Part 12
Es wurde beschlossen, zunächst bis zum Mitrafels längs der Küste von Herkules-Bai zu gehen, die sich sehr gebirgig zeigte. Neue, am vorhergehenden Tage nicht gesehene Gebirge traten hervor, von denen sich nach und nach drei Ketten unterscheiden ließen, deren innerste und höchste an 6000 Fuß erreichen mochte, sich aber bald mit Wolken bedeckte. Schon in einer Entfernung von mehr als zehn Meilen von der Küste hatte uns wiederholt trübgefärbtes, ganz wie Riff aussehendes Wasser, zum Stoppen und Loten veranlaßt, wobei sich indes zeigte, daß dasselbe nur von Süßwasser herrühren konnte. Dafür sprachen auch die häufigen, in der Nacht übrigens nicht ungefährlichen, Treibholzstämme, welche sich mehrten, je mehr wir uns der Küste näherten. Daß also ein Fluß und zwar ein größerer irgendwo in der Nähe münden mußte, daran war kein Zweifel. Wirklich fanden wir ihn bald darauf ca. 5 Meilen Südost von den Luard-Inseln, leider aber durch eine Barre gesperrt, über die es mächtig brandete. Als wir uns bei einer späteren Gelegenheit dieser Flußmündung bis auf eine halbe Seemeile näherten, ließ sich selbst hier noch kein Grund zum Ankern finden, so daß die Barre jedenfalls außerordentlich steil in die Tiefe abfällt. Die Breite des Flusses mochte 100 bis 150 Schritt betragen; seine Ufer waren, wie die Abbildung zeigt, von dichtem Urwald eingerahmt, die Strömung sehr ansehnlich. Innerhalb der Barre schien das Wasser ganz ruhig, aber durch Treibholzstämme unklar, so daß der Fluß wohl nur für Boote praktikabel sein dürfte. Er wurde Herkulesfluß genannt, nach der Bai, welche Kapitän Moresby nicht nach dem mythologischen Helden, sondern nach Sir Herkules Robinson, S. C. M. G., so benannte.
Am linken Ufer des Herkulesflusses standen ca. ein Dutzend Kokospalmen, die ersten welche wir, seit der einzigen auf der Insel der fliegenden Hunde, an dieser Küste sahen. Das ließ auf Menschen schließen, und wirklich zeigten sich bald Eingeborene, deren Zahl nach und nach Hundert und mehr betragen mochte. Sie liefen anscheinend in großer Aufregung hin und her, und es dauerte lange, ehe zwei Kanus abkamen mit ca. einem Dutzend beherzter Männer. Sie trugen sonderbaren Ausputz von Kasuarfedern, Ovulamuscheln, Arm- und Kniebänder, um den Leib Rotangstreifen, führten aber keinerlei Waffen mit sich. Leider waren sie so furchtsam, daß sie sich nicht bis an den Dampfer heranwagten, sondern plötzlich Reißaus nahmen und selbst die roten an Flaschen gebundenen Zeugstreifen, welche ich ihnen zuwerfen ließ, nicht beachteten. Dies sonderbare Benehmen hatte sicherlich nicht in früheren Besuchen von Arbeiterschiffen seinen Grund, wie dies sonst meist der Fall ist, sondern die Leutchen mochten überhaupt noch kein Schiff und Weiße gesehen haben, da sie allem Anschein nach nicht an der Küste, sondern weiter im Inneren zu Haus gehörten. Dafür sprachen die Form der schlechten Kanus und Paddel, die nur für Flußfahrten tauglich schienen, sowie die Armseligkeit der schuppenartigen Hütten am Ufer, die nur einem vorübergehenden Aufenthalt dienen mochten. Diese Ansicht wurde ziemlich zur Gewißheit, als wir ein paar Tage später den Platz wieder besuchten und zu unserem Erstaunen denselben völlig verlassen fanden; nur unsere Stimmen machten den Urwald widerhallen! So entging mir leider die Bekanntschaft dieser gewiß interessanten Eingeborenen; wiederum ein Beweis, daß ein Reisender jede Gelegenheit benutzen soll. Aber bei unserem ersten Besuche konnten wir uns aus Rücksicht für die Weiterreise nicht lange aufhalten und damals natürlich nicht voraussehen, das Nest später leer zu finden. Jedenfalls wohnen diese Eingeborenen weiter aufwärts am Flusse und kommen nur gelegentlich der Fischerei wegen bis ans Meer. In der That fanden wir die Küste von Herkules-Bai