Part 1
F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
Unter Mitarbeiterschaft Dmitri Mereschkowskis herausgegeben von Moeller van den Bruck
Übertragen von E. K. Rahsin
Erste Abteilung: Dreizehnter Band
F. M. Dostojewski
Politische Schriften
Eingeleitet von den Herausgebern
R. Piper & Co. Verlag, München
R. Piper & Co. Verlag, München, 1917 Zweite Auflage Drittes bis fünftes Tausend
Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H., Verlag in München
Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg.
Inhalt
Seite Zur Einführung Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen. VII Von Moeller van den Bruck Die religiöse Revolution. Von Dmitri Mereschkowski XXIX Vorwort LIII
Erster Teil. Westeuropäisches Gedanken über Europa Republik oder Monarchie 3 Parteimenschen 15 Frankreich und Deutschland 24 Frankreich und die Kultur 26 Deutschland und Rom 32 Frankreich, die Republik und der Sozialismus 39 Katholizismus und Sozialismus 47 Drei Ideen 55 Die deutsche Weltfrage Deutschland, die protestierende Macht 65 Ein genial-mißtrauischer Mensch (Bismarck) 72 Ärger und Macht (Papstmacht) 79 Das schwarze Heer. Die Meinung der Legionen als neues 88 Element der Zivilisation Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis (Ausblicke) 94 Die Lage Frankreichs Unselige Pechvögel (Französische Republikaner) 101 Ein merkwürdiger Charakter (Mac-Mahon. Französische 109 Reaktionäre) Die katholische Verschwörung 116 Österreichs gegenwärtige Gedanken 129
Zweiter Teil. Russisches Vom russischen Volk Davon, daß wir gute Menschen sind. Die Ähnlichkeit der 147 russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon Von der Liebe zum Volke. Der unumgänglich notwendige Vertrag 153 der Gesellschaft mit dem Volke Der Bauer Marei 159 Einiges über den Krieg 168 Mein Paradox Das Paradox 178 Das Ergebnis des Paradoxons 187 Utopische Geschichtsauffassung 190 Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held Foma Daniloff 201 Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft 210 In Europa sind wir bloß Landstreicher 218 Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen Was sollen wir denn tun? 225 Die brennende Tagesfrage 233 Die Tagesfrage in Europa 240 Die russische Lösung des Problems 245 Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten 252 Die Diplomatie vor den Weltfragen 267 Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine 272 nicht-diplomatische Auffassung Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland 282 Russische Finanzen 293 Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere 324 Liberalen und Westler Die Judenfrage Vorbemerkungen 334 _Pro_ und _contra_ 340 _Status in statu._ Vierzig Jahrhunderte geschichtliches 348 Dasein Doch es lebe die Brüderlichkeit! 358 Die Beerdigung des Allmenschen 363 Ein einzelner Fall 367
Dritter Teil. Balkan und Orient Idealisten oder Zyniker 375 Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören Unser Verhältnis zum Orient 383 Gedanken unserer Zeit 390 Der Krieg Wir sind die Stärksten 400 Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar 409 die einzige Rettung Rettet denn vergossenes Blut? 414 Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat 420 Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus 422 dem Jahre 1528 Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten Don Quijote 429 Mollusken, die man für Menschen hält. Was ist für uns 436 vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt? Zur Orientfrage Lakaientum oder Zartgefühl 445 Der größte Beweis unseres Lakaientums 456 Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon 463 lange habe sagen wollen Was man jetzt über den Frieden spricht. Muß Konstantinopel 471 Rußland gehören, und ist das überhaupt möglich? Verschiedene Meinungen
Vierter Teil. Asien Die Asienfrage Was ist Asien für uns? 493 Fragen und Antworten 501
Wir Russen sind ein junges Volk, wir fangen erst an zu leben, obgleich wir schon tausend Jahre alt sind: aber ein großes Schiff braucht auch ein tiefes Fahrwasser.
Dostojewski.
Zur Einführung
Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen
Die russische Politik ist immer wieder auf ihre byzantinische Grundidee zurückgekommen. Nur die Begründung dieser Idee hat durch die Jahrhunderte gewechselt. Und fast unterscheiden sich die einzelnen Zeitalter der russischen Geschichte wie die verschiedenen Formulierungen des byzantinischen Gedankens.
