Sämtliche Werke 11

Part 20

Chapter 203,582 wordsPublic domain

Doch nun noch zwei Worte über _Gustave_. _Gustave_ ist natürlich nichts anderes, als was auch der Bourgeois ist, nämlich Kommis, Kaufmann, Beamter, _homme de lettres_,{[19]} Offizier. _Gustave_ ist der bloß noch unverheiratete, sonst aber genau derselbe Bribri. Doch das ist nicht die Hauptsache; die ist vielmehr: als was _Gustave_ sich jetzt verkleidet, womit er sich jetzt drapiert, was er vorstellt, was für Federn ihn schmücken. Das Ideal des Liebhabers verändert sich entsprechend dem Zeitgeist und spiegelt sich auf der Bühne immer in der Gestalt, in der er in der Gesellschaft gerade umgeht. Der Bourgeois liebt nun zwar besonders das Vaudeville, aber noch mehr liebt er das Melodrama. Das anspruchslose, heitere Vaudeville (nebenbei bemerkt: das einzige Kunsterzeugnis, das sich nahezu in überhaupt keinen fremden Boden verpflanzen läßt, sondern nur auf dem Boden gedeiht, auf dem es entstanden ist, nämlich in Paris) – das Vaudeville vermag den Bourgeois zwar zu fesseln, aber es befriedigt ihn doch nicht vollständig. Er nimmt es immerhin nicht ernst. Was er braucht, ist Erhabenes, er braucht unaussprechlichen Edelmut, er braucht Gefühlvolles, und alles das bietet ihm das Melodrama. Ohne Melodrama kann der Pariser einfach nicht leben. Das Melodrama wird deshalb auch nicht aussterben, solange es den Bourgeois gibt. Um so beachtenswerter ist es, daß jetzt selbst das Vaudeville sich zu verändern anfängt. Es ist freilich wie immer heiter und von überwältigender Komik, aber jetzt beginnt sich ihm doch schon stark ein anderes Element beizumischen, und zwar – Moral. Der Bourgeois liebt nämlich außerordentlich, und hält’s jetzt für die heiligste und notwendigste Verrichtung, bei jeder passenden Gelegenheit sich selbst und seiner Bisch gute Lehren und Moral zu predigen. Nicht zu vergessen: der Bourgeois herrscht jetzt unumschränkt; er ist eine Macht; jene Leutchen aber, die die Vaudevilles und Melodramen liefern, sind immer Lakaien und schmeicheln immer der Macht. Also aus diesem Grunde geschieht es nun, daß der Bourgeois auf der Bühne jetzt immer als Sieger hervorgeht, selbst dann, wenn er als komische Figur auftritt, und deshalb wird ihm zu guter Letzt auch immer vermeldet, daß alles in Ordnung sei. Es ist anzunehmen, daß solche Berichte den Bourgeois tatsächlich beruhigen. Stellt sich doch bei jedem ängstlichen Menschen, der von dem Erfolge seiner Sache nicht ganz überzeugt ist, das quälende Bedürfnis ein, sich überzeugen, ermutigen, beruhigen zu lassen. Ja, ein solcher Mensch beginnt sogar, abergläubisch an günstige Vorbedeutungen zu glauben. Genau so verhält es sich auch mit dem Bourgeois. Zu einem Melodrama aber gehören erhabene Züge und erhabene Lehren. Da handelt es sich schon nicht mehr um irgendwelchen Humor; da ist es bereits der pathetische Triumph alles dessen, was Bribri so liebt und was ihm so sehr gefällt. Am meisten gefällt ihm politische Zufriedenheit und das Recht, Geld zusammenzuscharren zwecks besserer Ausstattung des eigenen Heims. In diesem Sinne werden also jetzt auch die Melodramen verfaßt. Und dementsprechend wird jetzt auch _Gustave_ gezeichnet. Und je nach dem wie _Gustave_ gezeichnet ist, kann man immer mit Sicherheit feststellen, was Bribri im Augenblick für das Ideal unaussprechlichen Edelmuts hält. Früher – das ist schon lange her – erschien _Gustave_ als Dichter, Künstler, verkanntes Genie, verfolgt, gequält durch Ungerechtigkeiten. Er kämpfte lobenswert und es endete immer damit, daß die Frau _Vicomtesse_, die sich im geheimen um ihn verzehrt, doch zu der er sich verachtend-gleichgültig verhält, ihn schließlich mit ihrer Pflegetochter _Cécile_ vermählt, mit _Cécile_, die zunächst keinen Sou hat, doch plötzlich, wie sich herausstellt, ein riesiges Vermögen besitzt. _Gustave_ rebelliert gewöhnlich und will von Geld nichts wissen. Doch siehe, plötzlich hat sein Bild auf der Kunstausstellung den glänzendsten Erfolg und alsbald stürzen drei lächerliche Mylords in seine Wohnung und bieten ihm je hunderttausend Franken für sein nächstes Bild. _Gustave_ macht sich mit Verachtung lustig über alle drei und erklärt in bitterer Verzweiflung, daß alle Menschen Schurken seien, seines Pinsels nicht wert, erklärt, daß er nie und nimmer die Kunst, die heilige Kunst zur Profanation den Pygmäen ausliefern werde, diesen Zwergen, die bis heut noch nicht begriffen haben, wie groß Er ist. Aber da stürzt die _Vicomtesse_ herein und erklärt, _Cécile_ sterbe vor Liebe zu ihm, und daß er deshalb das Bild malen müsse. Da erst errät _Gustave_, daß die _Vicomtesse_, seine Feindin, dank welcher bisher kein einziges seiner Bilder in die Ausstellung gelangt war, ihn im geheimen liebt; daß sie sich nur aus Eifersucht an ihm gerächt hat. Natürlich nimmt _Gustave_ nun gleich von allen drei Mylords das Geld, schimpft sie noch einmal aus, womit sie sehr zufrieden sind, eilt darauf zu _Cécile_, willigt ein, ihre Million mitzuheiraten, verzeiht der _Vicomtesse_, die nun auf ihr Gut zurückkehrt, und nachdem er sich vorschriftsmäßig hat trauen lassen, beginnt er sich Kinder zuzulegen, einen Hausrock aus Flanell, einen _bonnet de coton_{[57]} und abends mit Mabisch um die tugendsamen Springbrünnlein zu spazieren, deren sanftes Wasserplätschern ihm, versteht sich, nur die Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und Ruhe seines Erdenglückes zu Bewußtsein bringt.

