Part 14
Ja, Naturkinder! und zwar solche der besten Sorte, die noch unbeleckt von der Civilisation, ja ungewohnt des weißen Mannes, dennoch in kürzester Zeit gelernt haben, mit ihm umzugehen, zu feilschen, zu schachern, aber nicht für ihn zu arbeiten, als solche zeigten sich die Bewohner von Finschhafen damals voll und ganz. Der Verkehr mit ihnen war also nicht schwer, denn sie begriffen leicht, wo sie begreifen wollten, und wurden bald so zutraulich, daß sie uns in ihren Dörfern nach und nach das schöne Geschlecht zeigten, weil dabei doch stets einige Glasperlen (Gemgem) und andere Kleinigkeiten abfielen. Denn »Nehmen ist seliger als Geben« scheint auch dem Kanaker in der Schule des Naturmenschen die eigentliche Lebensweisheit; ein Spruch, der sich ja wie ein roter Faden durch das ganze Kanakertum der Menschheit zieht, wie das Nehmen überhaupt. »Fehlt Ihnen vielleicht eine Ölkanne?« fragte ich den Maschinisten, als ich eine solche auf dem breiten Schnabel eines längsseit liegenden Kanus stehen sah. »Nee! -- ja doch! der Kerl hat sie gestohlen!« lautete die Antwort. »Gott bewahre! nur mitgenommen, vermutlich als Andenken, denn wäre dieser Sohn der Natur ein bewußter Dieb, er würde das Corpus delicti doch nicht so offen hinstellen«. Natürlich langte der freundliche Mann die Ölkanne gleich wieder herauf mit einer Miene, als wenn er sagen wollte: »Entschuldigen Sie gütigst! Ich wußte nicht, was das Ding war und erlaubte mir nur, es etwas näher ansehen«! Noch ein anderer Fall. Ich vermißte eines schönen Morgens mein Etui mit Bleistiften. Natürlich konnte es ja nur gestohlen worden sein und zwar am Abend zuvor in dem Dorfe Ssuam, wo ich unter der andächtigen Zusicht der Bewohner skizziert hatte. Als nun all die Kanus der Ssuamiten mit Anbruch des Tages versammelt waren, da sprach ich zu dem Volke: -- »Ja, konnten Sie denn in den paar Tagen schon mit ihnen sprechen«? Natürlich! ich hatte bereits an 150 Wörter aufgeschrieben, und das bedeutet für eine Kanakersprache, in welcher man mit 350 bis 400 Wörtern schon einen Roman schreiben kann, immerhin etwas, und dann wo bliebe das Volapük, die Zeichensprache? Also das macht man so: man zeigt einen Bleistift und einen Finger; dann fünf Bleistifte und fünf Finger; öffnet und schließt im Geiste ein Kästchen, ganz wie es die Leute gestern gesehen hatten. Dann deutet man an, daß dieses Kästchen mit den fünf Bleistiften verschwunden sei, und sieht dabei einen recht scharf an, der wieder zurückblickt, als wollte er sagen: »Ich? nein, ich habe es nicht!« Das geht nun so die Reihe herum; Keiner hat es. Also das Kästchen muß im Dorf sein. »Er wird es irgendwo haben stehen lassen«, denken die Leute und zischeln miteinander; »sie werden sich untereinander verraten«, denke ich; und schon gehen ein paar Kanus nach dem Dorfe ab. Aber sie kommen mit leeren Händen zurück, deuten an, daß ein fremder Besucher das Ding mitgenommen haben müsse, denn bei ihnen sei es nicht, und alle scheinen sehr bestürzt über den Fall. »Heuchelei!« denke ich wieder, unter Meditationen über die Erbsünde, -- da finde ich das Kästchen zufällig unter ein paar Büchern in der Kajüte, wohin es verlegt worden war. Ja, ja! Jedenfalls wissen diese Menschen recht gut, daß Stehlen immerhin unrecht ist, aber sie besitzen darin noch längst nicht das Raffinement des Weißen und lernten dasselbe erst. Denn Menschen bleiben Menschen und sind sich überall im großen und ganzen gleich. Jedenfalls haben diese Naturkinder so gut ihre Licht- und Schattenseiten, wie wir, doch merkt man von beidem weniger. Aber was diese Menschen vor allem so vorteilhaft auszeichnet ist ihre große Moral, wie ich dies bei allen noch unberührten