Sämtliche Werke 11

Part 26

Chapter 263,230 wordsPublic domain

[54] Die berüchtigte politische Abteilung der Geheimpolizei, unter Paul I. „für immer“ abgeschafft, zu Anfang der Regierung Nikolaus I., im Jahre 1826, wiederhergestellt, unter Alexander II. im Jahre 1880 scheinbar aufgehoben – eine Maßregel, die als eine der wesentlichsten Reformen des Zarbefreiers begrüßt wurde, aber in Wirklichkeit lediglich eine Unterstellung dieser Abteilung unter das Ministerium des Innern bedeutete, dessen Machtbefugnis sich bis dahin nur auf die kriminellen und administrativen Polizeibehörden erstreckte. Offiziere und Beamte der Dritten Abteilung waren durch ihre hellblauen Uniformen kenntlich. E. K. R.

[55] Messer und Gabeln wurden ihnen vorsichtshalber nicht gegeben. Das Essen war recht nahrhaft und gut (was auch von den anderen bestätigt wird). Es wurde gestattet, die Mahlzeiten auf eigene Kosten zu vervollständigen und Wein zu kaufen. O. M.

[56] Siehe Band 23 der Ausgabe. E. K. R.

[57] Vergl. den Aufsatz „Eine der zeitgemäßen Fälschungen“ in dem vorliegenden Bande. E. K. R.

[58] Vergl. die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis, S. 46. E. K. R.

[59] Siehe in der deutschen Ausgabe der Briefe Dostojewskis die „Berichte der Zeitgenossen“. E. K. R.

[60] Auch Strachoff erwähnt in seinen Aufzeichnungen (s. Bd. XII, S. 6 der Ausgabe) die große Weichheit im jungen Dostojewski, im Gegensatz zu seiner Art in den letzten Lebensjahren. E. K. R.

[61] Ein Brief vom 22. Februar 1854, den Dostojewski unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause an seinen Bruder geschrieben hat und der Michail Michailowitsch nicht auf dem offiziell erlaubten Wege – durch das Korps-Kommando in Sibirien und den Chef der III. Abteilung –, sondern durch andere Personen heimlich zugestellt worden ist, schildert er die Wirklichkeit seines Zuchthauslebens ohne jeden Gedanken an die Zensur. Diese aber mußte in der Zeit, als Dostojewskis Aufzeichnungen erschienen, selbst von Schriftstellern, gegen die nichts vorlag, trotz aller liberalen Neuerungen immer noch sehr im Auge behalten werden. Dieser Brief vom 22. II. 1854, wie auch andere Briefe, haben O. Miller bei der Zusammenstellung des biographischen Materials noch nicht vorgelegen. Ein paar nebensächliche Angaben in dem erwähnten Brief stimmen mit einzelnen Daten in den Aufzeichnungen Miljukoffs und Jastrshemskis nicht ganz überein. Vgl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“ S. 46–60. E. K. R.

[62] Mit der Niederschrift seiner Erlebnisse im Zuchthaus hat Dostojewski bereits 1855 in Sibirien, im ersten Jahr nach der Abbüßung seiner Strafzeit, begonnen, doch in der Hauptsache hat er die Aufzeichnungen erst nach seiner Rückkehr ins europäische Rußland (1859) fertiggestellt. Beendet und veröffentlicht wurden sie 1861–62, das erwähnte (in der Gesamtausgabe vorvorletzte) Kapitel im Dezember 1862. Es heißt dort u. a.: „Welch eine Beschuldigung wäre aber _damals_ ... in jener _kaum vergangenen alten Zeit_ ...“ (d. h. in der Regierungszeit Nikolais I.) für die Vorgesetzten „furchtbarer gewesen, als daß man mit _gewissen_ Sträflingen Nachsicht habe! So kam es denn, daß jeder Vorgesetzte uns gegenüber Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir ebenso gehalten wurden, wie alle anderen ...“ Somit überläßt er es dem Leser, zu erraten, daß mit den „_gewissen_ Sträflingen“ die politischen Verbrecher gemeint sind. E. K. R.

[63] Alle näheren Mitteilungen über die Teilnahme Dostojewskis und seiner Freunde an dieser Sache, wie über das ihnen zugefallene Los, sind erst seit dem Tode Dostojewskis nach und nach veröffentlicht worden. In den dazwischen liegenden 22 Jahren waren die S. 119, 120 im Auszug wiedergegebenen flüchtigen Andeutungen des vom Kriegsministerium herausgegebenen „Russischen Invaliden“ alles, was man über die Petraschewskische „Verschwörung“ überhaupt bekanntgegeben hatte. Zu Lebzeiten Dostojewskis wußte man nur, wie J. Eckardt als Zeitgenosse berichtet, daß die Verschwörer von 1848 in das am Krönungstage von Kaiser Alexander II. (26. Aug. 1856) erlassene Gnadenmanifest _nicht_ einbegriffen worden waren, daß der Gardeoffizier Lwoff noch 1859 in Irkutsk Polizeischreiber war, Speschnjoff in Sibirien die Zeitung „Amur“ herausgab, daß Petraschewski 1866 als Sträfling gestorben war – er hatte ein späteres Gnadenangebot abgelehnt und die Revision seines Prozesses verlangt – und daß die Begnadigung des Schriftstellers Dostojewski 1859 auf die Fürsprache eines älteren Studiengefährten hin, des berühmten General Todleben (berühmt wegen seiner Verteidigungsanlagen in der Krim während des Orientkrieges 1853–56) erfolgt war. Die Erinnerung an die übrigen Verurteilten wäre, nach Eckardts Bericht, im Gedächtnis ihrer Landsleute völlig erloschen, wenn nicht der einflußreiche Alexander Herzen, das Haupt der russischen Emigration, in seiner Zeitschrift „Der Polarstern“ wiederholt daran erinnert hätte, daß man diese Männer nicht wegen dessen, was sie _getan_, sondern wegen dessen, was sie _gedacht_ und untereinander geredet, verurteilt hatte.

Eine Bestätigung dieser Aussage ist eine gelegentliche Bemerkung Dostojewskis, nach der viele seiner Leser, besonders in der Provinz, von ihm glaubten, er sei wegen Ermordung seiner Frau Sträfling gewesen, wie der angebliche Verfasser der „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“. E. K. R.

[64] Es gibt über die Krankheit Fjodor Michailowitschs allerdings noch eine besondere Aussage, die sich auf seine früheste Jugend bezieht und die Krankheit mit einem tragischen Fall in dem Familienleben der Eltern Dostojewskis in Verbindung bringt. Doch obgleich mir diese Aussage von einem Menschen, der F. M. sehr nahe stand, mündlich mitgeteilt worden ist, kann ich mich nicht entschließen, da ich von keiner Seite eine Bestätigung dieses Gerüchts erhalten habe, die erwähnte Angabe hier ausführlich und genau wiederzugeben. O. M.

[65] Die Dokumente in den Archiven der III. Abteilung geben als Tag der Enthaftung den 23. Jan. 1854 an. Nach der Entlassung aus dem Zuchthause haben Dostojewski und Duroff, dessen Gesundheit vom Zuchthausleben vollkommen zerrüttet worden war, wie aus einem späteren Brief des ersteren hervorgeht, „fast einen ganzen Monat“ in Omsk im Hause von Frau O. I. Iwanowa, der Tochter des Dekabristen Annenkoff, verbracht und sich gesundheitlich ein wenig erholt. Am 2. März ist Dostojewski dann als Gemeiner in das 7. Bataillon des Sibirischen Linienregiments in Semipalatinsk eingereiht worden. E. K. R.

[66] Vergl. Anm. S. 134. E. K. R.

[67] In den Briefen vom 22. Februar und vom 27. März 1854 bittet er den Bruder um den Koran, Kants „_Critique de raison pure_“,{[9]} „und wenn du die Möglichkeit haben wirst, mir etwas nicht offiziell zu schicken, dann noch unbedingt Hegel; besonders aber Hegels ‚Geschichte der Philosophie‘. Davon hängt meine ganze Zukunft ab. Um Gottes willen verwende dich für mich, daß man mich nach dem Kaukasus versetzt; suche ... zu erfahren, ob man mir gestatten wird, meine Werke zu drucken ... Ich bitte dich, mich so lange auszuhalten. Ohne Geld werde ich vom Soldatenleben erdrückt werden ... Vielleicht werden mich im Anfang auch die anderen Verwandten irgendwie unterstützen? ... (Vergl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgen.“). Im März bittet er, ihm keine Zeitschriften zu schicken, sondern „europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.) ... und ein deutsches Lexikon. Nicht alles auf einmal ... Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! ...“ E. K. R.

[68] Unter Nikolai I. war es zum mindesten nicht ratsam, an einen verbannten Staatsverbrecher Briefe zu schreiben, selbst wenn es sich um einen Bruder handelte. E. K. R.

[69] Am 19. Februar 1855 kam Alexander II. auf den Thron, nach dem plötzlichen Ableben Nikolais I., dessen ganzes System im Orientkrieg (1853–56) gescheitert war. E. K. R.

[70] Baron Wrangel war als Bezirks-Staatsanwalt nach Sibirien gekommen; seine intime Freundschaft mit dem gewöhnlichen Soldaten hatte für ihn anfangs verschiedene kleine Unannehmlichkeiten zur Folge. In seinen „Erinnerungen“ gibt er über Dostojewskis Leben in Semipalatinsk mit einer Kenntnis des Sachverhalts und einer Ausführlichkeit Auskunft, die im Jahre 1883 O. Miller, der nur Briefe aus dieser Zeit zur Hand hatte, gar nicht möglich gewesen wäre. Wrangel ist bisher auch der einzige, der über Dostojewskis erste Frau näheres berichtet hat, bzw. berichten kann. (Vgl. „Aus den Erinnerungen des Barons A. Wrangel“ in „D.s Briefe u. Berichte der Zeitgenossen“). E. K. R.

[71] Marja Dmitrijewnas Mann war als Gymnasiallehrer nach Kusnezk versetzt worden und hatte mit seiner Frau und seinem neunjährigen Sohn erst kurz vorher Semipalatinsk verlassen. E. K. R.

[72] Nach den „Erinnerungen“ Wrangels kam Dostojewski im Januar 1860 nach Petersburg. „Dostojewski brauchte damals viel Geld, besaß aber keinen Heller. Er hatte zahllose Schulden und nur die eine Hoffnung, daß ihm die vielen Erzählungen und Romane, die in seinem Kopfe ... entstanden, etwas einbringen würden ... Wir sahen uns sehr oft, doch immer nur flüchtig, denn wir beide waren in den Strudel des Petersburger Lebens geraten ...“ Trotzdem sagt Wrangel, daß Dostojewski Tag und Nacht gearbeitet habe. (Vgl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“.) Da das Petersburger Klima für den Gesundheitszustand seiner Frau schädlich gewesen wäre, verbrachte sie die folgenden Jahre in Moskau, wo sie am 16. April 1864 an der Schwindsucht starb. Den Winter 1863–64 bis zu ihrem Tode weilte Dostojewski deshalb in Moskau. Sein Stiefsohn war auf Befehl des Kaisers 1860 als Stipendiat in eine Lehranstalt aufgenommen worden. Dostojewski hatte die Bitte darum mit seinem eigenen Gnadengesuch verbunden. In einem späteren Brief an Wrangel schreibt Dostojewski über seine Ehe mit der verstorbenen Frau: „Wir waren beide durchaus unglücklich, konnten aber nicht aufhören, einander zu lieben; je unglücklicher wir waren, um so mehr hingen wir aneinander“. (Vgl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“). E. K. R.

[73] Die Gegner dieser Form der Bauernbefreiung – tatsächlich ist durch die gleichzeitige Zuteilung von Land an die Bauern ein überaus großer Teil der Grundbesitzer ruiniert worden – hatten meist die höchsten Ämter inne, und so geschah es häufig, daß die vom Kaiser gewünschten freiheitlichen Reformen ihren entschiedensten Gegnern zur Ausführung übergeben wurden. Neuerdings mehren sich die Stimmen, die in jener Bauernbefreiung, die den einzelnen Bauern nicht zum Landbesitzer, sondern zum Landproletarier oder Genossenschaftler machte – zu einem Arbeiter auf dem _Gemeindeland_ – die Grundlage jener Ereignisse sehen, die sich seit 1917 in Rußland abspielen. Die von Stolypin und Kriwoschein begonnene Agrarreform – Aufhebung des Agrarkommunismus („Mir“), das Land sollte Eigenbesitz des Bauern werden – wurde nach den ersten Versuchen vom Kriege unterbrochen, worin wiederum die äußerste Linke eine Bestätigung der welthistorischen Aufgabe Rußlands sieht: das Land der neuen Lebensordnung, der neuen Menschheit zu werden. E. K. R.

[74] Slawophiler Publizist (1819–76), nächst den Begründern des Slawophilismus – Chomjäkoff, Kirejewski, Akssakoff – der einflußreichste Vertreter der Partei. E. K. R.

[75] Schriftsteller und Zensor, als Leibeigener geboren. E. K. R.

[76] O. Miller setzt die Vorgeschichte des erwähnten Ereignisses als noch erinnerlich oder bekannt voraus und begnügt sich daher mit einer kurzen Beleuchtung einiger Einzelheiten. Da nun diese seine Voraussetzung bei dem deutschen Leser von heute nicht zutrifft, die Aufzeichnungen anderer Zeitgenossen aber aus Zensurgründen manche „Triebfedern“ kaum andeuten dürfen, wird hier zunächst eine Darstellung der Sachlage von J. Eckardt angeführt aus seinen „St. Petersburger Beiträgen zur neuesten russischen Geschichte“, die er 1881 anonym und nicht in Rußland erscheinen ließ (im Verlage von Duncker & Humblot, Leipzig).

Nach Eckardt ist „der für die gesamte spätere Entwicklung so außerordentlich verhängnisvoll gewordene Petersburger Studentenkrawall vom Herbst 1861 ... lediglich dadurch veranlaßt worden, daß der (neue) Universitätskurator Philipson zu den Freiheiten scheel sah, die der Kaiser persönlich und der frühere Unterrichtsminister Kowalewski der akademischen Jugend erteilt hatten, und daß der damalige Generalgouverneur von Petersburg Ignatjeff Studenten und Professoren grundsätzlich verabscheute und von Zugeständnissen an ‚Zivilisten‘ überhaupt nichts wissen wollte“. 1861 war u. a. auch die der militärischen sehr ähnliche Studentenuniform abgeschafft worden, um – alsbald wieder eingeführt zu werden.

N. N. Strachoff, der Mitherausgeber der „Materialien zur Lebensbeschreibung Dostojewskis“, der als Anhänger der Hegelschen Rechten dieselben Vorgänge von einem konservativeren Standpunkt aus sieht als es O. Miller tut, gibt in seinen „Erinnerungen an Dostojewski“ einen weiteren Überblick über die Vorgeschichte der Studentenunruhen, der gleichzeitig einen Einblick in die Petersburger Stimmung jener Zeit gewährt und auch Dostojewskis politische Stellungnahme beleuchtet, weshalb seine Ausführungen über die „Studentengeschichte“ hier in folgendem wiedergegeben sind:

„Ich will nun eines der wichtigen Ereignisse jener Zeit erzählen, die sogenannte _Studentengeschichte_, die sich zu Ende des Jahres 1861 abspielte und die den damaligen Zustand der Gesellschaft am besten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten wahrscheinlich verschiedene innere Triebfedern mit; doch diese werde ich nicht berühren,“ (Als Strachoff 1883 unter Alexander III. dies schrieb, wären Angaben, wie Eckardt sie gibt, von der Zensur nicht durchgelassen worden. E. K. R.) „sondern werde nur ihre äußere, öffentliche Erscheinung schildern, die für die Mehrzahl der handelnden Personen, wie für die Mehrzahl der Zuschauer die größere Bedeutung hatte.