Mitunter kommt es auch vor, daß _Gustave_ nicht ein Kommis ist, sondern irgendein verfolgter, verprügelter Waisenknabe, jedoch einer, der innerlich von unaussprechlichstem Edelmut erfüllt ist. Plötzlich aber stellt sich heraus, daß er keineswegs ein Waisenknabe, sondern der rechtmäßige Sohn und Erbe eines Rothschild ist. Millionen fallen ihm zu. Doch _Gustave_ lehnt stolz und mit Verachtung sämtliche Millionen ab. Warum? – Ja, das ist nun mal so wegen der Redekunst vonnöten. Doch siehe, plötzlich stürzt _Madame Beaupré_ herein, die Gattin des Bankiers, bei dem er eine Anstellung hat und die in ihn verliebt ist. Sie erklärt ihm, daß _Cécile_ sogleich vor Liebe zu ihm sterben werde und daß er sie retten müsse. _Gustave_ errät, daß _Madame Beaupré_ in ihn verliebt ist, nimmt die abgelehnten Millionen an und nachdem er alle mit den gemeinsten Worten beschimpft hat, weil es im ganzen Menschengeschlecht nicht noch einmal soviel unaussprechlichen Edelmut gibt, wie in ihm, begibt er sich zu _Cécile_ und verbindet sich mit ihr. Die Bankiersfrau reist auf ihr Gut, Herr _Beaupré_ triumphiert, da seine Frau, die sich am Rande des Verderbens befand, rein und makellos geblieben ist, _Gustave_ aber setzt Kinder in die Welt und spaziert abends um die tugendsamen Springbrünnlein, deren sanftes Wasserplätschern ihm nur usw., usw. zu Bewußtsein bringt.

