Part 19
„Wer ist dieser Rechtsanwalt?“ fragte ich einen jungen Studenten, der dort unter den andächtigen Zuhörern mir am nächsten stand. Studenten gab es da eine Menge und alle benahmen sie sich so artig. Der Student sah mich verwundert an.
„Jules Favre!“ sagte er schließlich, sagte es aber mit so verachtendem Mitleid, daß ich mich natürlich ganz verwirrt fühlte. So hatte ich denn Gelegenheit gehabt, die Blüten der französischen Redekunst und ihren Geist sozusagen aus der ersten Quelle kennen zu lernen.
Doch solcher Quellen gibt es eine Menge. Der Bourgeois ist bis in die Fingerspitzen mit Redekunst durchtränkt. Einmal gingen wir ins Pantheon, um die Ruhestätte der großen Männer Frankreichs zu sehen. Es war aber nicht die vorschriftsmäßige Besuchszeit und man verlangte von uns zwei Franken. Darauf nahm der vor Alter zitterige Invalide die Schlüssel und führte uns in die Grabgewölbe. Unterwegs sprach er noch wie ein Mensch, wenn auch aus Mangel an Zähnen ein wenig undeutlich. Doch kaum waren wir unten beim ersten Sarge angelangt, da begann er auch schon zu singen.
„_Ci-gît Voltaire_,{[37]} – _Voltaire_, dieses große Genie des schönen Frankreich – _de la belle France_!{[38]} Er rottete die Vorurteile aus, vernichtete die Unwissenheit, kämpfte mit dem Engel der Finsternis und hielt die Leuchte der Aufklärung hoch. In seinen Tragödien hat er Großes erreicht, obschon Frankreich bereits Corneille besaß.“
Er sprach offenbar auswendig Gelerntes. Irgend jemand wird ihm wohl einmal diese Litanei auf ein Blatt Papier geschrieben haben und die hatte er dann für sein ganzes Leben auswendig gelernt. Sein altes, gutmütiges Gesicht verklärte sich förmlich vor Wonne, als er seinen hohen Stil vor uns ausbreiten konnte.
„_Ci-gît Jean Jacques Rousseau_,“{[39]} fuhr er fort, an einen anderen Sarg tretend. „_Jean Jacques, l’homme de la nature et de la vérité!_“{[40]}
Mich wandelte plötzlich Lachlust an. Durch hochtrabende Rede kann man tatsächlich alles lächerlich machen. Und zudem sah man doch, daß der arme Alte, als er von der _nature_ und der _vérité_{[41]} sprach, selber entschieden keine Ahnung hatte, um was es sich handelte.
„Sonderbar!“ sagte ich. „Von diesen beiden großen Männern hat der eine den andern sein Lebelang einen Lügner und üblen Menschen genannt, und dieser den ersteren wiederum einfach einen Dummkopf. Und nun liegen sie hier fast Seite an Seite.“
„Mßjö, mßjö!“ entfuhr es dem Invaliden – offenbar wollte er mir widersprechen, aber dann tat er es doch nicht, sondern führte uns schneller zu einem anderen Sarkophag.
„_Ci-gît Lannes_,{[42]} der Marschall Lannes,“ begann er von neuem zu singen, „einer der größten Helden Frankreichs, das so überreich mit Helden gesegnet ist. Das war nicht nur ein großer Marschall, der geschickteste Heerführer, ausgenommen den großen Kaiser, sondern ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund ...“
„Nun ja, er war der Freund Napoleons,“ sagte ich, um die Rede abzukürzen.
„Mßjö! Erlauben Sie, daß ich rede,“ unterbrach mich der Invalide mit gleichsam ein wenig gekränkter Stimme.
