Samoafahrten

Part 11

Chapter 113,438 wordsPublic domain

Wir hatten zu der ca. 140 M. langen Strecke von Port Konstantin bis hierher ca. 2½ Tag gebraucht und dabei einen Landstrich kennen gelernt, der mit zu den besten in Neu-Guinea zählt, und für Agrikultur wie Viehzucht gleich versprechend ist. Vor allem fehlt es, wie ich bereits erwähnte, nicht an Wasser. Ich zählte in der trockenen Jahreszeit allein die Mündungen von 19 Flüssen oder besser Flüßchen, die alle den Charakter von Gebirgswässern tragen, und deren es gewiß in diesem ausgesprochenen Gebirgslande viel mehr giebt. Die höher gelegenen Flächen dürften sich namentlich für Schafzucht eignen und werden voraussichtlich ein für Europäer günstiges Klima besitzen. Die Bevölkerung fanden wir allenthalben sehr spärlich, denn ich zählte im ganzen 24 meist sehr kleine z. T. verlassene Siedelungen, deren Bewohner zusammen mit 1500 Seelen hoch geschätzt sind. Das ganze Küstengebirge scheint kaum bewohnt zu sein, denn nirgends fanden wir jene Kulturflecke urbargemachten Landes, die sich sonst schon so weit hin markieren. Für Schiffahrt ist die ganze Küste rein, d. h. frei von Korallriffen, Inseln und Sandbänken, aber das Meer fällt in wenig Abstand in bedeutende Tiefen zwischen 300 bis 400 Faden ab, und was das schlimmste ist, nirgends findet sich eine geeignete Ankerung[40], geschweige denn ein Hafen. Die ganze Küste besteht aus sanften Einbuchtungen, meist Flachufer mit Waldrand, hie und da Sandstrand oder mäßigem Felssteilufer. Freilich zeigte sich überall nur schwache Brandung, aber wir befanden uns im Südostmonsun, und während des Nordwest wird dies wahrscheinlich anders sein. Glücklicherweise ist das Meer meist ruhig und frei von jenen häßlichen Böen die z. B. das Marshallmeer so ungemütlich machen. Die Verhältnisse sind daher im ganzen recht günstige und weit besser als an vielen anderen Küsten, wo trotz Ungunst sich ein reges koloniales Leben entwickelte.