Diese Begründung war nacheinander machtpolitisch, kirchenpolitisch und panslawistisch, sie war zwischendurch bald das eine, bald das andere, oft mehreres zugleich – je nachdem, welche Persönlichkeiten und Gesichtspunkte, welche Kreise und Stimmungen die Begründung bestimmten. Macht verband sich freilich immer mit ihr. Es war für die Zaren eine besonders lockende Vorstellung, Selbstherrscher in der Stadt desselben Konstantin zu werden, der einst verkündet hatte, daß der Wille des Kaisers Kanon für das Volk sei. Ebenso fühlte sich die Beamtenschaft, die höfische und politische Bürokratie, schon durch ihre Gewaltneigungen zu der Stätte hingezogen, wo der Zeremonialstaat, aber auch der Polizeistaat entstanden war. In einem verwandten und nur geheiligteren Drange sehnte sich die Orthodoxie danach, wieder in die Stadt des ökumenischen Patriarchen einziehen zu können, in der vordem das erste Kyrie eleison erklang. Byzanz gab dem Russischen Reiche seinen theokratischen Stil. Wie die mittelalterlichen Deutschen aus Rom das Romanische herüberholten, so nahmen die Russen in Byzanz das Griechische auf. Während den Rumänen auf dem Balkan das freilich entartete und verkümmerte Erbe des Lateinertums zufiel, übernahmen die Russen für das Slawentum die reichere und stolzere Überlieferung des oströmischen Hellenismus. Byzanz wurde nach Rußland übertragen: und nicht nur in den Symbolen, sondern vor allem in den Instinkten und Prinzipien. Nach jener symbolischen Vermählung mit der letzten Palaiologin, die man Sophia hieß, wie die große Kathedrale von Ostrom, wurden Wappen und Herrschertitel, byzantinische Etikette, aber auch byzantinisches Patriarchat, Klerikalverfassung, Klosterleben, byzantinisches Recht, das an die Stelle des normannischen trat, nach Rußland hinübergeführt. Und so fest wuchs in Moskau die Autokratie mit der Orthodoxie zusammen, so sehr wurde das Byzantinische zur Grundlage des Reichsgefüges wie Volkstums, daß man es schließlich gar nicht mehr als Byzantinismus, sondern als autochthones, altheiliges, echtrussisches Gut empfand. Und schon diese kirchen- und machtpolitische Begründung begleitete ein nationalistisches Empfinden: Kyrill und die Slawenapostel, die Schöpfer des russischen Alphabets und der altslawischen Kirchensprache, vereinigten Russentum und Byzantinertum in einer slawophilen Gesinnung, die später, als Rußland in seine historischen Gegensätze zum europäischen Westen wie zum islamitischen Orient geriet, als panslawistisches Bewußtsein der russischen Politik ihr geschichtliches Ziel geben sollte: mit dem Besitz von Byzanz diese ganze Entwicklung abzuschließen.
