Part 14
In der Tat, wir haben uns jetzt vollkommen beruhigt, ganz von selber. Mag es auch rund um uns herum selbst jetzt noch nicht sehr schön aussehen, dafür sind wir persönlich doch dermaßen schön, dermaßen zivilisiert, dermaßen Europäer, daß sogar dem Volk bei unserem Anblick übel wird. Jetzt hält uns das Volk bereits ganz und gar für Ausländer, versteht kein Wort von uns, kein Buch von uns, keinen Gedanken von uns, – das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, ein Fortschritt. Jetzt verachten wir das Volk und die volklichen Grundlagen schon so tief, daß wir uns sogar mit einem gewissen neuen, noch nie dagewesenen Ekel zu ihm verhalten, mit einem Ekel, wie er nicht einmal zur Zeit unserer de Rohans vorhanden war, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, gleichfalls ein Fortschritt. Dafür sind wir – ja, wie sind wir dafür selbstbewußt, wie überzeugt von unserer zivilisatorischen Berufung, mit welch einer Herablassung lösen wir die Probleme, und noch dazu was für Probleme: es fehlt an Land, es fehlt an Volk; Nationalität – das ist nur ein bestimmtes Steuersystem; die Seele – _tabula rasa_, ein Ding aus Wachs, aus dem man sogleich einen wirklichen Menschen formen kann, einen allgemeinen Allgemeinmenschen, einen Homunculus – man braucht nur die Früchte der europäischen Zivilisation anzuwenden und zwei-drei Bücher zu lesen. Dafür: wie sind wir jetzt ruhig, wie erhaben ruhig, eben weil wir an nichts mehr zweifeln und alle Streitfragen schon entschieden und unterschrieben haben. Mit welch einer ruhigen Selbstzufriedenheit haben wir zum Beispiel Turgenjeff heruntergerissen[87], weil er es wagte, sich nicht mit uns zu beruhigen und sich nicht mit unseren erhabenen Persönlichkeiten zu begnügen, weil er sich weigerte, sie für sein Ideal anzuerkennen, und etwas Besseres suchte, als was wir jetzt sind. Etwas Besseres als wir, Herr des Himmels! Was gibt es denn noch Schöneres und Tadelloseres als wir unter der Sonne? Nun, er hat denn auch genug zu hören bekommen für seinen Basaroff, diesen unruhigen und sich sehnenden (das Anzeichen eines großen Herzens), ja, ungeachtet seines ganzen Nihilismus, sich sehnenden Basaroff. Sogar für die Kukschina wurde er heruntergerissen, für diese progressive Laus, die Turgenjeff aus der russischen Wirklichkeit herausgekämmt hat, um sie uns vor die Augen zu halten, und man fügte sogar hinzu, er spreche gegen die Emanzipation der Frau. Die Emanzipation der Frau aber ist doch Fortschritt, da sagen Sie, was Sie wollen. Jetzt stehen wir mit einer solchen korporalhaften Selbstsicherheit, als solche Feldwebel der Zivilisation hoch über dem Volke, daß es eine wahre Freude ist, uns anzuschauen: die Hände in die Seiten gestemmt, herausfordernden Blickes – so sehen wir auf das Volk hinab und spucken bloß: „Was sollten wir von dir, grobem Bauer, wohl lernen können, wenn doch die ganze Nationalität, die ganze Volklichkeit im Grunde nur Rückständigkeit ist, nur ein Steuersystem und nichts weiter!