Part 3
„Also in dieses Pensionat,“ fährt Andrei Michailowitsch fort, „traten meine Brüder im Jahre 1834 ein. Auch meine älteste Schwester war damals in einem Mädchenpensionat. An den freien Tagen, die sie zu Hause verbrachten, mußten sie mich auf Wunsch der Eltern unterrichten: Michail in Arithmetik und Geographie, Fjodor in Geschichte und Russisch, und Warwara in der französischen und deutschen Sprache. Schon am Morgen des letzten Wochentages begann man die Rückkehr der Kinder ins Elternhaus zu empfinden. Auch die Eltern wurden ein wenig heiterer und zum Mittagessen wurde noch irgend etwas Besonderes hinzugefügt, kurz, es lag etwas Feiertägliches in der Luft. Ja, an diesem Tage wurde sogar die ewig feststehende Tischzeit (12 Uhr) verschoben, denn bis der Wagen hinfuhr, die Brüder sich zurechtmachten usw. vergingen gute 1½–2 Stunden. (Die Schwester wurde erst gegen Abend abgeholt.) Doch kaum waren die Brüder angelangt, da kam schon, noch bevor man sich richtig begrüßt hatte, das Essen auf den Tisch, und noch bevor sie ihren ersten Hunger gestillt hatten, begann das Erzählen. Zuerst wurden wahrheitsgetreu alle Noten gemeldet, die sie im Laufe der Woche erhalten hatten, dann wurde von den Lehrern erzählt, von den anderen Schülern, von verschiedenen, manchmal nicht ganz harmlosen Streichen der Kameraden. Darüber verging die Zeit und die Mahlzeit dauerte bedeutend länger als sonst. Die Eltern hörten befriedigt zu und schwiegen, indem sie die Kinder sich aussprechen ließen. Ich kann wohl versichern, daß die Brüder alles mit vollkommenster Aufrichtigkeit den Eltern erzählten. Aber es kam nie vor, daß der Vater bei der Gelegenheit den Söhnen Moral gepredigt hätte. Wenn sie von den Streichen der Kameraden erzählten, sagte er nur hin und wieder: ‚so ein Schlingel‘, oder ‚so ein Raufbold‘, oder ‚so ein Taugenichts‘ und ähnliches, doch niemals fügte er hinzu, etwa: ‚Hört! daß ihr mir nicht dasselbe tut!‘ Ich glaube, mit diesem Verhalten wurde zu verstehen gegeben, daß der Vater sogar die Möglichkeit für ausgeschlossen hielt, auch seine Söhne könnten ähnliche Streiche verüben. Nach Tisch wurde noch ein wenig geplaudert, und dann setzten sich die Brüder an die Lhombretische und gaben sich ganz der Lektüre der Bücher hin, die sie regelmäßig aus dem Pensionat mitbrachten. Selten habe ich gesehen, daß sie sich am Sonnabend oder Sonntag mit dem Lernen ihrer Aufgaben beschäftigten oder überhaupt ihre Schulbücher mitgenommen hatten. Später, etwa im Jahre 1836, sprachen sie mit besonderer Begeisterung von ihrem Lehrer der Literatur und russischen Sprache, der förmlich ihr Abgott zu sein schien, da sein Name beständig in ihrem Munde war. Leider kann ich mich auch auf diesen Namen nicht mehr besinnen.
„Ich habe schon erwähnt, daß bei uns abends, wenn wir uns im Wohnzimmer versammelten, immer vorgelesen wurde. Die Eltern lasen abwechselnd vor, und später taten es auch die Brüder, wenn die Eltern müde waren. Es wurden hauptsächlich Geschichtswerke vorgelesen, wie die ‚Geschichte des russischen Reiches‘ von Karamsin, desgleichen seine ‚Briefe eines russischen Reisenden‘; ferner Gedichte von Derschawin, Übersetzungen von Shukowski, von Puschkin vornehmlich die Erzählungen und noch vieles andere.“
Nach Fjodor Michailowitschs eigenen Aussagen hat er mit Vorliebe Reisebeschreibungen gelesen, und unter dem Eindruck solcher Lektüre ist es alsbald sein Traum, sein glühendster Wunsch gewesen, einmal nach Venedig zu reisen (wie Iwan Karamasoff), und nach Konstantinopel und überhaupt nach dem Orient, der sein Vorstellungsvermögen gewaltig beschäftigte.