Die Eroberung von Byzanz ist früh versucht worden. Es waren noch griechische Kaiser und bulgarische Zaren, die russische Großfürsten vom Balkan zurückschlugen. Dann kam die Zeit, in der die Mongolen über Rußland herrschten. Damals entschwand Byzanz völlig den russischen Blicken. Auf die Mongolen aber folgten im Süden von Rußland die Tataren und schoben sich trennend zwischen Moskau und den Balkan. Diesem Tatarengürtel, dem Khanat der Krim, das seine Macht um den nördlichen Rand des Schwarzen Meeres lagerte, verdanken die Balkanslawen heute, daß ihre Nationalität sich erhielt, die ohne diese Trennung vom Großslawentum in diesen Jahrhunderten der Russifizierung verfallen wäre. Als aber Moskau, als das Großrussentum, das im Großslawentum die politische Führung übernahm, wieder politische Bewegungsfreiheit erhielt und von neuem den Blick nach Byzanz hinüberwandte, da waren hier inzwischen große Veränderungen geschehen. Die Türken waren den Russen zuvorgekommen: Byzanz war mohammedanisch geworden. Kaum ließ sich in dieser Zeit das Schutzrecht über die Balkanslawen und Balkanchristen aufrechterhalten und wenigstens andeuten, das erst Peter der Große wieder gegen die Türkei ausgespielt hat, und das bis zum letzten russisch-türkischen Kriege von der russischen Politik bald mehr diplomatisch, bald mehr ideologisch ausgespielt worden ist. Es wurde früh Prinzip dieser Politik, Prinzip von Instinkten der Rasse, die ihre historischen Hemmnisse wie Möglichkeiten herauswitterte, sich immer auf der Linie des geringeren Widerstandes vorwärts zu bewegen: sinkender Staaten oder wilder, niederer, jedenfalls schwächerer Völkerschaften. Und vorläufig lag diese Türkei, der gelungen war, was Rußland versäumt oder verfehlt hatte, und die damals Ungarn, Polen, Wien bedrohte, entschieden nicht auf dieser Linie des geringeren Widerstandes, auf der die russische Politik ihre größten Erfolge erringen sollte. Vorläufig, in einer Zeit, als Europa in den Wirren der Religionskriege und Erbfolgestreite sich selber schwächte, als Österreich den Türkensturm auszuhalten hatte, die schwedische Politik zwischen Rußland und Polen als Gegner schwankte, Polen zerfiel, schien eher der Westen auf dieser Linie zu liegen. Und so füllte denn die russische Politik diese Zeit, in der sie vom Süden und Osten abgedrängt war, und in der abgewartet werden mußte, bis die Türkei schwächer wurde und sich allmählich jenes Prinzip des geringeren Widerstandes auch auf sie anwenden ließ, mit ihren Vorstößen nach Europa aus, die dem Russentum allerdings nur die Zwieschaften eines Westlertums in das Land und das Leben tragen sollten. Über der Gründung von Petersburg wurde die Eroberung von Byzanz vergessen. Doch blieb der Norden den Russen stets unheimlich, wie der Westen ihnen peinlich war. Nur Peter konnte wagen, den Norden zu zwingen. Peter war selbst ein nordischer Mensch, schon deshalb, weil er sich auch auf die unrussische Linie des größeren Widerstandes vorwagte, war ein letzter Waräger, im Temperamente vom Willensschlage und Schaffensdrange des Großen Kurfürsten, im Charakter mit strindbergischen Zügen grausamen Menschenmißtrauens. Aber sogar die Ostsee blieb den Russen immer fremd. Früh fühlten sie, daß das baltische Meer nie ein slawisches Meer werden würde, daß der Mensch der Steppe kein Mensch des Ruders ist. Im Kampf um die Ostsee wurde das Russentum nur an die Grenze des größeren Widerstandes abgedrängt, an der es schließlich Europa vor sich hatte, eine kulturelle und, aus ihr sich immer wieder ergebend, eine politische Überlegenheit, gegen die es nicht aufzukommen vermochte. Zwar suchte es die Grenze immer wieder zu überschreiten, aber nur, um neue Zwieschaften des Westlertums in sich aufzunehmen, die das Russentum auf Nachahmung stellten, und damit vor die Gefahr, sich von sich selber zu entfremden. Die Linie des geringeren Widerstandes konnte für Rußland immer nur in den Grenzenlosigkeiten von Osten und Süden liegen, dort, wo die slawische Welt sich einst mit der verfallenden antiken, jetzt mit der heraufgekommenen islamitischen mischte. Die russische Politik blieb daher, was sie war: eine Politik dieser Grenzenlosigkeit. Sie suchte die russische Herrschaft mit der Schrankenlosigkeit von Instinkten auszudehnen, die von der weiten Natur des russischen Landes in einem besonderen Maße gerechtfertigt, ja, herausgefordert zu werden schienen. Und ein einziges festeres, ein phantasmagorisches, freilich auch sehr realpolitisches Ziel in dieser orientalischen Grenzenlosigkeit, in deren Fernen die Wüste, Indien und Asien lag, war dann stets, bei europäischer Nähe und russischer Erreichbarkeit, die Stadt des Konstantin, von der aus Selbstherrschertum wie Rechtgläubigkeit einst in die slawische Welt gekommen war. Immer wieder, langsam, auf einem asiatischen Umwege, auf dem zuerst Kasan und Astrachan erobert, das Kaspische Meer erreicht wurde, und der sich noch im Bogen um das Schwarze Meer bewegte, fühlte deshalb das Russentum, zunächst im Kampf gegen das Krimtatarentum, in der Richtung auf die Türkei und Konstantinopel vor, in der sich, als Symbol seiner geistigen Selbständigkeit und geschichtlichen Sendung, der Kuppelberg der Agia Sofia erhob.
