Sämtliche Werke 1-2

Part 3

Chapter 33,507 wordsPublic domain

Ja, dieses sonderbare Wort fällt »aus dem Ton der Unterhaltung heraus«: es mag ihm gleichsam im Versehen entschlüpft sein. Es ist ein jenseitiges, fast religiöses Wort. Denn, wenn in den Fragen von Gut und Böse alles so mathematisch klar und einfach ist, wenn das sittliche Gesetz nur das Gesetz der »Natur«, der natürlichen Notwendigkeit, der inneren Mechanik ist -- worüber trauert er dann, woher kommt dann dieser Schatten, vielleicht nicht aus der göttlichen, aber jedenfalls auch nicht der menschlichen Welt? Hat Raskolnikoff sich nicht versprochen, verraten? Verrät uns nicht dieses eine Wort, daß seine ganze wissenschaftliche Leidenschaftslosigkeit nur Äußerlichkeit, nur Membrane ist -- übrigens ganz so wie auch die Leidenschaftslosigkeit Machiavellis, der das Geheimnis seines »tiefen Herzens« ahnungslos aufdeckt, sobald er nur auf die Zukunft Italiens zu sprechen kommt? Es scheint, daß bei beiden unter der Leidenschaftslosigkeit eine -- große Leidenschaft loht ... wie ein »Feuertrank in einem Becher von Eiskristall«.

Der Vorwurf, den Rasumichin den Sozialisten und teilweise auch seinem Freunde Raskolnikoff macht -- hatte doch nach Rasumichins Meinung auch bei ihm alles mit der »Anschauung der Sozialisten angefangen« -- dürfte von diesem wohl kaum verdient sein: »Die Natur wird überhaupt nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die wird als gar nicht vorhanden angenommen! -- Darum lieben sie ja auch so instinktiv die Geschichte nicht ... sie lieben die _lebendige_ Entwicklung des Lebens nicht: wozu _lebendige Seele_! Die lebendige Seele verlangt Leben, die lebendige Seele gehorcht nicht der Mechanik, die lebendige Seele ist mißtrauisch, die lebendige Seele ist konservativ. Hier aber, wenn's auch nach Aas riecht -- aus Kautschuk kann man's schon machen.«

