Sämtliche Werke 11

Part 4

Chapter 43,271 wordsPublic domain

Das Äußere Fjodor Michailowitschs schildert Dr. Riesenkampf folgendermaßen:

„... ziemlich rundlich, blond, mit einem rundlichen Gesicht und einer etwas aufgestülpten Nase ... Seine hellkastanienfarbenen Haare waren kurz geschoren; unter der hohen Stirn und den undichten Augenbrauen verbargen sich nicht große, ziemlich tiefliegende graue Augen[10]; die Wangen waren blaß und hatten Sommersprossen; die Gesichtsfarbe war krankhaft, erdfarben, die Lippen etwas wulstig. Er war bedeutend lebhafter, beweglicher, hitziger als sein gemessener Bruder ... Er liebte die Poesie leidenschaftlich, aber er selbst schrieb nur in Prosa, da er zur Durchbildung der Form keine Geduld hatte ... Die Gedanken entstanden in seinem Kopf gleich den Spritzern in einem Wasserstrudel ... Sein angeborener wundervoller Vortrag überschritt oft die Grenzen der künstlerischen Selbstbeherrschung.“

Über die Zeit, die Fjodor Michailowitsch in der Ingenieurschule verbrachte (1838–1841), hat uns A. I. Ssaweljeff, der in diesen Jahren als Offizier vom Dienst die Zöglinge des Instituts täglich zu beobachten Gelegenheit hatte, seine ausführlichen Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt.

„Im Jahre 1838,“ so berichtet A. I. Ssaweljeff, „bildete die sogenannte Konduktorenkompagnie der Ingenieurschule ihrer inneren Einrichtung nach durchaus eine Welt für sich. Es war das eine Korporation junger Leute von 14 bis 18 Jahren und darüber, die ihre eigenen Überlieferungen, Regeln und Sitten hatte. Die jungen Leute galten als im Militärdienst stehend und hatten bei ihrem Eintritt den Treueid zu leisten. Die Mehrzahl von ihnen hatte im Elternhause eine gute Erziehung erhalten, einzelne besaßen sogar schon Hochschulbildung. Jedenfalls beobachteten sie durchaus die Formen der guten Gesellschaft, liebten das Institut und waren stolz auf den Titel Konduktor – manche bisweilen allerdings in einem Grade, der die Grenze der Schicklichkeit wie die der Vernunft überstieg.

„In dieser kleinen Welt für sich hielt man ganz besonders auf Anstand, Ehre, Uneigennützigkeit, Achtung der Persönlichkeit und andere Eigenschaften eines Menschen, der sich seiner moralischen Rechte und Pflichten bewußt ist ...“

Die Schilderung des Verhältnisses zwischen den höheren und niedrigeren Klassen – die Jüngeren waren den Älteren unbedingten Gehorsam schuldig – schließt A. I. Ssaweljeff mit der Bemerkung, daß Dostojewski im ersten Jahre wohl gleichfalls die unangenehme Seite dieses Verhältnisses kennen gelernt habe, da mit keinem Neuling eine Ausnahme gemacht wurde.

„... Ich hatte oft Gelegenheit,“ berichtet er, „F. M. Dostojewski zu beobachten. Wenn er nicht allein war, so war er mit keinem anderen zusammen als mit dem Konduktor der höheren Klasse Iwan Bereshetzki. Ich habe nie gesehen, daß diese beiden jungen Leute an den Lieblingsspielen der Kameraden teilnahmen, oder gar an deren Streichen. In die Tanzstunde gingen sie nie ... Häufig blieben sie unter dem Vorwande, sich nicht wohl zu fühlen, entweder beim Tischchen am Bett sitzen und lasen, oder sie spazierten zusammen durch die Schlafräume. Dabei gehörte Bereshetzki, der ein Jahr früher eingetreten war, schon zu den ‚Alten‘. Überdies war sowohl zwischen ihren Charakteren wie zwischen ihrer häuslichen Erziehung ein großer Unterschied: Bereshetzki galt für wohlhabend, verfügte über reiche Mittel, hatte ein gesellschaftlich geschultes Auftreten, gab viel auf gewählte Kleidung, und besonders auffallend war seine Liebenswürdigkeit im Verkehr mit anderen. F. M. Dostojewski dagegen war der Sohn eines armen Stabsmedicus, ein Jüngling mit guter wissenschaftlicher Bildung, mit einem festen Charakter und dem Gefühl der eigenen Würde. Er hielt sich sehr fern von den Vorgesetzten und den älteren Kameraden, scheute jedoch keineswegs jene, die ihn, obschon sie seine Vorgesetzten waren, nicht ihre Macht über ihn und seinesgleichen fühlen ließen, und besonders freundlich war er zu jenen, die ihrer Stellung gemäß im Institut weder etwas zu sagen hatten, noch unter jemandes Schutz standen. Nach den Äußerungen einzelner seiner Kameraden erschien ihnen Fjodor Michailowitsch als Mystiker oder Idealist. Er fügte sich ohne zu murren allen Anforderungen des militärischen Dienstes, obwohl er gar keine Neigung dazu hatte. Von Natur eigenartig, doch nicht eigenwillig, gehörte er zu jenen seltenen Menschen, die sich mit den Gedanken und Handlungen der Gesellschaft, falls diese ihren eigenen Überzeugungen widersprechen, nicht leicht aussöhnen. Menschen dieses Schlages sind durch nichts unterzukriegen, selbst wenn ihnen ihre Hartnäckigkeit noch so teuer zu stehen kommt.“