„Reden Sie, reden Sie nur, ich höre.“
„Ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund des großen Kaisers. Kein anderer von allen seinen Marschällen hatte das Glück, dem großen Manne Freund zu werden. Einzig der Marschall Lannes ward dieser großen Ehre gewürdigt. Als er auf dem Schlachtfelde für sein Vaterland fiel ...“
„Nun ja, ein Geschoß zerschmetterte ihm beide Beine.“
„Mßjö, mßjö! Gestatten Sie doch, daß ich es selber sage,“ rief der Invalide mit fast klagender Stimme. „Sie wissen das vielleicht schon ... Aber so lassen Sie es doch auch mich erzählen!“ – Der wunderliche Alte wollte sich schon gar zu gern reden hören, auch wenn wir alles bereits wußten.
„Als nun der Marschall im Sterben lag,“ fuhr er also von neuem fort, „für sein Vaterland, auf dem Felde der Schlacht, da kam der Kaiser, aufs Tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust ...“
„Um Abschied von ihm zu nehmen,“ plagte es mich wieder, ihm ins Wort zu fallen, aber ich fühlte sogleich, daß es häßlich von mir war; ich schämte mich sogar.
„Mßjö, mßjö!“ sagte der Alte, sah mir mit traurigem Vorwurf in die Augen und schüttelte langsam sein greises Haupt. „Mßjö! Ich weiß, ich bin überzeugt, daß Sie alles das wissen, vielleicht besser wissen als ich. Aber Sie haben doch selber die Führung mir überlassen; also erlauben Sie, daß ich jetzt rede. Es ist auch nicht mehr viel zu sagen ... Da kam der Kaiser, aufs tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust, den er, die Armee und ganz Frankreich erlitten, an das Sterbelager des Marschalls und linderte durch diesen letzten Abschied die grausamen Qualen des vor seinen Augen hinscheidenden Heerführers. – _C’est fini, monsieur_,“{[43]} fügte er mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich hinzu und ging weiter.
„Und hier sind dann noch ein paar Särge: das sind so ... _quelques sénateurs_,“{[44]} bemerkte er gleichmütig, mit einer nachlässigen Kopfbewegung auf die übrigen Sarkophage deutend, die in der Nähe standen. Seine ganze Redekunst hatte sich für Voltaire, Jean Jacques und den Marschall Lannes verschwendet. Das war nun schon ein unmittelbares, ein sozusagen volkliches Beispiel der Liebe des Franzosen zur schönen Redekunst. Sollten wirklich alle die Reden der Redner ihrer Nationalversammlung, des Konvents und der Klubs, an denen das Volk doch fast unmittelbaren Anteil hatte und wo es doch förmlich umerzogen wurde, nur eine einzige Spur in ihm hinterlassen haben – die Liebe zur Redekunst um der Redekunst willen?
Achtes Kapitel.
Bribri und Mabisch.
Und nun die Epousen. Die Epousen führen ein glückseliges Leben, wie gesagt. Übrigens: Sie werden mich gewiß fragen wollen, weshalb ich anstatt „Frauen“ hier immer „Epousen“ sage? Aus Gründen des Stils, meine Herrschaften, nur aus Gründen des Stils. Der Bourgeois pflegt nämlich, wenn er sich vornehm ausdrücken will, stets „_mon épouse_“{[45]} zu sagen. Und wenn auch die anderen Klassen, ganz wie überall in der Welt, einfach „_ma femme_“{[46]} – meine Frau – sagen, so erscheint es mir doch richtiger, dem nationalen Geist der Mehrheit und der höheren Ausdrucksform zu folgen. Es ist charakteristischer. Im übrigen aber gibt es auch noch andere Benennungen. Zum Beispiel, wenn der Bourgeois gefühlvoll wird oder seine Frau betrügen will, so nennt er sie stets „_ma biche_“.