“ Man wird doch Vorurteile nicht durchgehen lassen, ich bitte Sie! Ach Gott, Vorurteile – da fällt mir soeben etwas ein ... Meine Herrschaften, nehmen wir für einen Augenblick an, daß ich meine Reise schon beendet habe und bereits nach Rußland zurückgekehrt bin, und erlauben Sie mir, eine Anekdote wiederzugeben: ich las sie in diesem Herbst in einer unserer fortschrittlichsten Zeitungen. Es war eine Korrespondenz aus Moskau unter der Überschrift: „Noch Reste der Barbarei“ (oder etwas Ähnliches, jedenfalls ein sehr starker Ausdruck. Schade nur, daß ich die Zeitung nicht zur Hand habe.). Und es wird erzählt, wie man eines Morgens – es war in diesem Herbst – in Moskau ein Gefährt erblickt hat, auf dem eine betrunkene Brautwerberin saß, noch in der Hochzeitstracht, mit Bändern aufgeputzt und ein Lied singend. Auch der Kutscher war mit Bändern geschmückt und gleichfalls betrunken, ja, auch er brummte sogar ein Lied. Selbst das Pferd war bunt bebändert, nur weiß ich nicht, ob es auch betrunken war. Sicherlich wird es betrunken gewesen sein. Die Brautwerberin hielt auf dem Schoß ein Bündelchen mit Sachen von dem neuvermählten Paar, das augenscheinlich eine glückliche Nacht verbracht hatte. Dieses Bündelchen enthielt natürlich ein gewisses leichtes Kleidungsstück, das den Eltern der Neuvermählten am nächsten Morgen zu zeigen unter dem einfachen Volke ein alter Brauch ist. Das Volk lachte beim Anblick dieser Ehestifterin; ein spaßiges Objekt. Die Zeitung berichtete den Vorfall mit Empörung, nannte ihn, spuckend, schimpfend und mit Entrüstung, eine unerhörte Barbarei, die sich „trotz aller Fortschritte der Zivilisation sogar bis heute erhalten hat!“ Meine Herrschaften, ich muß Ihnen gestehen, daß ich darob in lautes Lachen ausbrach. Oh, bitte, denken Sie nicht, daß ich urweltlichen Kannibalismus, diese leichten Kleidungsstücke, Decken usw. verteidige. Das ist abscheulich, das ist unkeusch, das ist wild, ist slawisch, ich weiß, ich gebe es zu, obschon das natürlich ohne schlechte Absicht geschah, sondern im Gegenteil, zur Ehre der jungen Frau, aus reiner Herzenseinfalt, aus Unkenntnis von Besserem, Höherem, Europäischem. Nein, ich lachte über etwas anderes. Und zwar: mir fielen plötzlich unsere Damen und unsere Modegeschäfte ein. Selbstverständlich schicken unsere zivilisierten Damen jetzt keine leichten Sachen mehr zu ihren Eltern, aber wenn es zum Beispiel gilt, bei der Modistin ein Kleid zu bestellen, mit welch einem Scharfsinn, mit wie feiner Berechnung und Sachkenntnis verstehen sie dann, an gewissen Stellen Watte unter ihre bezaubernden europäischen Toiletten zu legen! Warum, wozu diese Watte? Natürlich zur Erhöhung der Eleganz, um der Ästhetik willen, _pour paraître_{[16]} ... Und nicht nur sie, auch ihre Töchter, diese unschuldigen siebzehnjährigen Geschöpfe, die kaum das Pensionat verlassen haben, auch die wissen um die Watte schon Bescheid, wissen alles: wozu diese Watte dient, und wo man sie anbringen muß, und warum und weshalb, d. h. speziell zu welchem Zweck das alles angebracht wird ... Nun wohl, dachte ich lachend, diese Mühen, diese Sorgen, diese _bewußten_ Sorgen um wattierte Vergrößerungen, – sind sie nun wirklich reiner, sittlicher, keuscher als jenes unselige leichte Kleidungsstück, das in einfältigem Glauben den Eltern geschickt wird, in der Überzeugung, daß man es tun muß, daß eben dies sittlich sei! ...