Der unerbittliche Aristokratismus, den Raskolnikoff zur Grundlage seiner Theorie gemacht hat -- die Einteilung der Menschen in Herde und Helden, in tatloses »Material«, in Sache, und in schöpferische Genies, die wie Bildhauer aus diesem Material eine neue Form meißeln, ein neues Angesicht der Geschichte -- ist vielleicht eine zu einseitige Auffassung, sie ist vielleicht zu übertrieben und darum ertötend, jedenfalls aber nicht tot, ist außerhalb des Lebens, aber darum nicht etwa leblos. Wenn diese Lehre auch der »Mechanik« ähnelt, so ist sie doch immerhin nicht »aus Kautschuk« gemacht, sondern aus dem härtesten Stahl und, wie eben eine schneidende Klinge, tötet sie wohl, aber sie prüft, erprobt, sie durchbohrt das lebendige Fleisch, den lebendigen Geist der Geschichte. Es geht schwer an, einen solchen Beobachter der menschlichen Natur, wie Machiavelli, zu verdächtigen, daß er die »Natur überspringe, die Geschichte, die lebendige Entwicklung des Lebens nicht liebe«. Der Sekretär der Republik Florenz am Hofe Cesare Borgias befand sich im Mittelpunkt dieser »lebendigen Entwicklung«, im Strudel der größten historischen Ereignisse, im Herzen der Renaissance. Machiavelli spricht nur davon, was er tatsächlich von diesem im grenzenlosen Leben und unbegrenzten Leidenschaften schlagenden Herzen erlauscht hat, nur davon, was er der »Natur« insgeheim abgesehen, dieser Natur, die sich gerade damals in ihrer furchtbaren Nacktheit nicht nur in den Schöpfern, sondern auch in den Kritikern der Geschichte offenbarte. Und jedenfalls kann man von dieser verführerischen Schimäre nicht sagen, daß es von ihr wie »Aasgeruch« herüberwehe, eher aber schon »wie von frischvergossenem Blute«, und wohl aus nichts weniger als »Kautschuk« dürfte sie gemacht sein. Aus dem Leben ist sie hervorgegangen und ins Leben hineingegangen -- und wenn auch wiederum wie schneidender Stahl. Indessen liegt der sittlichen wie auch politischen Lehre Machiavellis vielleicht derselbe oder gar ein noch schonungsloserer Aristokratismus zugrunde, als bei Raskolnikoff. Ist es bei ihm nicht dieselbe Einteilung der Menschen in »Material«, »Pöbel«, »ekelhaftes Gewürm« (wie Nietzsche es nennt) -- in _vulgus_, das durch das Naturgesetz zum Gehorchen bestimmt ist, -- und in Gebieter, in Herrscher, in Pfleglinge des Halbtiers, des Halbgotts, des Zentauren Chiron, die gleich ihrem Lehrer die übermenschliche, göttliche Natur mit der des »Tieres«, der _bestia_ in sich vereinen müssen? -- ist es nicht dieselbe »Entbindung von der Blutschuld auf ihr Gewissen«, die Erlaubnis, den »Wohltätern, den Ordnern der Menschheit« gegeben, Blut zu vergießen? -- ist nicht die vermeintlich unvermeidliche Vereinung von »Tugend« (_virtù_) und »Grausamkeit« (_ferocità_) in ihnen? Nicht umsonst hat Nietzsche, der seine Einsamkeit in der Weltliteratur fast krankhaft empfand und ihr solchen Wert beilegte, Nietzsche, der so anspruchsvoll war im Anerkennen von Verwandten oder Bundesgenossen, nicht umsonst hat er unter seinen wenigen Vorgängern Machiavelli und Dostojewski (»diesen tiefen Menschen, den einzigen Psychologen, bei dem ich etwas zu lernen hatte«) nebeneinandergestellt -- letzteren natürlich nicht als bewußtes Dogma, sondern nur für die künstlerische Darstellung solcher Helden des persönlichen Prinzips, wie Iwan Karamasoff und Rodion Raskolnikoff. Nietzsche ist ja gleichfalls -- und das wissen wir bereits aus der Erfahrung unseres eigenen Herzens und Verstandes -- aus dem Leben hervorgegangen und so geht er auch wieder in das Leben hinein. Was nun auch der Wert seiner Lehre sei, jedenfalls sehen wir nur zu gut, daß man mit ihm nicht wie mit einer toten Abstraktion, sondern wie mit einer tief lebendigen historischen Kraft, gleichviel ob mit einer positiven oder negativen, in jedem Fall aber lebendigen Erscheinung der »lebendigen Entwicklung« rechnen muß.

Machiavellis »Principe«, Raskolnikoffs »Herrscher«, Nietzsches »Übermensch« -- das sind wieder die emporführenden Stufen, die Stufen eines besonderen, nicht ins Vergangene, sondern ins Zukünftige gerichteten, zerstörend schöpferischen, zügellos aufrührerischen Aristokratismus, der aufrührerischer als jegliche Demokratie ist, -- eines Aristokratismus, der in der Politik wie in der Sittlichkeit allen Wiedergeburten, die sich bis jetzt vollzogen haben, eigen ist.

Wenn nun Raskolnikoff auch tatsächlich von der »Anschauung der Sozialisten« ausgegangen ist, so ist er doch zu einem Schluß gekommen, der ihrer Auffassung am entgegengesetztesten ist: Ungleichheit als unwandelbares, in jeder menschlichen Gesellschaft verwirklichtes »Naturgesetz«. Und diese Ungleichheit in ihrer Natur glättet sich nicht etwa aus, im Gegenteil, sie vertieft sich noch proportional der universalgeschichtlichen Entwicklung: die Menschheit hat sich gleichsam in zwei Hälften zerspalten und schon gibt es keine Vereinigung für sie, kein Zusammenwachsen mehr. »Der Mensch ist dem Menschen ein -- Tier« -- oder Gott, in jedem Falle aber nicht Bruder, nicht Nächster, nicht Gleicher ... nach dem furchtbaren Worte Nietzsches, daß zwischen dem Menschen und dem Menschen eine größere Entfernung liegt, als zwischen Mensch und Tier.