{[47]} Und die liebende Frau wiederum nennt in Augenblicken graziöser Tändelei ihren lieben Bourgeois: „_bribri_“ – womit der Bourgeois seinerseits sehr zufrieden ist. Bribri und Mabisch stehen zwar immer in Blüte, gerade jetzt aber blühen sie üppiger denn je. Ganz abgesehen davon, was nun einmal nach allseitiger (und nahezu stillschweigender) Übereinkunft festgestellt ist, nämlich: daß Mabisch und Bribri in unserer vielgestaltigen Zeit das Musterbeispiel der Tugend, Eintracht und des paradiesischen Zustandes der gegenwärtigen Gesellschaft sind, letzteres besonders zur Widerlegung aller schändlichen Faseleien der unsinnigen Kommunistenvagabunden, – also ganz abgesehen davon, und überdies wird Bribri jetzt noch mit jedem Jahre nachgiebiger in Fragen des Ehestandes. Er begreift bereits, daß, mag man auch noch so viel reden oder noch so viele Vorkehrungen treffen, Mabisch doch nicht zu halten ist, daß die Pariserin nun einmal für den Liebhaber geschaffen ward, daß es für einen Ehemann eben ganz unmöglich ist, der Kopfzier zu entgehen, und so schweigt er denn wohlweislich, allerdings nur so lange wie er erst wenig Geld erspart hat und noch nicht viele Sachen und Sächelchen[91] besitzt. Sobald aber sein Besitzstand sich in der einen wie in der anderen Richtung abzurunden beginnt, wird Bribri sogleich bedeutend anspruchsvoller, sintemal er sich dann selber ungemein zu achten anfängt. Nun und dann beginnt er auch den _Gustave_ anders zu beurteilen, namentlich wenn dieser zum Überfluß noch irgendso ein armer Schlucker ist, der nichts weniger als viele Sachen und Sächelchen besitzt. Überhaupt wird ein Pariser, der heiraten will und selber Geld hat, sei es auch noch so wenig, unbedingt eine Braut mit Geld heiraten. Ja, die Mitgift ist für ihn sogar unbedingt die erste Frage und nur wenn es sich herausstellt, daß die Franken und Sachen auf beiden Seiten in gleicher Zahl vorhanden sind, dann erst, aber auch nur dann wird geheiratet. Das pflegt zwar überall vorzukommen, hier aber ist es schon zu einem Gesetz von der Gleichheit der Geldbeutel, ist es zu allgemein anerkannter Sitte geworden. Hat z. B. die Braut nur ein wenig mehr Geld, so wird sie dem Bewerber, der weniger hat, nicht mehr gegeben, sondern es wird für sie ein besserer Bribri gesucht. Liebesheiraten werden immer unmöglicher und gelten fast schon für unanständig. Diese vernünftige Sitte der unbedingten Gleichheit der Geldbeutel oder der Verheiratung des einen Kapitals mit dem anderen Kapital wird nur äußerst selten nicht befolgt, ja, ich glaube, in Frankreich viel, viel seltener als gleichviel wo in der übrigen Welt. Und das Verfügungsrecht über das Vermögen der Frau hat der Bourgeois ganz vortrefflich zu seinen Gunsten festzusetzen verstanden. Das ist denn auch der Grund, weshalb er in vielen Fällen sich dazu versteht, bei Abenteuern seiner Bisch ein Auge zuzudrücken, durch die Finger zu sehen und manche ärgerlichen Dinge nicht zu bemerken, da bei einem Zerwürfnis die Frage der Auszahlung ihrer Mitgift doch recht unangenehm wäre. So kommt es denn, daß, wenn Mabisch sich manchmal eleganter kleidet, als ihre Mittel es gestatteten, Bribri sich innerlich damit zufrieden gibt, selbst wenn er alles bemerkt hat: verlangt sie doch in dem Falle von ihm weniger Toilettengeld. Auch ist Mabisch dann bedeutend verträglicher. Und schließlich, da die Ehe doch größtenteils nur eine Verbindung seines und ihres Geldes ist und man sich um die gegenseitige Zuneigung recht