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Schon Iwan der Dritte steckte die Grenzenlosigkeiten der russischen Ausdehnungsmöglichkeiten nach geopolitischen Prinzipien ab und wies der russischen Politik das Ziel: „Die Grenzen des Moskowitischen Reiches bis zu den von der Natur gewiesenen Marken hinauszurücken, das heißt, bis zum Uralischen Bergrücken, den Gestaden des Kaspischen Meeres, dem Kaukasus und dem Pontus.“ Und Iwan der Große, unter dem ohne sein Zutun die ungeheure kosakische Erwerbung von Sibirien geschah, leitete dann mit seiner persönlichen Politik die Umklammerung des Schwarzen Meeres ein, die schließlich zum Kampf gegen die Türkei führen mußte. Sogar Peter der Große, der durch die Geschichte mit dem Rufe des Westlers geht, und dem die russische Geschichtsphilosophie der slawophilen und panslawistischen Epoche später alle Zwiespälte vorwarf, die durch die Hinüberwendung nach Europa und die Abwendung von Byzanz in den russischen Volkskörper gekommen sind, hat den Ausgang zum Schwarzen Meere früher gesucht als den zum Baltischen Meere. Die ganze klimatische, rassengeographische und religionspolitische Einstellung Rußlands, die Ausdehnungspolitik, die er vorfand, und übrigens auch schon Verträge seiner Vorgänger mit Polen und Österreich, verwiesen ihn auf den Kampf im Orient. Gerade weil er den Westen bewunderte, wollte er nicht eher vor dessen Urteil treten, als bis er einen Ruhm mit seinem Namen verbunden hatte: Und dieser Ruhm ließ sich von Rußland aus nur im Osten erwerben. Die Eroberung von Asow und die Gründung von Taganrog im damals türkischen Mündungsgebiet des Don wurde deshalb seine erste Tat. Und dann erst beging er seinen genialen Fehler, der ihn in der Geschichte so groß gemacht hat, diesen „petrinischen Fehler“, den schon seine altrussischen Zeitgenossen erkannt, gegen den sie sich als das Verhängnis Rußlands gewehrt und dessen Rückgängigmachung sie Slawophilie und Panslawismus hinterlassen haben. Sein russischer Blick blieb nach Süden und Osten gerichtet: nach Byzanz, orientwärts, asienwärts. Aber daneben hatte Peter diesen kulturellen Blick, den er nicht wohl anderswohin wenden konnte als dorthin, wo die nächste überlegene Nachbarkultur war: nach Europa. Durch eine doppelte Politik, eine, die orientalisch und europäisch zugleich sein sollte, legte er die weitere Entwicklung des russischen Staatsgedankens in einer Zwieschaft fest, die das russische Volkstum aus seiner Ruhe, Verwurzelung, gewohnten Lagerung warf und den russischen Menschen an sich irre machte. Nun wurde, statt daß Konstantinopel erobert worden wäre, an ähnlich schicksalsvoller Stelle, gleichfalls zwischen Wasser und Land, aber ohne Heiligung durch Überlieferung, zwischen fremden Völkern, Bekenntnissen und Gesittungen, durch fremde Menschen und Arbeitsweisen, eine neue, eine künstliche, die befohlene Hauptstadt Petersburg gegründet. Schon bei Peters Lebzeiten wandte sich das Altrussentum von dem Geiste dieser Gründung ab: Peters eigener Sohn Alexei sollte das Werkzeug werden, um der eindeutigen, rechtgläubigen moskowitischen Partei wieder zum Siege zu verhelfen: der schlaffe Prätendent einer ewigen Idee, der erste Panslawist auf einem Throne, den er nie bestieg. Peter selbst wandte sich gegen Ausgang seiner Regierung wieder dem Orient zu. Die Ausdehnung, die er im Baltikum gegen die Schweden