Part 9
In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott, Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn. Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod, den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.«
Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen gleichend.
Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich sodann in ihn verwandeln sollen.
Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte, d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab. Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit verlesen.
[Fußnote 4: Tschassy.]
Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück, das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird, Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer, die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde: dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil, der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er stammt?«
Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er: »Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er: »Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.«
Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.
Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot, das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers, ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird. Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter Menschen.
[Fußnote 5: Diskos.]
Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle -- bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische. Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er Fleisch ward und ein Mensch wurde.
Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und auf daß alles erfüllet werde.
Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen Geistes.«
Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe, darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot, das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein, als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.
Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll. »Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben, sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.«
Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden. Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst, Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat. Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen Hochaltar.
Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich, sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen, indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar, senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!« Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen: »Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt.
Die Liturgie der Katechumenen
Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi, Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war, Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten. Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster Linie einen verkündigenden Charakter trägt.