„Die älteren Brüder lasen beständig, ja jeden Augenblick ihrer freien Zeit verbrachten sie mit Lektüre. In Fjodors Händen sah ich am häufigsten die Romane von Walter Scott, ‚Quentin Durward‘ und ‚Waverley‘, die er trotz der altmodischen und schwerfälligen Übersetzung immer wieder las. Dasselbe tat er auch mit allen Werken von Puschkin. Ob er damals auch Gogol schon kannte, vermag ich nicht zu sagen. Aber Karamsins ‚Geschichte Rußlands‘ lag bei ihm ständig auf dem Tisch: die konnte er immer wieder lesen, wenn er gerade nichts Neues hatte. Außerdem brachten die Brüder die bunten kleinen Monatserscheinungen der ‚Lesebibliothek‘ mit nach Hause, die damals zu erscheinen begann. Die Eltern lasen übrigens diese Bücher nie. Fjodor bevorzugte im allgemeinen ernste Prosalektüre, im Gegensatz zu Michail, der Poesie liebte und damals bereits selbst dichtete (womit Fjodor sich nicht abgab). Aber für Puschkin schwärmten sie beide, und wenn ich nicht irre, konnten sie alle seine Gedichte auswendig. Puschkin lebte damals noch. Sein Name wurde in der Literaturgeschichte kaum erwähnt und seine Werke wurden in den Schulen noch nicht durchgenommen, geschweige denn auswendig gelernt, wie dies jetzt geschieht. Puschkins Ansehen als Dichter war eben damals viel geringer als das Ansehen Shukowskis, sogar bei den Literaturhistorikern, und ebenso natürlich bei unseren Eltern, was von seiten der Brüder, besonders von Fjodor, mehrfach den lebhaftesten Widerspruch hervorrief. Ich erinnere mich noch, wie sie damals gleichzeitig jeder ein Gedicht auswendig lernten: Michail die Shukowskische Übersetzung des ‚Grafen von Habsburg‘ und Fjodor – gleichsam als Gegenstück – Puschkins Ballade ‚Oleggs Tod‘. Als sie die Gedichte den Eltern vorgetragen hatten, gaben diese dem ersteren den Vorzug, gewiß nur deshalb, weil es von Shukowski war. Unsere Mutter hatte übrigens seitdem eine besondere Vorliebe für diese beiden Gedichte, und oft bat sie die Brüder, sie vorzutragen; sogar während ihrer letzten Krankheit, als sie schon ganz zu Bett lag (sie starb an der Schwindsucht) hörte sie ihnen immer noch mit Genuß zu.
„Die Brüder pflegten überhaupt keinen Verkehr, auch nicht mit ihren Schulkameraden. Nur einmal besuchte ein Klassenkamerad, ein gewisser Kudrjäwzoff, meinen Bruder Michail, worauf diesem erlaubt ward, den Besuch zu erwidern, doch damit war auch dieser Verkehr abgetan. Nur Wanitschka Umnoff, der Sohn einer Bekannten unserer Eltern, kam hin und wieder zu uns, aber der war Gymnasiast und etwas älter als meine Brüder. Von ihm hörten sie einmal eine Satire von Wojeikoff[4] auf die literarischen Größen der Zeit, ‚Das Irrenhaus‘, ein Spottgedicht, das damals nur in Abschriften verbreitet war und das Wanitschka Umnoff auswendig gelernt hatte. Doch als die Brüder es gleichfalls auswendig konnten und dem Vater vortrugen, mißfiel es diesem sehr: zunächst hielt er es für einen Gymnasiastenstreich, doch selbst als man ihn überzeugte, daß der Dichter Wojeikoff es verfaßt habe, erklärte er dennoch, daß es unanständig sei, weil es beleidigende Ausdrücke gegen anerkannte literarische Größen enthielt, besonders gegen Shukowski.“
Der Grund, weshalb sie mit keinem ihrer Mitschüler verkehrten, ist wohl allem Anscheine nach in dem anspruchsvollen Mißtrauen der Eltern, namentlich des Vaters, zu suchen, der in einer so wichtigen Sache, wie es die Wahl von Freunden ist, offenbar nicht wählerisch genug sein konnte. Fjodor Michailowitsch aber hat selbst mehrfach erzählt, daß er beständig das Verlangen nach Freunden gehabt habe, doch infolge seiner überaus großen Empfindlichkeit sei es ihm nicht gegeben gewesen, Freundschaft zu pflegen. Es ist anzunehmen, daß seine Feinfühligkeit die unter Jungen üblichen derben Späße nicht ertrug. Dafür hat er, wie einer seiner Mitschüler sich erinnert, immer andere, besonders Neulinge, gegen die gleichfalls in allen Schulen üblichen Anrempelungen oder rüden Ausfälle der älteren Schüler verteidigt.
