Part 6
»Mit mir Mitleid haben! Mitleid haben!« -- rief Marmeladoff plötzlich laut und erhob sich mit ausgestreckter Hand, sich gebärdend, als hätte er bloß auf diese Worte gewartet. -- »Warum Mitleid mit mir haben, sagst du? Ja! Es gibt nichts, weswegen man mich bemitleiden kann. Man muß mich kreuzigen, mich ans Kreuz nageln und nicht Mitleid haben! Kreuzige, kreuzige, Richter und nachdem du gekreuzigt hast, habe Mitleid. Und da will ich selbst zur Kreuzigung zu dir kommen, denn ich suche nicht Fröhlichkeit, sondern Kummer und Tränen! ... Meinst du, du Krämer, daß diese Flasche mir zur Freude war? Kummer, Kummer suchte ich auf ihrem Boden, Kummer und Tränen, und ich habe sie gefunden und habe von ihnen gekostet. Mitleid aber mit uns wird der haben, der mit allen Mitleid hat, und der alles und alle verstanden hat, Er, der einzige; er ist auch der Richter. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: >Wo ist die Tochter, die sich der bösen und schwindsüchtigen Stiefmutter und den fremden kleinen Kindern geopfert hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem irdischen Vater, dem lasterhaften Trunkenbold, Mitleid hatte, ohne sich vor seiner Tierheit zu erschrecken?< Und er wird sagen, -- >komm! Ich habe dir schon einmal vergeben ... Habe dir einmal vergeben ... Vergeben sind dir auch jetzt deine vielen Sünden, weil du viel geliebt hast ...< Und er wird meiner Ssonja vergeben, wird ihr vergeben; ich weiß es, daß er ihr vergeben wird ... Ich habe es, als ich jetzt bei ihr war, im Herzen gefühlt! ... Und er wird allen gerecht sein und wird vergeben, wie den guten, so auch den bösen, wie den weisen, so auch den einfältigen ... Und wenn er mit allen schon zu Ende sein wird, da wird er auch zu uns sprechen -- >kommet auch ihr< -- wird er sagen >kommt ihr Betrunkenen, kommt ihr Schwächlinge, kommt ihr Sündigen!< Und wir alle werden hervortreten, ohne uns zu schämen, und werden dastehn. Er aber wird sagen: >Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres, ihr viehischen Gesichter, ihr -- kommt auch ihr!< Und die Weisen und die Klugen werden ausrufen: >Herr! Warum nimmst du sie auf?< Und er wird sagen -- >Ich nehme sie auf, ihr Weisen. Ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil sich kein einziger von ihnen für dessen würdig hielt ...< Und er wird seine Hände gegen uns ausstrecken, und wir werden niedersinken ... und werden weinen ... und alles verstehn! Dann werden wir alles verstehen! ... Und alle werden verstehn ... auch Katerina Iwanowna ... auch sie wird verstehn ... Herr, dein Reich komme.«
Er ließ sich auf die Bank nieder, erschöpft und geschwächt, ohne jemand anzusehen, als hätte er die Umgebung vergessen, und versank in tiefes Sinnen. Seine Worte hatten einen gewissen Eindruck hervorgerufen; für einen Augenblick trat Schweigen ein, bald darauf aber ertönte von neuem Lachen und Schelten.
»Er hat gerichtet!«
»Hat sich vergaloppiert!«
»Ist auch Beamter!«
und solcherlei mehr hörte man.
»Wollen wir gehen, mein Herr!« -- sagte Marmeladoff plötzlich, hob den Kopf und wandte sich an Raskolnikoff. -- »Begleiten Sie mich ... Haus Kosel ... im Hofe. Es ist Zeit ... für mich ... zu Katerina Iwanowna ...«
Raskolnikoff hatte längst schon weggehen wollen, und auch selbst gedacht, ihm behilflich zu sein. Marmeladoff zeigte sich viel schwächer in den Beinen, als in seinen Reden, und stützte sich stark auf den jungen Mann. Sie hatten zwei- bis dreihundert Schritte zu gehen. Verwirrung und Angst packten immer stärker und stärker den Säufer, je mehr sie sich dem Hause näherten.