wenig kümmert, so ist auch Bribri nicht abgeneigt, trotz seiner Bisch sich nach anderen Seiten hin umzusehen. Und somit tut man am besten, wenn man sich gegenseitig nicht stört. So gibt es auch mehr Eintracht im Hause und das zärtliche Geflüster der lieblichen Namen Bribri und Mabisch kommt dann zwischen den Gatten viel häufiger vor. Und schließlich, wenn man schon alles sagen soll: auch in dieser Richtung hat Bribri wunderbar für sich vorgesorgt. Der Polizeikommissar steht jeden Augenblick zu seiner Verfügung. So bestimmen es die Gesetze, die er selbst für sich zurecht gemacht hat. Im äußersten Fall, d. h. wenn er die Liebenden _en flagrant délit_{[48]} ertappt, kann er sie beide sogar totschlagen, ohne sich dadurch auch nur der geringsten Strafe auszusetzen. Mabisch weiß das und ist damit durchaus einverstanden. Durch lange Vormundschaft hat man Mabisch soweit gebracht, daß sie nicht einmal murrt oder unzufrieden ist, geschweige denn davon träumt, wie es in manchen barbarischen und komischen Ländern geschieht, z. B. irgend etwas zu lernen, an Hochschulen zu studieren, an Sitzungen teilzunehmen, einem Klub anzugehören und in Ausschüssen zu sitzen, oder gar Abgeordnete zu werden. Nein, Mabisch zieht es vor, in ihrem gegenwärtigen luftigen und sozusagen kanarienvogelmäßigen Stande zu verbleiben. Sie wird geputzt, sie wird behandschuht, sie wird auf die Promenade geführt und spazieren gefahren, sie tanzt, sie nascht Zuckerwerk, äußerlich wird sie wie eine Königin empfangen und äußerlich liegen die Männer vor ihr einfach im Staube. Die Form dieses Verhältnisses ist bewundernswert geschickt und anstandsgemäß durchgebildet. Mit einem Wort, die ritterlichen Formen werden gewahrt, also was will man mehr? _Gustave_ wird ihr ja nicht genommen! Irgendwelche sittlichen, höheren Lebensziele usw. usw. braucht sie nicht: im Grunde ist sie genau so eine Kapitalistenseele und genau so geldgierig wie ihr Mann. Wenn die Kanarienvogeljahre vorüber sind, d. h. wenn sie sich schon auf gar keine Weise noch irgend etwas vortäuschen, wenn sie sich also wirklich nicht mehr für einen Kanarienvogel halten kann und wenn der Gedanke an einen neuen _Gustave_ selbst bei üppigster Einbildungskraft und höchster Eigenliebe schon völlig aussichtslos wird, – dann pflegt Mabisch sich plötzlich, in kürzester Zeit und ganz greulich zu verwandeln. Koketterie, Putzsucht, Munterkeit verschwinden spurlos. Sie wird meistenteils so böse! wird zu einer solchen Wirtschafterin! Sie geht in die Kirchen, spart mit dem Manne Geld und ein eigentümlicher Zynismus schaut auf einmal von allen Seiten hervor: plötzlich stellen sich eine gewisse Müdigkeit, Verdrossenheit, rohe Instinkte ein, hinzu kommt eine Zwecklosigkeit des Daseins, kommen zynische Reden. Sogar in ihrer Kleidung werden manche von ihnen nachlässig und schlampig. Selbstverständlich ist das nicht immer und bei allen der Fall, es gibt natürlich auch andere, lichtere Erscheinungen, o, und selbstredend gibt es auch anderswo, gibt es überall ebensolche gesellschaftlichen Verhältnisse, aber ... aber bei den Franzosen ist das alles bodenständiger, ist es gewissermaßen das Original selber, ist ursprünglicher, ausgeprägter, kurz, alles das ist in Frankreich nationaler. Hier ist die Quelle, ist der Keim jener bourgeoisen gesellschaftlichen Form, die jetzt in der ganzen Welt herrscht – in Gestalt ewiger Nachahmung der großen Nation.
