Part 13
Inzwischen begann es schon zu dunkeln. In den Waggons wurde das Licht angezündet. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, schon bejahrte Leute, Gutsbesitzer; ich glaube, gute Menschen. Sie reisten nach London, nur auf ein paar Tage, um sich die Weltausstellung anzusehen, die Kinder aber hatten sie zu Hause gelassen. Rechts neben mir saß ein Russe, der aus kommerziellen Gründen seit zehn Jahren in London lebte, jetzt nur auf zwei Wochen Geschäfte halber nach Petersburg gekommen war und, wie mir schien, bereits jede Vorstellung von Heimweh vollständig verloren hatte. Links saß ein echter, ein Vollblut-Engländer, rotblond, mit einem englischen Scheitel und von betontem Ernst. Während der ganzen Reise sagte er zu keinem einzigen von uns auch nur das kleinste Wort, gleichviel in welcher Sprache, am Tage las er unausgesetzt in einem Buch von jenem kleinsten englischen Druck, den nur Engländer ertragen können, ja sogar noch wegen der Bequemlichkeit loben, und abends zog er, sobald es zehn Uhr wurde, sogleich seine Stiefel aus und Schuhe an. Wahrscheinlich hatte er das in seinem Leben einmal so eingeführt und seine Gewohnheiten wollte er offenbar auch auf der Reise nicht ändern. Bald schlummerten alle ein; das Pfeifen und Stampfen des Zuges trieb einen unwiderstehlich in irgend so einen Schlummerzustand. Ich saß, dachte, dachte, und ich weiß eigentlich selbst nicht, wie mir plötzlich jener Satz einfiel: „Überlegung hat der Franzose nicht“, womit ich dieses Kapitel begann. Aber wissen Sie: es unterspült mich etwas und treibt mich, Ihnen diese meine Überlegungen im Eisenbahnwagen mitzuteilen, so lange wir uns noch auf der Reise nach Paris befinden, einfach so ... oder meinetwegen auch im Namen der Humanität: hatte ich doch Langeweile im Waggon, also mögen Sie sich nun gleichfalls langweilen. Doch übrigens, um andere Leser davor zu bewahren, werde ich alle diese meine Überlegungen absichtlich in ein besonderes Kapitel einschließen und dieses ein _überflüssiges_ nennen. Sie, meine Freunde, können sich durch dasselbe durchlangweilen, die anderen aber können es, als ein überflüssiges, auch überspringen. Mit dem Leser muß man nun einmal vorsichtig und gewissenhaft umgehen, mit Freunden aber – nun, da geht’s auch so. Also:
Das dritte
und vollkommen überflüssige Kapitel.
Übrigens waren das weniger Überlegungen, als gewisse Betrachtungen, wahllose Vorstellungen, sogar Träume „von dem sowohl als wie von jenem, zumeist jedoch von Null und Nichts“. Zunächst kehrte ich auf dieser Gedankenreise in der Vergangenheit ein und begann damit, daß ich über diesen Menschen, der obenerwähnten Aphorismus über die französische Überlegungskraft in die Welt gesetzt, ins Nachdenken geriet. Dieser Mensch war zu seiner Zeit ein großer Liberaler. Aber wenn er auch sein Lebelang aus unbekannten Gründen einen französischen Rock auf seinem Körper und Puder auf dem Kopfe trug und hinten einen Degen baumeln ließ, zum Zeichen seiner ritterlichen Herkunft (die es bei uns überhaupt nicht gegeben hat), sowie zur Verteidigung seiner persönlichen Ehre im Wartezimmer Potjomkins, begann er sich doch, kaum daß er die Nase ins Ausland gesteckt hatte, im Nu mittels aller biblischen Texte von Paris loszubeten und loszusagen und fällte auch schon sein Urteil über den Franzosen, dem er die Gabe der Überlegungskraft ohne weiteres absprach, ja, der nach diesem Urteil ihren Besitz sogar als ein Verderben für sich ansehen würde. – Doch um mich zu vergewissern: am Ende denken Sie jetzt gar, ich hätte den baumelnden Degen und den französischen Samtrock Vonwisins in tadelndem Sinne erwähnt? Keineswegs! Er hätte doch nicht einen Bauernkittel tragen sollen, und das noch damals, wenn sogar heute manche Herren, um _Russen zu sein_ und sich mit dem Volk verbunden zu fühlen, keinen Bauernkittel angezogen, sondern eine Art Ballettkostüm für sich erfunden haben, an welchem nicht viel fehlt, um dasselbe Kostüm zu sein, in dem die Helden unserer historischen Opern auf der Bühne erscheinen, _à la_ Ruslan, dessen Ludmila denn auch dementsprechend als Kopfschmuck den Kokoschnick trägt. Nein, der französische Rock war dem Volk doch verständlicher. „Da sieht man gleich den Herrn,“ hieß es dann, „ein Herr kann doch nicht wie unsereiner im Kittel gehen“. Vor kurzem wurde mir von einem Gutsbesitzer erzählt, einem Zeitgenossen, der, um mit dem Volke eins zu werden, gleichfalls ein sogenanntes _russisches Kostüm_ zu tragen anfing und sich verlocken ließ, in dieser Tracht auch auf den Versammlungen der Bauernschaft zu erscheinen; aber siehe, da geschah es, daß die Bauern, als sie ihn erblickten, unter sich zu einander sagten: „Was schleppt sich denn dieser Verkleidete zu uns?“ Also ist’s dem Gutsbesitzer auf diesem Wege doch nicht gelungen, mit dem Volke eins zu werden.