Im Anschluß an diese Ausführungen A. I. Ssaweljeffs sei hier ein Auszug aus einem Brief Fjodor Michailowitschs an seinen Bruder angeführt.

In diesem Brief (vom 1. Januar 1840) schreibt er außer von seinem Freunde Schidlowski[11] noch von einem anderen Freunde: „Ich hatte damals an meiner Seite einen Freund, einen Menschen, den ich so liebte.“ Mit diesem Freunde dürfte jener Bereshetzki gemeint sein, den Ssaweljeff in seinen Aufzeichnungen erwähnt. „Du schriebst mir, Bruder,“ fährt Fjodor Michailowitsch in seinem Briefe fort, „ich hätte Schiller nicht gelesen. Du irrst! Ich habe ihn auswendig gelernt, habe in seiner Sprache gesprochen und in seinen Bildern geträumt; ich glaube, es war wohl ein besonders gütiges Geschick, das mir die Bekanntschaft mit diesem großen Dichter gerade zu jenem Zeitpunkt meines Lebens verschaffte; nie hätte ich Schiller besser kennen lernen können, als gerade in jenen Tagen. Während ich mit _ihm_“ – gemeint ist offenbar Bereshetzki – „Schiller las, prüfte ich an ihm den edlen, feurigen Don Carlos nach, den Marquis Posa und Mortimer. Diese Freundschaft hat mir viel sowohl Leid wie Genuß gebracht! Jetzt will ich ewig davon schweigen; doch der Name Schiller ist mir seitdem etwas Verwandtes, ist nun gleichsam ein Zauberton, der so viele Träume wachruft; sie sind bitter, Bruder. Nur aus diesem Grunde habe ich in meinen Briefen von Schiller, von den Eindrücken, die er auf mich gemacht hat, nie gesprochen; ich fühle Schmerz, wenn ich nur den Namen Schiller höre.“ In demselben Briefe ist auch ihr Vormund erwähnt. Inzwischen, 1839, war nämlich ihr Vater, Michail Andrejewitsch Dostojewski, gestorben, und zum Vormund der Kinder war der Mann der ältesten Tochter, Herr Karepin, gewählt worden. Der Tod des Vaters wird natürlich einen besonderen Briefwechsel zwischen den Brüdern veranlaßt haben, doch leider ist von ihren Briefen zwischen dem 31. Oktober 1838 und 1. Januar 1840 kein einziger erhalten ... Was jedoch die vorliegenden Briefe betrifft, so wird wohl niemand bestreiten können, daß sie von einer großen literarischen Belesenheit und einer _Bildung_ zeugen, wie sie nicht jeder besitzt, der ein Universitätsstudium beendet hat.

Es ist nicht anzunehmen, daß in dem Freundschaftsverhältnis zwischen Bereshetzki und Dostojewski ersterer den „Beschützer“ gespielt hat, da er zu den „Alten“ gehörte. Bereshetzki hatte gar keinen Einfluß auf die übrigen Kameraden, und Dostojewski wurde als „Sonderling“ bald von allen in Ruhe gelassen. Ja, wie A. I. Ssaweljeff berichtet, hat Bereshetzki selbst unter dem Einfluß Dostojewskis gestanden, hat sich nach ihm gerichtet und ihm gehorcht, wie ein ergebener Schüler seinem Lehrer.