Um Gottes willen, meine Freunde, denken Sie nicht, daß ich jetzt eine erbauliche Predigt darüber halten will, daß Zivilisation nicht Entwicklung ist, sondern im Gegenteil, in der letzten Zeit in Europa immer mit der Knute und dem Kerker über jeder Entwicklung stand. Denken Sie nicht, ich wolle nun nachweisen, daß man bei uns die Zivilisation und die Gesetze der normalen, wirklichen Entwicklung barbarisch verwechsele, nachweisen, daß die Zivilisation im Westen selbst schon verurteilt ist und für sie dort nur noch einzig der Besitzer einsteht (obschon dort alle Besitzer sind oder Besitzer werden wollen), um sein Geld zu retten. Denken Sie nicht, es sei nun meine Absicht, zu beweisen, daß die Menschenseele nicht eine _tabula rasa_ ist, nicht ein Wachsding, aus dem man den Allgemeinmenschen formen kann; daß ganz zuerst eine Natur gegeben sein muß, dann die Wissenschaft, dann ein selbständiges Leben, ein bodenständiges, kein beschränktes, und der Glaube an seine eigenen nationalen Kräfte. Denken Sie nicht, ich wolle tun, als wüßte ich nicht, daß unsere Fortschrittler (wenn auch längst nicht alle von ihnen) durchaus nicht für die Watte einstehen, sie vielmehr ebenso brandmarken wie jenes leichte Kleidungsstück. Nein, ich will jetzt nur Eines sagen: in jenem Artikel wurde dieser Volksbrauch nicht einfach getadelt und verurteilt, man nannte ihn nicht einfach eine Barbarei, sondern man wollte damit ganz augenscheinlich die allgemeine nationale, elementare Barbarei unseres einfachen Volkes an den Pranger stellen, als Gegensatz zu der europäischen Zivilisation unserer höheren, vornehmen Gesellschaft. Der Artikel tat so wichtig, der Artikel schien überhaupt nicht wissen zu wollen, daß es bei diesen Sittenrichtern selber vielleicht tausendmal schlimmer und gemeiner zugeht, daß wir nur die einen Vorurteile und Schändlichkeiten gegen andere, vielleicht noch größere Vorurteile und Schändlichkeiten eingetauscht haben. Der Artikel schien aber unsere eigenen Vorurteile und Schändlichkeiten überhaupt nicht zu bemerken. Weshalb also, weshalb so wichtig tun und sich hoch über dem Volke stehend dünken, die Hände in die Seiten gestemmt, breitspurig und spuckend ... Wie lächerlich, wie unsagbar lächerlich ist doch dieser Glaube an die eigene Unfehlbarkeit und an das Recht zu solcher Entrüstung! Gleichviel was es ist: Glaube oder einfach Überhebung dem Volk gegenüber, oder schließlich gedankenloser, sklavischer Kniefall speziell vor den europäischen Formen der Zivilisation; letzteres wäre ja noch lächerlicher.
Doch was! Solcher Tatsachen lassen sich tagtäglich wohl ein Tausend finden. Verzeihen Sie die Wiedergabe des Vorfalls.
Übrigens, ich versündige mich. Ich tue ja unrecht! Das kommt daher, daß ich gar zu schnell von den Großvätern auf die Enkel hinübergesprungen bin. Es gab doch auch Zwischenstücke. Erinnern Sie sich Tschatzkis.[88] Der war schon kein naiv-durchtriebener Großvater, auch kein selbstzufriedener Nachfahre, der stolz dasteht und alles schon abgeurteilt hat. Tschatzki ist ein ganz besonderer Typ unseres russischen Europa, er ist der Typ eines lieben, begeisterten Menschen, der wirklich leidet, der bereits Rußland und den Heimatboden anruft und – und dann doch wieder nach Europa reist, um dort „einen Winkel für ein gekränktes Empfinden“ zu suchen ... Kurz, ein Typ, der jetzt vollkommen unnütz ist und der einmal ungeheuer nützlich war. Er ist ein Phraseur, ein Schwätzer, aber ein herzlicher Phraseur, und einer, der sich wegen seiner Nutzlosigkeit grämt und schämt. Sein Typ hat jetzt in der neuen Generation schon eine Wandlung erfahren. Wir glauben an die jungen Kräfte; wir glauben, daß er bald wieder erscheinen wird, dann aber nicht in hysterischer Erregung wie ehemals auf dem Ball bei Famussoff, sondern als Sieger, stolz, mächtig, demütig und liebend. Er wird bis dahin schon erkannt haben, daß der Winkel für ein gekränktes Empfinden nicht in Europa, sondern vielleicht dicht vor seiner Nase liegt, und wird hier etwas zu tun finden und das auch tun. Aber wissen Sie: ich bin ja doch überzeugt, daß es schon jetzt bei uns nicht nur Feldwebel der Zivilisation und europäische Narren gibt; ich bin überzeugt, ja ich verbürge mich dafür, daß der junge Mensch schon geboren ist ... Doch davon später. Zunächst will ich noch ein paar Worte über Tschatzki sagen.
