Sämtliche Werke 12

Part 4

Chapter 43,194 wordsPublic domain

Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht nur die Mängel seiner Vorzüge, sondern mitunter auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und furchtbaren Menschen, alle die seelischen Krankheiten und Pestbeulen, weil er über sie das höhere Urteil zu fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen; er verfolgte und beobachtete das geringste Aufblitzen dieses Funkens und erspähte Züge seelischer Schönheit in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen dieser Schönheit, die Dostojewski unter der scheußlichen und abstoßenden Äußerlichkeit durchschimmernd entdeckte, verzieh er den Menschen und liebte er sie. Eine feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse nennen; und sie war es auch, die für ihn das Maß bildete, nach dem er Gut und Böse abwog, das Maß, mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich und den Menschen war unerschütterlich, und deshalb war er auch so aufrichtig und nahm er so ohne weiteres sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich jenen idealistischen Charakter, jene Art des Verstandes und Herzens, die der Mensch annimmt, wenn er zu schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse und der Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen, obschon sie aus einer Wurzel hervorgehen und enger als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch Dostojewski und seine „Muse“ ungemein eng miteinander verbunden waren.

Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen wäre noch zu sagen, daß an ihm nicht die geringste Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch die von ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie auch nur der Schatten des Wunsches, die Rolle eines Märtyrers zu spielen. Er war absolut frei von jedem gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes vorgefallen, zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie seelisch getroffen, sondern war heiter und guter Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte: „Wenn ich Sie betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht die Leiden zu sehen, die Sie zu ertragen hatten ...“ Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um dann sofort über ganz nebensächliche Dinge zu scherzen. Desgleichen erinnere ich mich noch eines anderen ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem literarischen Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren, beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen. Die Wahl fiel ihm schwer. „Es muß etwas Neues, Interessantes sein,“ sagte er zu mir. – „Aus dem ‚Totenhause‘ vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe ich schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich nicht ... Es scheint mir dann immer, daß ich vor dem Publikum klage, mich immer beklage ... Das ist nicht gut.“

Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit zurück, als habe er sie ganz und gar abgetan, oder wenn er sich einmal Erinnerungen hingab, dann gedachte er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er gleichsam stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter schwerlich vermuten können, wenn er ihn so sah und hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen war.

In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest auf dem Standpunkt, der für alle echten Russen so selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an Auflehnung war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert oder mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und Maßregeln äußerte. Er selbst ertrug die unbequemen herrschenden Zustände nicht nur stillschweigend, sondern sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich anging. So entsinne ich mich nicht, ihn jemals über die Zensoren aufgebracht gesehen zu haben, obgleich diese Herren – im allgemeinen sehr liebenswürdige Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten, und, wenn sie nicht viel Verfängliches fanden, wenigstens kleine Korrekturen anbrachten, um doch nicht ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an die Zensur zu denken, unwillkürlich in den Grenzen bleiben, einfach weil sie viel zu ernst sind, um sich Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben.

Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker, sprachen nur von allgemeinen Fragen und Auffassungen, in der Praxis aber blieben wir beim „reinen Liberalismus“, also bei dem Glauben, daß man in der inneren Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln am weitesten komme, daß die verschiedenen Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren die Grundsätze, an die sich alle Anhänger der Gedanken-, Preß- und Handelsfreiheit usw. halten, Grundsätze, die natürlich längst nicht die ganze Frage erschöpfen, an die man sich aber in all den Fällen halten muß, wo zu anderen Grundsätzen keine Veranlassung vorliegt. In der Wirklichkeit freilich erwiesen sich gerade die liberalen Grundsätze als unfähig, unsere Gesellschaft zu regieren, eben als zu schwerverständlich und noch zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet, die Entwicklung anderer, ihnen entgegengesetzter Grundsätze zu paralysieren. So kam es unter den Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen und entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der liberalen Epoche war, daß plötzlich Proklamationen auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution aufforderten. Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen, diesen der polnische Aufstand und drei Jahre später das erste Attentat auf das Leben des Zaren.

Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer Zeitschrift und folglich denjenigen, zu dem sich Fjodor Michailowitsch bekannte, zu kennzeichnen. Leider herrschen bei uns trotz aller historischen Erfahrungen und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher, noch die größten Mißverständnisse in den Begriffen: und die wahre Bedeutung des Liberalismus ist fast vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer und nicht ein Progressist sein muß und schon in keinem Fall ein Revolutionär – das wissen oder begreifen jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren Liberalismus ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis zu seinem Tode treu geblieben. Wir standen keiner von den Parteien nahe, die praktische Aufgaben und praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir in der Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben mußten, und da wir glühende Patrioten und Russophile waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet der literarischen Kritik wie auf dem der Auslegung der russischen Geschichte und des russischen Lebens; ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über die europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die bei uns von so großem Einfluß sind. In allen diesen Beziehungen ist nicht zu leugnen, daß die „Zeit“ eifrig arbeitete und in keiner Hinsicht von der Verfolgung ihrer allgemeinen Aufgabe abwich.

Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war die Polemik, da die übergroße Mehrzahl der Literaten zur Partei der Westler gehörte und der entscheidende Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt zum Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit dem Nihilismus gewissermaßen eine Spezialität der „Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum bis zum Erscheinen des Romans „Väter und Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine wesentlichen Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff in lebendigen Bildern so treffend darstellte.

Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete Fjodor Michailowitsch, indem er gegen die grobmaterialistische Auffassung der Kunst schrieb, nur begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem Widerspruch. Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei der ersten Gelegenheit offen und kategorisch eine den nihilistischen Lehren entgegengesetzte Richtung. Ich kann wohl sagen, daß in mir beständig eine gewisse organische Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war und daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar zu machen begann, mit wachsendem Unwillen sein Hervortreten in der Literatur wahrgenommen hatte. Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen die Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert ausgesprochen wurden, geschrieben, doch selbst befreundete Redakteure wiesen mich mit aller Entschiedenheit ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals meine Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff ich, welch eine Autorität die Blätter dieser Richtung hatten. Um so größer war meine Freude, als die Redaktion der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor Michailowitsch, meinen Artikel „Über die Petersburger Literatur“ für die Juninummer 1861 annahm. Daraufhin schrieb ich fast für jede Nummer in diesem Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik der Literatur jener Zeit.

Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, suchte meine Angriffe durch ein wirkliches Urteil zu begründen und scheute in der Beziehung keine Mühe; um so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das deshalb, weil dieselbe so überaus wichtige Folgen hatte: sie führte zunächst zum vollständigen Bruch der „Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten Petersburger Journal, und später zur allgemeinen Feindschaft fast des gesamten Petersburger Literatentums gegen die „Zeit“.

Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden Verneinung wurde für unsere Literatur, für das öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman Turgenjeffs „Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben Roman, in dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ vorkam, mit dem die Debatten über die „neuen Menschen“ begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig mit größter Aufmerksamkeit die Veränderungen der bei uns herrschenden Stimmungen und der Ideale des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In dem erwähnten Roman hatte er nun einen Typ geschildert, der entschieden wie eine Offenbarung wirkte, da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt plötzlich ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten sah. Die Verwunderung war ungeheuer; man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung für die Dargestellten gar so unerwartet kam und sie sich im Spiegelbilde des Romans nicht erkennen wollten, – obschon der Autor sich keineswegs mit entschiedener Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. Doch der jungen Generation war das zu wenig; sie erklärte deshalb mit einem Riesenlärm, Turgenjeff, damals der erste Name in unserer Literatur, sei geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen Sache. In den damaligen endlosen Gesprächen und Disputen hatte ich häufig Gelegenheit, unterschiedlichen Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, die der Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman vertritt. Die Mehrzahl des Publikums ereiferte sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der ganzen Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. Die eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung vermuteten nicht einmal, daß z. B. die Wissenschaft und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen geopfert werden müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ ein Artikel von mir, der Turgenjeff als streng objektiven Künstler scharf verteidigte, und der die Lebenswahrheit des von ihm geschilderten Typus bewies. Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels in Petersburg eintraf und auf der Redaktion der „Zeit“ erschien, wo er die Brüder Dostojewski und mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen ihn erhoben hatte, offenbar sehr beunruhigt. In den folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit einem ganzen Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so daß er bis 1867 nichts Ähnliches veröffentlichte.

Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman „Rodion Raskolnikoff“, in dem mit bewunderungswürdiger Kraft ein gewisser extremer und charakteristischer Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von diesem Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen „Legende vom Großinquisitor“ zieht sich in den Werken Dostojewskis ununterbrochen eine vielgestaltige und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem Standpunkt aus, so muß man Dostojewski noch ein ungeheures Verdienst um die Literatur und die Gesellschaft zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen dieser Dummheit und Sittenlosigkeit gezeigt, die sich in russischen Menschen entwickeln, wenn sie den Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der Treue zu Rußland und vom christlichen Geist lossagen. Er blickte in die Seelen dieser Menschen und schilderte den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten Element, das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das religiöse Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe des Volkes deutlich als Gegengewicht hervor, als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos und der Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. Das Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, dazu mit beständigen Hinwendungen zu den ewigen Aufgaben der Menschenseele, mit künstlerischen Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten Geheimnisse der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein Wunder, daß solch ein Schriftsteller die Leser schließlich außerordentlich zu interessieren begann.