bis zum Mitrafels total unbewohnt, selbst solche Lokalitäten wie Kriegsgesang-Huk (Warsong-Point) und Verräter-Bai (Traitors-Bay), wo der »Basilisk« vor zehn Jahren noch zahlreich bevölkerte Dörfer angetroffen hatte. Die herausfordernde Haltung der Eingeborenen, welche Moresby damals zwang auf dieselben zu schießen, war die Veranlassung des odiösen Namens, zu dem übrigens bemerkt sein mag, daß niemand zu Schaden kam, und daß ein einziger Schuß die Krieger in wilde Flucht jagte. Wie ein zweiter Besuch dieses Gebietes lehrte, ist die von Moresby beschriebene Verräter-Bai, in welcher der Basilisk ein paar Tage verweilte, um Feuerholz zu schlagen, wohl nicht identisch mit der großen, gleichnamigen der Karten, sondern nur eine sanfte Buchtung wenige Meilen westlich vom Clydefluß. Sie verdient einen eigenen Namen und mag als »Basilisk-Bucht« unterschieden werden. Die südöstliche flache Huk ist Ambush-Point von Moresby und 5½ Meilen W. bei N. von Kap Ward-Hunt. Wir lagen hier im April des folgenden Jahres (1885) mit der Samoa zu Anker, an einer Stelle, die ganz mit Moresbys Beschreibung übereinstimmt. Ich machte von hier eine Bootexkursion, die ich gleich an dieser Stelle mit einfügen will. Wie der Clyde östlich von Basilisk-Bucht, so mündet ein ähnlicher durch eine Barre versperrter Fluß westlich von derselben, den ich »Bleichröder« benannte. Beide Flüsse sind übrigens möglicherweise nur Arme eines weit größeren, in der eigentlichen Verräter-Bai mündenden Flusses, den ich »Spree« benannte, denn dieses ganze Mündungsgebiet scheint ein Delta zu sein. Das niedrige Land hat ein sumpfiges Ansehen und ist vegetativ durch vorherrschende Bestände von Kasuarinen ausgezeichnet, welche meist den unmittelbaren Ufersaum bilden. Dieser durch seine schwarzgrüne Belaubung am meisten an Nadelholz, zumal an unsere Lärchen, erinnernde Baum, wird für dieses Gebiet besonders charakteristisch und scheint in sumpfigem Terrain heimisch. Die Bäume selbst standen übrigens keineswegs dicht, waren nicht sehr hoch und hatten ein kränkliches Aussehen, wahrscheinlich infolge der Lianen, welche die meisten Bäume bedeckten und sie nach und nach töten. Je tiefer wir in die Bai hineinkamen, die an fünf Meilen breit sein mag, um so großartiger gestaltete sich das Vegetations- und Landschaftsbild. Eine breite Barre, auf der mächtige Treibholzstämme die Untiefen, gleich Schiffahrtszeichen, markierten, versperrte den größten Teil des Mündungsgebietes und ließ nur einzelne für Boote passierbare Kanäle frei. Wir gingen den östlichsten, hart am rechten Flußufer laufenden hinauf, der für sich selbst einem kleinen Fluß glich und wenigstens im Anfange eine beträchtlich starke Strömung zeigte. Gewaltige Laubbäume, die oft so dicht mit großblättrigen Schlingpflanzen bedeckt waren, daß sie förmliche Waldkulissen darstellten, untermischt mit einer nicht sehr hohen schlankstämmigen Palme, einer Cycasart ähnlich, bildeten den Hauptteil der üppigen Urwaldsvegetation. Selbstverständlich fehlte es nicht an der im Wasser wachsenden Nipapalme, die mit ihren gewaltigen Wedeln und kolossalen Früchten sich oft zu großen, boskettartigen, grotesken Gruppen vereinte, während anscheinend grüne Wiesenufersäume oder Inseln sich bei näherer Untersuchung als eine acht bis zehn Fuß hohe, das Wasser ca. zwei Fuß überragende, Grasart erwiesen. Der zwischen 30 bis 50 Fuß breite Flußarm breitete sich zuweilen zu weiten, teichartigen Wasserbecken aus, in welche verschiedene Kanäle mündeten, und es war bei der allmählichen Strömungsabnahme nicht leicht in der Hauptader zu bleiben. Der Gedanke, in vorher nie betretene Gebiete einzudringen, erzeugt selbst bei Erfahrenen ein seltsames, prickelndes Gefühl, das sich beim Befahren eines neuen Flusses noch bedeutend erhöht.