Gegenwärtig wird der unaussprechliche Edelmut am häufigsten durch einen aktiven Offizier verkörpert, oder durch einen Militäringenieur oder etwas Ähnliches, jedenfalls am häufigsten durch eine Militärperson, die im Knopfloch unbedingt das Band der Ehrenlegion trägt, das mit „eigenem Blut erkauft“ ist. Nebenbei: dieses Bändchen ist etwas Entsetzliches. Jeder Träger desselben brüstet sich mit diesem Bändchen dermaßen, daß ein Zusammensein mit ihm fast unerträglich wird, man kann mit ihm weder in demselben Eisenbahnwagen fahren, noch im Theater neben ihm sitzen, geschweige denn im Restaurant. Es fehlte nur noch, daß er Sie anspuckt, bis zu solcher Schamlosigkeit tut er sich vor Ihnen mit seinem Ordensbande wichtig. Er schnauft, er bläht die Nüstern, so erfüllt ist er von sich selbst, daß Ihnen schließlich übel wird oder die Galle überläuft und Sie nach dem Arzt schicken müssen. Doch den Franzosen gefällt das sehr. Merkwürdig ist ferner, daß im Theater jetzt auch dem _Monsieur Beaupré_ eine schon gar zu auffallende Beachtung, oder mindestens weit mehr Beachtung geschenkt wird als früher. Selbstredend hat _Monsieur Beaupré_ bereits viel Geld in Sicherheit und auch schon sehr viele Sachen und Sächelchen in seinem Besitz. Als Mensch ist er bieder, offenherzig, ein wenig lächerlich mit seinen bourgeoisen Angewohnheiten und infolge des Umstandes, daß er Gatte ist; aber er ist gutmütig, ehrlich, großmütig und von unsagbarem Edelmut in dem Auftritt, in welchem er an dem Argwohn, seine Bisch sei ihm untreu, zu leiden hat. Doch ungeachtet dessen entschließt er sich großmütig, ihr alles zu verzeihen. Natürlich stellt es sich dann heraus, daß sie so unschuldig wie eine Taube ist, daß sie mit ihrem Interesse für _Gustave_ nur gescherzt hat und daß Bribri, dessen Großmut sie aufs tiefste erschüttert, ihr teurer als alles andere ist. _Cécile_ ist natürlich ganz wie immer zu Anfang bettelarm, ist es aber jetzt nur noch im ersten Akt; schon im zweiten stellt es sich heraus, daß sie eine Million besitzt. _Gustave_ ist stolz und gleichfalls wie immer von alles verachtendem Edelmut, nur tut er jetzt viel wichtiger, da er ja nun ein Krieger ist. Das teuerste auf der Welt ist für ihn sein Orden, den er mit seinem „Blut erkauft“ hat; und „_l’épée de mon père_“.