Zu gleicher Zeit ersieht man daraus, wie die Idee der Anarchie in ihren extremsten Folgeschlüssen sich unvermeidlich der Idee der Monarchie nähert und sogar unmittelbar mit ihr in eins zusammenfließt: die letzte Freiheit »jenseits von Gut und Böse«, die letzte Herrschaftslosigkeit führt zur Einherrschaft, zur Selbstherrschaft des Genies -- zum Gebot Platons: »es möge das Genie herrschen«.

Übrigens macht Raskolnikoff in der ersten theoretischen Darlegung seiner Gedanken dem Sozialismus eine Konzession; er sagte »Diese (die Menschen der Masse) erhalten die Welt und vermehren sich; jene (die Helden) bewegen die Welt und führen sie ihrem Ziele zu. Diese wie jene haben also _vollständig dasselbe Recht zur Existenz_. Mit einem Wort, in meinen Augen haben _alle das gleiche Recht_, und -- _vive la guerre éternelle_{[1]} ... bis zum neuen Jerusalem, versteht sich!«

»So glauben Sie immerhin doch an ein neues Jerusalem?« fragt Porphyri Petrowitsch.

»Ja, ich glaube daran.«

Hätte diese Konzession für seine ganze Lehre in der Tat die Bedeutung, die er selbst annimmt, so müßte die Teilung der Menschen in erhaltende, fortsetzende, und in die Welt bewegende, nicht die Vorstellung von Höheren und Niedrigeren, von Verächtlichen und Edlen hervorrufen. Beide Teile würden dann auf gleicher Stufe stehen. Dann hätte sich Raskolnikoff in diesen »Geringen hienieden« ein zwar anderer, aber doch nicht geringerer Adel offenbart, als in den Großen -- ein anderer, aber nicht geringerer Wert. Die Vorstellung von der »zitternden Kreatur« (Nietzsches »ekelhaftem Gewürm«), vom Pöbel, würde durch die Vorstellung des Volkes oder der »universalen Vereinigung der Menschen« ersetzt werden. Beide Fähigkeiten -- wie die Erhaltung des Gleichgewichts, so auch die Bewegung nach vorn, das Fleisch und der Geist der Menschheit -- wären in seinen Augen in gleichem Maße heilig. Nicht Masse, wohl aber echtes Volk zu sein, würde ihm nicht verächtlicher und nicht rühmlicher erscheinen, als Held zu sein. Und so könnte man noch viele andere frappierende, von ihm sicherlich nicht erwartete Folgerungen aus dieser einen Konzession ziehen, die er ja doch nicht nur dem Sozialismus, sondern auch der Lehre Christi macht. Z. B.: würde sich daraus nicht ergeben, daß es folglich zwei Tafeln sittlicher Werte gibt, zwei Gewissen, zwei Wahrheiten, die tatsächlich »gleichstark«, »gleichberechtigt« sind? Hätte er dann nicht auch an den letzten Grenzen dieser Zerspaltung die Möglichkeit der _Vereinigung_ erblickt, -- hätte sich dann nicht auch der Vorhang vor dem wirklich »neuen«, längst nicht mehr sozialistischen »Jerusalem« vor ihm erhoben?