Bei jeder Biegung hofft man auf etwas Neues, erschaut aber fast ausnahmslos dieselbe Einförmigkeit, denn beinahe alle solche, durch urwaldbedeckte Ebenen, fließenden Wässer zeigen denselben Charakter. Wie sehr schien nicht gerade dieses Flußgebiet zum Aufenthalt von Krokodilen geeignet; aber auch hier blieb mein sehnlichster Jägerwunsch, ein solches Ungetüm zu erlegen, unerfüllt. Lautlos glitt unser Boot über den Wasserspiegel, auf dem sich nicht einmal Reiher, Purpurhühner oder anderes hier zu erwartendes Geflügel zeigte. Wie gewöhnlich blieb es bei Papageien, Tauben, Glanzstaren und Raben, welche den Uferwald, übrigens auch unerreichbar für unsere Gewehre, belebten, mich aber nicht reizten, denn alles waren bekannte Arten. Auf Paradiesvögel darf man im Flachland kaum rechnen, da sie den Bergen angehören. Weiterhin schienen solche das Delta zu begrenzen, und hier wohnen jedenfalls auch die Menschen, von welchen wir am Fluß auch nicht eine Spur bemerkten, denn mit dem Glase sah man an den Bergen deutlich Kokospalmen, und wo diese, sind auch Menschen.
Leider konnten wir nicht bis zu ihnen vordringen und mußten uns mit dieser flüchtigen Rekognoszierung begnügen, zu der in ausgedehnterer Weise eine Dampfbarkasse nötig gewesen wäre. Jedenfalls ist dieser Fluß, von dem wir nur einen unbedeutenden Nebenarm kennen lernten, recht ansehnlich. Eine genauere Erforschung desselben dürfte sich sehr nützlich erweisen und vielleicht für kleine Fahrzeuge eine Wasserstraße ergeben.
Als wir mit Einbruch der Dunkelheit an Bord zurückkehrten, bereiteten uns abermals fliegende Hunde, aber einer anderen Art als der auf der Insel gesehenen angehörend, ein seltenes Schauspiel, das namentlich für den Zoologen interessant und neu war. In großer Anzahl umschwärmten sie das Schiff und schossen zuweilen aus der Luft bis zur Wasserfläche herab, wie Seeschwalben die nach Fischen stoßen. Fliegende Hunde (Pteropen), welche fischen? Davon ist wohl noch nie berichtet worden, und ich will die Gewähr dafür auch nicht übernehmen. Denn jedenfalls hatte das auffallende Gebaren der Tiere nichts mit Fischen zu thun. Es gelang uns leider nicht ein Exemplar zu erbeuten, um durch Untersuchung des Magens die Sache aufzuklären. Vermutlich nippten die Tiere nur Seewasser, um zu trinken.
Doch kehren wir wieder zu unserer Reise auf die Samoa zurück, welche sich dem südöstlichen Endziele, dem Mitrafels nähert. Er ähnelt von weitem einem Pfeiler und besteht aus einem isoliert aus dem Meere aufsteigenden, etwa 40-50 Fuß hohen, kegelförmigen Felsen, der auf dem Scheitel mit grünem Buschwerk bewachsen ist. Riff verbindet ihn mit der etwa eine Meile entfernten Küste, dem Kap Ward-Hunt[43] Moresbys. Es wird von einem etliche hundert Fuß hohen Bergrücken gebildet, der steil bis zum Meere abfällt, und dessen dichte Bewaldung sich durch den Mangel von Kasuarinen auszeichnet. Sehr nahe der Küste steht ein zweiter, weit niedriger Felsenpfeiler, gleichsam als Wächter des großen. Es giebt wohl kaum einen so charakteristischen, leicht zu erkennenden Punkt als Mitrafels, der wie eine natürliche Bake weithin sichtbar ist. Die Kommission, welche später die deutsch-englischen Grenzen feststellte, hätte keinen besseren Markstein wählen können, dessen Wichtigkeit als solcher mir schon bei diesem ersten Besuche klar war. Mitrafels bezeichnet übrigens mit ziemlicher Genauigkeit den 8. Grad südlicher Breite, ist also auch deswegen interessant. Was wir westlich vom Grenzfelsen sahen erschien nicht sehr verlockend, soweit das Auge reicht steil abfallende, bewaldete Bergketten, und wie wir später sehen werden, hat Deutschland jedenfalls den besseren Teil erwählt. Das Deltagebiet zwischen Clyde und Spree scheint gutes Land, aber ziemlich sumpfig zu sein, obwohl sich darüber nach einem flüchtigen Besuche nicht entfernt entscheiden läßt.
