekehrt, nur durch eine gute Landwirtschaft – d. h. durch eine richtige Bodenverwaltung – eine gute Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen und die Gesetze und die Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung der Nation. Jede richtige Verwaltung des nationalen Organismus organisiert sich bloß dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben wird. Dasselbe läßt sich gleichfalls vom Charakter der Landwirtschaft sagen: ist er aristokratisch, oder ist er demokratisch – immer wird so, wie er ist, auch der ganze Charakter der Nation sein.