Part 51
»Weil ich mich, wie ich Ihnen schon vorhin erklärte, für verpflichtet halte, Ihnen eine Erklärung abzugeben. Ich will nicht, daß Sie mich für ein Scheusal ansehen sollen, umsomehr, als ich zu Ihnen eine aufrichtige Neigung gefaßt habe, ob Sie mir glauben oder nicht. Und deswegen bin ich, drittens, gekommen, Ihnen den offenen und direkten Vorschlag zu machen -- sich selbst anzuzeigen und ein Geständnis abzulegen. Das ist für Sie das Gescheiteste, und auch für mich am vorteilhaftesten, -- dann bin ich die Sache los. Nun, war ich meinerseits offen oder nicht?«
Raskolnikoff dachte einen Augenblick nach.
»Hören Sie, Porphyri Petrowitsch, Sie sagen doch selbst, -- es ist nur auf Psychologie begründet, indessen aber ziehen Sie die Mathematik herein. Nun wie, wenn Sie sich selbst irren?«
»Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe ein Endchen in der Hand. Das Endchen hatte ich auch damals erwischt; Gott hat es mir geschenkt!«
»Was für ein Endchen?«
»Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. In jedem Falle aber habe ich jetzt nicht mehr das Recht, es hinauszuschieben; ich werde Sie verhaften. Also ziehen Sie dies in Betracht, -- für mich ist _es jetzt_ gleichgültig, folglich tue ich es bloß um Ihretwillen. Bei Gott, es wird für Sie besser sein, Rodion Romanowitsch!«
Raskolnikoff lächelte boshaft.
»Es ist doch nicht bloß lächerlich, es ist unverschämt. Und mag ich schuldig sein, -- was ich noch gar nicht sage, -- nun, warum soll ich denn zu Ihnen mit einem freiwilligen Geständnis kommen, wenn Sie schon selbst sagen, daß ich dort bei Ihnen mich _zur Ruhe_ setzen werde?«
»Ach, Rodion Romanowitsch, trauen Sie nicht ganz den Worten; vielleicht wird es auch nicht ganz >_zur Ruhe_< sein! Es ist doch bloß eine Theorie und zudem noch meine eigene, was für eine Autorität aber bin ich für Sie? Vielleicht verheimliche ich auch jetzt noch irgend etwas vor Ihnen. Ich kann Ihnen doch nicht alles offenbaren und zeigen. He--he! Außerdem, Sie fragen, welchen Vorteil Sie haben werden? Ja, wissen Sie auch, welch eine Strafermäßigung Sie erhalten werden? Wann werden Sie kommen, in welchem Augenblick? Überlegen Sie es sich doch bloß! In dem Momente, wo schon ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze Angelegenheit verwirrt hat! Und ich will, -- so wahr ein Gott ist -- alles >dort< so einrichten und arrangieren, daß Ihr Geständnis wie vollkommen unerwartet erscheinen wird. Diese ganze Psychologie wollen wir ganz vernichten, allen Verdacht will ich in nichts verwandeln, so daß Ihr Verbrechen, wie eine Art Verblendung erscheinen wird, denn -- offen gestanden, -- es war auch eine Verblendung. Ich bin ein ehrlicher Mensch, Rodion Romanowitsch, und werde mein Wort halten.«
Raskolnikoff schwieg traurig und ließ den Kopf sinken; er dachte lange nach, plötzlich lächelte er wieder, aber sein Lächeln war diesmal schon sanft und traurig.
»Ach, es ist nicht nötig!« sagte er, als ob er sich gar nicht mehr vor Porphyri Petrowitsch verberge. -- »Es lohnt sich nicht! Ich brauche gar nicht Ihre Strafermäßigung!«
»Das fürchtete ich gerade!« rief Porphyri Petrowitsch innig und unwillkürlich, -- »das fürchtete ich gerade, daß Sie unsere Ermäßigung nicht brauchen.«
Raskolnikoff blickte ihn traurig und eindringlich an.
»Hören Sie, verschmähen Sie das Leben nicht!« fuhr Porphyri Petrowitsch fort. -- »Sie haben noch viel von ihm zu erwarten. Warum ist eine Strafermäßigung nicht nötig, warum nicht? Sie ungeduldiger Mensch!«
»Was habe ich denn noch viel vor?«
»Zu leben! Was sind Sie für ein Prophet, wissen Sie denn wie viel? Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprüft. Ja, und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...«
»Eine Ermäßigung wird sein ...« lachte Raskolnikoff.
»Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl möglich, daß Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, -- denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht fürchten oder etwa schämen, ein Geständnis abzulegen.«
»Ach, ich pfeife darauf!« flüsterte Raskolnikoff verächtlich und mit Widerwillen, als ob er darüber auch nicht mehr reden wolle. Er war wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.
»Da haben wir es -- ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren, und meinen auch, daß ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie ausgedacht, und schämen sich nun, daß nichts daraus wurde, und daß es zu wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den äußersten Grenzen gegangen. Für wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie für einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann, die aber ruhig dastehen und mit einem Lächeln auf ihre Peiniger blicken, -- wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Außerdem müssen Sie schon längst eine Luftveränderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, daß er Leiden sucht. Ich weiß, daß Sie noch nicht glauben können, -- grübeln Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu überlegen, dem Leben hin; seien Sie sicher, -- es bringt Sie an das Ufer und stellt Sie auf die Beine. An was für ein Ufer weiß ich nicht. Woher soll ich es auch wissen? Ich glaube nur daran, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich weiß auch, daß Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal später erinnern und sie werden Ihnen von Nutzen sein können. Aus diesem Grunde spreche ich auch. Es ist gut, daß Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie aber sich eine andere Theorie ausgedacht hätten, so würden Sie vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben! Man muß vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht behütet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein großes Herz haben und sich weniger fürchten. Ihnen ist bange vor der Größe dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle muß man sich schämen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende Gerechtigkeit. Erfüllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich weiß, daß Sie nicht glauben, aber -- bei Gott -- das Leben wird Ihnen zu weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie brauchen jetzt bloß Luft, Luft und Luft!«
Raskolnikoff zuckte zusammen.
»Ja, wer sind Sie denn?« rief er aus. -- »Sind Sie etwa ein Prophet? Woher haben Sie diese hohe majestätische Ruhe, um mir superkluge Prophezeiungen vorzuorakeln?«
»Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der vielleicht empfindet und Mitgefühl besitzt, vielleicht auch etwas weiß, aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber -- mit Ihnen steht es anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer weiß, vielleicht geht bei Ihnen alles wie ein Dunst vorüber, nichts wird zurückbleiben. Nun, was ist denn dabei, daß Sie in eine andere Gattung von Menschen übergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort bedauern? Was ist denn dabei, daß man Sie vielleicht lange nicht mehr sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lächeln Sie wieder, -- daß ich solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, daß ich mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch tatsächlich heran, he--he--he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch, meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals, -- ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins füge ich hinzu, -- ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, können Sie, glaube ich, selbst beurteilen!«
»Wann denken Sie mich zu verhaften?«
»Nun, anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch frei herumgehen lassen. Denken Sie nach, mein Lieber, beten Sie zu Gott. Ja, es ist vorteilhafter, -- bei Gott -- vorteilhafter.«
»Wenn ich aber fliehen werde?« fragte Raskolnikoff mit einem sonderbaren Lächeln.
»Nein, Sie werden nicht fliehen. Ein Bauer wird davonlaufen, ein moderner Sektierer wird fliehen -- ein Lakai, der von fremden Gedanken zehrt, dem man bloß eine Fingerspitze zu zeigen braucht und der an alles, was Sie wollen, sein Lebelang glauben wird. Sie aber glauben doch nicht mehr an Ihre Theorie, -- warum wollen Sie fliehen? Ja, und was wollen Sie in einem freiwilligen Exil? Im Exil ist es häßlich und schwer, Sie aber brauchen vor allen Dingen Leben und eine bestimmte Lage, eine entsprechende Luft, und gibt es für Sie im Exil die nötige Luft? Wenn Sie fliehen werden, kehren Sie selbst zurück. _Ohne uns können Sie nicht auskommen._ Und wenn ich Sie ins Gefängnis setze, -- nun, Sie werden einen Monat sitzen, meinetwegen auch zwei oder drei, und dann werden Sie plötzlich, -- denken Sie an meine Worte, -- selbst zu mir kommen und gestehen, und möglicherweise für Sie selbst unerwartet. Sie werden selbst noch eine Stunde vorher nicht wissen, daß Sie ein Geständnis ablegen werden. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie auf den Gedanken kommen werden, das Leiden auf sich zu nehmen. Sie glauben mir jetzt nicht auf mein bloßes Wort hin, Sie werden selbst aber darauf verfallen. Denn das Leiden, Rodion Romanowitsch, ist ein großes Ding; lassen Sie außer acht, daß ich fett und dick geworden bin, das tut nichts, ich weiß es dennoch; lachen Sie nicht darüber, -- im Leiden liegt eine tiefe Idee. Nikolai hat recht. Nein, Sie werden nicht davonlaufen, Rodion Romanowitsch.«
Raskolnikoff stand von seinem Platz auf und nahm seine Mütze. Porphyri Petrowitsch erhob sich auch.