Völkern gefunden habe. So kennen sie z. B. nichts von Trunkenheit und jenen bösen Krankheiten, welche unter anderem Cook als erstes, leider bleibendes Geschenk der Civilisation den guten Hawaiiern mitbrachte. Leidenschaftsloser als wir, sind sie auch glücklicher, das ist gar kein Zweifel, und ich muß immer über das Bedauern der civilisierten Welt lächeln, welche alle Menschen durch unsere Civilisation glücklich zu machen meint. Das geht eben nicht überall; am wenigsten können diese Naturmenschen mit einem Satze in die Civilisation, und dankbar für die Wohlthaten derselben, hineinspringen, wie man dies so häufig erwartet. Freilich den Tand des weißen Mannes nehmen sie gern, besonders das ihnen neue und so nützliche Eisen, aber das ist auch alles. Daß der weiße Mann, sofern er die Eingeborenen gut behandelt, gern gesehen ist, daß man ihm willig einen Platz zur Ansiedelung verkauft, um ihn festzuhalten, ist ja sehr erklärlich. Deshalb sind einzelne Missionäre und Händler die willkommensten und begehrtesten Fremden und werden in weit aus den meisten Fällen gut behandelt. Sie inkommodieren die Eingeborenen nicht, bringen stets etwas ein, und deshalb ist der »Schrei nach dem Evangelium« ein oft so lebhafter. Das bißchen Kirchegehen lernt sich bald, da braucht man nichts zu thun; und dazu ist der Kanaker stets bereit, denn so sehr pressiert ist er ja nie in seiner Zeit. Ganz anders verhält sich aber die Sache, wenn es sich um Arbeit handelt. Freilich, im Anfang da hilft der Eingeborene stets gern, freiwillig, fast ohne Entgelt. Es macht ihm Spaß mit neuen Werkzeugen zu hantieren, und alles arbeitet plötzlich mit einem Eifer, der leider nur zu schnell verfliegt. Bald verlangt der Eingeborene Bezahlung, wobei er auch gern auf Akkordarbeit eingeht, aber auch diese Periode geht rasch vorüber. Und warum? Hat nicht der Kanaker inzwischen an der Arbeit und dem daraus erzielten Gewinn Vergnügen gefunden, ist es ihm nicht zum Bedürfnis geworden? I Gott bewahre! Er hat eben bereits leere Bierflaschen, Glasperlen, Messer, Beile und dergleichen genug, und weiß sie selbst in dem engen Kreis seines Verkehrs nicht mehr unterzubringen, wozu sollte er mehr zusammenscharren? Fehlt es ihm doch eben an Bedürfnissen, und ehe sich nicht solche herausbilden, ist an ein Handinhandarbeiten des schwarzen und weißen Mannes in jenen Gegenden nicht zu denken. Auch das Gefühl der größeren Sicherheit unter den Fittichen des Weißen, mit seinen Schießgewehren und anderen energischen Waffen wird wohl nur in seltenen Ausnahmefällen ein Argument von Bedeutung für den Kanaker sein. Denn jede kleine Gemeinschaft derselben ist sich selbst genug, um ihr Besitztum wie die Vorfahren zu verteidigen -- oder sie verändert eben den Wohnplatz. Und dann scheint ihnen so ein bißchen Kriegführen auch Spaß zu machen, ja, wie bei uns mangelt es auch ohne Zeitungen nicht an alarmierenden Nachrichten, und wie bei uns, kann es täglich losgehen. Freilich handelt es sich nicht um große Kriege, wobei Tausende ihr Leben einbüßen, wie bei uns, sondern nur um kleine Fehden, am liebsten Überfälle, wobei auf leichte Weise ein paar Menschen, ganz gleich ob Frauen oder Kinder, erschlagen werden. Denn das macht den Papua zum Mann, zum Krieger, und dieser regiert die Welt. Warum sollte es nicht auch im Kanakertum so ein bißchen Chauvinismus geben? sind die Leute doch so gut Menschen als wir, wenn es auch bei ihnen im großen und ganzen bei weitem friedlicher hergeht als bei uns. Denn auch Kanaker können nur im Frieden gedeihen oder sich wenigstens dann in einer gewissen Stärke erhalten und sind daher mehr friedliebend als kriegerisch. So leben sie, der Mehrzahl nach, ein