{[58]} Von diesem Degen seines Vaters spricht er in jedem Augenblick, immer und überall, bei jeder unpassenden Gelegenheit; man begreift oft gar nicht, um was es sich dabei handelt; er schimpft, entrüstet sich, doch alle machen Bücklinge vor ihm und die Zuschauer weinen und klatschen Beifall (sie weinen buchstäblich). Selbstverständlich hat er keinen Sou, das ist _sine qua non_. _Madame Beaupré_ ist natürlich in ihn verliebt, _Cécile_ gleichfalls, er aber ahnt nicht einmal, daß _Cécile_ ihn liebt. Fünf Akte hindurch hört man _Cécile_ vor Liebe ächzen. Schließlich schneit es oder es geschieht etwas Ähnliches. _Cécile_ will sich aus dem Fenster stürzen. Da fallen plötzlich draußen unter dem Fenster zwei Schüsse, alles eilt herbei: _Gustave_ tritt bleich, mit verbundenem Arm langsam auf die Bühne. Das Ehrenband, das er mit seinem „Blut erkauft“ hat, leuchtet auf seiner Brust. _Céciles_ Verleumder, der sie zu verführen trachtete, ist bestraft. _Gustave_ begreift schließlich, daß _Cécile_ ihn liebt und daß alle diese Widerwärtigkeiten von _Madame Beaupré_ angestiftet worden sind. Doch _Madame Beaupré_ steht jetzt bleich und erschrocken da und _Gustave_ errät, daß auch sie ihn liebt. Plötzlich fällt wieder ein Schuß. Das kann nur ein Schuß von _Beaupré_ sein, der sich das Leben nimmt. _Madame Beaupré_ schreit auf, stürzt zur Tür, doch schon erscheint _Beaupré_ in eigener Person, mit einem erlegten Fuchs in der Hand oder mit einem anderen Tier. Die Lehre ist gut: Mabisch wird sie nie vergessen. Sie schmiegt sich an Bribri, der ihr alles verzeiht. _Gustave_ erfährt aber nun, daß _Cécile_ eine Million besitzt, und er rebelliert von neuem. Er will nicht heiraten. _Gustave_ ziert sich gewaltig, _Gustave_ ergeht sich in Schimpfworten und flucht. Das Fluchen und das Spucken auf die Million ist unbedingt erforderlich; der Bourgeois würde es ihm nicht verzeihen, wenn er das unterließe: sein Bedürfnis nach unaussprechlichem Edelmut käme doch sonst zu kurz, – nur bitte deshalb nicht zu glauben, daß der Bourgeois sich selbst untreu werde! Beruhigen Sie sich: die Million geht dem glücklichen Paar nicht verloren, die Million ist unvermeidlich und erscheint zum Schluß immer in Gestalt einer Belohnung der Tugend. Nein, der Bourgeois wird sich selbst nicht untreu. Natürlich nimmt _Gustave_ zu guter Letzt die Million samt _Cécile_, und dann kommt wieder das Geplätscher der Springbrünnlein, die baumwollene Nachtmütze usw., usw. Auf die Weise gibt es dann sowohl viel Gefühlvolles, wie unaussprechlichen Edelmut mehr als man fassen kann, und dazu den Bourgeois _Beaupré_ als Sieger, der mit seinen Familientugenden alle bis zur Ergriffenheit rührt, und die Hauptsache, die Hauptsache – die Million, die Million als Fatum, als Naturgesetz, dem alle Ehre, aller Ruhm, alle Anbetung gebührt, usw., usw. Bribri und Mabisch verlassen das Theater vollkommen befriedigt, beruhigt und getröstet. _Gustave_ begleitet sie, und während er Mabisch in den Wagen hebt, küßt er ihr heimlich das Händchen ... Kurz, alles geht, wie es muß.