„Nein, ich für meine Person,“ sagte mir ein anderer Herr, „ich werde nichts abtreten. Ich werde mir absichtlich den Bart scheeren und, wenn es nötig ist, auch im Frack gehen. Die Sache selbst werde ich machen, aber mir niemals anmerken lassen, daß ich ihm, dem Volk, nähertreten will. Ich werde der Herr sein, werde geizig und berechnend sein, ja werde sogar bedrücken und erpressen, wenn es mir ratsam erscheint. Dann achten sie einen mehr. Und das ist doch alles, worauf es ankommt, daß man zuerst eine richtige Achtung durchsetzt.“
„Pfui, Teufel!“ dachte ich. „Das ist ja, als rüsteten sie sich gegen Fremdstämmige. Ein militärischer Rat und nichts weiter.“
„Ja,“ sagte ein dritter zu mir – nebenbei bemerkt: ein überaus lieber Mensch –, „nun gut, sagen wir, ich lasse mich in eine Dorfgemeinde eintragen, plötzlich aber werde ich für irgend etwas von der Gemeindeversammlung zur Rutenstrafe verurteilt. Was dann?“
„Na, und selbst wenn?“ wollte ich schon sagen, aber ich sagte es nicht, denn ich wagte es nicht so recht. – Was ist das doch, woher kommt es, daß wir uns noch immer fürchten, manche Gedanken auszusprechen? – „Und selbst wenn?“ dachte ich bei mir, „selbst wenn du mal Ruten bekämest, was wäre denn dabei? Solche Wendungen der Dinge heißen bei den Professoren der Ästhetik das Tragische im Leben, und damit ist’s erledigt. Soll man denn wirklich nur deshalb gleich von allen abgesondert leben? Nein, wenn man schon mit dem Volke eins sein will, dann sei man es auch ganz und mit allen, wenn man aber ein Mensch für sich sein will, dann sei man aber auch wirklich und vollkommen abgesondert. Anderswo ist noch ganz anderes ertragen worden und noch dazu von schwachen Frauen und Kindern.“
„Aber ich bitte Sie, was hat das mit Frauen und Kindern zu tun!“ hätte mein Gegner hierauf ausgerufen, „die Dorfgemeinde würde mich, mir nichts dir nichts, vielleicht wegen irgend einer Kuh, die in einen fremden Gemüsegarten eingebrochen ist, einfach versohlen, bei Ihnen aber wird daraus schon eine allgemeine Sache!“
Nun ja, das ist natürlich lachhaft, und überhaupt ist’s eine lächerliche Geschichte, dazu so eine schmutzige, wissen Sie, die man lieber nicht anrührt, denn man will sich doch nicht die Hände besudeln. Ist doch schon das bloße Sprechen davon eigentlich unanständig. Hole sie allesamt der Henker, mögen sie da gedroschen werden so viel ihrer sind, ich bin’s ja nicht. – Nun, ich bin aber meinerseits zu jeder Bürgschaft bereit: daß das Urteil der Dorfgemeinde meinem lieben Widerstreiter auch nicht ein einziges Rutenhiebchen zudiktieren würde, selbst wenn sie mit ihm wie mit einem Gleichstehenden verfahren könnte ...