»Sie wollen spazieren gehen? Der Abend wird schön werden, es möge nur kein Gewitter kommen. Es wäre zwar besser, wenn es frischer würde ...«
Er nahm auch seine Mütze.
»Porphyri Petrowitsch,« sagte Raskolnikoff mit strenger Eindringlichkeit, »bitte, setzen Sie sich nicht in den Kopf, daß ich Ihnen heute gestanden habe. Sie sind ein sonderbarer Mensch und ich habe Ihnen aus bloßer Neugier zugehört. Ich habe Ihnen aber nichts eingestanden ... Vergessen Sie es nicht.«
»Nun gut, ich werde es nicht vergessen, -- sehen Sie nur, wie Sie zittern. Seien Sie ruhig, mein Lieber; Ihren Willen sollen Sie haben. Gehen Sie ein wenig spazieren; zu viel aber sollen Sie nicht gehen. Ich habe an Sie für jeden Fall noch eine kleine Bitte,« fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, -- »eine peinliche, aber wichtige Bitte, -- wenn Sie, das heißt, für jeden Fall ... woran ich übrigens nicht glaube und Sie zu ähnlichem für ganz und gar nicht fähig halte, ... falls -- ich sage es bloß für jeden Fall -- Sie in diesen vierzig oder fünfzig Stunden Lust verspüren sollten, die Sache irgendwie anders, in einer phantastischen Weise aus der Welt zu schaffen, -- sagen wir, Hand an sich legen zu wollen ... es ist ja eine unsinnige Annahme, entschuldigen Sie bitte, -- hinterlassen Sie dann eine kurze aber genaue Mitteilung. Es brauchen bloß zwei Zeilen, zwei kurze Zeilen zu sein und erwähnen Sie auch den Stein; das wird anständiger sein. Nun, auf Wiedersehen ... Ich wünsche Ihnen gute Gedanken und die rechten Vorsätze!«
Porphyri Petrowitsch ging gebückt hinaus, und vermied es, Raskolnikoff anzublicken. -- Raskolnikoff trat an das Fenster und wartete gereizt und ungeduldig, bis jener auf der Straße sein konnte und weitergegangen war. Dann verließ auch er selbst schnell das Zimmer.
III.
Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, -- wußte er selbst nicht. Er wußte nur das eine, daß der eine Macht über ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht länger mehr beunruhigen und außerdem war jetzt die richtige Zeit gekommen. -- Auf dem Wege quälte ihn besonders die eine Frage, -- war Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?
Soweit er beurteilen konnte, und er hätte darauf schwören mögen, -- war er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurück und überlegte: -- nein, er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewiß nicht!
Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, würde er oder würde er nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehen?
Vorläufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen würde. Warum? Er konnte sich selber dies nicht erklären, aber wenn er es auch gekonnt hätte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen. Dies alles quälte ihn, und doch hatte er zugleich für etwas anderes Interesse. Es war erstaunlich und niemand würde es vielleicht geglaubt haben, -- um sein jetziges unumgängliches Schicksal war er wenig besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn quälte etwas anderes, anscheinend Wichtigeres, etwas Außergewöhnliches, -- das nur ihn selbst und niemand anderen betraf. Außerdem empfand er eine grenzenlose seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.
Und war es der Mühe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen winzigen Bedrängnisse zu überwinden? War es der Mühe wert, zum Beispiel, zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren für einen Sswidrigailoff?
Oh, wie ihm dies alles langweilig war!
Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm etwas _neues_, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not auch nach einem Strohhalm! Führte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein Instinkt zusammen? Vielleicht war es bloß Müdigkeit, Verzweiflung, vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen, und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Tränen betteln? Ssonja war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches Urteil, einen unwandelbaren Entschluß vor. Hier aber handelte es sich darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwärtigen Augenblicke war er außerstande, sie zu sehen. Nein, es wäre besser, Sswidrigailoff auszuforschen, -- was wäre dabei? Er konnte sich nicht innerlich eingestehen, daß er tatsächlich jenen schon längst zu irgend etwas gebrauchte.
Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar äußerst verdorben, sicher aber schlau und unzuverlässig, und vielleicht auch bösartig. Von ihm wurde allerhand erzählt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina Iwanownas angenommen; aber wer weiß, zu welchem Zwecke und was es noch auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Pläne.
In all diesen Tagen schwebte ständig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte; so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte -- Sswidrigailoff hat die ganze Zeit sich mit ihm beschäftigt; Sswidrigailoff hat sein Geheimnis erfahren und hatte schon böse Absichten gegenüber Dunja. Man könnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, daß _er sie noch haben_ werde. Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so über ihn eine Macht erhalten hätte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen wollte?
Dieser Gedanke quälte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in die äußerste Wut. Dann würde sich alles verändern, sogar seine eigene Lage, -- er muß dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er mußte sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute früh hatte Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort paßt Rasumichin auf, aber Rasumichin weiß doch nichts von alldem. Vielleicht muß er sich auch Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese Möglichkeit.
Er beschloß endgültig, Sswidrigailoff in jedem Falle möglichst bald aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, -- aber wenn er, wenn er schon fähig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja vorhatte, -- so ...
Raskolnikoff war während dieser ganzen Zeit, während dieses ganzen Monats so abgespannt geworden, daß er jetzt ähnliche Fragen nicht anders mehr lösen konnte, als bloß durch das eine, -- »dann töte ich ihn!« Das dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer bedrückte es sein Herz; er blieb mitten auf der Straße stehen und begann sich umzusehen, -- welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster waren weit geöffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tönten und eine türkische Trommel lärmte. Man hörte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer Pfeife im Munde saß. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen. Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte -- was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien, aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich sofort den Anschein, als hätte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen. Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, -- Sswidrigailoff wollte offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, daß Raskolnikoff auch ihn gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten Zusammentreffens bei Raskolnikoff, während seines Schlafes, glich. Ein spöttisches Lächeln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide wußten, daß sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte Sswidrigailoff laut auf.
»Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier!« rief er ihm aus dem Fenster zu.
Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den großen Saal anstieß, in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrüll eines Sängerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein Glas, zur Hälfte mit Wein gefüllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich außerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein kräftiges rotwangiges Mädchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem Tiroler Hütchen mit Bändern. Es war eine Sängerin, etwa achtzehn Jahre alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme sang ...
»Nun, genug!« unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.
Das Mädchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen. Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten Ausdrucke im Gesichte gesungen.
»He, Philipp, ein Glas!« rief Sswidrigailoff.
»Ich werde keinen Wein trinken,« sagte Raskolnikoff.
»Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt. Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht!« -- Er goß ihr ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein für sie auf den Tisch.
Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das heißt, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann den Schein, küßte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zuließ und verließ das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte beide von der Straße heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf recht patriarchalischem Fuße. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon und bediente ihn unterwürfigst. Die Tür zum Saale wurde geschlossen, Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und nicht einmal von mittlerer Sorte.
»Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie,« begann Raskolnikoff, »bog aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen führt hier nicht vorbei. Doch kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!«
»Warum sagen Sie nicht offen heraus, -- das ist ein Wunder!«
»Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.«
»Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind!« lachte Sswidrigailoff, »Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, daß es -- >vielleicht< -- bloß ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu haben, können Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und fürchten sich nicht, sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.«
»Sonst durch nichts?«
»Aber das genügt doch.«
Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.
»Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, daß ich fähig bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen,« bemerkte Raskolnikoff.
»Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was aber das Wunder anbetrifft, muß ich Ihnen sagen, daß Sie anscheinend diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, daß Sie hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann. Erinnern Sie sich?«
»Ich habe es vergessen,« antwortete Raskolnikoff verwundert.