Ich landete diesmal in der Nähe von Alligator-Point Moresbys, an einer Stelle, wo anscheinend verlassene Hütten die Neugier besonders rege machten; vielleicht konnten wir dennoch Eingeborene hier antreffen! Heftige Dünung erschwerte das Landen und nötigte das Boot wieder vom Ufer abzuhalten, welches wir nur zu zweien, von einem schwarzen Jungen begleitet, durchstreiften. Ängstlich prüfte das scharfe Auge des letzteren den schwarzen Ufersand nach Menschenspuren, aber nirgend zeigte sich ein Fußtritt, und nur Eidechsen und Krabben hatten ihre bekannten Schlängelspuren zurückgelassen. Die etwa neun Hütten ähnelten in der Form ganz den am Herkulesflusse gesehenen und waren nichts als rohe, mit Blättern der Nipapalme bedeckte Stangengerüste, 10 bis 30 Fuß lang und etwa mannshoch. Niedrige Bänke aus gespaltenen Stangen deuteten an, daß diese Hütten als Schlafstätten benutzt worden waren; sonst fand sich nichts bei denselben als ein paar verkohlte Holzstücke und Fetzen alter Kokosnußfaser. Da diese Palme selbst an dieser ganzen Küste nicht vorkommt, so sprachen diese Reste nur zu deutlich von gelegentlichen Besuchen der Inlandsbewohner, wie ich dies schon im Vorhergehenden erwähnte. Aber wo mochten die Menschen, welche Moresby vor 10 Jahren noch so zahlreich hier antraf, hingekommen sein, und von deren Dörfern wir selbst keine Spur mehr entdeckten? Schon das Fehlen von Kokospalmen schien diese Frage zu beantworten, noch mehr der Charakter des uns vorliegenden Landes, das eben nicht sehr versprechend aussah. Das was uns von weitem als Gras erschien, erwies sich als dichtes, auf dem Sande hinkriechendes Windengeranke, der Uferwaldsaum als sehr schmal, und hinter ihm dehnte sich sumpfiges, reichlich mit Nipapalmen und anderen Bäumen bestandenes Land aus, das zu betreten durchaus nutzlos gewesen wäre.
Wiederum hatten wir auf unserer Reise nordwestwärts imposante Gebirgsbilder, mit grellen Tinten in Schwarz, Violettschwarz, Dunkelblau und zartem Grün vor uns, ja eine frühe Morgenstunde zeigte uns einmal in der Gegend von Traitors-Bay, fern, fern in Südwest ein Hochgebirge, das wohl kein anderes als die Owen-Stanleykette sein konnte. Trotz der Entfernung von etlichen 60 Meilen in der Luftlinie scheint bei der bedeutenden Höhe von über 13000 Fuß eine solche Annahme wohl möglich. Ich kannte zwar den Owen-Stanley von der Südostküste her sehr gut, aber wer vermöchte aus so großer Entfernung ein Gebirge wiederzuerkennen?
Wir hatten die Luard-Inseln wieder erreicht und versuchten es nochmals wenigstens einen Ankerplatz zu finden, und wurden diesmal durch die Entdeckung eines hübschen Hafens belohnt, (18. November 1884). Er bildet ein geräumiges, länglich rundes Becken mit gutem Ankergrund von 10 bis 20 Faden Tiefe, das rings von steilen bewaldeten Bergen umschlossen wird. Unter diesen zeichnet sich, wie die Skizze unten zeigt, besonders eine ca. 1000 bis 1200 Fuß hohe, pyramidenförmige Kuppe aus, welche W. S. W. die Einfahrt giebt. Ich benannte sie »Ottilienberg« nach Frau von, den Hafen selbst »Adolphshafen«, nach Herrn von Hansemann in Berlin, der bekanntlich die Samoa-Expedition ins Leben rief. Nach den Ortsbestimmungen Sechstrohs liegt Adolphshafen unter 7° 44′ Süd und 147° 44′ Ost. Wie sich schon die Einfahrt durch schmutzig gefärbtes Süßwasser auszeichnet, so der Hafen selbst, eine Eigentümlichkeit, die zur Reinigung eiserner Schiffe wichtig werden kann. Im übrigen ist die Umgebung des Hafens für Ansiedelung wenig versprechend. Das Vorland des westlichen Ufers erwies sich als sumpfiges, mit Pandanus, Kasuarinen, Ried und Binsen bestandenes Terrain, die zum Teil stagnierende Mündung eines Flusses, dessen Hauptarm nördlich von einer Landzunge herauszukommen schien. Auf der letzteren zeigten sich plötzlich etliche Eingeborene, von denen wir im Hafen selbst keine andere Spur als ein paar verfallene Gerüste gefunden hatten. Es waren sieben, anscheinend total nackte Männer, die gewaltige Schilde und Speere mit sich führten, uns aber durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Das ging nun leider nicht, da um die Spitze der Landzunge eine gewaltige Strömung schoß und der einbrechende Abend uns zur Rückkehr an Bord nötigte, wo wir noch eben vor Eintritt der Dunkelheit eintrafen. Auf diese Weise profitierten leider die Entdecker des neuen Hafens selbst nicht einmal die Nachtruhe in demselben, sondern mußten wie gewöhnlich von der Küste abhalten, um sich recht gründlich durchschütteln und durchrütteln zu lassen, Eigenschaften, welche die kleine Samoa in schadenfroher Weise gerade diese Nacht mehr als je zum Ausdruck brachte.