„Welch eine Rückständigkeit!“ ruft jemand aus, wenn er dieses liest, „heute noch für die Rutenstrafe einzutreten!“ (Bei Gott, irgend jemand wird doch bestimmt daraus folgern, daß ich für die Rutenstrafe sei.)
„Aber ums Himmels willen, wovon reden Sie denn jetzt,“ bemerkt ein anderer, „Sie wollten von Paris berichten und statt dessen ...“
Ja, das ist allerdings ... Aber ich erinnere mich, daß ich gerade damals, als wir uns Eydtkuhnen näherten, ganz besonders über alles Vaterländische ins Nachdenken geriet, über unser Eigenes, das ich nun um Europas willen verließ. Ich sann unter anderem auch über die Frage nach: wie hatte in den verschiedenen Zeiten Europa sich in uns widergespiegelt, wie hatte es sich mit seiner Zivilisation beständig bei uns als Gast eingedrängt und inwieweit waren wir denn zivilisiert worden und wieviel Zivilisierte gab es jetzt wohl bei uns, einfach als Zahl? Doch ich sehe jetzt selbst, daß alles dies hier wirklich überflüssig ist. Aber ich habe Sie ja gewarnt und selbst im voraus gesagt, daß dieses ganze Kapitel ein überflüssiges sein werde. Übrigens, wo blieb ich denn stehen? Ja, richtig! bei dem französischen Rock. Mit dem begann es ja überhaupt!
Also sehen Sie mal, einer dieser französischen Röcke schrieb damals den „Brigadier“. Der „Brigadier“ war für jene Zeit etwas Erstaunliches und machte denn auch einen ungeheuren Eindruck. „Stirb, Denis, Besseres kannst du nicht mehr schreiben,“ sagte selbst Potjomkin zu ihm. Alles begann gleichsam aus dem Halbschlaf zu erwachen, sich zu regen. Wie, dachte ich in meinen willkürlichen Betrachtungen weiter, sollte es den Menschen wirklich schon damals langweilig geworden sein, nichts zu tun und mit fremder Hilfe zu gehen? Ich spreche nicht nur von der damaligen französischen Hilfe, ja, ich möchte sogar gleich vorausschicken, daß wir eine überaus leichtgläubige Nation sind und alles bei uns von unserer Gutmütigkeit kommt. Wir sitzen alle ohne Arbeit da und wenn es uns dann plötzlich scheint, daß irgend jemand irgend etwas gesagt oder getan hat, daß sich ein Geruch von eigenem Geiste kundtut, daß sich eine Betätigungsmöglichkeit gefunden, dann stürzen wir alle darüber her und sind unbedingt überzeugt, daß „es“ nun sofort beginnen werde. Eine Fliege fliegt durch die Luft, wir aber glauben schon, ein Elefant sei vorübergeführt worden. Es liegt darin die ganze Unerfahrenheit der Jugend, nun und zudem noch der Hunger nach so etwas. Ja, fast begann das alles bei uns schon vor dem Erscheinen des „Brigadier“ – natürlich zuerst nur in mikroskopischem Maßstabe – und noch heute ist es unverändert dasselbe: glauben wir eine Sache gefunden zu haben, so brüllen wir schon vor Enthusiasmus. Überhaupt ist Schreierei und Überfluten vor lauter Begeisterung bei uns immer das Erste; schaut man aber zu: schon in kaum zwei Jahren gehen wir wieder alle auseinander und lassen die Nase hängen. Und doch werden wir’s nicht müde, und wenn es auch noch hundert Mal von neuem anfängt. Was aber die fremde Hilfe betrifft, so hat doch zu Vonwisins Zeit in der Masse fast niemand daran gezweifelt, daß es die heiligste, die europäischste Hilfe und die liebste Vormundschaft war. Freilich, auch jetzt gibt es wenig Zweifelnde. Unsere ganze extrem-progressive Partei setzt sich ja bis zur Raserei für fremde Hilfe ein. Damals aber, oh, damals war es die Zeit eines solchen Glaubens an alle Hilfen, daß man sich eigentlich wundern kann, warum wir damals nicht Berge versetzt haben und warum alle unsere Hochplateaus, Gipfel von Pargolowo[85] und die Pics unseres Waldaischen Hochgebirges noch immer auf denselben Stellen stehen ... Übrigens, meine Herrschaften, ich spreche jetzt nur von der Literatur, und zwar nur von der schönen Literatur, an deren Werken ich den fortschreitenden und wohltätigen Einfluß Europas auf unser Vaterland verfolgen will. Das heißt, wenn man bedenkt, was für Bücher damals (vor dem Erscheinen des „Brigadiers“ und noch zu derselben Zeit) verlegt und gelesen wurden, so können wir nicht umhin, einen gewissen frohen Hochmut unsererseits zu empfinden! Vor längerer Zeit brachte Kusma Prutkoff einmal im „Zeitgenossen“ unter anderem „Vermischtem“ auch „Aufzeichnungen meines Großvaters“. Man sollte meinen, was könnte interessanter sein, als die Memoiren so eines alten, wohlbeleibten Generals der Katharineischen Zeit, der sowohl bei Hofe war wie in der Schlacht bei Otschakoff, – was mußte der Mann nicht alles gesehen und erlebt haben! Statt dessen aber ... besteht das Ganze nur aus Anekdötchen ... Man glaubt schließlich, es handele sich um einen Betrug, einen solchen Großvater habe es nie gegeben. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich selbst in meiner Kindheit ein Buch aus der Zeit Katharinas gelesen, aus dem ich noch folgende Anekdote behalten habe.
