Part 13
Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: »Laßt uns aller Heiligen gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten für die dargebrachten und geweihten heiligen Gaben!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge vor Kummer, Zorn und Not!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Wir bitten Gott um einen vollkommen ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!« Der Chor singt: »Gewähre ihn uns, o Gott!« »Wir bitten Gott um einen Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und Leiber!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!« Der Chor singt: »Gewähre sie uns, o Gott!« »Wir bitten den Herrn um alles Gute, was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein Leben in Frieden und um ein reumütiges Ende!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« Und nun ruft der Diakon nicht mehr die Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: »Wir bitten Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem Gotte!« Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: »Dir, o Herr!«
Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an: »Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater, zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.« Und alle Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das Gebet des Herrn: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.«
Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir brauchen. Die Bitte: »Geheiligt werde Dein Name!« enthält das Erste, worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den Worten: »Dein Reich komme!« flehen wir das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den Worten: »Dein Wille geschehe!« wird der Mensch durch den Glauben wie durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein, als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: »Unser täglich Brot gib uns heute!« bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und Christus selbst. Er selbst hat gesagt: »Ich bin das Brot und wer von Mir isset, wird nicht sterben.« Mit den Worten: »Vergib uns unsere Schuld!« bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns genommen werden mögen -- wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge, dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben, indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den Worten: »Und führe uns nicht in Versuchung!« bitten wir Gott, uns vor allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: »Sondern erlöse uns von dem Übel!« bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel.
So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen, sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: »Vater unser!«
Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit dem Gruße des Heilands: »Friede sei mit euch allen!« Die Gemeinde erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Jetzt fordert der Diakon alle zu einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst ablegen muß, indem er ruft: »Beugt eure Häupter vor dem Herrn!« Und indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: »Ich beuge mein Haupt vor Dir, mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten, aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein himmlisches Reich einzugehen.« Und während so alle gebeugten Hauptes in innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für alle mit folgenden Worten bei sich selbst: »Wir danken Dir, unsichtbarer König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast; blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele und des Leibes!« Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet: »Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Chor ruft: »Amen!« Nunmehr rüstet sich der Priester, selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht: »Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns, Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst, und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen darzureichen.«
Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich dreimal und spricht bei sich selbst: »O Gott, reinige mich Sünder und erbarme Dich meiner!« Wenn dann der Priester seine Hand nach der heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend sind, durch das anfeuernde Wort: »Laßt uns aufmerken!« auf, alle ihre Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der die Patene in die Höhe hebt und ruft: »Das Heilige den Heiligen!« dringt aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: »Einer ist heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!« worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist, gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird, ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst. Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst, gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder gewöhnliches dunkles Eisen wird.
Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier Teile, indem er spricht: »Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt wird, und das da heiligt, die davon essen.« Er legt eins von den Stücken des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward, und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt, wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt, dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke, die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen, werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht, wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch. Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben, sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden, was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: »Die Wärme des Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!« Beim Einschütten des warmen Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib, dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen, lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt; denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von ihm getrennt hat.
Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen.
Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine Stimme: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!« Nun erscheint der verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Königspforte stehende Priester mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde.
Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben zu dem Gekreuzigten bekennen: »Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben.« Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:
»Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.« Und indem der Betende in seinem Inneren einen Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: »Gib, o Herr, daß ich mir aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers gereiche.«
Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen nennt und spricht: »Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben,« nimmt er den Leib und das Blut des Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit ist.
Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an den Propheten Jesaias richtete: »Siehe, hiermit sind deine Lippen gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnet sei.« Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken, daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist, wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an:
»Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung, denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er starb, hat Er den Tod überwunden.« Und hierauf singt der Chor gleich den Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:
»Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!«
Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum, den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.
Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der Diakon die Worte spricht: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,« sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher Jubelgesang zur Antwort: »Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn; unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.« Und die ganze Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den Worten: »Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,« denn er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht: »Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines Ruhmes voll,« inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem höchsten Ausdruck geistiger Freude: »Wir haben das wahre Licht geschaut, wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.«
Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns weilet, indem er spricht: »Immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit,« worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war, sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog.