Sämtliche Werke 11

Part 25

Chapter 253,635 wordsPublic domain

Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; wir haben einander nicht oft im Leben gesehen, es hat zwischen uns auch Mißverständnisse gegeben, doch einmal hat sich mit uns etwas ereignet, und dieses Erlebnis habe ich ihm nie vergessen können. Das war unsere erste Begegnung im Leben. Und als ich ihn nun kürzlich besuchte, begann er, der Kranke, Erschöpfte, gleich nach dem ersten Wort davon zu sprechen, daß er sich jener Tage erinnere. Damals (das war vor dreißig Jahren!), geschah etwas so Jugendliches, Frisches, Gutes, – es war eines jener Ereignisse, die im Herzen der Beteiligten ewig unvergeßlich fortleben. Wir waren damals zwanzig und einige Jahre alt. Ich lebte in Petersburg, nachdem ich schon ein Jahr vorher meinen Abschied als Ingenieur genommen hatte, ohne selbst zu wissen warum, mit den unklarsten und unbestimmtesten Zielen vor mir. Es war im Maimonat, im Jahre fünfundvierzig. Zu Anfang des Winters hatte ich plötzlich meine Erzählung „Arme Leute“ zu schreiben begonnen, meine erste Arbeit, denn bis dahin hatte ich noch nichts geschrieben. Als die Arbeit beendet war, wußte ich nicht, was ich nun tun und wem ich sie geben sollte. Literarische Bekanntschaften hatte ich überhaupt nicht, außer allenfalls D. W. Grigorowitsch, aber der hatte damals selbst noch nichts geschrieben, nur eine kleine Skizze „Petersburger Leiermänner“, die in einem Almanach erschienen war. Ich glaube, er war damals im Begriff, für den Sommer zu den Seinen aufs Land zu fahren und wohnte noch einige Zeit bei Njekrassoff. Als er einmal bei mir war, sagte er: „Bringen Sie doch Ihr Manuskript mit“ (er hatte es selbst noch nicht gelesen): „Njekrassoff will zum nächsten Jahr einen Sammelband herausgeben, ich werde es ihm zeigen“. Ich brachte ihm das Manuskript, sah Njekrassoff einen Augenblick, wir reichten einander die Hand. Ich wurde verlegen bei dem Gedanken, daß ich mit meiner Dichtung gekommen war, und ging so schnell wie möglich fort, fast ohne mit Njekrassoff ein Wort gesprochen zu haben. Ich dachte kaum an einen Erfolg, vor dieser „Partei der Vaterländischen Annalen“ aber – so nannte man sie damals – fürchtete ich mich. Bjelinski las ich zwar schon seit ein paar Jahren mit Entzücken, doch er erschien mir drohend und furchtbar und – „verspotten wird er meine ‚Armen Leute‘!“ hatte ich hin und wieder bei mir gedacht. Jedoch nur hin und wieder: denn geschrieben hatte ich sie mit Leidenschaft, ja fast unter Tränen. „Sollte nun wirklich alles das, sollten alle diese Stunden, die ich mit der Feder in der Hand über dieser Erzählung durchlebt habe, – sollte das wirklich alles Lüge, Einbildung, unwahres Gefühl gewesen sein?“ Aber so dachte ich natürlich nur in kurzen Augenblicken, denn das Mißtrauen und die Zweifel waren stets gleich wieder da. Am Abend desselben Tages, an dem ich das Manuskript abgegeben hatte, ging ich zu einem weitab wohnenden ehemaligen Kameraden; wir sprachen die ganze Nacht über die „Toten Seelen“ und lasen sie, ich weiß nicht zum wievielten Mal. Damals war das so gang und gäbe unter den jungen Leuten: kamen zwei oder drei zusammen, hieß es bald: „Wollen wir nicht etwas im Gogol lesen, meine Herrschaften?“ – und man setzte sich und las, und zwar meist gleich die ganze Nacht durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die gleichsam von irgend etwas durchdrungen waren, und es war, als erwarteten sie alle irgend etwas. Erst gegen vier Uhr kehrte ich nach Hause zurück, in einer weißen, fast taghellen Petersburger Nacht. Es war wunderbar warmes Wetter, und als ich in meine Wohnung kam, legte ich mich nicht schlafen, sondern öffnete das Fenster und setzte mich dort am offenen Fenster hin. Plötzlich klingelt es – ich wunderte mich nicht wenig. Doch da stürzen schon Grigorowitsch und Njekrassoff herein, fallen über mich her, umarmen mich mit wahrer Begeisterung und es fehlt nicht viel, daß sie beide in Tränen ausbrechen. Sie waren am Abend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die Hand genommen und zu lesen angefangen, nur so zur Probe: „nach zehn Seiten wird man schon sehen“. Doch nachdem sie zehn Seiten gelesen hatten, beschlossen sie, weitere zehn zu lesen, dann aber lasen sie schon ohne Unterbrechung die ganze Nacht durch bis zum Morgen, laut und sich gegenseitig ablösend, wenn der eine ermüdete. „Er liest da vom Tode des Studenten,“ erzählte mir Grigorowitsch später, als wir allein waren, „und da, an der Stelle, wo der Vater dem Sarge nachläuft, merke ich, Njekrassoffs Stimme schwankt, einmal, das zweitemal, und plötzlich hält er’s nicht aus und schlägt mit der flachen Hand aufs Manuskript: ‚Ach, daß ihn doch!‘ – damit meinte er Sie, und so ging’s die ganze Nacht!“ Als sie zu Ende gelesen hatten (sieben Druckbogen!), beschlossen sie einstimmig, sofort mich aufzusuchen: „Was tut’s, daß er schläft, wir wecken ihn auf, _das_ ist höher als Schlaf!“ – Später, als ich den Charakter Njekrassoffs schon kannte, habe ich mich oft über jene Stunde gewundert: er ist doch von Natur ein verschlossener, fast mißtrauischer Mensch, vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er mir immer erschienen, und danach zu urteilen, muß jener Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit der Durchbruch eines tiefsten Gefühls gewesen sein. Sie blieben damals ungefähr eine halbe Stunde bei mir, und in dieser halben Stunde sprachen wir Gott weiß was alles durch, verstanden einander schon nach halben Worten, uns überstürzend, sprachen mehr in Ausrufen als in Sätzen, hastend: sprachen auch von der Dichtkunst, auch von der Wahrheit, auch von der „damaligen Lage“, natürlich auch von Gogol, zitierten aus seinem „Revisor“ und aus den „Toten Seelen“, aber das wichtigste war Bjelinski. „Ich bringe ihm noch heute Ihr Manuskript und Sie werden sehen – das ist ein _Mensch_, wenn Sie wüßten, was das für ein Mensch ist! Sie werden ihn ja kennen lernen, dann werden Sie selbst sehen, was das für eine Seele ist!“ sagte Njekrassoff, der mich mit beiden Händen an den Schultern hielt und schüttelte, einfach mit Begeisterung. „Na, aber jetzt schlafen Sie, schlafen Sie, wir gehen schon, morgen aber sofort zu uns!“ – Als ob ich danach hätte schlafen können! Welch ein Entzücken das war, – solch ein Erfolg! Doch vor allem – das Gefühl war mir teuer, ich weiß noch genau: „Ein anderer hat Erfolg, nun, man lobt ihn, begegnet ihm, man beglückwünscht; aber die hier kamen doch mit Tränen in den Augen hergelaufen, um vier Uhr morgens, um mich aufzuwecken, denn ‚das ist höher als Schlaf‘! ... Ach, – wie ist das schön!“ Das war es, was ich damals dachte, wie hätte ich da schlafen können!

Njekrassoff brachte das Manuskript noch am selben Tage zu Bjelinski. Er verehrte Bjelinski über alle Maßen und ich glaube, er hat ihn sein Leben lang von allen am meisten geliebt. Damals hatte Njekrassoff noch nichts von solcher Bedeutung geschrieben, wie es ihm erst bald darauf, im folgenden Jahre, gelang. Soviel ich weiß, war Njekrassoff als Sechzehnjähriger nach Petersburg gekommen, ganz allein. Und geschrieben hatte er auch schon fast seit seinem sechzehnten Lebensjahre. Über seine Bekanntschaft mit Bjelinski weiß ich nicht viel, aber Bjelinski hat ihn sofort, schon beim ersten Anfang richtig eingeschätzt und die Stimmung seiner ganzen Kunst vielleicht stark beeinflußt. Sicherlich hatte es zwischen ihnen bereits damals, trotz der Jugend Njekrassoffs und ihres Altersunterschiedes, schon Augenblicke gegeben und waren schon Worte gefallen, die fürs ganze Leben beeinflussen und untrennbar verbinden.

„Ein neuer Gogol ist erschienen!“ rief Njekrassoff laut, als er mit meinen „Armen Leuten“ bei Bjelinski eintrat. „Bei Euch wachsen ja die Gogols wie die Pilze,“ bemerkte Bjelinski in strengem Ton, aber er nahm doch das Manuskript. Als Njekrassoff am Abend wieder zu ihm kam, empfing Bjelinski ihn „einfach in Aufregung“: „Bringen Sie ihn mir, bringen Sie ihn so schnell wie möglich her!“

Und da brachten sie mich denn (das war also schon am dritten Tage) zu ihm. Ich weiß noch, daß mich auf den ersten Blick sein Äußeres sehr frappierte, seine Nase, seine Stirn; ich hatte ihn mir, ich weiß nicht warum, ganz anders vorgestellt, „diesen furchtbaren, diesen schrecklichen Kritiker.“ Er empfing mich ungeheuer ernst und zurückhaltend. „Nun was, vielleicht ist das gerade das Richtige,“ dachte ich, aber es verging, ich glaube, noch nicht einmal eine Minute und schon verwandelte sich alles: der Ernst war nicht die vorbedachte Haltung einer berühmten Persönlichkeit, eines großen Kritikers, der einen zweiundzwanzigjährigen Neuling empfing, sondern dieser Ernst entsprang sozusagen seiner Achtung vor jenen Gefühlen, die er so schnell wie möglich in mich ergießen wollte, vor jenen schweren Worten, die mir zu sagen er sich selbst hetzte. Er begann flammend zu sprechen, sah mich mit glühenden Augen an: „Ja, begreifen Sie denn überhaupt selbst,“ wiederholte er mehrere Male, nach seiner Gewohnheit stoßweise schreiend, „was Sie da geschrieben haben!“ Er schrie immer so, wenn er mit starkem Gefühl sprach. „Sie haben nur mit unmittelbarem Instinkt, nur als Künstler das schreiben können, aber haben Sie das alles auch mit dem Verstande erfaßt, diese ganze furchtbare Wahrheit, auf die Sie uns hinweisen? Es ist nicht möglich, daß Sie mit Ihren zwanzig Jahren das schon begriffen hätten. Ja dieser unglückliche Beamte, den Sie da gezeichnet haben, – der ist doch durch das ewige Dienen schon dahin gekommen –, hat sich ja selber schon dahin gebracht, daß er sich vor lauter Unterwerfung nicht einmal mehr für unglücklich zu halten wagt und auch die geringste Klage fast schon für Freidenkerei ansieht, ja, der sich sogar das Recht, sich unglücklich zu fühlen, nicht einmal mehr zuzusprechen wagt, und als ihm ein guter Mensch, sein General, jene 100 Rubel gibt – da ist er zermalmt, vernichtet vor Verwunderung, daß einen solchen Menschen wie er ‚Ihre Exzellenz‘ haben bemitleiden können, nicht ‚Seine Exzellenz‘, sondern ‚Ihre Exzellenz‘, wie er sich bei Ihnen ausdrückt! Und dieser abgerissene Knopf, dieser Augenblick, wo er dem General die Hand küßt, – ja da ist doch nicht mehr Mitleid mit diesem Unglücklichen, sondern Grauen, Grauen! Gerade in dieser seiner Dankbarkeit liegt das Grauen! Das ist eine Tragödie! Sie haben hier das Wesen der Sache, den Kern selbst berührt, das Allerwichtigste mit einem Blick gezeigt. Wir Publizisten und Kritiker, wir deuteln bloß, wir bemühen uns, mit Worten das klar zu machen, Sie aber, der Künstler, Sie stellen mit einem einzigen Zug sofort bildlich greifbar das Wesen selbst der Sache hin, daß man es mit der Hand befühlen kann, daß auch einem Leser, der überhaupt nicht zu denken gewohnt ist, alles sofort verständlich ist! Das ist das Geheimnis des Künstlertums, das ist die Wahrheit in der Kunst! Da steht der Künstler im Dienst der Wahrhaftigkeit! Ihnen ist die Wahrheit offenbar und kund, als einem Künstler, Sie haben das als eine Gabe mitbekommen, schätzen Sie nun Ihre Gabe, bleiben Sie _treu_, und Sie werden ein großer Künstler sein!“

Alles das sagte er damals zu mir. Alles das sagte er später über mich auch vielen anderen, die heute noch leben und es bezeugen können. Ich verließ ihn wie in einem Rausch. Ich blieb an der Ecke seines Hauses stehen, sah den Himmel über mir, sah den hellen Tag, sah die vorübergehenden Menschen an und fühlte voll und ganz, empfand mit meinem ganzen Wesen, daß in meinem Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, eine Scheidung für immer, daß etwas ganz Neues begann, jedoch etwas, das ich auch in meinen leidenschaftlichsten Träumen nicht gedacht hatte. (Und ich war damals ein schrecklicher Träumer.) „Sollte es wahr sein, bin ich denn wirklich so groß?“ dachte ich schamhaft in einer Art schüchterner Entzückung. Oh, lachen Sie nicht, nachher habe ich niemals mehr gedacht, daß ich groß sei, doch damals – konnte man denn das so ertragen! „Oh, ich will dieses Lobes würdig werden! Und was für Menschen das sind, was für Menschen! Ja, das sind Menschen! Ich werde mir dieses Lob verdienen, ich werde mir Mühe geben, auch ein so wunderbarer Mensch zu werden wie sie, ich werde ‚_treu_ bleiben‘! Oh, wie bin ich noch leichtsinnig, und wenn Bjelinski nur erführe, was für nichtsnutzige, schändliche Dinge in mir sind! Und dabei reden die Leute immer davon, daß diese Literaten stolz seien, eigenliebig und ehrgeizig. Übrigens, es gibt ja überhaupt nur diese Menschen in Rußland, nur sie allein zählen. – Sie stehen zwar allein, doch nur bei ihnen ist Wahrhaftigkeit, diese aber und das Gute und Wahre siegen und triumphieren immer über das Laster und das Böse, also werden wir siegen! – Oh, zu ihnen, mit ihnen!“

Alles das dachte ich damals, ich erinnere mich jenes Augenblicks noch mit der größten Klarheit. Und ich habe ihn später niemals vergessen können. Es war das der berauschendste Augenblick meines ganzen Lebens. Wenn er mir in der sibirischen Katorga einfiel, richtete er mich geistig wieder auf. Noch jetzt denke ich jedesmal mit Entzücken daran zurück. Und nun kürzlich, nachdem dreißig Jahre darüber vergangen sind, hat sich mir dieser ganze Augenblick gleichsam wieder vergegenwärtigt, als ich am Bette des kranken Njekrassoff saß: es war mir, als erlebte ich alles das von neuem. Ich erinnerte ihn nicht ausführlich an das Gewesene, ich erwähnte nur, daß wir einmal etwas gemeinsam erlebt hatten, und da sah ich, wie er sich dessen auch ohne meine Erwähnung erinnerte. Eigentlich wußte ich das schon. Als ich aus der Katorga zurückgekehrt war, hatte er auf eines seiner Gedichte hingewiesen, in einem Bande: „Das habe ich damals auf Sie gedichtet.“ Und doch haben wir das ganze Leben getrennt verbracht. Auf seinem Schmerzenslager gedenkt er jetzt in seinen „letzten Liedern“ der schon toten Freunde:

„Unvollendet blieben ihre Lieder. Starben sie doch durch Verrat in der Blüte der Jahre. Bosheit zerbrach sie. _Vorwurfsvoll_ sehen die Bilder der Toten von stummen Wänden mich an.“

Ein schweres Wort ist hier dieses „_vorwurfsvoll_“. Sind wir denn „treu“ geblieben, sind wir es geblieben? Möge das ein jeder nach eigenem Wissen und Gewissen selbst entscheiden ...

Fußnoten

[1] Den Namen dieser Kinderfrau finden wir im Roman „Die Dämonen“, und in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ kommt Dostojewski einmal ausführlich auf sie zu sprechen (s. Bd. 23 der deutschen Ausgabe), wie auch auf den leibeigenen Bauer Marei (Bd. 13 und 18 der deutschen Ausgabe). E. K. R.

[2] Familiäre Abkürzung von Fjodor. E. K. R.

[3] Den Namen finden wir in D.s letztem Roman „Die Brüder Karamasoff“. E. K. R.

[4] Alexander Wojeikoff, Satiriker, lebte von 1778 bis 1839. E. K. R.

[5] Puschkin ist am 10. Febr. 1837 qualvoll gestorben – an einer Verwundung, die er im Duell mit einem Gardeoffizier davongetragen, der seiner schönen Frau den Hof gemacht hatte. E. K. R.

[6] S. Band 24 der Ausgabe. E. K. R.

[7] Zögling einer Militär-Ingenieurschule. Eine Art Kadett. E. K. R.

[8] Siehe die „Vorbemerkung“ zu diesem Bande. E. K. R.

[9] Sein Klassenkamerad D. W. Grigorowitsch schreibt in seinen Erinnerungen an Dostojewski (s. Vorbemerkung) nach der Erwähnung ihres durch die Lektüre angeregten Gedankenaustausches, der ihm jede Lust zum Lernen nahm: „Auch Dostojewski gehörte nicht zu den besten Schülern. Vor den Prüfungen machte er immer die größten Anstrengungen, um versetzt zu werden. Das gelang ihm nicht immer: bei einer Prüfung fiel er einmal durch und blieb sitzen. Dieser Mißerfolg erschütterte ihn so sehr, daß er erkrankte und einige Zeit im Lazarett liegen mußte.“ E. K. R.

[10] Nach der Angabe von Dostojewski’s Tochter habe er braune Augen gehabt.

[11] Ein Mitschüler Dostojewskis aus dem Pensionat Tschermak; er war damals Beamter im Finanzministerium, schrieb Gedichte, nahm sich eine unglückliche Liebe sehr zu Herzen und verkam später infolge von Trunksucht. E. K. R.

[12] Dies bestätigen auch die Notizbuchaufzeichnungen seiner Frau. O. M.

[13] Hundertundfünfzig Rubel. O. M.

[14] Gemeint ist der Vormund und dessen Familie. O. M.

[15] Der jüngere Bruder blieb bis zum Dezember 1842 bei ihm. E. K. R.

[16] Dmitri Wassiljewitsch Grigorowitsch (1822–99), Romanschriftsteller. Entdecker der russischen Bauern für die russische Literatur. Urteil Ssaltykoffs über seine beiden ersten (1847) Erzählungen „Das Dorf“ und „Anton Goremyka“: „Durch Grigorowitsch blieb der Gedanke, daß es den Bauern gibt und daß auch er ein Mensch ist, fest in der russischen Dichtung und russischen Gesellschaft verwurzelt“. Siehe im übrigen die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis und die ihnen beigegebenen Berichte der Zeitgenossen. E. K. R.

[17] Welches Drama er hiermit meint, läßt sich nicht feststellen, ebensowenig wo dieses Manuskript, wie das der unbeendeten Dramen „Maria Stuart“ und „Boris Godunoff“, geblieben ist. O. M.

[18] In Gogols Komödie „Der Revisor“ ist Chlestakoff – ein Petersburger Dandy, der in einer Provinzstadt aus Geldmangel seine Reise aufs Land nicht fortsetzen kann – schließlich darauf gefaßt, daß man ihn wegen seiner Schulden ins Gefängnis bringen werde. Dem entgeht er auch nur, weil man plötzlich in ihm den erwarteten Revisor vermutet. E. K. R.

[19] Nikolai Alexejewitsch Njekrassoff (1821–1877), lyrischer Dichter, von 1846–66 Herausgeber der literarischen Monatsschrift „Der Zeitgenosse“. Zwischen ihm und Dostojewski trat schon Ende 1846 eine Entfremdung ein – man sagte ihm gar zu großen Geschäftssinn nach. Die liberale Richtung des „Zeitgenossen“ führte später (1863) zur Gegnerschaft der Monatsschrift „Die Zeit“, die von den Brüdern Dostojewski herausgegeben wurde. E. K. R.

[20] Wissarion Grigorjewitsch Bjelinski (1810–1848), der bedeutendste und einflußreichste Kritiker, Westler extrem-liberaler Richtung. E. K. R.

[21] Im vorliegenden Bande. E. K. R.

[22] Alexander Herzen (1812–1870) stand damals, in den Jahren zwischen seiner Verbannung nach Wjätka und seiner Emigration nach Europa, in seiner „russischen Periode“ und veröffentlichte u. a. den Roman „Wer ist schuld?“ E. K. R.

[23] Iwan Gontscharoff (1812–1890) schrieb damals seinen ersten großen Roman „Eine gewöhnliche Geschichte“. E. K. R.

[24] Von anderer Seite (N. Hoffmann, „Dostojewski“) wird hierzu bemerkt, daß der Umzug in diese billigeren Zimmer unterblieben ist. E. K. R.

[25] Der jung, im Jahre 1847, gestorbene Ästhetiker, Sohn des Malers und Bruder des Lyrikers. E. K. R.

[26] Klassizistischer Lyriker, dessen erste Gedichtsammlung 1841 erschienen war. E. K. R.

[27] Von Dostojewski im Jahre 1848 vollendet, also in der Zeit, als er die hier erwähnten Petersburger Kreise besuchte, deren einer der Petraschewskikreis war. E. K. R.

[28] Siehe „Menschen von damals“ im vorliegenden Bande. Siehe ferner Dostojewskis Äußerungen und Ausbrüche der Empörung über Bjelinski in den „Literarischen Schriften“. Sehr scharf äußert sich Dostojewski über den antichristlich gesinnten Kritiker u. a. in einem leider spurlos verschwundenen Artikel „Meine Bekanntschaft mit Bjelinski,“ dessen N. N. Strachoff sich erinnert, sowie in einem Briefe vom 18. Mai 1870 an Strachoff (siehe die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis), und gelegentlich in seinen Romanen, besonders in den „Dämonen“. Dostojewski brach den persönlichen Verkehr mit Bjelinski schon im letzten Jahre vor dem Tode des Kritikers (1848) ab. E. K. R.

[29] Lorenz von Steins „Der Sozialismus und Communismus des heutigen Frankreich“ erschien 1848. O. M.

[30] Von Haxthausens Studien über die inneren Zustände des Völkerlebens und die ländlichen Einrichtungen Rußlands, die zum ersten Male mit dem Mir bekannt machten, erschienen von 1847 bis 1852. E. K. R.

[31] Louis Blancs „_Histoire de dix ans_“{[4]} erschien 1840. E. K. R.

[32] Fouriers Idee der Phalanstère war in den dreißiger Jahren propagiert worden, Fourier selbst bereits 1837 gestorben. E. K. R.

[33] Proudhons „Was ist Eigentum?“ erschien 1840. E. K. R.

[34] Literaturkritiker und Kulturhistoriker. Verfasser von „Erinnerungen an Dostojewski“ (siehe die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis). E. K. R.