Ich verstehe eines nicht: Tschatzki war doch ein sehr kluger Mensch. Wie konnte es nun geschehen, daß ein kluger Mensch hier nichts zu tun fand? Sie fanden ja alle nichts zu tun, fanden in der ganzen Zeitspanne von zwei-drei Generationen nichts. Das ist Tatsache und gegen eine Tatsache zu reden, lohnt sich nicht, denke ich; doch aus Interesse nach den Gründen fragen, das kann man. Also wie gesagt, ich verstehe nicht, wie ein kluger Mensch gleichviel wann und wo, gleichviel unter welchen Umständen, keine Arbeit für sich finden kann. Man sagt, das sei ein strittiger Punkt, doch in der Tiefe meines Herzens glaube ich das durchaus nicht. Dazu hat man doch den Verstand, um das zu erreichen, was man will. Kannst du nicht gleich eine ganze Werst gehen, so gehe hundert Schritte, immerhin ist das mehr als nichts, bringt dich immerhin näher zum Ziel, wenn du überhaupt zu einem Ziele gehst. Unbedingt mit einem einzigen Schritt zum Ziel gelangen zu wollen, ist meiner Meinung nach durchaus kein Anzeichen von Verstand. Ja, so etwas heißt sogar Arbeitsscheu. Mühe lieben wir nicht, Schritt für Schritt zu gehen sind wir nicht gewohnt, am liebsten würden wir mit einem einzigen Schritt die ganze Strecke bis zum Ziel überspringen. Nun, und eben dies ist ja Arbeitsscheu. Ja, Tschatzki hat doch sehr gut getan, daß er damals wieder ins Ausland entschlüpfte: es lag ihm wohl nicht, hier ein wenig länger zu verweilen und sich dann nach dem Osten, statt nach dem Westen zu begeben. Man liebt bei uns nun einmal den Westen, liebt ihn eben, und im äußersten Fall, d. h. wenn es zur Entscheidung kommt, fahren alle dorthin. Nun ja, auch ich fahre jetzt hin. „_Mais moi c’est autre chose_“.{[17]} Ich habe sie dort alle gesehen, d. h. sehr viele, denn alle sind ja gar nicht abzusehen, doch alle, die ich sah, suchen dort, glaube ich, einen Winkel für ein gekränktes Empfinden. Wenigstens suchen sie etwas. Die Generation der Tschatzkis beiderlei Geschlechts hat sich ja seit dem Ball bei Famussoff[89], und überhaupt nachdem der Ball zu Ende war, dort so vermehrt wie Sand am Meer; und sogar nicht nur die Tschatzkis: sind sie doch alle aus Moskau dorthin gefahren. Wie viele Repetiloffs[90] gibt es jetzt dort, wie viele Skalosubs, die schon ausgedient haben und wegen Untauglichkeit in die Bäder geschickt worden sind. Natalja Dmitrijewna mit ihrem Mann gehört dort unbedingt zu ihnen. Selbst die Gräfin Hlestowa reist in jedem Jahre hin. Sogar Moskau ist allen diesen Herrschaften langweilig geworden. Einzig Moltschalin fehlt dort unter ihnen: er hat es sich anders überlegt und ist zu Hause geblieben, nur er allein ist zu Hause geblieben. Er hat sich dem Vaterlande gewidmet, der Heimat, sozusagen. Jetzt kommt man an ihn überhaupt nicht mehr heran; selbst seinen Wohltäter Famussoff würde er jetzt nicht einmal zu sich ins Vorzimmer lassen: „Ein Nachbar vom Lande,“ heißt es jetzt, „in der Stadt grüßen wir uns nicht.