Mit den Luard-Inseln beginnt jene tiefeinschneidende westliche Einbuchtung der Küste, welche 1793 von d'Entrecasteaux, nach seinem berühmten Landsmann Huon Kermadec, »Huon-Golf« benannt wurde, in welcher aber erst Moresby einige Punkte bestimmte und benannte. Er hielt sich hauptsächlich drei Tage lang in einer von ihm »Death-Adder-Bay«[44] benannten Bucht (7° 29′ S., 147° 25′ O.) auf, um Feuerholz zu schlagen, und schloß damit seine unvergleichlich wichtigen, für Neu-Guinea epochemachenden Küstenaufnahmen. Wir konnten denselben kaum etwas hinzufügen, denn böiges Wetter und trübgrün gefärbtes Wasser ließ es Steuermann Sechstroh rätlich erscheinen, außerhalb jener Reihe von Inselgruppen zu halten, welche sich von den Luard-Inseln bis Solitary-Island, in einem Abstande von drei bis sechs Meilen, über 40 Meilen parallel mit der Küste hinziehen. Sie sind alle klein, hügelig, dichtbewaldet, manche nur mit Buschwerk begrünte Felsen, und scheinen alle unbewohnt. Nur bei Saddel-Island (»Longuerue« von d'Entrecasteaux), der größten dieser Inseln, zwei ein halb Meilen lang und ca. 700 Fuß hoch, versuchten uns vergeblich ein paar Segelkanus einzuholen, und auf Solitary-Island bemerkte ich Kokospalmen, so daß vermutlich hier Menschen wohnen. Soweit wir die Küste zu sehen bekamen, besteht dieselbe aus steilabfallenden, dichtbewaldeten Bergen mit wenig Vorland, hie und da scheinen Buchten[45] einzuschneiden. Wie gern hätte ich dieselben untersucht! Aber Steuermann Sechstroh, auf dem die Verantwortung der Schiffsführung doppelt lastete, wollte von dem Insellabyrinth um so weniger etwas wissen, als sich nicht selten Brandung zeigte. Und unter unseren Verhältnissen war Vorsicht jedenfalls besonders geboten. Mit Solitary-Island hatten wir uns der Küste wieder genähert und bald Rawlins-Point von Moresby vor uns, wo eine schöne Bucht einschneidet, die ich Ki-Bucht benannte. Dieselbe wird nördlich von einer langgestreckten, bergigen, bewaldeten Insel begrenzt, die, wie wir später bemerkten, aber durch einen schmalen, dichtbewaldeten Streifen niedrigen Landes mit der Küste zusammenhängt und somit eine Landzunge bildet. Es ist Parsi-Point, von Moresby nach der eigentümlichen Kopfbedeckung der hiesigen Eingeborenen benannt, welche an die hohen Mützen der Parsis oder Feueranbeter erinnert, und welche die Abbildung veranschaulicht.