»Ich fürchte mich jetzt nicht vor Katerina Iwanowna,« -- murmelte er erregt, -- »auch nicht davor, daß sie mich an den Haaren raufen wird. Was sind Haare! ... Dummes Zeug sind die Haare! Das sage ich! Es ist sogar besser, daß sie mich raufen wird, aber ich fürchte mich nicht davor ... ich ... ich ... fürchte mich vor ihren Augen ... ja ... vor ihren Augen ... Auch vor den roten Flecken auf den Wangen fürchte ich mich ... und ich fürchte mich -- vor ihrem Atem ... Hast du gesehen, wie die Menschen bei dieser Krankheit atmen ... wenn sie erregt sind? Auch vor den weinenden Kindern fürchte ich mich ... Wenn Ssonja ihnen nichts zu essen gegeben hat, dann ... weiß ich nicht, wie ... Ich weiß nicht! Vor Schlägen fürchte ich mich nicht ... Du sollst wissen, mein Herr, daß solche Schläge mir keinen Schmerz, sondern Genuß bereiten ... Denn ohne die kann ich selbst nicht auskommen. Es ist besser. Mag sie mich schlagen, mag sie ihrem Herzen Luft machen ... es ist besser ... Da ist ja das Haus. Es gehört Kosel, einem Schlosser, einem reichen Deutschen ... führe mich!«
Sie traten in den Hof und stiegen in das vierte Stockwerk. Je höher sie die Treppe hinaufstiegen, um so dunkler wurde es. Es war fast elf Uhr, und obwohl es um diese Jahreszeit in Petersburg keine Nacht gibt, war es doch sehr dunkel oben auf der Treppe.
Eine kleine verräucherte Tür am Ende der Treppe war geöffnet. Ein Lichtstumpf beleuchtete ein sehr ärmliches, etwa zehn Schritte langes Zimmer; vom Flur aus konnte man es vollständig übersehen. Alles lag verstreut und in Unordnung umher, besonders zerlumpte Kinderkleider. Vor den hintersten Winkel war ein verlöchertes Bettlaken gezogen. Dort stand wahrscheinlich das Bett. Im Zimmer waren im ganzen zwei Stühle und ein sehr abgerissenes mit Wachstuch bezogenes Sofa, vor dem ein alter ungestrichener Küchentisch ohne Decke, aus Fichtenholz, stand. Auf einer Ecke des Tisches brannte in einem eisernen Leuchter der Lichtstumpf. Es erwies sich, daß Marmeladoff nicht in dem Winkel schlief, sondern in einem Zimmer für sich war, das aber ein Durchgangszimmer war. Die Tür zu den andern Räumen oder vielmehr Käfigen, in die die Wohnung von Amalie Lippewechsel eingeteilt war, stand offen. Dort ging es geräuschvoll und laut zu. Man hörte Lachen. Wie es schien, spielte man dort Karten und trank Tee. Hin und wieder ertönten höchst ungesellschaftliche Reden.
Raskolnikoff erkannte Katerina Iwanowna sofort. Sie war eine furchtbar abgemagerte Frau, von ziemlich hohem Wuchse, und schlank, mit noch schönem, dunkelblondem Haar; auf den Wangen waren die roten Flecke zu sehen. Sie wanderte in dem kleinen Zimmer auf und ab, die Hände an die Brust gepreßt, mit vertrockneten Lippen, und atmete stoßweise und unregelmäßig. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, der Blick aber war scharf und unbeweglich, und dieses schwindsüchtige und erregte Gesicht machte einen schmerzlichen Eindruck bei der Beleuchtung des sterbenden Lichtes, das auf dem Gesichte zitterte. Sie schien Raskolnikoff etwa dreißig Jahre alt zu sein und in der Tat zu Marmeladoff nicht zu passen ... Die Eintretenden hatte sie nicht gehört und nicht bemerkt; ihre Gedanken schienen abwesend zu sein, sie hörte und sah nichts. Im Zimmer war es dumpf, das Fenster war verschlossen; von der Treppe her kam ein mörderlicher Gestank, und die Tür zur Treppe war offen, aus den inneren Räumen drangen durch die geöffnete Tür Wolken von Tabakrauch, -- sie hustete, schloß aber die Tür nicht zu. Das kleinste Mädchen im Alter von sechs Jahren etwa, saß zusammengekauert auf der Diele und schlief mit dem Gesicht ans Sofa gelehnt. Der Knabe, ein Jahr älter, stand in einem Winkel, am ganzen Körper zitternd, und weinte. Er hatte wahrscheinlich soeben Schläge bekommen. Das älteste Mädchen, von neun Jahren, hoch und dünn, wie ein Streichholz, stand in einem schlechten und völlig zerrissenen Hemdchen und in einem alten wattierten Mantel, der um die nackten Schultern geworfen und wahrscheinlich vor zwei Jahren gemacht war, da er ihr jetzt kaum bis zu den Knien reichte, in dem Winkel neben dem kleinen Bruder und hielt seinen Hals mit ihrem langen, dünnen Arm umschlungen. Sie schien ihn zu trösten, flüsterte ihm etwas zu und hielt ihn in jeder Weise zurück, damit er ja nicht weine, und gleichzeitig beobachtete sie voll Angst die Mutter mit ihren übergroßen, dunklen Augen, die in dem abgemagerten und erschrockenen Gesichtchen noch größer erschienen. Marmeladoff kniete, ohne das Zimmer zu betreten, an der Tür nieder und schob Raskolnikoff vor sich her. Als die Frau einen Fremden erblickte, blieb sie zerstreut vor ihm stehen, kam auf einen Augenblick zu sich und schien nachzudenken, warum er eingetreten sei. Aber sie meinte wohl, daß er in die andern Räume wollte, da der ihrige nur ein Durchgangszimmer war. Nachdem sie sich's so überlegt hatte, ging sie, ohne ihn weiter zu beachten, zu der Flurtür, um sie zu schließen. Da schrie sie plötzlich auf, als sie auf der Schwelle ihren knienden Mann erblickte.
»Oh!« -- rief sie in blinder Wut. -- »Du bist zurückgekehrt! Du Zuchthäusler! Du Unmensch! ... Wo ist das Geld? Was hast du in der Tasche, zeige mir's! Und die Kleider sind nicht dieselben! Wo ist deine Uniform? Wo ist das Geld? Sprich! ...«
Und sie stürzte sich auf ihn, um ihn zu durchsuchen. Marmeladoff streckte gehorsam und unterwürfig die Arme nach beiden Seiten aus, um ihr die Durchsuchung der Taschen zu erleichtern. Vom Gelde war keine Kopeke mehr da.
»Wo ist das Geld?« -- schrie sie. -- »Oh, Gott, er wird doch nicht alles vertrunken haben! Es waren doch zwölf Rubel in dem Kasten! ...«
Plötzlich packte sie ihn in rasender Wut an den Haaren und zerrte ihn in das Zimmer hinein. Marmeladoff erleichterte ihr die Mühe, indem er auf den Knien demütig hinter ihr herkroch.
»Das ist mir ein Genuß! Das ist für mich kein Schmerz, sondern ein Ge--nuß, mein Herr!« -- rief er aus, während er an den Haaren gezerrt wurde und sogar einmal mit der Stirn gegen den Boden schlug.
Das Kind, das auf der Diele schlief, wachte auf und begann zu weinen. Der Knabe im Winkel fuhr zusammen, erschauerte, schrie auf und stürzte in furchtbarem Schreck, wie in einem Anfalle, zu der Schwester hin. Das älteste Mädchen bebte an allen Gliedern, wie ein Blatt unter einem Windstoß.