„Unser Vater,“ berichtet Andrei Michailowitsch weiter, „war von größter Achtsamkeit in der Aufsicht über die Sittlichkeit seiner Kinder, besonders als die älteren Brüder zu Jünglingen heranzuwachsen begannen. Ich erinnere mich nicht, daß meine Brüder auch nur einmal allein irgendwohin ausgegangen wären; der Vater hielt das für unpassend, obgleich Michail schon fast 17, Fjodor fast 16 Jahre alt war. Aus dem Pensionat wurden sie immer mit dem Wagen abgeholt und ebenso wieder dorthin gebracht. Unsere Eltern waren keineswegs geizig – eher sogar freigebig –, aber es galt offenbar nach damaligen Begriffen für unpassend, daß Jünglinge ihr eigenes Taschengeld hatten, und wenn es auch noch so wenig gewesen wäre. Ich erinnere mich nicht, daß meine Brüder auch nur etwas Kleingeld zu ihrer Verfügung gehabt hätten; wahrscheinlich lernten sie erst in Petersburg den Wert des Geldes kennen, als der Vater sie dort allein zurückließ. Ich habe bereits erwähnt, daß der Vater es nicht liebte, uns Moral zu predigen, aber wie mir jetzt scheint, hatte er in der Beziehung doch eine kleine Schwäche: er wiederholte nämlich ziemlich oft, daß er arm sei, daß seine Kinder, besonders die Söhne, sich darauf vorbereiten müßten, sich selbst ihren Weg zu bahnen, daß sie nach seinem Tode mittellos dastehen würden, und dergleichen mehr. All das zeichnete ein düsteres Bild! – Ich erinnere mich auch noch anderer Worte meines Vaters, die gleichfalls keine Predigt, sondern eher eine Warnung waren. Wie ich schon gesagt habe, war Fjodor überaus hitzig; seine Überzeugungen verteidigte er stets mit großer Heftigkeit, und überhaupt war er in seinen Äußerungen sehr scharf. In solchen Fällen hörte ich den Vater oft sagen: ‚Ei, Fedjä, zügele dich, nimm dich in Acht, so kannst du noch übel anlaufen ... wirst noch unter die rote Mütze kommen!‘“ (d. h. zum gemeinen Soldaten degradiert werden).
„Unser Priester am Krankenhause hatte zwei schon erwachsene Söhne, die nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande auch unseren Eltern ihren Besuch machten. Sie hatten sich als Studenten besonders ausgezeichnet und die Reise ins Ausland auf Staatskosten gemacht; sie sind später bekannte Professoren der Rechtswissenschaft geworden. Damals sagte unser Vater oft genug: ‚Wenn doch auch ich es noch erleben würde, daß meine Söhne sich so auszeichneten!‘
„Zum Schluß möchte ich noch wiedergeben, welcher Meinung mein Bruder Fjodor Michailowitsch von unseren Eltern war. Er äußerte sie vor nicht langer Zeit – Ende der siebziger Jahre. Ich kam auf unsere Kindheit zu sprechen und erwähnte den Vater. Da ergriff mein Bruder plötzlich lebhaft meinen Arm oberhalb des Ellenbogens (das war so seine Angewohnheit, wenn er beim Sprechen seine Seele zu öffnen begann) und sagte mit Inbrunst: ‚Ja, weißt du auch, Bruder, das waren doch die vorbildlichsten Menschen, die Fortgeschrittensten, ja, selbst heute noch wären sie die Fortgeschrittensten! ... Und solche Mustereltern, solche Väter könnten wir, Bruder, nie sein!‘
„Im Herbst des Jahres 1836 erkrankte unsere Mutter. Die Zeit ihrer Krankheit war die traurigste unserer Kindheit. Sie wurde von vielen und sogar berühmten Ärzten behandelt, die alle ihrem Kollegen bereitwilligst beistanden, aber der Ausgang der Krankheit war unvermeidlich, und so verloren wir denn unsere Mutter am 27. Februar 1837.
„Nach ihrem Tode begann der Vater ernsthaft daran zu denken, seine beiden ältesten Söhne nach Petersburg zu bringen (wo er selbst noch nie gewesen war), um sie dort in die Ingenieurschule zu geben. Übrigens hatte er schon viel früher durch den Chefarzt des Marienhospitals, Dr. A. Richter, das Gesuch um Aufnahme seiner Söhne auf Staatskosten in dieses Institut eingereicht, und die Antwort, die sehr günstig lautete, war noch zu Lebzeiten der Mutter eingetroffen, so daß schon damals die Reise nach Petersburg beschlossen worden war.“
Inzwischen war Puschkin gestorben, der Dichter, den die Jünglinge so leidenschaftlich liebten – und selbständig liebten, nicht nach dem Beispiel älterer Leute.
„Ich weiß nicht,“ erzählt Andrei Michailowitsch, „infolge welcher Umstände wir erst nach der Beerdigung der Mutter von seinem Tode erfuhren. Vielleicht weil wir unser eigenes Leid hatten und die ganze Familie beständig zu Hause war. Als meine Brüder von seinem Tode erfuhren und noch alle schrecklichen Einzelheiten[5] hörten, glaubten sie, den Verstand zu verlieren. Fjodor sagte mehrmals in seinen Gesprächen mit Michail, daß er, wenn wir nicht schon Familientrauer hätten, den Vater bitten würde, um Puschkin Trauer tragen zu dürfen. Damals kannten wir Lermontoffs Gedicht auf Puschkins Tod noch nicht, aber es gab ein anderes von einem unbekannten Verfasser – das deklamierten meine Brüder in ihrem Schmerz so oft, daß ich es noch heute, nach 45 Jahren, lückenlos auswendig kann.
„Die geplante Reise nach Petersburg hätte beinahe eine Verzögerung erfahren, da Fjodor Michailowitsch plötzlich erkrankte.“ – Wie man seiner Witwe in Moskau erzählt hat, sei die Schwester der verstorbenen Mutter, Frau A. Kumanina (F. M. hing mit besonderer Liebe an dieser Tante und ihrem Mann), mit beiden Jünglingen zur Sergiuskirche gefahren, um dort vor der Reise noch zu beten, unterwegs aber hätten ihr die beiden Neffen die ganze Zeit Gedichte vorgetragen – vielleicht haben wir hier einen Hinweis auf die Ursache der Heiserkeit, von der der Bruder spricht und die vielleicht nur eine Erkältung war?
„Es stellte sich bei Fjodor nämlich ganz plötzlich und ohne jede erklärliche Ursache eine Halskrankheit ein: er verlor fast ganz die Stimme und konnte nur mit Mühe flüsternd sprechen, so daß er schwer zu verstehen war. Man versuchte es mit allen Mitteln, doch keines half – es wurde bald besser, bald wieder schlechter – bis schließlich andere Ärzte dem Vater rieten, die Reise dennoch anzutreten, da die Luftveränderung in der schönen Jahreszeit nur gut wirken könne. Und so geschah es auch. Trotzdem scheint es mir, daß mein Bruder sein Leben lang die Folgen dieser Erkrankung nicht ganz losgeworden ist. Wer sich seiner Art zu sprechen erinnert, wird zugeben, daß seine Stimme nicht ganz natürlich klang, – sie kam sozusagen mehr aus der Brust, als dies bei anderen Menschen der Fall ist.