In der Nacht wurde nach der schon am Tage sichtbaren Küste von Neu-Britannien hinübergedampft, die wir am andern Morgen in der Gegend von Kap Anns, der südwestlichen Spitze, erreichten. Gleich hier zeigte sich die vollständige Unzuverlässigkeit der Karten, die freilich noch von Dampier (1700) und d'Urville (1827) herrühren, welche mit ihren Segelschiffen weit von der Küste abhalten mußten und so eine Menge Kaps[41] benannten, ohne sie astronomisch festzulegen, die gar nicht existieren. Das war freilich sehr mißlich, denn gar keine Karte ist immer noch besser als eine unrichtige, aber der trefflichen Führung von Kapitän Dallmann gelang es die erste Rekognoszierungsfahrt längs dieser ca. 240 Meilen langen, unbekannten Küste bis Kap Orford glücklich durchzuführen, wozu die Samoa freilich drei Tage brauchte. Es zeigte sich dabei, daß die angeblichen Kaps meist aus vorgelagerten Inseln bestehen, die von weitem wie Vorsprünge aussehen, denn selbst Südkap vermochten wir nicht mit Sicherheit auszumachen. An Riffs war übrigens kein Mangel, und da uns leider eine Dampfbarkasse fehlte, so mußten wir manche, vielleicht praktikable Buchten ununtersucht lassen. Aber das ganze Land schien überhaupt zu wenig einladend; nichts als dicht bewaldete, steile, vulkanische Berge, mangrovereiches, dichtbewaldetes Vorland, unzählige Inseln, die mit ihren Riffs zuweilen zum Abbiegen nötigten, wenig Kokospalmen und somit auch Menschen, das sind so die Hauptzüge dieser Küste, wie ich hier nur mit wenigen Strichen skizzieren will. Die kleinen Siedelungen schienen meist auf den Inseln zu liegen, und da wir Eile hatten, konnten wir sie nicht besichtigen. Nur einmal kamen Eingeborene in Kanus ab, in einer Bucht, die zwischen Süd-Kap und Kap Roebuck der Karten liegt und die ich »Hansabucht« benannte. Ich zählte acht bis neun kleine Siedelungen in dieser Bucht, den bevölkertsten Distrikt an der ganzen Küste bis Spacious-Bai. Die Leute waren sehr scheu, und kamen erst nach und nach näher, als ich ihnen leere Flaschen mit einem daran gebundenen Streifen roten Zeuges zuwerfen ließ, wagten sich aber längsseit gekommen nicht an Bord. Anthropologisch echte Papuas zeigten sie ethnologisch die meiste Zusammengehörigkeit mit Neu-Guinea, so in ihren Schamschurzen, Kalkkalebassen, Schmuck aus Schweinezähnen, filetgestrickten Tragbeuteln, breiten Schildpattarmbändern und dergleichen. Einige trugen Kopfbinden aus einer Art Flachs, ganz wie ich solche bei Festungshuk gesehen hatte. Muschelgeld, ganz wie das Diwarra von Blanche-Bai, schien auch eine große Rolle zu spielen, und sie gaben es nur ungern her. Sie führten keinerlei Waffen mit sich und waren ruhige Leute, mit denen sich sehr gut handeln ließ, bekamen aber oft untereinander Streit. Sie besaßen einige sehr eigentümliche Sachen, darunter besonders einen hübschen Kampfbrustschmuck aus zwei Eberhauern und Muschelgeld. Ihre Kanus waren sehr roh, alles Schmuckes bar, aber zum Teil sehr lang. Das eine mochte über 40 Fuß messen und trug 16 Mann. Interessant war es mir zuerst wieder bei einigen Männern schwache Tätowierung, schmale Strichelchen über Stirn und Backen, zu sehen; bei einigen machte sich künstliche Deformation des Schädels bemerkbar. An Produkten besaßen sie außer Betelnüssen und Tabakblättern nichts, nicht einmal Kokosnüsse.

In den letzten Tagen des Oktober trafen wir glücklich wieder in Mioko ein, nicht wie es in Schiffsberichten gewöhnlich heißt »an Bord alles wohl«!, sondern sieben Mann lagen am Fieber darnieder, darunter der Schreiber dieser Zeilen, ein Andenken, das uns wahrscheinlich Friedrich-Wilhelms-Hafen mit auf den Weg gegeben hatte. Nun, war es doch nicht mein erstes Tropenfieber! Masqui!

Fünftes Kapitel.

Vom Mitrafels bis Finschhafen.

Massacre der »Mioko«. -- Ursachen. -- Ein schwarzer Kriegsgefangener. -- Strafexpedition der »Hyäne«. -- Ankunft der »Elisabeth«. -- Aufhissen der deutschen Reichsflagge in Matupi und Mioko. -- Fieberträume. -- Abreise nach Neu-Guinea. -- Luard-Inseln. -- Fliegende Hunde. -- Herkulesfluß. -- Scheue Eingeborene. -- Menschenleer. -- Basiliskbucht. -- »Bleichröder«-Fluß. -- Verräter-Bai. -- Spreefahrt. -- Kasuarinen. -- Mitrafels. -- Eine verlassene Niederlassung. -- Owen Stanley. -- Adolphshafen. -- In Huon-Golf. -- Parsi-Huk. -- Verkehr mit Eingeborenen. -- Eine seltene Haarlocke. -- Markhamfluß. -- Rawlinson-Gebirge. -- Kap Cretin. -- Herrliches Land. -- Ich entdecke einen Hafen. -- Finschhafen. -- Trefflich geeignet zur Niederlassung. -- Ankunft der »Hyäne«. -- Flaggenhissen. -- Betrachtungen über die Eingeborenen. -- Diebstähle. -- Ist Civilisation möglich? -- Freiheitstrieb unvereinbar mit derselben. -- Dorf Ssuam. -- Häuser. -- Abumtau Gabiang. -- Gräber. -- Ethnologisches. -- Kanus. -- Kakadus. -- Jagd und Tierleben. -- Exkursion auf dem Bumifluß. -- Eine Krokodiljagd. -- Abschied von Finschhafen. -- Eine Explosion. -- Mohrenkönig und Krone. -- Long-Insel. -- Begegnung mit Eingeborenen. -- Wasserhose. -- Schönes Land bei Kap Raoul. -- Längs der Nordküste Neu-Britanniens. -- Nusa in Neu-Irland. -- Friedrich Schulle. -- Rückkunft nach Mioko. -- Rückblicke in Betreff der Entwickelung von Finschhafen.