„Im Jahre 1840 wurde Bereshetzki zum Leutnant befördert und kam in die untere Offiziersklasse (jetzt Ingenieurakademie), Dostojewski aber verblieb in der Konduktorenkompagnie und wurde in die höhere Klasse versetzt. Auch da schloß er sich keiner der Parteien an und blieb nach wie vor der unerschütterliche und schweigsame Jüngling, der von den Kameraden nie zu einer Beteiligung an gleichviel welch einer ‚gemeinsamen Sache‘ zu bewegen war. Vielleicht hatte er unter den Kameraden auch Feinde, denen gerade das an ihm nicht gefallen mochte, daß er sich so ferne von ihnen hielt und sich immer nur seiner Phantasie hingab. Auch während dieses Jahres in der höheren Klasse sah man ihn gewöhnlich allein – entweder an seinem Tischchen sitzend, lesend oder sonstwie beschäftigt, oder man sah ihn durch die Räume schlendern, immer mit gesenktem Kopfe, die Hände auf dem Rücken.“

Ende des Jahres 1840 sahen sich die Brüder in Petersburg, wohin der ältere gekommen war, um sein Examen abzulegen, worauf er im Januar 1841 zum Fähnrich der Feldingenieure befördert wurde. Am Abend vor seiner Rückreise nach Reval (am 17. Februar) lud Michail Michailowitsch, wie Dr. Riesenkampf berichtet, seine Freunde zu einem Abschiedsfest ein. Natürlich war auch Fjodor Michailowitsch zugegen, und er las Abschnitte aus seinen zwei dramatischen Entwürfen vor (zu denen ihn offenbar die Lektüre von Schiller und Puschkin inspiriert hatte). Die Dramen hießen „Maria Stuart“ und „Boris Godunoff“. Mit dem ersteren Stoffe hat sich Fjodor Michailowitsch, wie Dr. Riesenkampf bezeugt, auch noch im Jahre 1842 eifrig befaßt, als die deutsche Tragödin Lilly Loewe in der Rolle der Maria Stuart einen starken Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er wollte dieses tragische Thema, zu dem er eine neue Anregung durch die Schauspielerin empfangen haben mag, nach seiner Auffassung bearbeiten, weshalb er sich zunächst an ein sorgfältiges Lesen der historischen Quellen machte. Wo diese Entwürfe schließlich geblieben sind, ist unbekannt.

In einem Briefe vom 27. Februar 1841 kommt Fjodor Michailowitsch auf die Absicht des Bruders zu sprechen, nach seiner Beförderung zum Offizier die Revalenserin Fräulein Emilie Dietmar zu heiraten. Diese Wahl sagte jedoch dem Vormunde der Brüder, dem Generalleutnant Kriwopischin (jener Verwandte, auf den der alte Dostojewski so sehr gehofft hatte), keineswegs zu, und er weigerte sich wegen dieses Ungehorsams, dem älteren Bruder die jedem von ihnen nach der Beförderung zum Offizier jährlich zustehenden 4000 Papierrubel auszuzahlen. In diesem Brief klagt Fjodor Michailowitsch über das viele Lernen: „Ich sitze auch an den Feiertagen über den Büchern, und dabei ist es schon bald März, – draußen Frühling, es taut, die Sonne ist wärmer, heller, es weht von Süden – eine wahre Wonne! Doch was hilft’s! Es ist auch nicht mehr viel zu lernen.“ Der Schluß des Briefes zeugt von glühender Ungeduld: „schneller zum Ziel, schneller in die Freiheit! Freiheit und Beruf sind eine große Sache. Mir träumt davon, und ich träume davon wieder wie früher, ich weiß nicht wann. Es weitet einem gleichsam die Seele und läßt uns die ganze Größe des Lebens erfassen.“

* * * * *

Kehren wir jetzt zu den Erinnerungen A. I. Ssaweljeffs an diese Zeit zurück.