“ Er ist beschäftigt, ja, er allein hat etwas zu tun gefunden. Er ist in Petersburg und ... und hat’s weit gebracht. „Er kennt Rußland und Rußland kennt ihn“. Jawohl, gerade ihn kennt es zur Genüge und es wird ihn lange nicht vergessen. Jetzt pflegt er auch nicht einmal mehr zu schweigen, im Gegenteil, nur er allein redet jetzt ... Doch was rede ich von ihm! Ich kam doch auf sie alle zu sprechen, die in Europa einen erquickenden Winkel suchen, und ich muß sagen, ich dachte wirklich, daß sie es dort besser hätten. Statt dessen ist in ihren Gesichtern ein solcher Harm ... Die Ärmsten! Und was ist das für eine ewige Unruhe in ihnen, was für eine krankhafte, sehnsüchtige Geschäftigkeit! Alle haben sie den „Führer“ bei sich und in jeder Stadt stürzen sie sich gierig auf die Sehenswürdigkeiten, die sie mit einem Eifer besichtigen, als wären sie dazu verpflichtet, als setzten sie einen vaterländischen Dienst fort: nicht ein einziges dreifensteriges Palais wird von ihnen übergangen, wenn es nur im „Führer“ angegeben ist, ebenso kein einziges Rathaus, das sich oft von einem ganz gewöhnlichen Moskauer oder Petersburger Hause kaum unterscheidet; sie gaffen das Rindfleisch eines Rubens an und glauben artig, das seien die drei Grazien, weil der „Führer“ so zu glauben befiehlt; sie stürzen zur Sixtinischen Madonna und stehen vor ihr in stumpfer Erwartung: jetzt-jetzt gleich wird etwas geschehen, irgend jemand wird unter dem Fußboden hervorkriechen und ihren gegenstandslosen Harm und ihre Müdigkeit verscheuchen. Und sie gehen weg, verwundert, daß nichts geschehen ist. Das ist nicht das selbstzufriedene und vollkommen mechanische Interesse englischer Touristen und Touristinnen, die mehr in ihren „Führer“ sehen als auf die Sehenswürdigkeiten, die nichts erwarten, weder Neues, noch Erstaunliches, und die nur nachprüfen: ist es auch so im „Führer“ angegeben und wieviel Fuß hoch oder Pfund schwer ist der Gegenstand ganz genau gemessen und gewogen? Nein, unsere russische Wißbegier ist irgend so eine wilde, nervöse, mächtig lechzende, doch im tiefsten Grunde im Voraus überzeugte, daß nichts geschehen wird, natürlich bis zur ersten Fliege: kaum fliegt eine vorüber – so fängt es sofort wieder an ... Ich spreche jetzt nur von den klugen Leuten. Um die anderen braucht man sich ja nicht zu sorgen: die werden doch immer von Gott beschützt. Und ich spreche auch nicht von jenen, die sich endgültig im Auslande angesiedelt haben, ihre Muttersprache vergessen und katholische Patres anhören. Übrigens, von der ganzen Masse kann man nur folgendes sagen: kaum haben wir uns über Eydtkuhnen hinweggewälzt, da gleichen wir schon auffallend jenen kleinen unglücklichen Hündchen, die ihren Herrn verloren haben und nun suchend umherlaufen. Aber was glauben Sie, – daß ich dies hier spottend schreibe, jemanden anklage, weil sozusagen „gerade jetzt, wo usw., – und Sie sind im Auslande! Hier ist die Bauernfrage im Gange und Sie sind im Auslande!“ usw., usw. ... Oh, keineswegs und nicht im geringsten. Und wer bin ich denn, daß ich anklagen könnte? Wen anklagen? und wessen? „Wir würden ja gern etwas tun, aber es gibt für uns nichts zu tun, das aber, was es da gibt, das wird auch ohne uns gemacht. Die Stellen sind besetzt, Vakanzen sind nicht vorauszusehen. Wer hat denn Lust, seine Nase in Dinge zu stecken, in die sie zu stecken man nicht gebeten wird.