»Du hast das Geld vertrunken! Hast alles, alles vertrunken!« -- schrie die arme Frau in Verzweiflung. -- »Und die Kleider sind nicht dieselben. Die da sind hungrig, hungrig!« -- (und händeringend zeigte sie auf die Kinder) -- »Oh, verfluchtes Leben! Und Sie ... schämen Sie sich nicht« -- mit diesen Worten stürzte sie sich unversehens auf Raskolnikoff. -- »Sie da aus der Schenke! Du hast mit ihm getrunken? Hast mit ihm getrunken! Hinaus!« Der junge Mann schritt eilends hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Die Türe zu den anderen Zimmern wurde sperrweit geöffnet, und einige Neugierige schauten herein. Dreiste, lachende Gesichter mit Zigaretten und Pfeifen im Munde, mit Mützen auf dem Kopfe zeigten sich. Man sah Gestalten in Schlafröcken und mit völlig nackter Brust, in leichter Bekleidung, die an Unanständigkeit grenzte, manche mit Karten in den Händen. Sie amüsierten sich vortrefflich und lachten, als Marmeladoff an den Haaren gezerrt ausrief, daß dies ihm ein Genuß sei. -- Man drängte sich sogar in das Zimmer; plötzlich erscholl ein wütendes Gekreische, -- Amalie Lippewechsel war herbeigeeilt, um selbst auf ihre Weise Ordnung zu schaffen und zum hundertsten Mal die arme Frau durch den zornigen Befehl, morgen schon die Wohnung zu räumen, zu erschrecken. Beim Fortgehen gelang es Raskolnikoff die Hand in die Tasche zu stecken, soviel von dem Kupfergelde, das man ihm in der Schenke auf den Rubel herausgegeben hatte, hervorzuholen, als er erfassen konnte, und es unbemerkt auf das Fensterbrett zu legen. Auf der Treppe besann er sich und wollte umkehren. »Was habe ich für eine Dummheit gemacht?« dachte er. »Sie haben ja Ssonja und ich brauche es doch selbst.«
Nachdem er aber eingesehen hatte, daß es unmöglich war, das Geld zurückzunehmen, und daß er es sowieso nicht zurückgenommen hätte, machte er eine Bewegung mit der Hand und ging nach Hause.
»Ssonja braucht Pomade,« fuhr er fort, während er auf der Straße ging, und lächelte bitter. »Diese Sauberkeit kostet Geld ... Hm! Ssonjetschka kann vielleicht heute Fiasko machen, denn es ist immer ein Risiko -- die Jagd auf dieses Wild ... wie das Graben nach Gold ... da würden sie dann alle ohne mein Geld morgen auf dem Trockenen sitzen ... Ja, die Ssonja! Welch einen Brunnen haben sie zu finden verstanden! Und sie benutzen ihn! Sie benutzen ihn trotz allem! Und haben sich daran gewöhnt! Sie haben geweint und haben sich daran gewöhnt. An alles gewöhnt sich der Schuft -- der Mensch!«
Er verfiel in Nachdenken.
»Wenn ich aber gelogen habe,« rief er plötzlich unwillkürlich aus. »Wenn der Mensch tatsächlich _kein Schuft_ ist, das ganze Geschlecht überhaupt, das heißt das menschliche Geschlecht es nicht ist, so bedeutet das, daß alles Vorurteil ist, bloß eingebildeter Schrecken, und es gibt also keine Hindernisse und so muß es auch sein! ...«
III.
Er erwachte am anderen Tage spät nach einem unruhigen Schlafe; der Schlaf hatte ihn nicht gestärkt. Er erwachte griesgrämig, gereizt und böse, und blickte voll Haß seine Kammer an. Es war ein winziger Raum, sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und überall an den Wänden losgelösten Tapete einen kläglichen Eindruck; das Zimmer war so niedrig, daß es einem einigermaßen großen Manne bange wurde, und immer schien es, als könnte man jeden Augenblick mit dem Kopf an die Decke stoßen. Die Möbel entsprachen dem Raume, -- es waren drei alte Stühle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bücher lagen; schon aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schließen, daß sie lange nicht berührt worden waren. Außerdem stand in dem Zimmer noch ein plumpes, großes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hälfte des Zimmers einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten, abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen, worunter er alles, was er an Wäsche, reiner und getragener, besaß, stopfte, um die Kopfstelle höher zu machen. Vor dem Sofa stand ein kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemütsverfassung gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkröte in ihrer Behausung, von allen völlig zurückgezogen; und das Gesicht des Mädchens, das verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krämpfe. Das kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte seit zwei Wochen schon aufgehört, ihm Essen zu geben und er hatte noch nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, obwohl er ohne Mittag saß. Nastasja, die Köchin und das einzige Mädchen der Wirtin, war über die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte aufgehört, sein Zimmer aufzuräumen und auszukehren; ab und zu jedoch, vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufällig, den Besen. Sie hatte ihn jetzt geweckt.
»Steh auf, was schläfst du!« rief sie ihm zu. »Es ist schon zehn Uhr. Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz abgemagert?«
Der junge Mann öffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.
»Ist der Tee von der Wirtin?« fragte er und erhob sich langsam und mit schmerzlicher Miene vom Sofa.