„Im Jahre 1841 stand Fjodor Michailowitsch bereits im letzten Semester. Wie früher war er nachdenklich, ja, fast kann man sagen, griesgrämig, verschlossen – so schloß er sich selten einem seiner Kameraden an, wenn er sie auch nicht gerade mied, ja ihnen sogar oft seine Nachschriften lieh, die er während der Vorlesungen machte; auch kam es häufig vor, daß er ihnen die russischen Aufsätze schrieb. Doch nie sah man ihn müßig oder lustig. Der von ihm bevorzugte Arbeitsplatz war die Fensternische des runden Schlafzimmers, der sogenannten Rotunde: es war das ein Eckzimmer, dessen Fenster auf den Fontankakanal hinausgingen. Auf diesem von den anderen Tischen abgesonderten Platze konnte man F. M. Dostojewski beständig sitzen und mit irgend etwas beschäftigt sehen; manchmal nahm er offenbar nichts von alledem wahr, was um ihn herum geschah. Zu gewissen Stunden stellten sich seine Kameraden in Reih’ und Glied auf, z. B. wenn sie sich zum Essen begaben, und gingen durch das runde Eckzimmer in den Speisesaal, um dann mit Lärm in den Erholungsraum zurückzuströmen, oder zum Gebet in den Saal, oder um sich in die Schlafsäle zu verteilen. Dostojewski räumte immer erst dann seine Bücher und Hefte in das Schubfach des Tischchens, wenn der Trommler, der die Abendtrommel schlug, ihn bei seinem Gang durch die Räume zur Beendigung seiner Beschäftigung nötigte. Es kam aber auch vor, daß man Dostojewski in tiefer Nacht an demselben Tischchen bei der Arbeit antraf. Er saß dann im Hemd, die Bettdecke umgenommen, und spürte offenbar gar nicht, daß es dort am Fenster entsetzlich zog. Auf meine Bemerkung, daß es doch wohl gesünder sei, früher aufzustehen und sich angekleidet mit seiner Arbeit zu beschäftigen, gab er mir freundlich recht, räumte seine Hefte weg und ging anscheinend zu Bett; doch nach einer Weile konnte man ihn schon wieder, und wieder in demselben Aufzuge, an seinem Tischchen bei der Arbeit sehen. Der Angewohnheit, in der Nacht zu arbeiten, ist Dostojewski sein Leben lang treu geblieben ... Vierzig Jahre später, als wir bei einem Wiedersehen auf seine nächtlichen schriftlichen Arbeiten zu sprechen kamen – und im besonderen darauf, daß ich ihn so manches Mal dabei gestört hatte –, sagte er mir, er habe damals tatsächlich an seinem ersten Roman ‚Arme Leute‘ geschrieben, der bereits vor seinem Eintritt in die Anstalt angefangen worden sei.

„Wenn ich die Wache hatte, unterhielt ich mich gern mit denjenigen unter den jungen Leuten, deren Zuneigung ich besaß. Aber ich muß gestehen, keine einzige dieser Plaudereien hat einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, wie meine Unterhaltungen mit Dostojewski. Er sprach immer leise, langsam, mit Pausen, und zwar tat er das aus anscheinend physischen Gründen – vielleicht infolge einer organischen Eigenart seines Brustbaues oder seiner Atmungsorgane,“ (es sei hier an die plötzliche Heiserkeit erinnert, von der sein Bruder Andrei berichtet) „und keineswegs etwa deshalb, weil er sich rhetorisch schön, gewählt und überzeugend ausdrücken wollte. Auch die einfachste Erinnerung aus seiner Kindheit, wie irgend eine unwichtige geschichtliche Begebenheit wurden von ihm langsam, doch vorzüglich wiedergegeben, eben mit dieser besonderen ihm eigenen Beseelung. Ich glaube, er war sich auch selbst bewußt, welch einen Eindruck seine Erzählungen auf den Zuhörer machten, und sprach deshalb gerne von allem mit dem gleichen gefangennehmenden Zauber, – obschon nicht selten in seinen Worten eine gewisse Galle zu bemerken war, aber dafür lag in Dostojewskis Erzählungen ebensoviel Wärme wie Wahrheit.

„Der Ort unserer Unterhaltungen war größtenteils das sogenannte Dujour-Zimmer, dessen Fenster auf den kleinen Hof gingen: Der Dienstraum des wachthabenden Offiziers. Ich muß bemerken, daß sich damals über die Vorgeschichte des Ingenieur-Palais (des ehemaligen Michail-Palais) noch manches Interessante als mündliche Überlieferung erhalten hatte. Dieses Palais war denn auch oft der Gegenstand meiner Unterhaltung mit Dostojewski, in dessen Erinnerung sich die historische Topographie des Gebäudes, dessen Architektur ihm sehr gefiel, mit aller Deutlichkeit erhielt[12]: so daß er wußte, wo früher der Thronsaal gewesen war, wo sich eine geheime Wendeltreppe befand, oder ein längst vermauerter Gang zu einer Tür unten am Kanal, auf dem einst an dieser Stelle ein Boot befestigt war ...

