Sämtliche Werke 12

Part 3

Chapter 33,294 wordsPublic domain

Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue, besondere Richtung, die dem neuen Leben, das nun augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte, entsprechen und die Richtungen der alten Parteien, der Westler und der Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die Unbestimmtheit des Gedankens an sich machte ihm weiter keine Sorgen, da er an der Entwicklung desselben nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam, daß die damalige Literatur einen Charakter hatte, der ihm zu glauben erlaubte, daß die zwei alten literarischen Parteien, die Westler und die Slawophilen, ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und daß etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter beruhte darauf, daß die Parteien damals nicht schroff hervortraten und die gesamte Literatur wie ein einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch gut jenes fast freundschaftlichen Gefühls, das damals unter den Schriftstellern herrschte. Man hatte erst kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine Gedanken auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen Aufseher, die einst so strenge Zensur, im Auge behalten: so sahen denn die Literaten es für ihre Pflicht an, sich gegenseitig zu schützen und zu unterstützen. Überhaupt war man der Ansicht, daß die Literatur eine gewisse gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In der Tat, alle standen in gleichem Maße für die Aufklärung ein, für die Freiheit des Wortes, die Aufhebung mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen usw., mit einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen, die man in einer Weise abstrakt auffaßte, daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit entgegengesetzten Anschauungen vereinen ließen. Natürlich kannten die Anhänger der verschiedenen Richtungen die Grenzen zwischen sich und den anderen. Aber für die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes. Im Grunde aber war sie ein Chaos, ein formloses und doch vielgestaltiges, und deshalb konnte leicht der Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben, oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen. Der Träger dieses Wunsches war Fjodor Michailowitsch, und von ihm persönlich kann man bezüglich seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen, daß er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger Literatur ertönte seine Stimme oft laut und machtvoll, namentlich in den letzten Jahren seines Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte, wenn sie protestierte und den neuen Weg wies.

Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke in Apollon Grigorjeff einen überzeugten Anhänger, der nach dem Erscheinen der ersten Nummer der „Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere mich noch, wie es zum Teil durch meine Vermittlung dazu kam. Man wünschte damals von mir literarische Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten Kritiker sah und auch jetzt noch sehe. Zu meiner Freude erklärte Fjodor Michailowitsch, daß Grigorjeff ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff unseren Führer auf dem Gebiet literarischer Kritik. Leider verloren wir ihn bald. Er starb 1864.

Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite Nummer der „Zeit“ schrieb, begann mit der kategorischen Erklärung, daß es die beiden Richtungen, die sich vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die westliche und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese Tatsache zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt die höchste Zeit, „denn für die Erkenntnis der einzelnen, für die Erkenntnis eines jeden von uns schreibenden und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“

Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen unserer Literatur endgültig abgetan seien, wurde dem Verfasser natürlich nur durch den _Wunsch_, daß es sich so verhalten möge, eingegeben. Zum besseren Verständnis der Situation sei hier ein wenig an Grigorjeffs literarische Herkunft erinnert. Er gehörte zur sogenannten _jungen Redaktion_ des „Moskwitjänin“, den Pogodin[4] in Moskau herausgab und zu dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte. Dieser Kreis, wie auch Pogodin selbst, hielt sich im Grunde zu den Slawophilen, war aber in seinen Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch allmählich vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der seinerzeit auf Puschkin und die ersten Slawophilen Einfluß gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“ wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften, echt russischen Sympathien überaus geachtet, obschon er seinen früheren Überzeugungen treublieb und sich die _alte Redaktion_ nannte. Dennoch räumte er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen Kreise volle Freiheit ein. Das Charakteristische dieses Kreises war eine begeisterte Verehrung der poetischen Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in ihr suchten sie Offenbarungen und Gesetze. In diesem Kreise wurde Ostrowski verehrt, wurde von ihm gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol und Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen die „realistische Schule“ und die Petersburger.

Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte nun Apollon Grigorjeff, und mit seinem Wunsch, sich von den Slawophilen abzusondern, unterstützte er in bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken, eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon Grigorjeffs war für uns alle in dieser Frage von entscheidender Bedeutung. So entstand dann jene Partei, die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter einem besonderen Namen bekannt war: man nannte sie die Partei der „_Bodenständigen_“. Ausdrücke, wie z. B. „wir sind von unserem Boden getrennt“ oder „wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden sich schon in seinem Einführungsartikel. Dieser Ausdruck, der übrigens sehr plastisch und lebendig ist, hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr allgemein war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter ihm konnte man natürlich auch Slawophilismus verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch beständig durchblicken, namentlich anfangs, daß sie damit eine andere, wenn auch verwandte Richtung meinte.

Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr folgendes. Apollon Grigorjeff sprach von ihnen sowohl mündlich wie schriftlich stets mit der größten Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung, die aus der Petersburger Literatur unmöglich zu lernen gewesen wäre, da diese die Slawophilen nie ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute noch verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski aber waren unmittelbar aus der Petersburger Literatur hervorgegangen – das muß man bei einer Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer Ansichten immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch stand natürlich mehr unter ihrem Einfluß und verhielt sich den Slawophilen gegenüber kühl oder sogar voreingenommen. Fjodor Michailowitsch dagegen, der zwar damals die Slawophilen fast noch gar nicht kannte, war doch nicht geneigt, Grigorjeff zu widersprechen, und überdies fühlte er bereits, wer von ihnen recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch Apollon Grigorjeff, an den einen Zweig des Pogodinschen Slawophilismus an, und Grigorjeff gebührt das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung des reinen Slawophilismus in unserem geistigen Leben erkannte.

Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle in dieser ganzen Angelegenheit Fjodor Michailowitsch. Er war es, der bewußt und ohne zu zögern anfangs A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam. Bei der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines Auffassungsvermögens begriff er leicht diese Anschauungen in ihren Grundlagen; doch das Entscheidende wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge der ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung an das Volk und der dadurch hervorgerufenen inneren Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter Slawophile war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom Leben losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche Erscheinung, sowohl von seiner positiven Seite – als Konservatismus – wie von seiner negativen Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige wie moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist es denn erklärlich, daß sich in Fjodor Michailowitsch eine ganze Reihe von Ansichten und viele Sympathien entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und daß er mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung mit der schon längst existierenden Partei zu bemerken, um dann später unmittelbar und offen sich zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber die wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch die Worte der Lehrer wiederholen, sondern selbständige Träger der Idee, die sie auch weiter zu entwickeln fähig sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien und entdeckte ihre verschiedenen Seiten.

Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch ein paar Worte über mich hinzu. Der Gedanke, eine neue Richtung zu gründen, interessierte mich anfänglich nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe. Bald jedoch gewann ich die Überzeugung – vielleicht infolge meiner Abneigung gegen alles Unbestimmte –, daß man sich einfach für einen Slawophilen ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien dieser Lehre teilte. Deshalb stimmte ich eine Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“ nicht überein, doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals besonders betont hätte.

Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern der Zeitschrift, die sich alle eng um A. Grigorjeff scharten, der sie sowohl durch seinen Verstand, wie durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog. Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem Gedanken, eine neue Richtung zu gründen. Es handelte sich dabei natürlich vor allem darum, der slawophilen Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent mied und verneinte, wie z. B. die zeitgenössische Literatur oder die verschiedenen westlichen Einflüsse. Hierbei gab es endlose Dispute und es wurde täglich versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern, oder womöglich von Grund aus umzubauen.

So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“ ihre eifrigsten Anhänger und auch eine gewisse Existenzberechtigung. Wenigstens war sie eine russische, patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung suchte und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch dem Slawophilismus anschloß. In der ersten Zeit aber hatte die Redaktion der Zeitschrift doppelte Ursache, sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie auf die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und zweitens wollte sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten, das Publikum interessieren, fesseln und vor allem Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser vermeiden. Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die Slawophilen unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion sich zu einer solchen bereit gefunden hätte.

„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen Erfolg. Die Abonnentenzahl, die für uns alle von so großer Wichtigkeit war, stieg in den zweieinhalb Jahren von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor Michailowitschs, der bereits sehr bekannt war – von seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte ein jeder; – zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“, der in der ersten Nummer begann, trotz all seiner Mängel ein Werk, das die durch den Namen Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger Weise belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch die allgemeine Stimmung des Publikums eine Rolle, denn weder vorher noch nachher hat es eine Zeit gegeben, wo man mit solchem Interesse nach literarischen Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen Erfolg wuchs unser Selbstvertrauen, was unter günstigen Verhältnissen der Sache sehr dienlich war, dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete.

Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen Erfolge sehr optimistisch und machten uns eifrig an die Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf und Michail Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte, als der Literatur jede Freiheit genommen war.

Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei Gruppen: die eine hatte zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff, um den sich, wie gesagt, die Jugend scharte, die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich. Wir hatten eine ganz besondere Freundschaft geschlossen und kamen an jedem Tage mindestens einmal zusammen. Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus dem Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die Nähe der Kleinen Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion und die Wohnung Michail Michailowitschs befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie die ganze junge Kompagnie wohnte am Wosnessenski Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher Gegend wir lebten. Ich erinnere mich noch gut des damaligen Charakters dieser ziemlich schmutzigen Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle dicht bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten dritter Kategorie. Fjodor Michailowitsch hat in mehreren Erzählungen und Romanen, vor allem in „Rodion Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen und ihrer Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und wiedergegeben.

Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt und Ekel einflößt, verlebten wir sehr glückliche Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und Anregenderes als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut geht. Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines Lebens in der Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit einsamen Nachdenkens und stiller Arbeit. Seiten, die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen Menschen gelesen und werden zum Gegenstand der Dispute und Kritiken, von denen viele sogleich, wie Antworten auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen Zeitschriften sprach, so daß der Eindruck eines Artikels sich sehr bald feststellen ließ. Dostojewski, Grigorjeff und ich konnten überzeugt sein, daß wir in jeder neuen Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen finden würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen, die Spannung, mit der man die verschiedenen Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte – all das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so fesselnden Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen hat, dem Wunsch nicht widerstehen kann, wieder an ihm teilzunehmen.

Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags in der Redaktion, Fjodor Michailowitsch nach seinem Morgentee, ich nach meiner Morgenarbeit. Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch, nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und machten dann meist zusammen einen Spaziergang bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten – etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee kam und die Zeit bis zum Abendessen bei mir verbrachte. Überhaupt war er häufiger bei mir als ich bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man mich zu jeder Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen, daß man andere störe. Hatte ich einen Artikel beendet oder auch nur einen Teil eines Artikels geschrieben, so bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die dann aus dem Stimmengewirr der anderen ungeduldig drängend und bittend erklang:

„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“ Damals begriff ich übrigens noch nicht ganz, wieviel Schmeichelhaftes für mich in dieser Ungeduld lag. Er widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge eines Artikels von mir kam. Aber er sagte mir ebensowenig ein Wort des Lobes und äußerte nie eine besondere Anerkennung.

Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen vornehmlich geistigen Charakter, aber wir standen uns auch als Menschen sehr nahe. Das Einander-Nahestehen hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen nicht eine gewisse Grenze. Ein jeder von uns zieht gleichsam einen Strich um sich herum, den er niemanden überschreiten läßt, oder richtiger – nicht überschreiten lassen kann. So fand auch unsere Annäherung ein Hindernis in unseren persönlichen Veranlagungen, doch will ich durchaus nicht sagen, daß der _kleinere_ Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war. Fjodor Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch: „Strachoff hat keinen, mit dem er sprechen kann, deshalb hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige Zweifel zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit unserer Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren war es ein Gefühl, das zu einem unbeschränkten Zutrauen wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach der Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich schweren Stimmung. Alles reizte oder schreckte ihn und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten fühlte er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine Frau nach mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich leichter, und es wurde ihm allmählich besser. Indem ich mich dieser Vergangenheit erinnere, leben in meinem Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf und ich denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch gewesen sein muß, als ich es jetzt bin.

Unsere Gespräche waren endlos, und es waren die schönsten Gespräche, die mir in meinem Leben beschieden gewesen sind. Er sprach in jener schlichten, lebendigen, anspruchslosen Art, die den Reiz und die Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen scherzte er oft, namentlich in jener Zeit, aber sein Witz gefiel mir nicht sonderlich; es war häufig nur ein äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also ein Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken. Beispiele dieser Witzchen finden sich zumeist in seinen kritischen und polemischen Artikeln. Doch was mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte, das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit, mit der er jeden Gedanken, schon nach dem ersten Wort, der ersten Andeutung, erfaßte. In dieser Leichtigkeit des Verstehens liegt der größte Reiz eines Gesprächs, wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang hingeben kann, nicht zu wiederholen und zu erklären braucht, wenn man auf eine Frage sofort die richtige Antwort erhält und wenn die Entgegnung gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem man sie hören möchte, und es keine Mißverständnisse und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere damaligen Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche, die für mich eine große Freude und mein Stolz waren. Der Gesprächsstoff stand natürlich zumeist mit der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem sprachen wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr oft über die abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch liebte diese Fragen nach dem Wesen der Dinge und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie es ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach den Lehren der verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte kennt, klassifizierte. Es zeigte sich, daß es schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er tröstete sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen wenigstens mit dem einen oder anderen der großen Denker übereinstimmte.

Fjodor Michailowitsch als Journalist

Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht über seine eigene Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge, mit denen er sich abgab, ausführlich verbreiten. Den besten Teil seiner Seele hat er uns in seinen Werken offenbart. Ich will nur sagen – was vielleicht manche unerfahrene Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben, von ihm selbst erlebt und empfunden worden ist, und zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe. Ja, Dostojewski ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat in den Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich selbst geschildert. Nur selten hat er volle Objektivität erreicht. Für mich, der ich ihm so lange nahe stand, war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu erkennbar, und deshalb ging mir immer die Hälfte des Eindrucks verloren, des Eindrucks der Werke, die auf andere Leser verblüffend wirkten, da sie in seinen Gestalten vollkommen objektive Schilderungen sahen.

Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las, wie er gewisse dunkle, krankhafte Stimmungen wiedergab. So schilderte er z. B. im „Idiot“ ausführlich die Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen Erinnerungen hinzugeben, da sie unter Umständen ebenso einen Anfall herbeiführen können, wie der Anblick eines epileptischen Anfalls bei einem anderen. Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was er auch schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen Gegenstand in voller Objektivität gebe. Häufig habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen vollständigen Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde und alle anderen Ausschreitungen und Entartungen, die in der Regel das Thema seiner Romane bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung schenken. Auf Grund dieser Überzeugung schilderte er dann dreist das Dunkelste und Schmutzigste; niemand ist in der Schilderung der verschiedenen Verkommenheiten der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und er erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen so viel Realität und Objektivität zu verleihen, daß die Leser aus anfänglicher Betroffenheit in Entzücken gerieten. In seinen Bildern war so viel Wahrheit, psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst solchen Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd waren, verständlich wurden. Oft ging es mir durch den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie stark subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben beengt fühlen müßte, und wenn er die Art seines Schaffens bemerkte, nicht mehr schaffen könnte. So war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug erforderlich, wie fast für jeden Schriftsteller.