stilles, ruhiges Völkchen, nach der Weise ihrer Väter, fleißig im Feld wie Handel, soweit es ihre Verhältnisse erheischen. Und diese bedingen wohl stets eine mäßige, unter Umständen vielleicht sogar angestrengte Thätigkeit, aber niemals das, was wir unter Arbeit verstehen. Der Kanaker, welcher noch nie einen Menschen vom frühen Morgen bis zur späten Abendstunde fast unausgesetzt arbeiten sah, wird einen solchen als Sklaven höchstens bemitleiden, -- bewundern und ihm nacheifern nie! Wozu auch? Dazu ist er von seiner frühesten Jugend an viel zu sehr diejenige persönliche Freiheit gewöhnt, die ihn schon zeitig selbständig machte und auf eigenen Füßen stehen lehrte, und die für den Naturmenschen ein Gut ist, dessen Wert wir ebensowenig kennen, als er unseren rastlosen, nie ermüdenden Fleiß zu schätzen und würdigen versteht. »So wird sich also aus dem jetzigen Eingeborenen nie ein brauchbarer Mensch in unserem Sinne erziehen lassen?« Ja, wer das beantworten könnte? Erziehen vielleicht wohl, aber nur in der Jugend, und welche Zeit wird darüber hingehen! Denn selbst die redlichen und aufopfernden Arbeiten der Mission haben in jenen Gebieten nicht entfernt den Wandel geschafft, den man mit Recht gerade von diesem segensreichen Institut erwarten durfte. Darüber kann, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, kein Zweifel[50] herrschen, am allerwenigsten bei denen, welche die Verhältnisse eingehender kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Wirkliche Arbeiterschulen werden statt des nutzlosen sogenannten Schulunterrichtes jedenfalls besser wirken, aber auch hier stellen sich eine Menge Hindernisse entgegen, deren Erörterung mich hier zu weit führen würde.
Ja, so sehr sich auch die Eingeborenen über uns freuten und zum Bleiben aufforderten, mit ihrer alten Gemütlichkeit ging es zu Ende, sobald erst unser Nachschub dauernd hier Fuß gefaßt hatte, das war mir schon damals klar; aber das ist einmal so der Welt Lauf. Überall muß der sogenannte Naturmensch sich der Civilisation unterordnen oder derselben weichen, wenn ihm das erstere, wie dies fast ausnahmslos der Fall ist, nicht möglich ist. Deswegen braucht es noch nicht zu blutigen Kämpfen und einem Vernichtungskriege zu kommen, wenn auch kleine Reibereien stattfinden mögen, denn in diesem Lande ist noch gar viel Raum für Menschen. Wenn daher den eigentlichen Besitzern die neuen Eindringlinge unbequem zu werden anfangen, da giebt es ein einfaches Mittel, welches die Papuas Neu-Guineas gar wohl kennen und anwenden: auszuwandern! Sie gehen mit Sack und Pack, Kind und Kegel weiter inland oder in ihren Kanus nach einem anderen passenden Platze der Küste und die Sache ist zu beiderseitiger Befriedigung erledigt. Um große Völkerwanderungen handelt es sich ja dabei nicht, denn was bedeutet die ganze Bewohnerschaft eines Gebietes wie das von Finschhafen, obwohl es mit zu den besser bevölkerten in Neu-Guinea gehört.
Die unmittelbare Umgebung zeigte nur wenige kleine Siedelungen von zwei bis sechs Häusern, und die Eingeborenen wußten mir überhaupt nur etwa ein Dutzend Namen aufzuzählen, womit ihre Ortskenntnis erschöpft war. Das Hauptbevölkerungs-Centrum bildete offenbar das schon erwähnte Dorf Ssuam, außerhalb des eigentlichen Hafens am nordwestlichen Eingange der Buchtung im Dickicht des Urwaldes versteckt. Es mochte an 25 Häuser zählen, und ihre Bewohner waren jedenfalls in diesem ganzen Gebiete am dominierendsten. Aber weiter nach Nordwesten sollen noch zwei Buchtungen mit je einer Flußmündung und ansehnlichem Dorfe vorhanden sein, mit deren Bewohnern die Ssuamiten trotz der unbedeutenden Entfernung in Fehde zu leben schienen, wie dies so häufig vorkommt.