„Tagebuch eines Schriftstellers.“

Aus der Zeitschrift „Der Bürger“ vom Jahre 1873.

Einführung[92].

Am zwanzigsten Dezember erfuhr ich, daß alles schon entschieden und ich nunmehr Redakteur des „Bürger“ war[93]. Dieses außergewöhnliche Ereignis, d. h. außergewöhnlich nur für mich (ich will niemanden beleidigen) – vollzog sich indes auf eine ganz einfache Weise. Und an demselben zwanzigsten Dezember las ich in den „Moskauer Nachrichten“ einen Bericht über die Hochzeit des Kaisers von China, der einen mächtigen Eindruck in mir hinterließ. Dieses großartige und allem Anscheine nach überaus komplizierte Ereignis hat sich nämlich gleichfalls auf eine erstaunlich einfache Weise abgespielt: es war da alles schon seit tausend Jahren vorgesehen und festgesetzt, alles bis in die kleinste Einzelheit, in fast zweihundert Bänden des Zeremoniells. Als ich nun die ganze Größe dieses chinesischen Ereignisses mit meiner Ernennung zum Redakteur verglich, – empfand ich plötzlich eine gewisse Undankbarkeit für unsere vaterländischen Einrichtungen, ungeachtet dessen, daß man mich so leicht bestätigt hatte, und ich dachte bei mir, daß es für uns, d. h. für mich und den Fürsten Meschtscherski, in China ganz unvergleichlich leichter wäre als hier, den „Bürger“ herauszugeben. Dort ist alles so klar ... Wir würden uns beide an dem bestimmten Tage auf dem dortigen Hauptamt für die Presseangelegenheiten einfinden und vertreten. Nachdem wir mit der Stirn auf den Fußboden gestoßen und diesen mit der Zunge geleckt, würden wir aufstehen, die Zeigefinger vor uns in die Höhe heben und zugleich ehrfurchtsvoll die Köpfe neigen. Der Hauptgewalthaber in Sachen der Presse würde natürlich keine Miene verziehen und tun, als schenke er uns nicht die geringste Beachtung, wie irgendwelchen hereingeflogenen zwei Fliegen. Doch der dritte Gehilfe seines dritten Sekretärs würde sich hierauf erheben und, das Diplom meiner Ernennung zum Redakteur in der Hand, mit eindringlicher, jedoch freundlicher Stimme die von den Gesetzen des Zeremoniells hierfür bestimmte Belehrung aufsagen, – eine an sich so klare und so verständliche Belehrung, daß uns beiden das Anhören derselben unsagbar angenehm wäre. Und im Falle ich in China so dumm und so reinen Herzens wäre, daß ich, der Schwäche meiner Fähigkeiten mir wohl bewußt, nun, wo ich mich zur Übernahme einer Schriftleitung anschickte, Angst und Gewissensbisse verspürte, so würde mir sofort bewiesen werden, daß ich doppelt dumm sei, wenn ich solche Empfindungen hegte. Daß ich vielmehr von eben diesem Augenblicke an überhaupt keinen Verstand brauchte, selbst wenn ich einen hätte! Ja, es sei sogar, im Gegenteil, unvergleichlich zuverlässiger, wenn gar keiner vorhanden sei. So etwas aber wäre doch – ohne Zweifel – wirklich höchst angenehm zu hören. Und nachdem der dritte Gehilfe des dritten Sekretärs mit den schönen Worten die Rede geschlossen: „Gehe hin, Redakteur, von nun an kannst du mit neuer Gewissensruhe Reis essen und Tee trinken,“ würde er mir ein schönes Diplom, das auf rotem Atlas mit goldenen Lettern gedruckt ist, überreichen. Fürst Meschtscherski würde eine schwerwiegende Sportel aus seiner Hand gleiten lassen, und dann würden wir beide, nach Hause zurückgekehrt, sogleich die prachtvollste Nummer des „Bürger“ herausgeben, eine, wie wir sie hier niemals herausgeben werden. In China würde es uns vortrefflich gelingen.

Allein ich argwöhne, daß in China Fürst Meschtscherski mich unbedingt mit einem Hintergedanken aufgefordert haben würde, Redakteur zu werden, nämlich hauptsächlich zu dem Zweck, um sich von mir auf dem Hauptamt der Presseangelegenheiten stets dann vertreten zu lassen, wenn er ersucht wird, sich dort einzufinden, um Schläge mit Bambusstäben auf die Fußsohlen in Empfang zu nehmen. Doch ich würde ihn dort schnell überlisten: ich würde sofort aufhören, den „Bismarck“[94] weiter zu drucken, dafür aber selbst vorzügliche Artikel schreiben, – so daß man mich höchstens nach jeder zweiten Nummer zu den besagten Bambusstäbchen rufen würde. Dafür würde ich aber lernen, Artikel zu schreiben.

Dort in China würde ich vorzüglich schreiben; hier ist das bedeutend schwieriger. Dort ist alles vorgesehen und alles vorausberechnet schon auf tausend Jahre; hier dagegen geht alles drunter und drüber noch auf tausend Jahre. Dort würde ich sogar unwillkürlich verständlich schreiben; so daß ich eigentlich nicht weiß, wer meine Artikel überhaupt lesen würde. Hier dagegen ist es, wenn man gelesen werden will, sogar weit ratsamer, unverständlich zu schreiben. Nur in den „Moskauer Nachrichten“ werden die Leitartikel anderthalb Spalten lang geschrieben und sind – sonderbar! – dennoch verständlich; allerdings nur, wenn sie von der bekannten Feder herrühren[95]. In der „Stimme“ dagegen werden sie in einer Länge von acht, von neun, von zwölf und selbst von dreizehn Spalten geschrieben. Daraus ersieht man, wieviel Spalten man hier verschwenden muß, um es durchzusetzen, daß man geachtet wird[96].