Ja, äußerlich ist Mabisch – eine Königin. Es ist schwer, sich auch nur vorzustellen, von was für einer verfeinerten Höflichkeit, was für einer zudringlichen Aufmerksamkeit sie überall, in der Gesellschaft und auf der Straße, umgeben ist. Doch die wirklich erstaunliche Zweideutigkeit dieser Aufmerksamkeit wird mitunter zu einer so fühlbaren Gemeinheit, daß manch eine ehrliche Seele so etwas einfach nicht ertragen könnte. Die so offensichtliche Falschheit der vorgetäuschten Ehrerbietung würde sie aufs tiefste verletzen. Aber Mabisch ist ja selber eine große Spitzbübin und ... mehr als den Schein verlangt sie doch gar nicht ... Auf ihre Rechnung aber kommt sie dabei doch, und immer wird sie es vorziehen, mit so einem kleinen Betrug auf ihre Rechnung zu kommen, als ehrlich den geraden Weg zu gehen: denn so ist es ihrer Meinung nach für sie sicherer, und es ist auch mehr Spiel dabei. Spiel aber, Intrige – das ist doch das wichtigste für Mabisch; das ist ja die Hauptsache. Dafür – wie kleiden sie sich, wie verstehen sie auf der Straße zu gehen! Mabisch ist manieriert, geziert, in allem unnatürlich, aber gerade das ist es ja, was bestrickt, besonders gewisse blasierte und mehr oder weniger verdorbene Männer, die den Geschmack an frischer, unmittelbarer Schönheit verloren haben. Geistig ist Mabisch äußerst wenig entwickelt; Verstand und Herz sind bei ihr nicht größer als bei einem Vogel, aber dafür ist sie graziös, dafür kennt sie die Geheimnisse so unzähliger Kniffe und Mittelchen, daß man sich besiegen läßt und ihr wie einer pikanten Neuheit folgt. Sie ist sogar nur selten schön an sich. Sie hat sogar etwas Böses im Gesicht. Aber das hat nichts zu sagen; dafür ist dieses Gesicht beweglich, lebhaft und beherrscht in vollendeter Weise die geheimnisvolle Kunst, Gefühl und Natürlichkeit vorzutäuschen. Vielleicht gefällt einem an ihr gar nicht einmal der Umstand, daß ihre Nachahmung der Natur gleichkommt, sondern eben dieser Vorgang, wie sie die Natur durch Nachahmung erreicht, bezaubert einen: die Kunst selbst übt den Zauber aus. Für den Pariser ist es meistenteils vollkommen gleich, ob es echte Liebe ist oder eine gute Nachahmung der Liebe. Ja, vielleicht gefällt ihm die Nachahmung sogar von vornherein besser. Eine gewissermaßen orientalische Auffassung von der Frau tritt in Paris immer deutlicher hervor. Die Kamelie wird immer mehr Mode. „Nimm Geld und betrüge gründlich, d. h. täusche Liebe vor“ – das ist es, was von der Kamelie verlangt wird. Und von der Epouse wird kaum mehr verlangt, wenigstens ist man auch damit zufrieden, und deshalb wird ihr denn auch schweigend und nachsichtig _Gustave_ zugestanden. Außerdem weiß der Bourgeois, daß Mabisch im Alter ganz in seinen Interessen aufgehen und im Geldzusammenscharren seine eifrigste Gehilfin sein wird. Sogar in der Jugend hilft sie ihm bereits außerordentlich. Manchmal führt sie das ganze Geschäft, lockt die Käufer herein, kurz, sie ist seine rechte Hand, sein erster Kommis. Wie sollte man ihr da nicht so eine kleine Schwäche für irgendeinen _Gustave_ verzeihen! Auf der Straße ist die Frau unantastbar. Niemand beleidigt sie, alle machen ihr Platz, und es ist dort nicht so, wie bei uns, wo eine Frau, wenn sie nicht gerade ganz alt ist, keine zwei Schritt auf der Straße gehen kann, ohne daß ihr irgendeine kriegerische oder müßig-kecke Physiognomie unter das Hütchen blickte und vorschlüge, Bekanntschaft zu machen.