In dem sonst so stillen Hafen von Mioko herrschte ungewohntes Leben; das deutsche Kanonenboot »Hyäne« (Kommandant Kapt.-Lt. Langemack) und ein Hamburger Dreimastschuner lagen bei unserer Rückkehr vor Anker und wechselten mit der Samoa die üblichen Grüße durch dreimaliges Senken der Flaggen.

Das Kriegsschiff verließ uns aber sehr bald wieder, um eine jener Strafexpeditionen auszuführen, die in der letzten Zeit unsere Kriegsschiffe in diesen Gebieten so häufig beschäftigten und zu denen oft längst geschehene Vorfälle die Veranlassung sind. Auch hier war dies der Fall, denn es galt die Eingeborenen zu züchtigen, welche im vorhergehenden Jahre in Metelik, an der Südostspitze Neu-Irlands, den deutschen Schuner »Mioko« überfallen und nach Niedermetzelung der Mannschaft verbrannten. In Metelik oder Likelike-Bai hatten schon die berüchtigten Unternehmungen des Marquis des Rays bei den Eingeborenen die bösesten Erinnerungen an Weiße zurückgelassen und spätere Besuche von Werbeschiffen, die hier rekrutierten, d. h. Menschen wegführten, diese Eindrücke nur zu lebhaft wieder aufgefrischt.

Die sogenannten »nackten Wilden« sind eben Menschen wie wir, und es ist ihnen selbstredend nicht gleichgültig, wenn Familien- und Stammesangehörige, nicht immer in legaler Weise, entführt werden, die zu häufig ihre Heimat niemals wiedersehen. Die »Labourtrade«, Arbeitshandel, hat daher überall, wo sie betrieben wurde, den nachteiligsten Einfluß ausgeübt und so häufig die Veranlassung zu jenen Massacres gegeben, welche fast ausnahmslos der Blutgier und Wildheit der Eingeborenen zugeschrieben werden und für die gewöhnlich Unschuldige auf beiden Seiten zu büßen haben. Die »Mioko« war eins dieser unglücklichen Opfer der Vergeltung der Eingeborenen, die selbstverständlich alle Weiße für identisch halten und an dem ersten besten, der in ihre Hände fällt, ihre Rache für ihnen durch Weiße zugefügtes Leid zu kühlen suchen. Da kein Papua ein großer Held ist und offenen Kampf stets zu vermeiden sucht, so handelt es sich gewöhnlich um den, mit Hinterlist und Verräterei gepaarten, überlegten Mord. In Gegenden, wo Werbeschiffe ihr Wesen trieben, heißt es daher doppelt auf der Hut sein. Denn gar oft ist das freundliche Wesen der Eingeborenen nur Maske, und in den meisten Fällen gelingt der Handstreich nur infolge zu großer Sorglosigkeit. So erging es leider auch der »Mioko«. Das kleine, ca. 50 Tons große Fahrzeug, mit nur fünf Mann an Bord, war auf der Reise von Sydney nach Mioko durch Windstillen und Strömungen im St. Georgs-Kanal aufgehalten worden und hatte in Metelikhafen vorgesprochen, dessen Eingeborene sich sehr freundlich zeigten. Dabei ist jedenfalls vom Kapitän, der in jenen Gebieten durchaus Neuling war, die nötige Vorsicht außer acht gelassen worden. Als die Eingeborenen vollends merkten, daß keine Waffen an Bord waren, welche das Schiff unbegreiflicherweise erst am Bestimmungsort erhalten sollte, hatten sie leichtes Spiel. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie eine so günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen ließen. Daß dabei die Habsucht durch Plünderung des Schiffes mit befriedigt wurde, ist ebenfalls leicht erklärlich. Deshalb sind die Eingeborenen noch lange nicht jene notorischen Räuber und Mörder[42], für welche sie nach einem solchen Vorgange meist erklärt werden, da ja nach der gewöhnlichen Auffassung Raub und Mord gleichsam in ihrem Blute liegen, denn dafür sind es ja eben »Wilde«! Ein solches Urteil würde aber kein gerechtes sein! Ich kann aus meinen eigenen Erfahrungen Fälle anführen, wo Eingeborene eben so menschlich als wir handelten. So brachte im Jahre 1881 ein deutsches Schiff einen jungen Franzosen nach Matupi mit, den es bei Cap Hunter an der Südwestküste Neu-Irlands aufgenommen hatte. Der Genannte war »Soldat« der Colonie libre des Marquis des Rays gewesen, mit einem anderen Vaterlandsverteidiger desertiert und hatte bereits mehrere Wochen unter den Eingeborenen gelebt, bis ihn zufällig dieses Schiff erlöste.

Aus Furcht vor Strafe waren die Übelthäter von Metelik verzogen und zwar nach Lombom oder der kleinen Wallis-Insel bei Port Praslin, und dahin ging nun die Expedition der »Hyäne«. An Bord befand sich bereits ein Eingeborener, welcher der Teilnahme an dem Massacre der »Mioko« bezichtigt war, wohl verwahrt in Eisen. Der arme Schächer konnte einem wirklich leid thun, denn wurde er auch an Bord gut behandelt, so machten sich doch häufig Schiffsleute den Spaß, ihm durch Pantomimen des Hängens oder Erschießens sein mutmaßliches Schicksal vorauszusagen. Es war kein Wunder, wenn ihm aus Furcht Appetit wie Schlaf verging. Dabei behauptete er durchaus unschuldig zu sein und gar nicht in Lombom, sondern in Lamassa oder Coconut-Island, ca. 10 Meilen weiter nördlich, zu Haus zu gehören und bat flehentlich, ihn nach dort zu bringen, wo sich seine Behauptung durch seine Familie von selbst als richtig erweisen werde. Aber man hatte »einen Löffel« von der Mioko bei ihm gefunden, und dann -- fürchtete er sich so! Kein Wunder! War der Mann doch sehr unfreiwillig in die Handschellen geraten und zwar durch die Verräterei eines schwarzen Bruders, eines Salomon-Eingeborenen, der für ein deutsches Haus an der Küste von Blanche-Bai Kopra einkaufte. Dieser Brave hatte den Arglosen zu einem freundschaftlichen Besuche bei sich eingeladen, ihn statt dessen aber gefesselt nach Mioko gebracht, Beweis, daß auch Europäer zuweilen jene Mittel billigen, welche sie bei den Eingeborenen so sehr verabscheuen. Aber das ist Südseeleben! Während sonst kaum auf das Zeugnis eines Schwarzen Wert gelegt wird, wurde es in diesem Falle als vollgültig angenommen, denn der Salomonsmann war ja wohl der einzige Belastungszeuge. Die Expedition der »Hyäne« verlief übrigens in der gewöhnlichen Weise. Trotz aller Vorsicht waren die Vögel in Lombom ausgeflogen! Pulver und Blei konnten also diesmal gespart werden, denn Streichhölzer genügten um die Häuser anzuzünden, die, im Verein mit vernichteten Kanus und Plantagen, den Eingeborenen in üblicher Weise zur Warnung dienen sollten, obwohl damit der beabsichtigte Zweck ernstlicher Schädigung nur sehr unvollkommen erreicht wird. Für Muschelgeld lassen sich leicht Kanus wieder anschaffen, und der Aufbau solcher Häuser, als wie die hiesigen, macht auch nicht sonderliche Mühe. In der That fand ich einige Zeit später die Bewohner des devastierten Dorfes ganz gemütlich an einer anderen Stelle wieder angesiedelt.