Aber das ist es ja: Raskolnikoff erkennt das »gleiche Recht beider Hälften auf Existenz« nur mit dem Verstande an. Sein Herz verneint dieses Recht mit einer Kraft, wie es bis jetzt noch niemals jemand verneint hat, und er setzt zwischen ihnen eine größere Entfernung voraus, als der alte Grieche zwischen dem Sklaven und dem Freien, als der Inder zwischen Tschandala und Brahmane. Ja es scheint, daß es überhaupt keine größere Entfernung, keine größere Kluft in der Welt gibt, als es diese ist, die Raskolnikoff zwischen den zwei Menschenklassen annimmt. Er kann keine genügend grausamen, hochmütigen, zynischen Worte finden, um seine ganze Verachtung für die Nichthelden auszudrücken. -- »Oh, wie verstehe ich den Propheten zu Pferde und mit dem Schwert in der Hand: wenn Allah befiehlt, so hast du zu gehorchen, zitternde Kreatur! Recht, wahrlich Recht hat der >Prophet<, wenn er irgendwo mitten auf der Straße eine _gu--ute_ Batterie aufstellt und auf Gerechte und Ungerechte feuern läßt, ohne sie auch nur eines Wortes der Erklärung zu würdigen! Gehorche, zitternde Kreatur, und -- _laß dich nicht gelüsten_, denn -- das kommt dir nicht zu!!!« -- Von welch einem Rechte der Masse auf Existenz kann danach noch die Rede sein? Es sei denn -- von dem Recht auf ewiges Zittern, ewiges Nichtsein vor dem »Propheten«. Gibt es doch für Raskolnikoff kein größeres Entsetzen und keinen größeren Ekel, als sich als Menschen, wie alle, zu fühlen. Er hat ja auch nur deshalb den Mord begangen, um den Strich, der den Helden von dem Nichthelden scheidet, zu überschreiten, um sich selbst zu beweisen, daß er ein -- Mensch ist und nicht ein Ungeziefer, nicht eine »Laus«. -- »Ich mußte damals unbedingt erfahren, ich mußte mich sobald als möglich überzeugen, _ob ich ein Ungeziefer bin, wie alle, oder ein Mensch_? ... Bin ich nur eine zitternde Kreatur, oder _habe ich das Recht_?« -- »Da hasten sie alle hin und her durch die Straßen und ist doch ein jeder von ihnen ein Schuft und Spitzbube allein schon seiner Natur gemäß, sogar schlimmer als das -- ein Idiot! ... O, wie ich sie alle hasse!« In seinem Herzen ist kein Körnchen von jener Liebe und Achtung vorhanden, ja nicht einmal von jener Gerechtigkeit zu den »Fortsetzern«, den »Erhaltern« der Menschheit, die er mit dem Verstande anerkennt. Augenscheinlich besteht hier zwischen dem Lebensgefühl und dem abstrakten Gedanken Raskolnikoffs irgendein klaffender Widerspruch.

Die zweite Konzession, die er dem Sozialismus macht, ist die Anerkennung des »Wohles der Menschheit« als höchstes bewußtes Ziel der Helden. Die Helden sind, wie er sagt, »Ordner und Wohltäter der Menschheit«. Sie übertreten das Gebot nicht nur _aus dem Grunde_, weil ihre Natur derart beschaffen ist, sondern auch _zu dem Zweck_, nur das höhere Gebot zu erfüllen. Sie zerstören das Bestehende im Namen eines besseren Zukünftigen, im Namen des »neuen Jerusalem«. Sie opfern wenige für das Glück vieler, die Minderheit der Mehrheit. Ihre Verbrechen sind nicht nur natürlich, sondern auch vernünftig, denn verderblich sind sie nur für einzelne, vorteilhaft aber für Millionen, und somit können sie sogar durch die mathematische Berechnung gerechtfertigt werden: »läßt sich denn nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten Taten wieder gut machen? Für ein Leben tausend Leben. Ein Tod und zum Ersatz dafür hundert Leben -- das ist doch Arithmetik!«