Übrigens ist, ungeachtet der Möglichkeit eines _Gustave_, die alltägliche zeremonielle Umgangsform zwischen Bribri und Mabisch recht nett und oft sogar naiv. Überhaupt sind die Menschen im Auslande – das ist mir sofort in die Augen gesprungen – fast alle unvergleichlich naiver als wir Russen. Es ist schwer, das näher zu erklären: man muß das selbst erleben. „_Le Russe est sceptique et moqueur_,“{[49]} sagen die Franzosen von uns und das stimmt. Wir sind mehr Zyniker, schätzen das Eigene weniger, ja, wir lieben es nicht einmal, wenigstens achten wir es nicht im geringsten, ohne dabei zu begreifen, um was es sich handelt; wir drängen uns in europäische, allmenschliche Interessen, ohne überhaupt zu einer Nation zu gehören, und so verhalten wir uns natürlich zu allem viel kühler, gleichsam nur so pflichtschuldigst und jedenfalls abstrakter. Übrigens bin ich von meinem Thema abgekommen.
Ja, Bribri ist mitunter wirklich ungeheuer naiv. Wenn er z. B. um die Springbrünnlein herumspaziert, beginnt er gar, seiner Bisch zu erklären, warum das Wasser der Springbrünnlein nach oben steigt; er erklärt ihr die Gesetze der Natur, brüstet sich vor ihr chauvinistisch mit der Schönheit des Boulogner Wäldchens, mit der Illumination, dem Spiel der Versailler _grandes eaux_,{[50]} mit den Erfolgen des Kaisers Napoleon und mit der _gloire militaire_,{[26]} genießt ihre Neugier und ihr vergnügtes Staunen und ist mit allem überaus zufrieden. Und was Mabisch betrifft, so verhält sich selbst die durchtriebenste Französin gleichfalls recht zärtlich zu ihrem Gemahl, d. h. nicht etwa indem sie sich verstellt, sondern wirklich aufrichtig zärtlich, ohne eigennützige Hintergedanken und das ungeachtet der Kopfzier dieses ihres Gemahls. Selbstredend stehe ich nicht für das Ergebnis einer sehr genauen Untersuchung ein, ich will da nicht weiter die Dächer von den Häusern abheben. Ich erzähle bloß, was mir aufgefallen ist, was ich so als allgemeinen Eindruck davongetragen habe. „_Mon mari n’a pas encore vu la mer_,“{[51]} sagt Ihnen da so manch eine Mabisch und ihre Stimme drückt den aufrichtigsten, naivsten Mitschmerz aus. Das bedeutet, daß ihr Mann noch niemals irgendwohin nach Brest oder Boulogne gefahren ist, um dort das Meer zu sehen. Nun muß man wissen, daß der Bourgeois einige überaus naive und doch äußerst ernste Bedürfnisse hat, die fast zu einer allgemeinen bourgeoisen Angewohnheit geworden sind. Der Bourgeois hat nämlich außer dem Bedürfnis, Geld zu sparen und dem Bedürfnis nach schönem Redefluß, noch zwei andere Bedürfnisse, zwei durchaus gesetzmäßige Bedürfnisse, die durch die allgemeine Gewohnheit geheiligt sind und zu denen er sich selber ungeheuer ernst, ja nahezu pathetisch verhält. Das erste dieser Bedürfnisse ist: _voir la mer_{[52]} – das Meer zu sehen. Der Pariser lebt und handelt manchmal sein ganzes Leben lang nur in Paris und sieht niemals das Meer. Wozu er es nötig hat, das Meer zu sehen? – Das weiß er wohl selber nicht, nichtsdestoweniger wünscht er krampfhaft und gefühlvoll, das Meer zu sehen, wenn er auch vorläufig die Reise von Jahr zu Jahr aufschiebt, da ihn gewöhnlich Geschäfte festhalten; aber er trauert darob und seine Frau teilt aufrichtig seinen Schmerz. Überhaupt spricht da viel Gefühl mit und ich achte das. Einmal aber kommt es dann doch dazu, daß er sich freimachen kann und seine Mittel ihm die Reise erlauben, so macht er sich denn auf und reist auf ein paar Tage hinaus, „um das Meer zu sehen“. Nach seiner Rückkehr schildert er seiner Frau, seiner ganzen Sippe, allen Freunden und Bekannten hochtrabend und mit Begeisterung seine Eindrücke und hernach schwelgt er noch sein Leben lang süß in dem Gedanken, daß er das Meer gesehen hat.