In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer Literatur zum Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit auch auf meine kleine Rolle hinweisen.

Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien in der nächsten Nummer des „Zeitgenossen“ ein überaus scharfer, ausschließlich gegen mich gerichteter Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und mehr noch dieser meiner Richtung als einigen meiner positiven Anschauungen schreibe ich die Bemerkung Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal, als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber machte. Es war im Jahre 1873, als er die Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da verlangte er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf sagte, ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu schreiben, fiel er mir ins Wort: „Wieso zu wenig Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in geärgertem Tone gesagte Bemerkung sich als großes Kompliment in meinem Gedächtnis erhalten hat, und ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen Einstehen für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus zu. Menschen mit künstlerischer Verstandesart sehen oft ein großes Verdienst in der logischen Entwicklung eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt sind, und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung findet, wie es bei Fjodor Michailowitsch und mir größtenteils der Fall war, so ist den Künstlern die abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle sehr angenehm.

Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ antwortete ich in unserer Mainummer. Doch unsere Polemik wurde durch äußere Verhältnisse unterbrochen. Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären Proklamationen – nach denen die Brandstiftungen in Petersburg begannen – in Verbindung zu stehen, und der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. Wir waren darüber aufrichtig betrübt, denn damit war uns der Gegner genommen, während wir gerade dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen. Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz seines Schweigens oder sogar noch mehr dank diesem unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im Publikum zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. Doch ganz abgesehen von diesem sozusagen internen Kummer, war schon die allgemeine Lage sehr schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten ein Grauen ein, das sich schwer beschreiben läßt. Ich entsinne mich noch, wie ich einmal mit Fjodor Michailowitsch nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus sah man in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei oder vier Stellen über der Stadt erhoben. Wir kamen in einen der Vergnügungsparks, wo eine Musikkapelle spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns auch zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung ließ sich doch nicht verscheuchen, und es zog mich bald nach Haus. Daß bei diesen Feuersbrünsten Brandstiftung vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind sowohl diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener Zeit aus irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt geblieben.

Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch seine erste Reise ins Ausland an. Er fuhr u. a. nach Paris und London, wo er mit Alexander Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde beurteilte. Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar ein wenig den Einfluß Herzens. Später aber, in den letzten Jahren, äußerte er oft seinen Unwillen über die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung der einfachsten und gutmütigen Sitten, Stolz auf den Besitz der Aufklärung – diese Züge Herzens ärgerten Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er dieselben auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären und kleinen Anklägern.

Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch einen Brief, in dem er mir genau angab, wie und wo wir uns in Genf treffen könnten, wohin er von Köln aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung des Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes wiedergibt.

„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt eine schlimme Zeit, wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser und quälender Erwartung. Aber eine Zeitschrift ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn man bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch nicht gesagt ist! Und ich sitze hier in der sogenannten schönen Fremde und brenne doch schon darauf, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen und vor allem danach trachten, auf den richtigen Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich die Begriffe in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines Zweifeln und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai Nikolajewitsch, Paris ist die langweiligste Stadt, und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar zu bemerkenswerte Dinge gäbe, so könnte man wahrlich sterben vor Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, ein Volk, von dem einem übel wird. Sie sprachen einmal von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen Gesichtern, die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden florieren. Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen wiegen die unsrigen auf. Bei uns sind es einfach fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das größtenteils selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, daß es gerade so sein müsse. Der Franzose ist still, ehrlich, höflich, aber falsch und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur keine Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum Äußersten niedrig (ich spreche nicht von den staatlich angestellten Gelehrten, dieser gibt es doch nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit Bildung in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind?) ... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken und zu verstehen eine halbe Stunde genügt, und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen, eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich sind, daß es so etwas wirklich gibt ... Und noch etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie ahnen nicht, wie die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man kommt in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige Stimmung. Freilich, Sie sind ein einsamer Mensch und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben hinter der wichtigen, von uns verrichteten Arbeit und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande. Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im Auslande; scheußliches Wetter und zudem treibe ich mich immer noch in Nordeuropa umher und habe von den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein Wunder!) Was wird es erst weiterhin geben, wenn ich von den Alpen in die Täler Italiens hinabsteige. Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen uns dann Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht liebkosen wir sogar eine junge Venezianerin in der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai Nikolajewitsch?) Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige schon‘, – wie Poprischtschin[5] in einem ähnlichen Falle sagt ... Leben Sie wohl. Übrigens richtiger: auf Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir uns hier im Auslande _nicht_ treffen! Das würde ich mir niemals verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. Grüßen Sie von mir alle unsere gemeinsamen Bekannten. Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater? Addio!

Ihr Dostojewski.“