„Der Vater hatte die Absicht, nach seiner Rückkehr aus Petersburg auf sein Landgut überzusiedeln (er hatte bereits sein Abschiedsgesuch eingereicht). Endlich kam der Tag der Abreise. Der Geistliche des Marienhospitals, Vater Joann Barscheff, las das Gebet, dann setzten sich der Vater und die Brüder in die Postkutsche (sie fuhren mit Postpferden und wechselnden Fuhrleuten) und traten die Reise nach Petersburg an. Von einem Erlebnis während dieser Reise hat mein Bruder Fjodor 40 Jahre später in seinem ‚Tagebuch eines Schriftstellers‘[6] erzählt (die Begegnung mit einem Feldjäger), und bei der Gelegenheit, wenn auch nur kurz, so doch sehr dichterisch, seine und seines Bruders Stimmung während der Reise geschildert.“
Soweit die Erinnerungen Andrei Michailowitsch Dostojewskis.
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In Petersburg kamen die beiden Brüder zunächst in das Pensionat von K. F. Kostomaroff, der sie zum Eintritt in die höhere Militär-Ingenieurschule vorbereiten sollte. Aus diesem Vorbereitungspensionat schrieben Fjodor und Michail am 23. Juli 1837 an den Vater, daß Kostomaroff von ihnen mehr erwarte, als von den übrigen acht Schülern, die er mit ihnen zusammen vorbereitete, und daß sie nun bald anfangen würden, Frontübungen zu machen – die seien sehr wichtig. Aber wie beschäftigt sie mit den eigenen Vorbereitungen auch waren, sie vergaßen nicht, „Schwesterchen Warjä“ daran zu erinnern, daß sie Karamsins „Russische Geschichte“ lesen solle und „Bruder Andrjuscha“ das wiederholen müsse, was er manchmal schlecht gelernt hatte. Zum Schluß erwähnten sie noch, daß sie mit Schidlowski (ihrem Mitschüler aus dem Pensionat Tschermak, den der Vater kannte) soeben eine Stunde in der Kasanschen Kirche verbracht hätten – „das wollten wir schon lange, besonders vor dem Examen“.
Nach den Aussagen Dr. Riesenkampfs hatte der Vater, als er beschloß, seine Söhne in diese Ingenieurschule zu geben, u. a. auch auf seinen Verwandten, den Generalleutnant Kriwopischin gerechnet, der im Armee-Inspektorat eine wichtige Stellung einnahm. Doch die Pläne des Vaters zerstörte zum Teil das ärztliche Gutachten, das der Chefarzt der Ingenieurschule, Dr. Wolkenau, ausstellte: er erklärte nämlich den völlig gesunden älteren Bruder für schwindsüchtig und den kränklichen jüngeren für gesund. Infolgedessen wurde Michail Michailowitsch nicht aufgenommen. Er begab sich im Juni 1838 nach Reval, um dort als Konduktor[7] in die Sappeur-Kompagnie einzutreten. So wurden denn die Brüder ganz unerwartet getrennt. Nun konnte Fjodor Michailowitsch sich über seine eigene Aufnahme in die höhere Militär-Ingenieurschule wohl nur insofern freuen, als durch sie der Wunsch des Vaters wenigstens zur Hälfte in Erfüllung ging; denn an sich dürfte dieses Institut – mit dem vielen Mathematikunterricht, dem Zeichnen und dem Frontdienst – ihm, der von Dichtungen träumte, keineswegs verlockend erschienen sein. Der Vater hatte sich für diese Laufbahn entschieden, weil sie so günstige Aussichten für weiteres Fortkommen bot, was für ihn, der nur über beschränkte Mittel verfügte, begreiflicherweise sehr ins Gewicht fallen mußte. Allein man darf hierbei doch nicht außer acht lassen, daß dieses Petersburger Ingenieurinstitut sich hinsichtlich seines wissenschaftlichen Wertes sehr vorteilhaft von allen ähnlichen Militärinstituten unterschied. Vor allem stand die Wissenschaft dort in einem ganz anderen Ansehen und auch die Aufnahme der Schüler hing nicht nur von ihrer Herkunft ab, sondern davon, ob sie das Examen bestanden. Dennoch ist es verständlich, daß für eine Veranlagung, wie sie F. M. Dostojewski mitbrachte, die dort gebotene geistige Weiterbildung nicht genügte, während der andere größere Teil des Unterrichts ihm geradezu eine Plage war – so auch der Frontdienst und das Lagerleben.