“ Das ist dann die Ausrede und sie ist nicht einmal lang. Wir kennen sie schon auswendig. Aber was ist das? Wo bin ich hingeraten? Wann habe ich denn schon Zeit gehabt, Russen im Auslande zu sehen? Wir nähern uns doch erst der Grenzstation Eydtkuhnen ... Oder sind wir schon weiter gefahren? In der Tat, auch Berlin, auch Dresden, auch Köln liegt schon hinter uns. Ich sitze zwar immer noch im Eisenbahnwagen, doch vor uns liegt nicht mehr Eydtkuhnen, sondern Erquelines, und wir fahren nach Frankreich hinein. Paris, Paris war’s doch, wovon ich erzählen wollte und wovon ich ganz abgekommen bin! Ich habe mich schon zu sehr vom Nachdenken über unser europäisches Rußland umstricken lassen; aber das ist wohl verzeihlich, wenn man gerade ins übrige Europa zu Besuch fährt. Übrigens, wozu gar so sehr um Entschuldigung bitten. Mein Kapitel ist ja ein überflüssiges.
Das vierte
und für Reisende nicht überflüssige Kapitel.
(Die endgültige Entscheidung der Frage, ob der Franzose wirklich „keine Überlegung hat“.)
Doch nein, wieso, warum soll denn der Franzose keine Überlegung haben? fragte ich mich, während ich die neuen Mitreisenden betrachtete, vier Franzosen, die soeben in unser Abteil eingestiegen waren. Es waren das die ersten Franzosen, die ich auf ihrem Heimatboden sah, wenn ich die Zollbeamten in Erquelines, das wir gerade verlassen hatten, nicht mitrechnete. Diese Zollbeamten waren überaus höfliche Leute, machten ihre Sache schnell ab, und als ich einstieg, war ich mit meinem ersten Schritt in Frankreich sehr zufrieden. Bis Erquelines waren in unserem Abteil von den acht Plätzen nur zwei besetzt gewesen: von mir und einem Schweizer, einem schlichten und bescheidenen Menschen in mittleren Jahren, einem sehr angenehmen Gesellschafter, und wir hatten uns an die zwei Stunden aufs beste unterhalten. Jetzt waren wir zu sechs im Abteil und mein Schweizer ward zu meiner Verwunderung in Gegenwart der vier anderen plötzlich ungemein wortkarg. Ich wollte natürlich unser unterbrochenes Gespräch fortsetzen, doch er beeilte sich geradezu auffallend, es abzubrechen, antwortete ausweichend, trocken, fast geärgert, wandte sich zum Fenster und begann hinauszuschauen, und schließlich zog er seinen deutschen Reiseführer hervor und versenkte sich voll und ganz in dessen Inhalt. Ich ließ ihn selbstredend sofort in Ruhe und begann mich stumm mit unseren neuen Mitreisenden zu beschäftigen. Das waren eigentlich seltsame Leute. Sie reisten so wie sie gingen und standen, hatten weder ein Bündel, noch einen Koffer bei sich, ja sie trugen nicht einmal Kleider, die an Reisende erinnert hätten. Alle vier hatten nur leichte Röcke an, die bereits schrecklich abgetragen waren, kaum bessere als die, die bei uns Offiziersburschen zu tragen pflegen oder die Hofleute auf den Gütern mittlerer Gutsbesitzer. Ihre Wäsche sah schmutzig aus, die Halstücher waren sämtlich äußerst grellfarben und gleichfalls sehr schmutzig; der eine hatte sich um den Hals eines jener Seidentücher