Das Sprechen mit anderen, – das ist bei uns eine ganze Wissenschaft. D. h., auf den ersten Blick mag es ja scheinen, daß es hier dasselbe sei wie in China: ganz wie dort gibt es auch bei uns einzelne sehr vereinfachte und rein wissenschaftliche Bräuche. Früher, zum Beispiel, bedeuteten die Worte „ich verstehe nichts davon“ nur, daß der Betreffende, der sie aussprach, dumm war; hingegen jetzt – jetzt bringen sie einem die größte Ehre ein. Man braucht neuerdings nur mit offener Miene und stolz zu sagen: „Ich verstehe nicht die Religion, ich verstehe nichts von Rußland, ich verstehe so gut wie nichts von der Kunst“ – und Sie stellen sich damit sogleich auf eine ganz außergewöhnliche Höhe. Und das ist besonders vorteilhaft, wenn Sie tatsächlich nichts verstehen.

Doch diese vereinfachte Manier beweist nichts. Im Grunde verdächtigt bei uns ein jeder den anderen der Dummheit, ohne jedes Nachdenken und ohne die Frage auch an sich selbst zu richten: „Oder sollte, in der Tat, nicht gerade ich dumm sein?“ Also ein alle befriedigender Zustand, wie man meinen sollte, und doch, siehe da, ist niemand mit ihm zufrieden, sondern alle ärgern sich. Aber Nachdenken in unserer Zeit ist ja auch fast unmöglich: kostet zuviel. Man kauft lieber fertige Ideen. Die werden überall verkauft, sogar unentgeltlich; doch gerade unentgeltlich kommen sie noch teurer zu stehen, und das beginnt man schon zu ahnen. Das Ergebnis ist also: überhaupt kein Gewinn, sondern die Unordnung herrscht nach wie vor.

Freilich, wir sind ein ebensolches China, bloß ohne seine Ordnung. Wir fangen kaum erst mit dem an, was in China schon beendet wird. Zweifellos werden wir einmal zu demselben Ende kommen, aber wann? Um tausend Bände „Zeremonien“ anzunehmen, zwecks endgültiger Erwerbung des Rechts, über nichts mehr nachdenken zu müssen, – dazu müssen wir noch mindestens ein Jahrtausend des Nachdenkens durchleben. Und was sehen wir? – niemand will den Ablauf der Frist beschleunigen, denn niemand will nachdenken.

Hinwiederum: wenn niemand nachdenken will, so muß doch, sollte man meinen, der russische Schriftsteller es um so leichter haben. Ja, das ist allerdings der Fall; und wehe dem Schriftsteller und dem Herausgeber, der in unserer Zeit nachdenkt! Noch schlimmer erginge es dem, der selber lernen und begreifen wollte; doch am schlimmsten ist der daran, der das aufrichtig eingesteht; und wenn er dann gar erklärt, daß er manches schon ein wenig begriffen habe und seinen Gedanken nun aussprechen wolle, so wird er im Handumdrehen von allen verlassen. Ihm bleibt dann nichts anderes übrig, als sich irgendein passendes Menschlein herauszusuchen oder ein solches womöglich zu mieten und sich nur mit diesem Menschen zu unterhalten; vielleicht nur für ihn allein die Zeitschrift herauszugeben.

Eine höchst widerwärtige Lage, denn das ist doch ebensogut wie mit sich selbst sprechen und die Zeitschrift nur zum eigenen Vergnügen herausgeben. Ich vermute stark, daß der „Bürger“ noch lange mit sich allein zum eigenen Vergnügen wird sprechen müssen. Und da bedenke man meinetwegen nur dies Eine, daß nach der medizinischen Wissenschaft Gespräche mit sich selbst Anlage zum Irrsinn bedeuten. Der „Bürger“ muß aber doch unbedingt mit Bürgern sprechen und eben darin besteht sein ganzes Unglück!