Schon von weitem hatten wir an den Bergen Kulturflecke, d. h. Stellen urbar gemachten Landes, am Ufer endlich wieder einmal Kokospalmen bemerkt, und bald umringten uns die Eingeborenen selbst in zahlreichen, zum Teil mit Segeln versehenen, Kanus (Atlas VIII 6). Es waren nicht sehr dunkle Leute, von weniger negerartigem Typus als z. B. Neu-Britannier oder Salomons-Insulaner, die sich sehr manierlich betrugen, aber schon wegen ihrer geringen Bekleidung (vergl. Atlas XVI 4, 5) keinen guten Eindruck machten. Sie kamen singend und handelten singend, wahrscheinlich um sich Mut zu machen, denn viele zitterten vor Angst. Freilich mochten wohl die wenigsten je einen Weißen gesehen haben, denn keiner verstand nur ein Wort Englisch oder besaß irgend etwas von europäischem Tande. Aber Eisen schienen sie zu kennen, und als ich Hobeleisen zum Vorschein brachte, da erschallte einstimmiges Freudengeschrei, und »Ki, ki« (Eisen) war die Losung. Für die geringste Kleinigkeit verlangte man jetzt nur Eisen. Die braven sogenannten »Wilden« sind in der Regel sehr praktisch und im Handel nicht minder gewandt; auch bei ihnen gilt das Prinzip viel für wenig zu erhalten.
Die Parsen hatten übrigens allerlei hübsche Sächelchen, darunter oben anstehend breite Armbänder von Schildpatt mit zierlich eingravierten, sehr eleganten Mustern, wie ich dieselben schon (S. 90) von Astrolabe-Bai erwähnte, hübsche mit Muscheln besetzte Armbänder, Brustschmucke von Flechtwerk, zum Teil reich mit Hundezähnen verziert, und eigentümliche Schildpattohrringe (Atlas XVII. 5, 6). Von besonderer Kunstfertigkeit zeugten auch die in bunten Mustern filetgestrickten Tragbeutel (vergl. Atlas X. 3), wie Holzschnitzerei bei ihnen auf einer hohen Stufe steht. So z. B. die Verzierungen an den stattlichen, seetüchtigen Kanus, deren Seitenborde zuweilen buntbemalt waren (Atlas VII. 9). Die feingeschnitzten »Kopfkissen«, welche freilich wenig mit den unseren zu thun haben, verdienen ebenfalls besondere Beachtung. Sie bestehen nämlich nur aus einem soliden Stück Holz, das beim Schlafen als Stütze dient (vergl. Atlas III, 1), und sich in ähnlicher Weise bei vielen Völkern, z. B. auch in Afrika und China wiederfindet. Wie die zahlreichen, sehr gut gearbeiteten Fischhaken, die übrigens ganz mit solchen von Astrolabe-Bai übereinstimmen, und Netze zeigten, scheinen diese Eingeborenen tüchtige Fischer zu sein. Sie brachten aber auch etwas grünen Blättertabak, Bananen, wenige Kokosnüsse und boten mir als Freundschaftszeichen einen Hund an, den ich aber dankend ablehnte. Ich kannte die nächtlichen Heulkonzerte dieser lieben Tiere eben zur Genüge, um die ohnehin knapp bemessene Nachtruhe nicht noch durch einen solchen Störenfried schmälern zu lassen. Und bei allem Verlangen nach frischem Fleisch konnte mich doch Hundebraten, zu welchem Zweck das Geschenk bestimmt war, nicht reizen. -- Merkwürdigerweise führten die Leute keinerlei Waffen mit sich.
Übrigens trugen nur die wenigsten die sonderbaren Parsenmützen aus Tapa (geschlagenem Baumbast), sondern die meisten das Haar unbedeckt, in allen möglichen Stadien der Entwickelung, von ganz kurz geschorenem, bis zu dem gewaltigen Zottellockenkopfe meiner Skizze. Derartiges Haar hatte ich noch nie bei Papuas gesehen! Es hing in 18 Zoll langen, bleistiftdicken, dichtverfilzten Strähnen, wie ungezupftes Roßhaar, bis zur Brustmitte herab, und die wenigen Träger solcher Haarmassen schienen große Leute, Häuptlinge, zu sein, wie ich dies noch öfters in Neu-Guinea bemerkte. Was war erklärlicher als der Wunsch ein paar dieser Locken des hehren Hauptes zu besitzen! Der Eigentümer hatte meine Pantomime richtig begriffen und trennte, noch ehe ich ihm eine Schere reichen konnte, mit eigener Hand einige seiner Staatslocken mit einem Steinbeil ab, das ich sogleich dazu kaufte. Im Museum für Völkerkunde zu Berlin sind diese Schätze jetzt zu sehen, für solche, die sich etwa dafür interessieren sollten.