Die Häuser sind im ganzen recht stattliche Pfahlbauten und ähneln so ziemlich denen der Motu an der Südostküste, nur daß sie durchgehends viel sorgfältiger und mit Wänden aus Brettern erbaut sind, wie dies z. B. meine Abbildung (S. 180) zeigt. Nicht selten sind diese Bretter mit Malerei verziert, rühren aber dann von Kanu-Seitenborden her, die so gern zu diesem Zwecke benutzt werden. Ein besonders großes Haus, welches meinem Freunde dem Häuptling Makiri in Ssuam, einem alten würdigen Greise, gehörte, stellen meine Abbildungen und zwar von der Vorder- und Rückfront (S. 174) dar, den Grundplan des Hauses giebt der Atlas (T. II, 3). An der Rückseite ist die nur für Papuas praktikable Stiege, aus einem mit Kerben versehenen Baumstamme, bemerkenswert, welche zum ersten Stockwerk dieses soliden und in seiner Art einzigen Bauwerkes führt. Die Seitenwände bestehen aus Mattenflechtwerk von Kokospalmblatt und lassen sich in praktischer Weise je nach dem Wetter leicht versetzen oder ganz entfernen. Eine besondere Zier im hiesigen Baustil sind die langen, vom Dachrande herabhängenden Franzen aus zerschlissener Pflanzenfaser. Schnitzereien waren übrigens an dem Hause nicht angebracht, das offenbar als Versammlungslokal der Männer, im oberen Stockwerk als Schlafraum für die jungen Leute diente. Übrigens fehlten die freistehenden Plattformen, wie ich dieselben von Port Konstantin beschrieb, und die dort Barla heißen, auch hier nicht. Auch etwas dem Telum Mul von Bongu Äquivalentes war in Ssuam vorhanden und erregte meine vollste Bewunderung. Es waren dies zwei weit übermannshohe menschliche Figuren, und mußten schon deshalb ein besonderes Interesse erregen, weil sie gleich aus den noch in der Erde wurzelnden Baumstämmen gezimmert waren, Denkmäler der Steinaxtperiode, wie ich sie weder vor noch nachher zu sehen bekam. Die beigegebenen Abbildungen werden die beste Vorstellung dieser hochinteressanten Bildhauereien geben, wobei besonders auf die trefflich gelungene Darstellung des Krokodils (Oa) auf der Rückseite (S. 176) aufmerksam gemacht werden muß. An der Basis der Vorderansicht ist der Kopf einer Eidechse (Monitor) deutlich kennbar. Diese beiden, übrigens so ziemlich gleichen Figuren wurden »Abumtau Gabiang« genannt und lassen, da Abumtau »Häuptling« heißt, keinen Zweifel, daß es sich hier nicht im entferntesten um Götzenbilder, sondern Ahnenfiguren handelt, wie ich dies schon bei den Telums in Konstantinhafen annahm. Freilich würde wohl jeder Missionär diese Gabiang für mächtige Idole der »Heiden« und in Verbindung mit Krokodilkultus u. s. w. gedeutet haben, und es ließe sich da in der That ein artiges Geschichtchen zusammenreimen.
Daß, wie fast bei allen Melanesiern, die Ahnen- resp. Totenverehrung auf einer hohen Stufe steht bekundeten auch die hiesigen Eingeborenen durch die Art der Gräber. Gleich neben den Bildsäulen (S. 180) sieht man einen viereckigen Holzrahmen, der mit weißem Sand ausgefüllt ist und eine Grabstätte bezeichnet. Vielleicht ist es die des berühmten Häuptling Gabiang, wahrscheinlich eines gewaltigen Helden, dessen Andenken das Volk der Ssuamiten durch diese bewundernswerten Denkmäler ehrte. Ein anderes Grab, in der Form eines Miniaturhauses, zeigt die Abbildung des Hauses (S. 173) rings von einem Zaune aus Steinen umgeben, innerhalb dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren. Jedenfalls sind Menschen, welche ihren Toten solche Pietät beweisen, keine Wilde. Aber ich habe manchem großen Kanakerbegräbnis beigewohnt und will gleich hier einfügen, daß es sich in einem solchen Falle stets um Vornehme, Reiche handelte. Mit Unbemittelten und Armen macht man, wie bei uns, nicht viel Federlesens, um sie unter die Erde zu bringen; deswegen gehen die Dorfbewohner nicht wochenlang mit geschwärztem Gesicht oder wie es sonst die Trauergebräuche der Papuas erheischen.