„_Eine geistreiche Antwort des Kavaliers de Rohan._ Wie bekannt, roch der Kavalier de Rohan sehr schlecht aus dem Munde. Als er einmal beim Lever des Prinzen Condé zugegen war, sagte selbiger zu ihm: ‚Trete er zurück, Kavalier de Rohan, es riecht von ihm schlecht‘. Worauf der Kavalier ohne Verzug wie folgt replizierte: ‚Der Geruch geht nicht von mir aus, allergnädigster Prinz, sondern von Euch, sintemal Ihr soeben aus dem Bette steigt.‘“
Man stelle sich nur diesen „Großvater“ und Großgrundbesitzer, den alten Soldaten, vielleicht sogar einarmigen Krieger mit seinen hundert Hofleuten vor ... wie er mit der Brille auf der Nase langsam buchstabierend solche Anekdoten liest und das alles noch für wichtig, ja womöglich für den Kern des Ganzen hält, mit dem sich zu befassen fast eine mit dem Dienst verbundene Pflicht für ihn ist. Und was war das doch damals für ein naiver Glaube an die Bedeutung und Notwendigkeit ähnlicher europäischer Nachrichten. „Wie bekannt ...“ Wem war es bekannt, warum, wozu, welchen Bären im Gouvernement Tamboff konnte das bekannt sein? Und wer will so etwas überhaupt wissen? Doch solche freidenkerischen Fragen beunruhigen den Großvater nicht. Mit kindlichster Gläubigkeit denkt er bei sich, daß „selbige Sammlung von Bonmots“ bei Hofe bekannt ist, und das genügt ihm. Ja, natürlich, damals war es uns ein Leichtes, Europa uns anzueignen, d. h. physisch, versteht sich. Moralisch aber ging es selbstredend nicht ohne die Peitsche. Man zog sich seidene Strümpfe über die Beine bis zum Knie hinauf, man steckte den Kopf unter eine Perücke, man hängte sich hinten ein Deglein an und – war nun Europäer. All das störte nicht nur nicht, sondern gefiel sogar. Im Grunde aber blieb alles beim Alten: nachdem man den de Rohan aus der Hand gelegt und die Brille von der Nase genommen, verfuhr man ebenso wie früher mit dem Hofgesinde, beherrschte wie früher patriarchalisch die Familie, prügelte wie früher im Pferdestall den benachbarten Kleingrundbesitzer, wenn dieser frech zu werden wagte, und log und trog genau so vor den Höheren. Bei alledem war man aber dem Bauer doch verständlicher: man verachtete ihn weniger, ekelte sich weniger vor seinen Bräuchen, war ihm weniger fremd, war weniger deutsch. Daß man aber ihm gegenüber den Allmächtigen spielte, ja wie sollte denn der Herr das nicht, – dafür war er doch der Herr. Und wenn diese Herren ihre Leibeigenen oft auch zu Tode prügelten, so waren sie dem Volke dennoch gewissermaßen lieber als die jetzigen, denn sie waren ihm verwandter, waren von demselben Stamm. Mit einem Wort, alle diese Herrschaften waren einfaches, stämmiges Volk, forschten nicht nach den letzten Wurzeln, sie nahmen, prügelten, stahlen, bogen mit Liebe den Rücken, wo’s not tat, und lebten friedlich und fett „in kindlicher, gewissensruhiger Verderbnis“. Ja, mich däucht sogar, daß alle diese Großväter gar nicht so naiv waren, nicht einmal in betreff der de Rohans und ähnlicher Anekdoten.