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Ein Bild von seinem Leben in den nun folgenden Jahren geben uns außer seinen Briefen an den Vater und den Bruder und seinen in späteren Jahren gelegentlich niedergeschriebenen Erinnerungen an einzelne Erlebnisse vor allem die Aufzeichnungen ihm damals nahestehender Menschen[8].
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Ein Brief an seinen Vater vom 10. Mai – er dürfte im Jahre 1838 geschrieben worden sein, nachdem der Vater die beiden Brüder im Frühjahr 1837 nach Petersburg gebracht hatte und Fjodor Michailowitsch am 16. Januar 1838 in die Ingenieurschule eingetreten war – zeichnet uns seine materielle Lage, die ihn zwingt, den Vater um eine kleine Beihilfe zu bitten.
„Mein lieber, guter Vater,“ schreibt er, „können Sie denn wirklich denken, daß Ihr Sohn zu viel verlangt, wenn er Sie um eine Unterstützung angeht? ... Wäre ich frei und selbständig, so hätte ich auch nicht eine Kopeke verlangt; ich hätte mich selbst an die bitterste Not gewöhnt ... Jetzt bitte ich Sie, lieber Papa, zu berücksichtigen, daß ich im wahren Sinne des Wortes _diene_ ...“ Offenbar hatte der Vater angenommen, sein Sohn werde als Zögling der Krone von dieser auch mit allem versorgt; das war aber nicht der Fall. Das Notwendigste, fügt der Sohn hinzu, das jeder Zögling in ihrem Lager brauche, würde ihm alles in allem 40 Rubel kosten, – „ich will aber Ihre Notlage,“ schreibt er dem Vater zum Schluß, „berücksichtigen und gänzlich auf Tee verzichten.“ ... Am 9. August desselben Jahres schreibt er an den Bruder nach Reval: „... Nun, Bruder, Du klagst über Deine Armut. Auch ich bin nicht reich. Du wirst mir wohl gar nicht glauben wollen, daß ich beim Auszug aus dem Lager nicht eine Kopeke hatte; unterwegs habe ich mich erkältet (es regnete den ganzen Tag und wir waren ohne Obdach), bin auch vor Hunger erkrankt, und hatte dabei kein Geld, um mir die Kehle mit einem Schluck Tee anzufeuchten. Ich habe mich später erholt, litt aber im Lager die bitterste Not, bis endlich das Geld von Papa kam“ (am 20. Juli – sein Brief vom 10. Mai hatte den Vater erst auf Umwegen erreicht). „Ich zahlte meine Schulden und verbrauchte den Rest. Doch die Schilderung Deiner Lage übersteigt alles. Kann man denn wirklich nicht einmal 5 Kopeken besitzen, sich von Gott weiß was ernähren und nur mit lüsternen Augen die ganze Süße der herrlichen Beeren kosten, die du doch so gern ißt! Wie leid Du mir tust!“ Dieser Brief zeugt auch sonst von einer trüben Stimmung. „Ich weiß nicht, ob meine traurigen Ideen je verstummen werden ... Unsere Erde erscheint mir als ein Fegefeuer für himmlische Geister, die vom sündigen Gedanken umnebelt sind ... Mir scheint, unsere Welt hat einen negativen Sinn bekommen und aus einer hohen, vornehmen, Geistigkeit ward eine Satire.“ Ja, in demselben Brief schimmert aus einer mystischen Unklarheit sogar der Gedanke an Selbstmord hervor, der natürlich auf literarischem Wege entstanden sein wird: „... nur die rauhe Hülle zu sehen, unter der das Weltall sich quält, zu wissen, daß eine einzige Explosion des Willens genügt, um diese Hülle zu sprengen und sich in die Ewigkeit zu ergießen, eins mit ihr zu werden, dies alles zu wissen und dabei wie die letzte der Kreaturen zu sein ... Schrecklich! Wie kleinmütig ist der Mensch! Hamlet! Hamlet!