Die »Hyäne« kam viel schneller, als erwartet wurde, wieder zurück und zwar ohne Coconut-Island besucht zu haben, was jener arme Gefangene gewiß am meisten zu beklagen hatte. Denn dadurch unterblieb die ihm versprochene Untersuchung in seiner Heimat und er wurde später mit einem Arbeiter-Transportschiff nach Samoa geschickt. Dort ist er wahrscheinlich auch nicht aufgehangen worden, sondern verrichtet vermutlich noch heut Zwangsarbeit in Plantagen, wenn ihn nicht inzwischen das Heimweh, wie so manchen Kanaker hingerafft hat. Die Lamassaner werden aber dort vorsprechende Weiße wahrscheinlich nicht sonderlich höflich aufnehmen und dem Andenken des entführten Löffelmannes bei Gelegenheit ein Opfer bringen; denn das ist der Fluch der bösen That, der sich namentlich in der Südsee so anhaltend fortspinnt.

Ein besonderes Ereignis hatte übrigens die »Hyäne« so plötzlich zurückbeordert und zwar das unerwartete Eintreffen eines großen Kriegsschiffes, das wir zu unserem Erstaunen plötzlich, im Kanal Matupihafen zudampfend, erblickten. Durch die bald darauf ankommende »Hyäne« erfuhren wir, daß das Schiff S. M. gedeckte Korvette »Elisabeth« sei und begaben uns sogleich an Bord der »Hyäne« nach Matupi, um den Kommandanten Kapitän z. S. Schering zu begrüßen. Wir hörten frohe Botschaft: die deutschen Besitzungen im Archipel von Neu-Britannien sollten unter den Schutz des Reiches gestellt werden, welcher feierliche Akt am 3. November in Matupi unter den entsprechenden Ceremonien vor sich ging. Es war ein schönes Schauspiel, als 250 Mann in bewundernswerter Eile und Ordnung landeten und in dem weiten Hofe des Hernsheim'schen Etablissements Aufstellung nahmen. Kapitän Schering verlas dann auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers die kurze Proklamation, die Truppen präsentierten und unter den Klängen des »Heil dir im Siegerkranz«, dem Donner der Geschütze und einem dreimaligen Hoch auf Seine Majestät ging die Reichsflagge der deutschen Kriegsmarine in die Höhe! Am folgenden Tage wiederholte sich dieselbe Feierlichkeit in dem Etablissement der Handels- und Plantagen-Gesellschaft auf Mioko, wohin diesmal auch die verschiedenen Häuptlinge der Herzog York-Inseln eingeladen waren, denen die Bedeutung der Handlung klar gemacht wurde. »Bye and bye you kill white man, man of war kill you« (wenn du einen Weißen tötest, tötet dich das Kriegsschiff), ein Argument, das die Eingeborenen sehr wohl verstanden, wenn es ihnen auch weniger begreiflich scheinen mochte, daß sie sich fortan der eigenen Gerichtsbarkeit Weißen gegenüber gänzlich enthalten sollten. Jedenfalls hatten sie darüber ihre eigenen Ansichten und zwar auf Grund unliebsamer Erfahrungen, die ihnen lehrten, daß der schwarze Mann wohl selten Recht erhält, und konnten sich nicht gleich zu dem Glauben aufschwingen, daß dies nun mit einem Schlage anders, besser werden sollte. Natürlich versprachen sie alles, wie das Kanaker stets thun, und der Frieden schien für ewige Zeit besiegelt. Freilich mit der Handvoll Eingeborenen der Herzog-York-Insel hat es keine Not, denen ist die blutige Sühne für die Ermordung Kleinschmidts noch in gutem Gedächtnis. Aber in Neu-Britannien und Neu-Irland, da liegen die Verhältnisse ganz anders, und es wird wohl noch lange dauern, ehe die Eingeborenen sich jener Botmäßigkeit bewußt sind, welche für gute Unterthanen selbstverständlich ist. In der That wurde nicht lange nach dem Aufhissen der Kriegsflagge an der Nordküste der Gazelle-Halbinsel ein Eingeborener, der für ein deutsches Haus handelte, umgebracht, seine Vorräte geplündert. Die Kriegsmarine bekam dadurch wieder zu strafen, was durch die bekannten Vorgänge des Kanonenbootes »Albatross«, unter dem Kommando des energischen Graf von Baudissin, gründlich besorgt wurde. Aber seitdem hat sich wohl kein weißer Händler mehr in den verrufenen Gebieten von Kabakadai und Kabaira niedergelassen, wo der mächtige Häuptling Toberinge (Tuberingai) herrscht; denn wegen ein oder zwei Koprahändler kann doch nicht immer ein Kriegsschiff zur Stelle sein.