Ja, vielleicht waren sie mitunter sogar große Schelme, die unbeschadet aller damaligen europäischen Einflüsse von oben her durchaus ihren Kopf für sich behielten. Diese ganze Phantasmagorie, diese ganze Maskerade, alle diese französischen Röcke, Manschetten, Perücken, Zierdegen, alle diese dicken, plumpen Beine, die sich in seidene Strümpfe schoben, alle diese damaligen Soldaten in deutschen Perücken und Gamaschen, – mir scheint, alle waren sie furchtbare Betrüger und das Ganze ein lakaienhafter, gehorsamster Betrug von unten, so daß selbst das Volk dies manchmal merkte und begriff. Natürlich kann man Amtmann und Schelm und „Brigadier“ sein und zugleich höchst naiv und rührend überzeugt, eben dieser Kavalier de Rohan sei wirklich das „subtilste Superflue“. Aber das störte ja nicht im geringsten: Die Gwosdiloffs prügelten wie ehedem, unsere de Rohans wurden von unserem Potjomkin und von jedem seinesgleichen womöglich ebenso im Pferdestall gedroschen, unsere Kavaliere nahmen, was sie nehmen konnten von Lebendigen und von Toten, und von den Fäusten mit Manschetten und den Füßen in seidenen Strümpfen wurden dieselben Genickstöße und Fußtritte verabreicht wie ehedem; bei Hofe aber bogen sich unsere Marquis’, „mutig mit dem Nacken opfernd“. Kurz, dieses ganze bestellte und befohlene Europa lebte sich damals erstaunlich bequem bei uns ein, angefangen mit Petersburg – dieser phantastischsten Stadt mit der phantastischsten Geschichte aller Städte des Erdballs.
Nun, jetzt aber ist es schon was anderes und Petersburg hat gesiegt. Jetzt sind wir bereits ganze Europäer, sind herangewachsen. Jetzt versucht selbst ein Gwosdiloff sich anzupassen, wenn’s zum Prügeln kommt, sucht den Anstand zu wahren, wird zum französischen Bourgeois, und warten wir noch ein Weilchen, dann wird er gar wie ein Nordamerikaner aus den Südstaaten mit Bibeltexten die Notwendigkeit des Handels mit Negern zu verteidigen anfangen. Nebenbei: diese Art der Verteidigung greift von dort aus neuerdings stark auch nach Europa hinüber. Nun, wenn ich erst dort sein werde, kann ich mich ja selbst von allem überzeugen, dachte ich bei mir. Aus Büchern ist das doch nie zu erfahren, was man mit eigenen Augen sieht. Übrigens – da ich gerade auf Gwosdiloff zu sprechen gekommen bin: warum hat Vonwisin einen der bemerkenswertesten Sätze in seinem „Brigadier“ gerade nicht der Ssofja, der Vertreterin der vornehmen und human-europäischen Entwicklung in den Mund gelegt, sondern der dummen Brigadierin? – wo es gilt, die Wahrheit zu sagen, da wird diese also doch nicht von Ssofja ausgesprochen, sondern von dieser Frau, die er, abgesehen von ihrer Dummheit, auch noch als böses Frauenzimmer gezeichnet hat. Es ist geradezu, als habe er sich nicht getraut oder gar es für künstlerisch unmöglich gehalten, daß ein solcher Ausspruch der gleichsam in der Orangerie erwachsenen, so wohlerzogenen Ssofja entschlüpfen könnte, und er hat es doch irgendwie natürlicher gefunden, daß ein einfaches, dummes Weib ihn ausspricht! Diese Stelle, die es wert ist, behalten zu werden, ist um so bemerkenswerter, als sie ohne jede Absicht und ohne alle Hintergedanken, ganz naiv und vielleicht sogar ganz unbedacht geschrieben worden ist. Die Gattin des Brigadiers erzählt der Ssofja:
„... In unserem Regiment war ein Hauptmann, Gwosdiloff mit Namen. Derselbe hatte so eine schmucke-schmucke junge Frau. Wenn es nun vorkam, daß er sich ärgerte, aber meist geschah es wohl in der Betrunkenheit, da begann er sie denn, wirst du’s mir glauben, so zu prügeln, was nur die Seele hergab, und das alles für nichts und wieder nichts. Na, uns ging das ja nichts an, aber manchmal hätte man doch weinen mögen, wenn man sie so sah.