gewickelt, die ewig getragen werden und schließlich, – nach fünfzehnjähriger Berührung mit dem Halse des Trägers, mit einem ganzen Pfund Fett durchtränkt sind. Derselbe Mitreisende hatte zudem Hemdknöpfe mit falschen Brillanten von der Größe einer Nuß. Übrigens hielten sie sich alle mit einem gewissen Chic, ja sogar verwegen. Alle vier schienen im gleichen Alter zu stehen – fünfunddreißig oder so – und ohne in den Gesichtszügen einander ähnlich zu sein, sah doch der eine wie der andere aus. Es waren zerknitterte Gesichter mit französischen Beamtenbärtchen, die gleichfalls eins wie das andere aussahen. Jedenfalls merkte man es den Leuten an, daß sie bereits mit allen Wassern gewaschen waren und sich schon für immer den – etwas sauren – Gesichtsausdruck gedanklich überaus beschäftigter Leute angewöhnt hatten. Es schien mir auch, daß sie einander kannten, doch ich erinnere mich nicht, ob sie während der ganzen Fahrt auch nur ein Wort miteinander wechselten. Uns, d. h. mich und den Schweizer, schienen sie irgendwie seltsam-merklich überhaupt nicht sehen zu wollen. Ungeniert pfeifend, saßen sie nachlässig auf ihren Plätzen und sahen die ganze Zeit zum Fenster hinaus. Ich zündete mir eine Zigarette an und da ich nichts zu tun hatte, betrachtete ich sie. Mir kam, ich muß gestehen, flüchtig der Gedanke: was sind das nun eigentlich für Leute? Arbeiter – und doch keine Arbeiter; Bourgeois – und doch keine Bourgeois. Sollten es am Ende verabschiedete Militärs sein – irgend so etwas _à la demi-solde_{[18]} oder ähnliches? Übrigens zerbrach ich mir ihretwegen nicht allzu sehr den Kopf. Nach etwa zehn Minuten, als wir die nächste Haltestelle erreichten, sprangen sie alle vier einer nach dem anderen aus dem Wagen, schlugen die Tür zu und wir sausten weiter. Auf dieser Strecke hält der Zug kaum zwei Minuten an den Stationen, höchstens drei, und schon fährt man wieder. Man fährt vorzüglich, das heißt außergewöhnlich schnell.
Kaum waren wir allein geblieben, da klappte der Schweizer seinen Führer zu, legte ihn beiseite und sah mich sehr zufrieden an, sichtlich mit dem Wunsch, unser Gespräch fortzusetzen.
„Die sind nicht lange bei uns geblieben,“ bemerkte ich, indem ich ihn einigermaßen verwundert betrachtete.
„Ja, die stiegen doch nur für die Fahrt bis zur ersten Haltestelle ein.“
„Sie kennen sie?“
„Diese? ... Das waren doch Polizeileute ...“
„Wieso? Was für Polizeileute?“ fragte ich verwundert.
„Ja-ja ... ich merkte vorhin schon gleich, daß Sie es nicht errieten.“
„Wie ... waren das wirklich Spione?“ (ich wollte es noch immer nicht glauben.)
„Nu, versteht sich, unseretwegen stiegen sie doch überhaupt ein.“
„Sind Sie dessen gewiß?“
„O natürlich, daran ist nicht zu zweifeln! Ich bin schon mehrmals auf dieser Strecke gefahren. Wir wurden ihnen im Zollamt heimlich zugewiesen, als man unsere Pässe las; sie erhielten alle Angaben, unsere Namen usw. Nu, und da setzten sie sich denn zu uns, um uns zu begleiten.“
„Aber wozu denn das noch, wenn sie uns bereits gesehen hatten? Sie sagten soeben, man hätte uns schon auf der Grenzstation ihnen gezeigt?“