Mit dem Aufhissen der deutschen Kriegsflagge war übrigens der Grundstein zu unseren jetzigen Südsee-Kolonien gelegt und ein Akt vollzogen worden, der die lebhafteste Freude hervorrief, in der Heimat gewiß mehr als im Kreise gewisser Kolonisten.

Das neue deutsche Besitztum gefiel Kommandant Schering, wie den Herren der Elisabeth überhaupt, unendlich viel besser als dasjenige, welches sie kaum drei Monate früher (am 7. August) erworben hatten, und von wo das Kriegsschiff mit kurzem Aufenthalt in Kapstadt und Sydney direkt herkam: Angra Pequeña! »Lüderitzland«! die vielbesprochene und besungene erste deutsche Kolonie, welche den neuesten Berichten zufolge hoffentlich bald durch ihren »Goldreichtum« thatsächlich den so oft getäuschten Erwartungen entspricht. Die ersten Besucher konnten davon freilich keine Ahnung haben und Dr. Nachtigals Ausruf beim Betreten des gelobten Landes: »Oh! meine Sahara!« war jedenfalls berechtigt.

Die Erfolge der Samoa in Astrolabe-Bai machten die Anwesenheit der deutschen Kriegsschiffe zu demselben Zwecke als in Neu-Britannien und Neu-Irland auch in Neu-Guinea nötig, und auf Wunsch des Kommandanten begleitete Kapitän Dallmann dieselben als Lotse für Friedrich-Wilhelms-Hafen. Unter der Behandlung von Dr. Frerichs von der »Hyäne« hatten sich unsere Kranken soweit erholt, um wieder Dienst zu thun, und so konnten wir in der ersten Hälfte des November die zweite Reise nach Neu-Guinea antreten, um hier verabredetermaßen mit den Kriegsschiffen wieder zusammenzutreffen. Mir selbst war, schon des Fiebers wegen, am meisten daran gelegen, wieder in See zu kommen, weil ich aus Erfahrung wußte, daß Luftveränderung das beste Mittel ist, wenn auch Seeluft nicht allemal gegen das Fieber hilft, welches mir diesmal bös zugesetzt hatte. In meinen phantastischen Träumen spielte die zuletzt befahrene Küste Neu-Britanniens die Hauptrolle. Ich sah stets neue Kaps voraus, welche sich in Inseln auflösten und so rasch aufeinander folgten, daß ich nicht mehr im stande war alle aufzuzeichnen, und dies beängstigte mich außerordentlich. Ja! ja! das Fieber vermag gar wunderliche Bilder hervorzuzaubern, und ich freute mich, daß ich sie los war und die Küste diesmal in Wirklichkeit vor Augen hatte. Sie blieb, häufig durch Wolken und Regenböen verschleiert, mit ihren eintönigen Bergrücken und anscheinenden Kaps fast drei Tage lang in Sicht, denn die Samoa machte infolge von Gegenströmungen und Böen nur langsam Fortgang.