„Doch am häufigsten unterhielten wir uns über das Gegenwärtige, über das Leben in der Schule, den sogenannten Geist der Anstalt, das Erziehungssystem und Ähnliches. War doch dieses ausschließlich militärische System, dieses rauhe Verhalten der älteren Schüler zu den jüngeren, die Strenge der Vorgesetzten – bei völliger Ausschaltung eines zusammenfassenden Verfahrens in der Beurteilung der allgemeinen Werte eines Schülers – der Hauptgrund jenes geheimen Mißtrauens, ja Hasses der Schüler gegen ihre Lehrer, der jede Beziehung zwischen ihnen zerstörte. Bei Dostojewski konnten es schließlich noch andere, mir unbekannte Umstände oder Lebenserfahrungen gewesen sein, die jedes Zutrauen zu den Menschen in ihm vernichteten – all das lastete wohl schwer auf der Seele des äußerst feinfühligen Jünglings, der in den Menschen vor allem Barmherzigkeit und Rechtlichkeit suchte ... Nichtsdestoweniger erinnerte er sich gerne jener Zeit in der Anstalt und jener ehemaligen Lehrer, deren Namen von allen mit Dankbarkeit genannt werden, – tat es selbst dann noch, als in seiner Stimme schon der Ton des scheidenden Menschen mitklang: in seinen Augen erschien dann plötzlich der frühere Glanz, wenn auch nur auf eine kurze Zeit.“

Jedenfalls dürfte man nach richtiger Abschätzung alles Guten und alles Bösen, das Dostojewski in der Ingenieurschule erlebte, wohl kaum jener Auffassung zustimmen können, nach der die Worte des Helden der „Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt“ („Fluch dieser Schule, diesen schrecklichen Sträflingsjahren!“ usw.) sich unmittelbar auf Dostojewskis persönliche Erinnerung an seine in der Ingenieurschule verbrachten Jahre beziehen sollen. Und dasselbe ließe sich wohl auch von den Äußerungen dieses Helden über seine Mitschüler sagen; – ausgenommen vielleicht die eine Schilderung des lebensklugen Strebens der Mitschüler nach Erfolg und „Laufbahn“, – und im Gegensatz dazu die eigene schweigsame Einsamkeit mitten unter ihnen ... Im übrigen ist der Held des „Dunkel“ doch in nur sehr geringem Grade Dostojewski selbst ähnlich.

Am 5. August 1841 wurde er zum Fähnrich ernannt, mit Belassung in der Anstalt, um den Offizierskursus zu vollenden. In einem Briefe vom 22. Dezember 1841 schreibt er an den Bruder, der trotz seiner schwierigen Vermögenslage im Begriff steht, zu heiraten: „Lieber, mein Lieber! Wenn du wüßtest, wie glücklich es mich macht, Dir wenigstens ein wenig helfen zu können. Mit welcher Wonne schicke ich Dir diese Kleinigkeit[13], die Dir vielleicht etwas Ruhe geben kann. Es ist wenig, ich weiß. Aber was soll ich tun, wenn ich mehr, bei Gott, Bruder, wirklich nicht schicken kann ... Ich habe ja noch Andrjuscha bei mir und habe für ihn zu sorgen; nach Moskau zu schreiben geht aber so bald nicht an – die denken sonst Gott weiß was[14] ...“ Weiter spricht er von angestrengtem Lernen – „man will doch nicht seine Reputation verlieren und so paukt man denn, zwar mit Ekel, aber man paukt ... Andrjuscha ist krank, ich selbst bin äußerst zerrüttet ... Daß ich ihn zum Examen vorbereiten muß, daß er überhaupt bei mir lebt[15], bei mir, der ich frei sein, allein sein, unabhängig sein will, ist für mich unerträglich. Mit nichts kann man sich beschäftigen, mit nichts zerstreuen“ ...

Aus diesem Briefe geht hervor, daß Fjodor Michailowitsch damals bereits in einer eigenen Wohnung lebte und von dort aus die Vorlesungen der Offiziersklassen besuchte, mit denen das erwähnte Lernenmüssen in Zusammenhang steht. Seine wirtschaftliche Lage hätte gut sein können, denn sein Vormund schickte ihm, in auffallendem Gegensatz zu seinem Verhalten dem älteren Bruder gegenüber, seit seiner Beförderung zum Offizier stets pünktlich die ihm zukommende Summe.