»Was dir einfällt, -- von der Wirtin!«
Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrühtem Tee vor ihm hin und legte zwei Stück gelben Zucker daneben.
»Nimm das, bitte, Nastasja,« sagte er, indem er in der Tasche suchte -- (er hatte angekleidet geschlafen) -- und eine Handvoll Kupfermünzen hervorholte. »Gehe und kaufe mir Weißbrot. Hole auch ein wenig Wurst aus dem Laden, aber billige ...«
»Weißbrot will ich dir sofort bringen, willst du aber nicht anstatt Wurst etwas Kohlsuppe haben? Die Kohlsuppe ist gut, sie ist von gestern. Ich hatte gestern für dich etwas aufbewahrt, aber du kamst erst so spät. Es ist eine gute Kohlsuppe.«
Nachdem sie die Kohlsuppe gebracht hatte, setzte sich Nastasja neben ihm auf dem Sofa hin und begann, während er aß, zu plaudern. Sie war vom Lande und ein sehr geschwätziges Frauenzimmer.
»Praskovja Pawlowna will dich bei der Polizei verklagen,« sagte sie.
Er verzog das Gesicht.
»Bei der Polizei? Was will sie denn?«
»Du zahlst nicht und räumst das Zimmer nicht. Es ist begreiflich, was sie will.«
»Zum Teufel, das fehlte noch,« murmelte er und knirschte mit den Zähnen. »Nein, das kommt mir jetzt ... sehr ungelegen ... Sie ist dumm,« fügte er laut hinzu. »Ich will heute noch zu ihr gehen und mit ihr sprechen.«
»Sie ist dumm, ebenso wie ich; aber du, Kluger, was liegst du da, wie ein Sack, nichts hat man von dir. Früher, sagst du, hast du Kinder unterrichtet, warum machst du aber jetzt nichts?«
»Ich mache ...« antwortete Raskolnikoff unwillig und finster.
»Was machst du denn?«
»Ich arbeite ...«
»Was arbeitest du denn?«
»Ich denke,« antwortete er nach einem Schweigen finster.
Nastasja schüttelte sich vor Lachen. Sie war von den Lachlustigen, und wenn man sie zum Lachen reizte, lachte sie lautlos, aber am ganzen Körper bebend und sich schüttelnd, bis sie nicht mehr konnte.
»Hast du viel Geld mit dem Denken verdient?« brachte sie endlich hervor.
»Ohne Stiefel kann man doch nicht unterrichten. Und übrigens pfeife ich auf alles.«
»Sei nicht zu stolz.«
»Den Unterricht bezahlt man in Kupfer. Was soll man mit ein paar Kopeken anfangen?« fuhr er unwillig fort, als antworte er den eigenen Gedanken.
»Du möchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal haben?«
Er blickte sie sonderbar an.
»Ja, ein ganzes Kapital,« antwortete er nach einem Schweigen entschlossen.
»Fang mit kleinem an; du erschreckst einen ja. Soll ich dir jetzt Weißbrot holen oder nicht?«
»Wie du willst!«
»Ach, ich vergaß; gestern ist für dich ein Brief angekommen.«
»Ein Brief! Für mich! Von wem?«
»Von wem er ist -- das weiß ich nicht. Ich habe dem Briefträger drei Kopeken aus meiner eigenen Tasche gegeben. Gibst du sie mir wieder?«
»Bring doch den Brief, um Gottes Willen, bring ihn gleich!« rief Raskolnikoff ganz erregt. »Oh, Gott!«
Nach einer Minute kam der Brief. »Wirklich! Er ist von der Mutter, aus dem R.schen Gouvernement.« Er erbleichte sogar, als er ihn nahm. Lange schon hatte er keine Briefe erhalten, und jetzt bedrückte noch etwas anderes sein Herz.
»Nastasja, geh fort, um Gotteswillen. Da hast du deine drei Kopeken, geh nur schnell fort, um Gotteswillen.«
Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrer Anwesenheit öffnen, er wollte mit dem Briefe _allein_ sein. Als Nastasja gegangen war, führte er schnell den Brief an seine Lippen und küßte ihn; dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und liebe, feine und schräge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und schreiben gelehrt hatte. Er zögerte, den Brief zu öffnen, schien sich sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er den Brief, einen langen, gewichtigen Brief; zwei große Briefbogen waren dicht beschrieben.