Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Part 8

Chapter 83,409 wordsPublic domain

Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das _Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, während alles andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei. Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse, aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen. Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien) Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzählungen! Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich schließlich nachdenklich wurde. »Wenn die Macht des Gelächters so groß ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.« Ich entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln, in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter preiszugeben -- so entstand der »Revisor«. Das war mein erstes Werk, das aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit dem Gedanken an ein _großes Werk_, in dem alles Gute und Böse, das es im russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen, aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schöpferische Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es mir, wenigstens den ersten Teil der »Toten Seelen« herauszugeben, gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung -- und es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin, wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer Lust verspürt hatte -- nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem Wege trifft man auch ganz unwillkürlich _näher_ mit _Ihm_ zusammen, Der allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat; selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie nicht bloß _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wäre. Durch diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und erklärend hinzufügen: »Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben, obwohl sie einander nicht gleichen.« Die Herausgabe meines Buches »Briefwechsel mit meinen Freunden«, mit der ich mich (aus lauter Freude, daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe, ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_ und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich muß das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht Betrachtungen _über_ das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren, erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft's, die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut. Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen: »Die Kunst versöhnt mit dem Leben.« Das ist wirklich wahr. Ein echtes Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern; überhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem Leben versöhnt.

Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen Züge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen führen, selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen.

Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen.

So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den »Toten Seelen« widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun, denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde, weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht aufzubrechen.

Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns.

Dein G.

Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man könnte ihn in der zweiten Auflage des »Briefwechsels« an die Spitze des Buches, d. h. an die Stelle des »Testaments« stellen, das fortgelassen werden soll, und ihm den Titel geben: »_Die Kunst ist die Macht, die uns mit dem Leben versöhnt._«

Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text, die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe. Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen.

Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Hôtel de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend geschrieben werden.

Betrachtungen über die Heilige Liturgie 1845-1852.

Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck genehmigt.

Moskau, den 9. Februar 1889.

Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko.

Vorrede

Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen, die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen, daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe innere Bedeutung von selbst erschließen wird.

[Fußnote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die geheimnisvolleren und tieferen Erklärungen kennen zu lernen, können solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.]

Einleitung

Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die, die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen, tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf. Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes. Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren Klarheit wie bei den Propheten.

Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte -- nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt, um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war, vorgebildet hatten.

Das Offertorium (_Proscomidia_)

Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands, das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt] dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien, damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott! reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester [und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte: »Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott: denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.«

Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.

Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.« Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst, daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.«