Ich fand bei den Bewohnern Finschhafens so ziemlich dieselben Gegenstände, welche ich schon früher in Huon-Golf, ja selbst Astrolabe-Bai, gekauft hatte, und von denen sich viele durch außerordentlich kunstvolle Arbeit und geschmackvolle Ornamentierung auszeichneten. So u. a. ein Kampfbrustschmuck (T. XXII 6), die breiten, zum Teil durchbrochen gearbeiteten Armbänder aus gebogenem Schildpatt, Simassim, (Atl. XIX), die fein eingravierten Armringe aus Trochus niloticus, Bii, (XVIII 5, und XIX 4), die schwungvoll geschnitzten hölzernen Kopfkissen, Palim, (Taf. III 1), und länglich-ovalen, mit einer Art Metall (Graphit oder Mangan) geschwärzten Holzschüsseln, Ssu, (III 3), alles Dinge, welche außerordentlich mit den in Astrolabe-Bai üblichen übereinstimmen oder identisch sind. Besonders schön waren auch die Schnitzereien der Ruder, Holztrommeln, Ong, (XIII 4) und Doppelhaken zum Aufhängen von Gegenständen über dem Feuer oder im Hause, letztere zum Teil menschliche Figuren, Buam, (Taf. III 2), darstellend. Sehr reich sind die verschiedenen Schmuckgegenstände, zu denen neben Scheiben aus dem Spitzenteil von Conusmuscheln, besonders kleine Kaurimuscheln, Ssanem, eine Art Cypraea, und Hundezähne das hauptsächlichste Material bilden. Jabo, d. h. fast kreisrunde Eberhauer galten auch hier als der kostbarste Schmuck (vergl. Atl. XXI 2). Neu war mir eine, jedenfalls künstlich, hochgelb gefärbte Grasart, Ssemu, aus welcher elegante Armbänder, Stirn- und Leibbinden (XXIV 5), zum Teil mit Hundezähnen garniert, geflochten werden, die wenn neu, wie Goldbrokat leuchten. Als ich am 20. Dezember 1885 die hohe Ehre hatte unserem erhabenem Kaiserpaar eine Auswahl von Gegenständen der Eingeborenen Neu-Guineas zu zeigen und zu erläutern, waren die Allerhöchsten Herrschaften auf das äußerste überrascht[51]. Und in der That, diese Arbeiten sind staunenswert, und ich freue mich wenigstens einige derselben im Bilde bringen zu können.
Die Waffen sind die gewöhnlichen und im ganzen schlecht. So kleine Bogen (Talam) mit Sehne (Teko) von gespaltenem Rotang, und Pfeile (Sob), ziemlich rohe Speere (Gim) und flache lange Holzkeulen (Ssing). Aber es gab Schilde von sehr eigentümlicher Form, wie ich dieselben nur hier gesehen habe. Sie bestehen aus einem konkav gebogenem Stück Holz, so lang und breit, daß es fast einen Mann zu decken vermag, wie dies am besten aus der beigegebenen Abbildung eines Kriegers beim Scheinangriff ersichtlich ist, welche auch die eigentümliche Verzierung in bunter Malerei andeutet.
Sehr geschickt sind auch die in bunten Mustern (Atl. X. 2), oft mit Hundezähnen garnierten, Beutel gestrickt, in welchen verschiedene Kleinigkeiten aufbewahrt werden, darunter kleine Büchschen aus Bambu mit einem graulichen Pulver (Da), -- Zahnpulver! Man sieht, daß die Finschhafener bereits sogar in Toilettenkünsten entwickelt sind, wenn sie sich auch äußerlich wenig von ihren sonstigen Stammesgenossen unterscheiden und ebenso schmierig als die ganze Papuagesellschaft erscheinen. Dazu trägt hauptsächlich eine schmutzige Halsstrickelei bei, welche die meisten tragen, und der häufig sehr unzureichende Schamschurz aus Tapa (Opo), die ganz denen von Huon-Golf (Atlas XVI, 4, 5) ähneln. Tapa wird auch zu eigentümlichen Kopfbedeckungen der Männer benutzt. Der ehrenwerte Herr auf meiner Abbildung mit dem kostbaren Brustschmuck aus Hundezähnen zeigt eine solche Mütze (Opo), welche zugleich den Abumtau oder Häuptling bezeichnet. Andere Kappen von kegelförmiger Gestalt, Parung genannt, werden ganz aus Menschenhaar hergestellt und ähneln durchaus einer Derwischkappe. In der That, kein Anthropolog würde auf einem Bazar in Stambul oder Alexandrien einen Ssuamiten in solcher Kopfbedeckung für einen Papua, sondern ohne allen Anstand für einen frommen Moslem und Mekkapilger halten. Das bringt mich auf die äußere Gestalt! Und da will ich nur erwähnen, daß auch die hiesige Bevölkerung so erheblich individuell abweichend ist, wie überall in Neu-Guinea. Aber jedenfalls findet sich der negroide Typus weniger als sonst, dagegen trifft man nicht selten echt semitische Gesichter, wozu der Bart, welchen die meisten älteren Männer stehen lassen, nicht wenig beiträgt.