In der Frühe des vierten Tages kam Neu-Guinea, wie immer, beim Annähern von Land, in wechselnden Bildern, zum Vorschein. Zuerst zeigte sich eine mäßig hohe, blaue Bergkette, über eine dichte weiße Wolkenschicht vorragend, welche unmittelbar auf der Wasserfläche zu lagern schien, aus welcher nach und nach Inseln auftauchten. Letztere verflossen allmählich ineinander und erwiesen sich als der eigentliche, flache, dichtbewaldete Küstensaum, vor dem aber später thatsächlich kleine Inseln sichtbar wurden. Welche mochten es wohl sein? war eine Frage, die uns zunächst am lebhaftesten beschäftigte. Daß wir uns in Huon-Golf befanden wußten wir freilich, aber hier erstrecken sich eine ganze Reihe solcher kleinen Inseln längs der Küste und ohne Ortsbestimmung ließ sich die Frage eben nicht ausmachen. Glücklicherweise brachte der Mittag klaren Himmel und nach den Beobachtungen erwiesen sich die vor uns liegenden Inseln als die Luard-Gruppe von Moresby. Ich ging sogleich mit Hinrich Sechstroh, dem ersten Offizier der Samoa, welcher während der Abwesenheit von Kapitän Dallmann den Dampfer führte, im Walboot ab, um eine Untersuchung vorzunehmen. Die acht Inseln sind alle klein, dichtbewaldet und haben zum Teile eine Sohle felsigen Steilufers, welches aus einem ganz anderen Gestein als dem bisher gesehenen besteht. Es ist eine Art Konglomerat oder Breccie, aber die Korallformation ebenfalls vertreten. So lag der Strand der kleinen Insel, auf welcher wir landeten, voll von Koralltrümmern, Rollstücken von Madreporen u. s. w. Ein halb im Sande verwehtes Kanu, sowie eine Kokospalme, mit leider verkrüppelten Nüssen, deuteten an, daß früher Menschen hier verkehrt hatten; sonst bemerkten wir keine Spur von ihnen.

Aber eine andere unerwartete Erscheinung überraschte uns: Hunderte fliegender Hunde erhoben sich aus dem Gelaube der Bäume und unsere Schüsse scheuchten weitere Scharen derselben auf. Mit Ausnahme einer Lokalität auf der Karolineninsel Kuschai hatte ich in der That nie soviele fliegende Hunde beisammen gesehen. Sie schienen hier einen gesicherten Platz für die Tagesruhe gefunden zu haben, von wo aus sie bei Einbruch der Dunkelheit ihre Streifzüge unternehmen, um die Plantagen zu plündern, für die sie eine wahre Plage werden. In manchem Baume hingen mehr als zwanzig dieser Tiere, in der üblichen Weise mit dem Kopfe nach unten und mit den Hinterfüßen an einem Aste festgeklammert, so daß sie bei der Dunkelheit der dichten Belaubung nicht immer leicht zu sehen waren. Die Jagd hat also gewisse Schwierigkeiten, umsomehr als die fliegenden Hunde ein sehr zähes Leben haben und angeschossen meist in den Zweigen hängen bleiben. Zur Freude unserer Schwarzen wurde aber bald eine Anzahl erlegt, denn fliegende Hunde sind bei diesen sehr beliebt und sollen auch, nach der Versicherung englischer Marineoffiziere, in der That sehr gut schmecken. Da sich die Tiere nur von Vegetabilien, am liebsten Brotfrucht und Bananen nähren, ist dies sehr erklärlich. Aber trotzdem konnte ich mich niemals entschließen, das Fleisch zu kosten, weil die Tiere einen so widerwärtigen iltisartigen Geruch haben, der selbst den präparierten Häuten noch anhaftet, durch Einlegen in Essig aber ganz verschwinden soll. Die Art ähnelt übrigens dem »Anganau« Neu-Britanniens (Pteropus melanopogon) am meisten und erreicht eine Flügelspannung von mehr als 4½ Fuß, ist also mit eins der gewaltigsten Flugsäugetiere.

Die Untersuchung der Inseln hatte übrigens keinen Ankerplatz ergeben, und einen solchen, oder besser einen Hafen, zu finden, war unsere erste Aufgabe. Freilich weist Moresbys Karte, dessen treffliche Aufnahmen damals die einzige Quelle für das Gebiet von Huon-Golf und der Nachbarschaft bildeten, nicht einmal einen solchen auf. Aber deswegen brauchte die Suche noch nicht aufgegeben zu werden, denn Moresby konnte in diesem Teile nur oberflächliche, mehr fliegende Aufnahmen machen und mußte manches übersehen.