[35] Siehe die „Dämonen“, die in vieler Beziehung autobiographisch sind. Die Verpflichtung, die in dem Roman ein Jeder der politischen Verschwörer vor seiner Aufnahme in den „Kreis“ einer „Fünf“ eingehen muß, stimmt inhaltlich mit einem Entwurf für eine zu gründende Geheimgesellschaft überein, den der Petraschewze N. Speschnjoff verfaßt hatte. Nach der Aussage, die N. Speschnjoff später beim Verhör machte, war die Skizze von ihm im Auslande entworfen worden, als er, da er sich studienhalber mit den geschichtlichen Geheimbünden überhaupt befaßt habe, auf den Gedanken gekommen sei, einen ähnlichen Bund in Rußland zu gründen. Die „Geschichte der Geheimbünde“, die er begonnen habe, sei von ihm später vernichtet worden. Nur dieses einzelne Blatt habe sich, von ihm selbst ganz vergessen, unter seinen sonstigen Papieren erhalten. Es sei in Rußland niemandem gezeigt worden. O. M.

[36] Moskauer Gelehrter aus dem Kreise der eng-nationalen slawophilen Romantiker und Orthodoxen. E. K. R.

[37] Hier sei erwähnt, daß auch heute (1882) L. Beaulieu ... eine Übereinstimmung unserer „Sozialisten“ und „Slawophilen“ in ihrem „gemeinsamen Abscheu vor der europäischen Gesellschaft“ erblickt. O. M.

[38] Sergej Duroff, Petraschewze, Mittelpunkt eines besonderen „Kreises.“ E. K. R.

[39] Alexander Palm, gleichfalls Petraschewze, wie die Träger der weiterhin genannten Namen. E. K. R.

[40] In den Anklageakten wird von dem „Petraschewzen“ Ippolit Desbut gesagt, er habe die Absicht gehabt, Fourier zu übersetzen. Desbut bestreitet das: an eine regelrechte Übersetzung wäre gar nicht zu denken gewesen, da Fourier für das lesende Publikum viel zu schwer sei. O. M.

[41] Alexander Chanykoff, gleichfalls „Petraschewze“, gehörte dem Kreise an, der sich innerhalb der Studentenschaft gebildet hatte. Die Zugehörigen dieses Kreises wurden „die Fourieristen“ genannt. E. K. R.

[42] Wassili Golowinski, Petraschewze. E. K. R.

[43] Diesen feudalen Standpunkt eines Teiles der Großgrundbesitzer läßt Dostojewski später in den „Dämonen“ in der Stellungnahme des Adels zu dem Manifest vom 19. Februar 1861, mit dem Alexander II. die Leibeigenschaft endlich aufhob, durchblicken. E. K. R.

[44] Schriftsteller, gleichfalls Petraschewze. E. K. R.

[45] Allerdings gab es unter den Dekabristen auch einzelne, die weiter sahen – z. B. Rylejeff (es geht das Gerücht, auch Pestel habe an Zuteilung von Land gedacht). Aber sie alle wollten als erstes die _Konstitution_, bei einer solchen aber wäre natürlich die Minderheit, die in die Zuteilung von Land eingewilligt hätte, der Mehrheit gegenüber machtlos gewesen. O. M.

[46] Radischtscheff, Verfasser der „Reise von Petersburg nach Moskau“, die zum ersten Male auf die furchtbaren Leiden der leibeigenen Bauern hinwies, ein ganz unpolitisches, ein rein sentimentales Buch, für das der Verfasser zum Tode verurteilt und dann zur Verbannung nach Sibirien begnadigt wurde. E. K. R.

[47] Vgl. „Eine der zeitgemäßen Fälschungen“ in dem vorliegenden Bande. E. K. R.

[48] Felix Toll, Petraschewze. E. K. R.

[49] Alexander Pleschtschejeff, Petraschewze. E. K. R.

[50] Iwan Jastrshemski, Petraschewze. E. K. R.

[51] Nikolaus Speschnjoff, Petraschewze. E. K. R.

[52] Petraschewzen. E. K. R.

[53] Eine Redensart, seit im Jahr 1597 Zar Boris Godunoff den Befehl erließ, daß vom nächsten Georgian die Freizügigkeit der Bauern aufzuhören habe, wodurch der Grund zur Leibeigenschaft gelegt wurde. Diese Redensart besagt soviel wie: „Da haben wir die Bescherung.“ E. K. R.