erreicht hatte, konnte ihn nicht für die Enttäuschung entschädigen, die er am Pontus durch die Türken erlitt. Asow, der Stolz seiner Jugend, war wieder verloren gegangen. Fast scheint es, als ob er bereit gewesen ist, seine nordischen Eroberungen, bis auf Petersburg, gegen Bezahlung wieder herauszugeben, wie dies unter seinem Vater schon einmal geschehen war. Aber jetzt wollte Schweden nicht und suchte eine Entscheidung, der es nicht mehr gewachsen war. Peters letzte Gedanken gingen nach Asien, Persien, China, Sibirien hinüber. Das machtpolitische Testament, das er hinterließ, geschrieben oder ungeschrieben, forderte die Zertrümmerung der Türkei. Das religionspolitische Testament forderte gar, in einer orthodoxen Wiederaufnahme der katholischen Kreuzzugsgedanken des Mittelalters, den Erwerb Jerusalems und der heiligen Stätte für Rußland. Und das beinahe mystische Testament, das er hinterließ, ging noch weiter und forderte die Eroberung Indiens, des weißen und heiligen Landes am Ganges, für das Volk des weißen und heiligen Zaren.
Nach Peters Tode schien zunächst das Altrussentum zu siegen, das im Grunde weder Petersburg noch Konstantinopel, nur sich selbst will, obwohl seine politischen Ideen noch am ehesten, schon aus religiösen Motiven, mit byzantinischen Tendenzen in Übereinstimmung zu bringen sind. Residenz wie Regierung wurden wieder nach Moskau verlegt, freilich auch wieder nach Petersburg zurück, hin und her. Auch Katharina die Große, dieser zweite universale Mensch auf dem russischen Throne, die zu organisieren hatte, was unter Peter pionierhaft abgesteckt worden war, sah sich in der europäisch-orientalischen Zwieschaft festgelegt, die er ihr hinterlassen. Doch ihre größten Unternehmungen hat auch sie gegen die Türkei gerichtet. Die Nordküste des Schwarzen Meeres wurde gewonnen. Aus den baltischen Häfen lief eine erste Flotte aus, um die Einfahrt in die Dardanellen, freilich schon damals vergeblich, zu erzwingen. Doch der entscheidende Friede von Kainardschi, den sie abschloß, und der Rußland sein Schutzrecht über die Balkanchristen und zugleich eine Meistbegünstigung seines Handels bestätigte, legte den Grund zu der ganzen künftigen russischen Orientpolitik. Und wie weitausschauend ihr Blick war, auch noch über dieses Ergebnis hinaus, das zeigte ihr Lieblingsplan, ein großes rumänisch-bulgarisches Schutzreich Dazien zwischen Rußland, Österreich und der Türkei zu schaffen, aus dem vielleicht einmal ein neubyzantinisches mit der Hauptstadt Konstantinopel werden konnte, und für das sie bereits ihren Enkel Konstantin taufen ließ. Und wie realpolitisch zugleich dieser Blick war, das zeigte ihr Lieblingswunsch, Ägypten zu erobern und zum mindesten schon Malta im Rücken der Türkei und an Stelle von Franzosen oder Engländern zu besetzen.
Doch erreicht wurde zunächst nur, unter den Nachfolgern Peters wie Katharinas: daß Zeit verloren wurde, und daß der richtige Anschluß verfehlt wurde. Rußland hat durch die petrinische Politik zwei Jahrhunderte verloren und manche Gelegenheit verfehlt. Jener halbe und eigentlich planlose Zustand kam auf, von dem Pozzo di Borgo als Minister Alexanders I. gesagt hat, daß die ganze neuere Politik Rußlands fast ausschließlich die Zerstückelung Polens zum Gegenstande gehabt habe; und das war zu wenig für Rußland; war eine kleine Politik; eine unrussische Politik.