“ Nach Shakespeare erwähnt er Pascal: „Pascal hat einmal gesagt: ‚Wer gegen die Philosophie protestiert, der ist selbst ein Philosoph.‘ Arme Philosophie!“ ruft Dostojewski aus – den übrigens in dieser Zeit auch der Glaube nicht vollkommen befriedigt. Der Brief schließt mit einer Aufzählung der Bücher, die er im Lager gelesen hat: „... den ganzen Hoffmann russisch und deutsch (d. h. den noch nicht übersetzten Kater Murr) und fast den ganzen Balzac. (Balzac ist groß! Seine Charaktere sind Schöpfungen des Weltgehirns! Nicht der Zeitgeist, sondern ganze Jahrtausende haben mit ihrem Ringen eine solche Lösung in der Seele des Menschen vorbereitet.) Ferner Goethes Faust, seine kleineren Gedichte. Polevojs Geschichte, Ugolino und Undine ... schließlich Victor Hugo (außer Cromwell ...).“ Und am Rande hat dieser Brief noch eine Nachschrift, die mit dem Ton des ganzen übereinstimmt: „Ich habe ein Projekt: mich verrückt zu stellen ... Mögen die Leute sich nur ärgern, mögen sie versuchen, mich wieder vernünftig zu machen. Wenn Du den ganzen Hoffmann gelesen hast, so kannst Du Dich gewiß an Alban erinnern, wie gefällt er Dir? Es ist schrecklich, einen Menschen zu sehen, der das Unfaßbare in seiner Macht hat, der nicht weiß, was tun, und mit einem Spielzeug spielt, welches – Gott ist!“
Doch eine solche Hingabe an literarische Lektüre hatte zunächst zur Folge, daß Dostojewski nicht versetzt wurde und noch ein ganzes Jahr in derselben Klasse bleiben mußte. Das tat ihm, wie er dem Bruder schreibt, besonders des Vaters wegen bitter leid.[9] In eben diesem Brief vom 31. Oktober 1838, in dem er, nach dem Ausbruch seines Ärgers über dieses Unglück, auf die Philosophie des Bruders ausführlich eingeht, schreibt er am Rande die kennzeichnende Bemerkung über den Vater: „... Aber weißt Du auch? Papachen kennt ja die Welt überhaupt nicht. Hat 50 Jahre in ihr gelebt und ist bei derselben Meinung von den Menschen geblieben, die er vor dreißig Jahren hatte. Glückliche Ahnungslosigkeit. Aber er ist doch sehr enttäuscht, von ihr. Das ist, glaube ich, unser gemeinsames Los.“
Im November dieses Jahres (1838) kam A. E. Riesenkampf, der in Reval Michail Michailowitsch kennen gelernt hatte, nach Petersburg, um hier in die Medizinisch-Chirurgische Akademie einzutreten. Michail Michailowitsch hatte ihn gebeten, seinem Bruder einen Brief zu überbringen. Bei dieser Gelegenheit lernte Riesenkampf Fjodor Michailowitsch kennen. Das Folgende entnehmen wir seinen Aufzeichnungen über seine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski.
„Im Empfangssaal des Ingenieur-Palais verbrachten wir damals (bei der ersten Begegnung) einige unvergeßliche Stunden. Dostojewski trug mir mit dem ihm eigenen hinreißenden Temperament Puschkins ‚Ägyptische Nächte‘ vor, Shukowskis ‚Baron von Smalholm‘ u. a., erzählte mir von seinen eigenen literarischen Versuchen, und bedauerte nur, daß die im Institut eingeführte strenge Zucht ihm nicht erlaubte, auszugehen. Doch mich hinderte nichts, ihn an den Sonntagvormittagen zu besuchen. Außerdem trafen wir uns an den Freitagen in der Turnanstalt des Schweden de Ron, die sich in einem der Pavillons des Ingenieurpalais befand.“