Nun wohl, einem solchen Unternehmen habe ich mich jetzt angeschlossen. Meine Lage ist im höchsten Maße unbestimmt. Ich werde also mit mir selbst sprechen und nur zu meinem Vergnügen, – in der Form dieses „Tagebuchs“, gleichviel was dabei herauskommt. Wovon ich sprechen werde? Von allem, was mir auffällt oder was mich zum Nachdenken zwingt. Sollte ich aber einen Leser finden oder – Gott behüte! – gar einen Opponenten, so weiß ich doch, daß man eine Unterhaltung zu führen verstehen und stets wissen muß, mit wem man und wie man spricht. Das zu erlernen werde ich mir Mühe geben, denn bei uns ist das ja am schwersten, ich meine: in der Literatur. Zudem gibt es ja auch verschiedene Opponenten: nicht mit jedem kann man ein Gespräch anfangen. Ich will hierzu eine Fabel erzählen, die ich vor ein paar Tagen hörte. Man sagte mir, es sei eine uralte Fabel, womöglich indischen Ursprungs, was überaus beruhigend ist.

Einmal geriet ein Schwein mit einem Löwen in Streit und forderte ihn zum Duell. Nach Hause zurückgekehrt, besann es sich und bekam Angst. Die ganze Herde versammelte sich, man dachte nach und beschloß also:

„Sieh’, Schwein, hier in der Nähe ist eine gewisse Grube; geh’ hin, wälze dich gründlich in ihr herum und erscheine dann so auf dem Kampfplatz. Du wirst sehen.“

Das Schwein tat wie ihm geheißen. Der Löwe kam, schnupperte, zog die Nase kraus und ging weg. Noch lange nachher rühmte sich das Schwein, daß der Löwe Angst bekommen habe und vom Kampfplatz weggelaufen sei.

Dies die Fabel. Natürlich, Löwen gibt es bei uns nicht, – das Klima ist nicht danach; und es wäre auch gar zu großartig. Doch setzen Sie an die Stelle des Löwen einen anständigen Menschen, der zu sein eines jeden Pflicht ist, und die Moral ist dieselbe.

Übrigens, ich will hier noch ein kleines Erlebnis erzählen.

Einmal, während eines Gesprächs mit dem seligen Herzen[97], äußerte ich mich mit größtem Beifall über eines seiner Werke, – über das Buch „Vom anderen Ufer“. Über dieses Buch hat sich zu meiner aufrichtigen Freude auch M. P. Pogodin[98] – in einem ausgezeichneten und interessanten Artikel über seine Zusammenkunft mit Herzen im Auslande – durchaus lobend geäußert. Dieses Buch ist in der Form eines Gesprächs zwischen dem Autor und seinem Widerpart geschrieben.

„Und besonders gefällt mir daran,“ bemerkte ich unter anderem, „daß Ihr Opponent gleichfalls sehr klug ist. Sie müssen doch zugeben, daß er Sie in vielen Fällen an die Wand drückt.“

„Ja, eben darin liegt ja der ganze Witz,“ sagte Herzen lachend. „Warten Sie, ich werde Ihnen eine Anekdote erzählen. Einmal, als ich in Petersburg war, schleppte mich Bjelinski zu sich, ich mußte mich hinsetzen und einen Artikel anhören, an dem er gerade mit Eifer schrieb: ‚Ein Gespräch zwischen Herrn A. und Herrn B.‘ (Der Artikel ist später in die Gesamtausgabe seiner Werke aufgenommen worden.) In diesem Artikel ist Herr A., natürlich Bjelinski selbst, als ein sehr kluger Mensch gezeichnet, Herr B. dagegen, sein Opponent, als etwas weniger klug. Als er geendet hatte, fragte er mich in fieberhafter Erwartung:

„Nun, was, wie findest du’s?“

„Tja, gut, ganz gut, und man sieht, daß du sehr klug bist, nur – was macht dir denn das für einen Spaß, mit einem solchen Dummkopf deine Zeit zu vergeuden?“

Bjelinski warf sich auf den Diwan, mit dem Gesicht aufs Kissen, und schrie, fast erstickend vor Lachen:

„Erschlagen! Erschlagen!“

Menschen von damals[99].