Die Bewohner von Finschhafen scheinen sehr betriebsam, namentlich auch in der Fischerei, wie die Unmasse gutgearbeiteter Fischhaken (Ing) beweisen, wovon Tafel IX des Ethnol. Atlas eine ganze Reihe darstellt. Auch die schönen großen Netze (Uh) und namentlich ihre Kanus (Uang) sprechen dafür. Letztere sind oft von bedeutender Größe (60 bis 70 Fuß lang), haben zuweilen drei Seitenbretter und zwei Plattformen übereinander, zwei Maste mit großem viereckigen Mattensegel und sind an den Schnäbeln reich mit Schnitzerei, an den Seiten mit bunter Malerei verziert. Sie nähern sich in der Bauart schon mehr den großen Kanus, wie ich sie später in den d'Entrecasteaux kennen lernte, und die total von der in Polynesien gebräuchlichen abweicht. Es kann daher gar keine Rede davon sein, daß die Polynesier die Lehrmeister der Melanesier in der Schiffsbaukunst waren, wie manchmal von Gelehrten behauptet wird. Wie so oft bedauerte ich ganz besonders hier, daß es nicht möglich war, ein solches Kanu nach Berlin schicken zu können, wie mir dies seiner Zeit mit einem großen seetüchtigen Kanu der Marshall-Inseln gelang. Es würde am besten zeigen was die unscheinbare Steinaxt in der Hand des Eingeborenen zu leisten vermag, denn jedermann würde über die technisch ausgezeichnete Bauart und die Eleganz und stilvolle Ausschmückung staunen. Wie lange wird es dauern und kein solches mit Steinwerkzeugen gearbeitetes Kunstwerk wird mehr zu haben sein! Für die Erhaltung der Werkzeuge selbst ist durch meine Sammlungen gesorgt worden. Die Steinäxte der hiesigen Eingeborenen (vergl. Atlas I, 4), meist mit einer Klinge aus einem dioritischen Gestein (Ki) oder Tridacnamuschel (Gadi) versehen, ähneln am meisten den »Lachela« von Hood-Bai an der Südostküste, welche sich durch die Drehbarkeit der Klinge auszeichnen. Die Leute thaten übrigens ziemlich rar mit Steinäxten, um so begehrlicher aber gegenüber unseren Hobeleisen, die sie ebenfalls »Ki« nannten und welche, wie überall, bald der gesuchteste Artikel waren. Ich versprach einem jungen Burschen, unter der Bedingung ihn zurückzubringen, wenn er mitgehen wolle, ein ganzes Dutzend Äxte (claw hatchets), konnte ihn trotz dieser enormen Versuchung aber doch nicht verlocken.
In Besitz so ausgezeichneter Fahrzeuge unternehmen die Finschhafener auch Handelsreisen und stehen mit Tami oder den Cretininseln, einem anscheinenden Atoll, in Verbindung, wie wahrscheinlich mit Rook, das bei unbedecktem Himmel von unserem Ankerplatz aus sichtbar war. Wir sahen später große Segelkanus, die von Rook-Insel nach Finschhafen zu standen und wurden dort von den Tamiten selbst besucht. Ja, ja! auch in so abgelegenen Gegenden wird die Ankunft von Fremden viel schneller bekannt, als man glauben sollte. Übrigens sind die Entfernungen keine großen, da Rook nur ca. 40, die Tami-Inseln 15 Meilen von Finschhafen liegen. Ob in dem Verkehr vielleicht Töpfe als Tauschartikel eine Rolle spielen, vermochte ich nicht auszumachen. Aber Töpfe sind in Finschhafen in Gebrauch. Sie zeichnen sich durch die oben weite, mehr halbkugelige Form (T. IV. 5) aus, ähnlich wie ich sie später in Teste-Island traf, und sind am Rande mit erhabenen Knötchen verziert.