Aber auch der zweiten Konzession kann man keine größere Bedeutung beilegen als der ersten; übrigens sieht er das zum Schluß auch selbst ein und zerreißt dann endgültig die letzte Verbindung mit der »Anschauung der Sozialisten«: -- »Weswegen schimpfte doch Rasumichin vorhin über die Sozialisten? Das sind doch arbeitsame, handeltreibende Leutchen, bemühen sich um das >allgemeine Glück< ... Nein, mir wird das Leben nur einmal gegeben, und niemals werde ich es wieder haben! -- Ich will nicht das >allgemeine Glück< abwarten. _Ich will auch selbst leben_ -- oder sonst lieber überhaupt kein Leben! Nun was? Ich wollte nur nicht an einer hungrigen Mutter vorübergehen und, in der Erwartung des >allgemeinen Glücks<, in der Tasche meinen Rubel festhalten.« -- »Ich bringe, wie man sagt, >einen Stein zum Bau des allgemeinen Glücks und so kann mein Herz ruhig sein<. Haha! Warum habt ihr mich denn durchgelassen? Ich lebe doch im ganzen nur einmal, ich will doch auch ...« Und er lacht, -- »zähneknirschend« -- über die mathematische Berechnung des Vorteils, des menschlichen Wohles: »Unternehme es, sozusagen, nicht im Interesse meines eigenen Fleisches, und der eigenen Lust, sondern habe ein ungeheures, erhabenes Ziel im Auge, -- haha! ... Beschloß jede nur mögliche Gerechtigkeit zu beobachten, Maß und Gewicht, und Arithmetik. Von allen Läusen wählte ich die allerüberflüssigste aus, und indem ich sie tötete, beschloß ich, genau nur soviel zu nehmen, wieviel ich für den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht weniger (und das übrige wäre dann nach dem Testament sowieso einem Kloster zugefallen, -- haha! ...). O Erbärmlichkeit! ... O Gemeinheit! ...« Und bereits kurz vor der »Beichte« gesteht er Ssonja Marmeladoff: »Die ganze Qual dieser _Schwätzerei_ habe ich ertragen, Ssonja, und da wollte ich sie denn endlich von den Schultern wälzen: ich wollte ohne Kasuistik erschlagen, versteh mich recht, Ssonja, _für mich wollte ich erschlagen, für mich allein_! Darin wollte ich niemanden belügen, selbst mich nicht! Nicht um meiner Mutter helfen zu können, habe ich erschlagen -- Unsinn! Ich habe auch nicht erschlagen, um nach der Erlangung von Mitteln und Macht ein Wohltäter der Menschheit zu werden -- Unsinn! Ich habe einfach erschlagen, _für mich selbst habe ich erschlagen, nur für mich allein_!« ...