Nach den Aussagen Dr. Riesenkampfs erhielt Dostojewski damals, sein Gehalt mitgerechnet, gegen 5000 Rubel im Jahre. Doch da er fürs Praktische äußerst wenig Sinn hatte, war er meist ohne Geld. Er begann seine eigene Wirtschaft damit, daß er sich in der Wladimirstraße im Hause des Postdirektors Prjänischnikoff eine große Wohnung für 1200 Rubel mietete, bloß weil der Besitzer ihm gefiel. In dieser großen Wohnung aber gab es dafür an Möbeln nur einen alten Diwan, einen Schreibtisch und ein paar Stühle. Übrigens gefiel ihm auch der gutmütige Gesichtsausdruck seines Burschen Ssemjon so sehr, daß er trotz aller Warnungen vor dessen langen Fingern seelenruhig immer nur antwortete: „Mag er doch stehlen; davon werde ich schon nicht bankrott werden.“ Aber schließlich war dies doch der Fall und Dostojewski geriet buchstäblich in Schulden. Infolgedessen sah er sich gezwungen, seine Neigung zur Literatur zu verwerten, und das tat er denn auch, mit prosaischer Berechnung des Verdienstes, zum Teil in gemeinsamer Arbeit mit seinem Bruder.

Nachdem Dostojewski am 11. August 1842 nach bestandener Prüfung zum Unterleutnant befördert worden war, wurde er im folgenden Jahre, am 12. August 1843, nach Beendung des ganzen wissenschaftlichen Lehrplanes in der oberen Offiziersklasse, zum aktiven Dienst im Ingenieurkorps des Petersburger Ingenieurkommandos abkommandiert und der Abteilung für Zeichner im Ingenieur-Departement zugeteilt.

Aber der Widerspruch zwischen der Pflicht, zeichnen zu müssen, und dem Drang, schriftstellerisch tätig zu sein, begann sich alsbald geltend zu machen.

Der Anfang seiner literarischen Tätigkeit.

Von dem Briefwechsel zwischen Fjodor Michailowitsch und seinem älteren Bruder sind leider gerade die Briefe aus den ersten Jahren seines freien Lebens außerhalb der Anstalt verloren gegangen. Doch diese Lücke wird zum Teil durch die um so wertvolleren Aufzeichnungen des Arztes Dr. A. E. Riesenkampf ausgefüllt.

Nachdem Dr. Riesenkampf im Juli 1842 mit dem älteren Dostojewski in Reval wieder zusammengewesen war, begann er im Herbst, nach seiner Rückkehr nach Petersburg, den jüngeren Bruder, über dessen wenig günstige wirtschaftliche Lage er von Michail Michailowitsch schon zur Genüge gehört hatte, häufiger zu besuchen. Er stellte fest, daß von der ganzen großen Wohnung, die F. M. Dostojewski gemietet hatte, tatsächlich nur das Arbeitszimmer geheizt wurde. Auf Vergnügungen hatte Fjodor Michailowitsch bereits vollkommen verzichtet, nachdem er 1841 und zu Anfang des Jahres 1842 nicht wenig für das zu der Zeit glänzende Alexandertheater ausgegeben hatte, zum Teil auch für das Ballett, das er damals aus irgend einem Grunde liebte, und für teure Konzerte solcher Berühmtheiten, wie Ole Bull und Franz Liszt u. a. Jetzt jedoch (im Herbst 1842) saß er tagaus tagein, nach dem Besuch der Offiziersklassen am Vormittage, eingeschlossen in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte sich nur mit Literatur. Seine Gesichtsfarbe war fahl; ein trockener Husten quälte ihn beständig, besonders am Morgen; an seiner Stimme fiel die ständige starke Heiserkeit auf; zu diesen Krankheitszeichen gesellten sich dann noch geschwollene Halsdrüsen. Doch all dies wurde von Dostojewski hartnäckig verheimlicht oder abgeleugnet, und selbst dem Arzt und Freunde Riesenkampf gelang es nur mit Mühe, ihm wenigstens einige Mittel gegen den Husten aufzudrängen und ihn dazu zu bewegen, doch ein wenig mäßiger zu rauchen. Von seinen Freunden besuchte ihn damals des öfteren nur D. W. Grigorowitsch[16], der in vieler Beziehung sein größter Gegensatz war.