„Die Universität, an der infolge des Zustroms von Liberalismus ein reges Leben herrschte, begann von diesem Leben mehr und mehr überzuschäumen; doch zum Unglück war das ein Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft verdrängte. Die Studenten hielten Versammlungen ab, gründeten eine Kasse, gründeten eine Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, führten eine Art Gerichtshof ein, in dem sie über ihre Kameraden das Richteramt ausübten, usw.; aber alles dieses zerstreute und beschäftigte sie so sehr, daß die Mehrzahl von ihnen, und sogar viele der Klügsten und Begabtesten, schließlich aufhörte, sich auch noch mit ihrem eigentlichen Studium zu befassen. Hinzu kam, daß es auch noch andere Unzulässigkeiten gab, d. h. Überschreitungen aller möglichen Dispense, und so entschloß sich die Universitätsbehörde zu guter Letzt, Maßregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um sich eine unbestreitbare Autorität zu sichern, erwirkte sie einen allerhöchsten Befehl, durch den Zusammenkünfte, Kassen, Deputationen und Ähnliches den Studenten verboten wurden. Der Befehl wurde während der Sommerferien ausgegeben, und als die Studenten im Herbst sich wieder auf der Universität einfanden, mußte er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten beschlossen, sich zu widersetzen, einigten sich aber auf die einzige Art von Widerstand, die mit liberalen Grundsätzen vereinbar ist, d. h. auf den _ausschließlich passiven_. Sie benutzten nun die verschiedensten Vorwände, um den Behörden möglichst viel Arbeit und der ganzen Sache möglichst viel öffentliches Aufsehen zu verschaffen. Und richtig brachten sie sehr geschickt den größten Skandal zustande, den man auf die Weise überhaupt in Szene setzen konnte. Die Regierung war zwei- oder dreimal gezwungen, sie mitten am Tage von der Straße in großen Scharen fortzuführen. Zur noch größeren Freude der Studenten wurden sie sogar in die Peter-Pauls-Festung gesetzt. Sie unterwarfen sich ohne Widerspruch diesem Arrest, dann der Verurteilung und Verschickung, – die für viele sehr schwer und langwährend ausfiel. Nachdem sie das getan hatten, glaubten sie, alles getan zu haben, was nötig war, d. h. sie hatten laut die Verletzung ihrer Rechte festgestellt, waren selbst nicht über die Grenzen der Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe auf sich genommen, gleichsam nur darum, weil sie für ihre Forderungen einstanden.

„Obwohl nun diese juridischen Begriffe auf Studierende eigentlich nicht anwendbar sind, so muß man doch sagen, daß die Studenten dieses liberal-juridische Drama zur Belehrung der übrigen Bürger tadellos und mit echter Begeisterung durchführten. Es war durchaus kein Aufruhr, nicht einmal einer im kleinsten Maßstabe. Das Interessanteste und Charakteristischste dabei war aber, daß sich schon damals sofort Leute fanden, die diese Studentengeschichte gar zu gern in einen Aufruhr verwandelt hätten; ja, daß diese Leute mit den Studenten schon in Verbindung zu treten suchten und sich mit Vorschlägen an sie heranmachten, wie z. B. ein Verbrechen zu begehen, durch das die Regierung in die Enge getrieben werden würde, u. a. m. Die revolutionären Elemente in der Gesellschaft waren schon herangereift; doch diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit, und so hatte es denn bei der lauten Demonstration sein Bewenden, also gewissermaßen bei einer öffentlichen Anklage vor der gesellschaftlichen Meinung. Um deswillen hatten viele junge Leute die Laufbahn ihres Lebens frohen Herzens für immer verdorben.

„Natürlich sprach nun die ganze Stadt von nichts anderem als von den Studenten. Die Verhafteten durften besucht werden und so kamen täglich eine Menge Menschen in die Festung, schon um den Studenten ihre Anteilnahme zu bezeugen. Auch von der Redaktion der ‚Zeit‘ wurde ihnen ein Gastgeschenk gesandt.“ (Strachoff war einer der Hauptmitarbeiter an dieser literarischen Monatsschrift, die die Brüder Dostojewski seit 1861 herausgaben, bis die Zeitschrift im Mai 1863 wegen eines von der Zensur mißverstandenen, in Wirklichkeit sehr national gedachten Artikels von Strachoff über die Polenfrage sistiert wurde. Vgl. Bd. XII der deutsch. Ausg. E. K. R.) „Bei Michail Michailowitsch wurde ein riesiges Roastbeef gebraten und mit einer Flasche Kognak und einer Flasche Rotwein in die Festung geschickt. Und als man diejenigen Studenten, die man als die Schuldigsten befunden hatte, schließlich zu verschicken begann, da wurden sie von Verwandten und Bekannten noch weit über das Weichbild der Stadt hinaus begleitet. Der Abschied war geräuschvoll und fand unter vielseitiger Beteiligung statt, und die Verschickten schauten zum größten Teil wie Helden drein.