Hier geht in der Seele Raskolnikoffs etwas Furchtbares und Rätselhaftes vor sich. Man sollte meinen, wenn er für andere, zum Wohle der Menschen erschlagen hätte, dann wäre eine Rechtfertigung noch möglich: zwar ist es, würde man sagen, ein schlechtes Mittel, aber dafür hat er ein edles Ziel gehabt. Hat er es aber »für sich allein« getan, »für sein eigen Fleisch und zur eigenen Lust«, dann gibt es hierfür keine Rechtfertigung mehr, dann ist er ein gewöhnlicher Dieb und Mörder, ein einfacher Missetäter, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Indessen ahnt Raskolnikoff dunkel, daß es in diesem Falle doch nicht so ist: ja, er hat für sich erschlagen, _für sich allein_, aber doch nicht für sein Fleisch und seine Lust allein, sondern noch für etwas Höheres in sich, für etwas Unzweifelhafteres und zu gleicher Zeit Uneigennützigeres, _Ferneres_, als das Wohl des Nächsten, als das »allgemeine Glück«. Natürlich ist auch »Egoismus« dabei, aber dieser Egoismus ist wiederum von einer besonderen Art. Das Verbrechen wird vielleicht noch furchtbarer, jedenfalls aber nicht einfacher, nicht roher, -- im Gegenteil, hier erst beginnt seine Kompliziertheit, Verfeinerung und das Verführerische an ihm. Raskolnikoffs von Qual und Leidenschaft geschärfter Blick sieht bereits die ganze hoffnungslose Flachheit und Erbärmlichkeit der sozialistischen »handelsmäßigen« Abwägungen, Abmessungen des allgemeinen Nutzens. In diesem »für sich, für sich allein« aber dämmert es weit, weit wie eine Ahnung von irgendeiner unbekannten Tiefe der Berührung mit der Ordnung unermeßlich höherer, allerschwerster, edelster Werte, als es alle sozialistischen Vorteile und der ganze allgemeine Nutzen sind; er ist sich dessen noch nicht bewußt, aber dunkel fühlt er schon, daß hierin -- wenn auch nicht die Rechtfertigung, so doch immerhin irgendeine letzte Wahrheit ist, die Befreiung, Reinigung von der ganzen »Kasuistik«, dem »Geschwätz und der Lüge« vom neuen sozialistischen »Jerusalem«. Das also ist der Grund, warum er sich mit einer so verzweifelten Hartnäckigkeit und Anspannung aller Kräfte an dieses »für mich, für mich allein« klammert, als wolle er seine Gedanken zu Ende führen, und dennoch, als könne, als wage er es nicht. Hier ist alles noch -- gar zu dunkel, gar zu tief; grauenvoll ist es für ihn, -- gerade durch die unerwartet sich aufdeckende Tiefe ist es furchtbar. Vielleicht ist hier selbst die Rechtfertigung furchtbarer als jede Verurteilung. Die lecke Barke des Sozialismus begann unter ihm zu sinken, und da sieht er, wie ein Ertrinkender, als einzigen festen Punkt, als einzigen unerschütterlichen Fels in den Wellen -- dieses »für mich allein«, aber noch weiß er nicht, ob er an jenem nackten scharfen Felsen endgültig zerschellen oder ob er sich auf ihn retten wird. Rodion Raskolnikoff erfährt denn auch nicht, begreift noch nicht, daß er sich nicht anders retten kann, als wenn er die Rechtfertigung durch die Liebe zu sich selbst nicht nur zu einer sozialen, moralischen, philosophischen Rechtfertigung macht, sondern auch zu einer _religiösen_.

_Dmitri Mereschkowski._

Vorbemerkung

»Rodion Raskolnikoff« ist als das erste der fünf großen Roman-Epen, die Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1866 vollendet worden. Das Werk hat im Russischen einen Titel, dessen Übertragung sich der Begriffswelt »Schuld und Sühne« nähert. Dieser Titel ist von Dostojewski aus nachweisbar ein Nottitel. Die Lösung des Problemes, die der Titel andeutet, bringt das Werk gar nicht. Der geplante zweite Teil, auf den sich der Titel bereits bezieht, ist nie geschrieben worden. Daher ist das Werk hier mit demjenigen Namen genannt, den sein Inhalt verlangt und an den sich das allgemeine und natürliche Empfinden längst gewöhnt hat: mit dem Namen seines Helden, in dem die Gestalt des jungen russischen Studenten und Ideologen ein für allemal Typ und beinahe Symbol geworden ist.

E. K. R.

Erster Teil

I.

Anfangs Juli, es war eine außerordentlich heiße Zeit, trat ein junger Mann gegen Abend aus seiner Kammer, die er in einem Hause der S.schen Gasse bewohnte, auf die Straße hinaus und ging langsam, wie unentschlossen, in der Richtung auf die K.sche Brücke.

Er hatte glücklich eine Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe vermieden. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen fünfstöckigen Hauses und glich eher einem Schrank, als einer Wohnung. Seine Wirtin aber, von der er diese Kammer mit Mittagessen und Bedienung gemietet hatte, wohnte eine Treppe tiefer in einer separaten Wohnung und jedesmal, wenn er auf die Straße hinausging, mußte er unbedingt an der Küche der Wirtin vorbeigehen, deren Tür fast immer sperrweit offen stand. Und jedesmal fühlte der junge Mann beim Vorbeigehen eine krankhafte und feige Empfindung, deren er sich schämte und bei der er das Gesicht verzog. Er war bei der Wirtin stark verschuldet und fürchtete sich, ihr zu begegnen.