Das zweite, ebenso gesetzmäßige und nicht minder starke Bedürfnis des Bourgeois ist – _se rouler dans l’herbe_.{[53]} Der Pariser, der aus Paris hinaus in die Umgebung fährt, liebt es nämlich über alles und hält es sogar für seine Pflicht, sich im Grase zu wälzen, was er denn auch unfehlbar und sogar mit Würde tut, durchdrungen von dem Bewußtsein, daß er sich nun _avec la nature_{[54]} vereinigt; und besonders angenehm ist es ihm dann, wenn ihm jemand dabei zusieht. Überhaupt hält es der Pariser außerhalb der Stadt sogleich für seine Pflicht, liebenswürdiger, heiterer, ja sogar kühner zu werden, kurz, sich als ein natürlicherer, der _nature_ näherstehender Mensch zu geben. _L’homme de la nature et de la vérité!_{[38]} – Sollte es nicht gar bis in die Tage ihres _Jean Jacques_ zurückreichen, daß im Bourgeois diese übertriebene Verehrung der _nature_ zutage tritt? Übrigens erlaubt sich der Pariser, diese beiden Bedürfnisse – _voir la mer_ und _se rouler dans l’herbe_ – meistenteils erst dann zu haben, wenn er bereits ein Vermögen zusammengespart hat, oder mit anderen Worten: wenn er sich selbst zu achten, stolz zu sein und sich für einen Menschen zu halten anfängt. _Se rouler dans l’herbe_ ist aber für ihn noch dreimal, oder womöglich zehnmal süßer, wenn es auf eigenem Grund und Boden, den er mit mühsam erarbeitetem Gelde erkauft hat, geschehen kann. Deshalb kauft der Bourgeois, wenn er sich vom Geschäftsleben zurückzieht, mit Vorliebe irgendwo ein Stückchen Land, baut sich ein eigenes Haus, legt sich einen eigenen Garten an, mit einem Zaun herum, dazu eigene Hühner, eine eigene Kuh. Und wenn auch alles nur im winzigsten Maßstabe vorhanden ist, gleichviel – der Bourgeois schwelgt in kindlichstem, in rührendstem Entzücken: „_mon arbre, mon mur_,“{[55]} sagt er jeden Augenblick zu sich selber wie zu allen, die er zu sich einlädt, und so geht das fort bis zu seinem seligen Ende. Ja, auf eigenem Grund und Boden ist _se rouler dans l’herbe_ am süßesten für ihn. Um diese Lebenspflicht erfüllen zu können, legt er sich vor seinem Hause unbedingt einen kleinen Rasenplatz an. Irgend jemand hat einmal von einem Bourgeois erzählt, der das Unglück hatte, daß auf der Stelle seines Gartens, die für den Rasenplatz bestimmt war, das Gras nicht wachsen wollte. Er tat sein möglichstes, begoß regelmäßig, belegte den Platz mit anderswo gewachsenem Rasen, – es half alles nichts. Die Stelle vor dem Hause war nun einmal so sandig, daß nichts darauf wachsen wollte. Da soll er sich denn einen künstlichen Rasen gekauft haben, ist einzig zu diesem Zweck nach Paris gefahren, hat sich dort einen runden Grasteppich von zwei Meter Größe im Durchmesser bestellt und diesen imitierten _gazon_{[56]} dann jeden Nachmittag vor seinem Hause ausgebreitet, um sein recht- und gesetzmäßiges Bedürfnis befriedigen und im Grase liegen zu können. Einem Bourgeois, der sich im Zustande des ersten Entzückens über seinen wohlerworbenen Besitz befindet, ist das allerdings zuzutrauen, so daß dieser Fall in moralischer Hinsicht nichts Unwahrscheinliches an sich hat.