„Der weitere Verlauf dieser Geschichte spielte sich in demselben Geiste ab. Die Universität wurde geschlossen: man wollte sie einer vollständigen Umgestaltung unterwerfen. Da baten die Professoren um die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überließ ihnen ihre Säle und die Universitätskurse fanden von nun an außerhalb der Universität ihre Fortsetzung. Alle Mühe für das Zustandekommen der Vorlesungen, sowie alle Sorge für die Aufrechterhaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz auf ihre Leistung.

„Aber ihre Gedanken waren doch nicht bei der Wissenschaft, um die sie sich allem Anscheine nach so mühten, sondern waren mit etwas anderem beschäftigt, und das verdarb schließlich alles. Den Anlaß zur Aufhebung dieser Duma-Universität gab im Frühjahr 1862 der bewußte literarisch-musikalische Abend vom 2. März. Dieser Abend war im Grunde mit der Absicht veranstaltet worden, gewissermaßen eine Schau aller führenden fortschrittlich gesinnten literarischen Kräfte zu bieten. Die Auswahl der Schriftsteller war denn auch in diesem Sinne mit größter Sorgfalt vorgenommen worden; und in demselben Sinne war auch das Publikum das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit denen die literarischen Vorträge abwechselten, wurden von den Frauen und Töchtern der Schriftsteller der guten Richtung ausgeführt. Fjodor Michailowitsch befand sich unter den Lesenden und seine Nichte unter den Mitwirkenden. Die Hauptsache jedoch war nicht das, was vorgetragen wurde, sondern waren die Ovationen, die man den Vertretern der fortschrittlichen Ideen darbrachte. Der Lärm, der Enthusiasmus war ein ungeheurer. Es hat mir später immer geschienen, daß die liberale Bewegung in unserer Gesellschaft an diesem Abend ihren höchsten Punkt erreichte, der zugleich der Kulminationspunkt unserer in der Luft sich abspielenden Revolution war. Eine der Episoden dieses Abends bildete den Anfang des schnellen Verfalls und der Enttäuschung unserer damaligen Fortschrittsbewegung. Es begann damit, daß Professor P-ff. seinen Artikel, der wie alles an diesem Abend Vorgetragene von der Zensur genehmigt worden war, wohl ohne jede Wortänderung, jedoch mit so ausdrucksvollen Betonungen und Gesten vortrug, daß alles einen ganz zensurwidrigen Sinn erhielt. Es erhob sich ein wahres Freudengeheul, ein nicht zu beschreibender Beifallsorkan. Doch siehe da: am nächsten Tage verbreitet sich überall die Kunde, daß Professor P. verhaftet und aus Petersburg bereits entfernt worden sei. Was war nun zu tun? Gegen eine solche Maßregel mußte man protestieren, aber wie, in welcher Form? Die Studenten folgerten ganz richtig, daß die Entfernung des einen Professors eine Drohung für die übrigen Professoren in sich schloß, so daß diese ihre Vorlesungen nicht gut fortsetzen konnten, wenn sie nicht gerade zu zeigen wünschten, daß sie ihren Kollegen für schuldig hielten, selbst aber vor der Regierung schuldlos dastehen wollten. So wurde denn beschlossen, die Duma-Universität zu schließen und damit gegen solche Eingriffe zu protestieren. Es war das ein Protest von der Art, wie unter Umständen die Professoren ihren Abschied zu nehmen pflegen – ein bekanntlich sich fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten, etwas Ähnliches wie der japanische Selbstmord. Die Studenten setzten bei dieser Beschlußfassung natürlich voraus, daß die ganze Gesellschaft von Schmerz und Zorn erschüttert sein werde, wenn die Universität, diese Hauptquelle ihrer Aufklärung, plötzlich geschlossen wurde. Die Professoren willigten denn auch ein, ihre Vorlesungen abzusagen, wie es die Studenten wünschten; nur einer oder zwei von ihnen setzten ihre Vorlesungen fort, wofür ihnen die Hörer Skandale zu machen begannen. Da griff schließlich die Regierung ein und machte der Sache ein Ende, indem sie den Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.