Nicht weil er so feige und scheu war, ganz im Gegenteil, aber seit einiger Zeit war er in einem gereizten und überanstrengten Zustand, der der Hypochondrie ähnelte. Er hatte sich so ganz und gar in sich selbst vertieft und hatte sich so vollständig von allen abgeschlossen, daß er sich sogar vor der gleichgültigsten Begegnung fürchtete, nicht bloß vor der mit der Wirtin. Er war von Armut erdrückt; aber selbst diese bedrängte Lage hatte in der letzten Zeit aufgehört auf ihm zu lasten. Er hatte es ganz und gar aufgegeben, mit seiner Tagesarbeit sich zu befassen, und hatte auch keine Lust dazu. Im Grunde genommen fürchtete er sich freilich nicht vor tausend Wirtinnen, was die auch gegen ihn im Schilde führen mochten. Aber auf der Treppe stehenbleiben, jeden Unsinn über alltäglichen Kram, der ihn gar nicht interessierte, anhören, all diese ewigen Mahnungen, seine Schulden zu bezahlen, die Drohungen, die Klagen anhören und sich dann den Kopf nach Ausreden zerquälen, sich entschuldigen und lügen zu müssen, -- nein, da war es schon besser, wie eine Katze die Treppe hinunterzuschleichen und sich davonzumachen, ohne von irgendeinem Menschen sich sehen zu lassen.

Übrigens, dieses Mal setzte die Furcht vor einer Begegnung mit seiner Gläubigerin ihn selbst in Erstaunen, als er auf die Straße hinaustrat.

»Solch eine Sache will ich wagen ... und fürchte mich vor solchen Kleinigkeiten!« dachte er über sich lächelnd. -- »Hm ... ja ... alles liegt in den Händen eines Menschen und er läßt alles vorbeigehen, einzig und allein aus Feigheit ... das ist ein Axiom ... Ich möchte wissen, was die Menschen am meisten fürchten? Sie fürchten sich am meisten vor einem neuen Schritt, vor einem neuen, eigenen Worte ... Ich schwatze übrigens viel zu viel. Darum handle ich nicht, weil ich schwatze. Vielleicht ist es aber auch so: ich schwatze darum, weil ich nicht handle. Und das Schwatzen habe ich in diesem letzten Monat gelernt, indem ich ganze Tage und Nächte in der Ecke lag und ... unnütz träumte. Warum gehe ich jetzt fort? Bin ich denn dazu fähig? Soll _es_ denn Ernst werden? Natürlich nicht. Bloß des Einfalls wegen spiegle ich mir selbst was vor. Spielerei! Ja, natürlich ist es Spielerei.«

Die Hitze auf der Straße war beängstigend; dazu die schwüle Luft, das Gedränge, überall lagen Kalk, Ziegelsteine, standen Baugerüste, überall war Staub und jener besondere Sommergestank, der jedem Petersburger wohlbekannt ist, der nicht ein Landhäuschen mieten kann, -- dies alles erschütterte die ohnedies schon angegriffenen Nerven des jungen Mannes auf das unangenehmste. Der unerträgliche Geruch aus den Schenken, die in diesem Stadtteile besonders zahlreich sind, und der Anblick Betrunkener, denen man alle Augenblicke begegnete, -- trotz des Werktages, -- vollendeten die widerwärtige und traurige Stimmung des Bildes. Ein Ausdruck des tiefsten Abscheus huschte einen Augenblick über die feinen Züge des jungen Mannes. Beiläufig gesagt, er war außergewöhnlich hübsch, hatte schöne dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war fein und schlank und von mehr als mittlerem guten Wuchse. Bald aber versank er in sein tiefes Sinnen, oder richtiger gesagt, in Selbstvergessenheit, und ging weiter, ohne seine Umgebung zu beachten, ohne den Wunsch, sie zu bemerken. Hin und wieder murmelte er etwas vor sich hin, nach seiner Gewohnheit Selbstgespräche zu halten, wie er es soeben sich selbst eingestanden hatte. Dabei wurde er es sich bewußt, daß seine Gedanken sich zuweilen verwirrten und daß er sehr schwach war -- es war ja der zweite Tag, daß er fast nichts gegessen hatte.