_Ssofja_: Ich bitte Euch, hört auf, davon zu erzählen, was die Menschheit empört.
_Die Brigadierin_: Ja, sieh mal, du willst davon _nicht einmal hören_, wie aber muß das für die Hauptmannsfrau _zu erdulden_ gewesen sein?“
Damit wird die wohlerzogene Ssofja mit ihrer ganzen Orangerie-Empfindsamkeit von einer gewöhnlichen, ungebildeten Frau einfach matt gesetzt. Es ist das eine ganz erstaunliche Antwort bei einem Vonwisin, und man kann nur sagen, daß von ihm nichts Treffenderes geschrieben worden ist, auch nichts Menschlicheres und ... Unbeabsichtigteres![86]
Ja, wie viele solcher Orangerie-Progressisten gibt es bei uns noch heute und selbst unter unseren wichtigsten Führern, Orangerie-Progressisten, die mit dieser ihrer Treibhaushaftigkeit sogar außerordentlich zufrieden sind und gar nichts anderes verlangen. Doch das Merkwürdigste bei alledem ist zweifellos, daß Gwosdiloff seine Frau nach wie vor prügelt, und zwar jetzt fast mit noch größerem Genuß als früher. Es ist wirklich so. Man sagt, früher sei es mehr aus Liebe geschehen! – wie man ja auch zu sagen pflegt „wen ich liebe, den schlage ich“. Sogar die Frauen, heißt es, hätten sich beunruhigt gefühlt, wenn sie nicht geschlagen wurden: er schlägt nicht, folglich liebt er nicht. Aber das war ja alles noch Urzustand, noch elementar, rassig. Jetzt aber hat sich auch das schon der Entwicklung unterworfen. Jetzt prügelt Gwosdiloff beinahe schon aus Prinzip, aber im Grunde doch nur, weil er immer noch ein Dummkopf ist, d. h. ein Mensch der alten Zeit, der die neuen Einrichtungen nicht begreift. Nach diesen neuen Einrichtungen aber kann man ja ohne Selbsthilfe und Faustrecht noch viel mehr erreichen. Wenn ich mich hier so über Gwosdiloff verbreite, so geschieht das nur, weil man bei uns noch immer über Gwosdiloff die tiefsinnigsten und humansten Phrasen schreibt, und zwar so unaufhörlich, daß es sogar dem Publikum schon zu viel wird. Gwosdiloff ist bei uns so lebenszäh, trotz aller Artikel gegen ihn, daß er fast unsterblich zu sein scheint. Jawohl, er lebt und ist gesund, ist satt und betrunken. Jetzt sind ihm zwar ein Arm und ein Bein gelähmt, und seine Ehehälfte ist schon längst nicht mehr „so eine schmucke-schmucke junge Frau“, wie sie es früher war. Sie ist alt geworden, das Gesicht spitz und farblos, Runzeln und Leid haben es durchfurcht. Doch als ihr Hauptmann krank darnieder lag, da wich sie nicht von seinem Bett, durchwachte die Nächte bei ihm, tröstete ihn, vergoß heiße Tränen um ihn, nannte ihn ihren lieben, guten Helden, ihren lichten Falken, ihren mutigen Soldaten. Mag das einerseits die Seele empören, mag es, mag es nur! Aber andererseits: es lebe die russische Frau, und es gibt nichts Besseres in unserer ganzen russischen Welt als ihre grenzenlos verzeihende Liebe. So ist es doch, nicht wahr? Um so mehr, als selbst Gwosdiloff jetzt in nüchternem Zustande seine Frau manchmal auch nicht mehr schlägt, das heißt, seltener schlägt, den Anstand wahrt, ja mitunter sogar ein freundliches Wort zu ihr sagt. Fühlt er doch jetzt im Alter, daß er ohne sie nicht auskäme; er versteht nun schon zu berechnen, er ist nun Bourgeois, und wenn er sie auch jetzt noch ab und zu schlägt, so geschieht das doch höchstens in der Betrunkenheit und so aus alter Gewohnheit, wenn es ihm sonst schon zu langweilig wird und irgend eine Sehnsucht ihn plagt. Nun, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, immerhin ein Fortschritt, immerhin ein Trost, eine Beruhigung. Wir aber sind ja solche Liebhaber von Beruhigungen ...