Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Part 5

Chapter 53,577 wordsPublic domain

Sie beunruhigen sich unnötigerweise wegen der Angriffe, die heute in Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen Sie, daß unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine würdige überlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflächliche, ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht müßig da. Ich weiß genau, daß im Innern unserer Klöster und in der Stille unserer Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, gerade diese Männer tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem Gebet und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Höhe himmlischer Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß, wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht genügen, um einen römischen Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere Kirche muß in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte. Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns muß ihre Wahrheit verkündigt werden. Man sagt, daß es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt, aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben. Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß zu diesem falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nämlich sind tot, sind Leichen, und nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam. Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine Antwort sollen wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: »Hat die Kirche euch denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?« Was sollen wir hierauf antworten, wenn wir es plötzlich tief im Innern fühlen, wenn das Gewissen es uns sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie nicht einmal jetzt ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem Wert und bemühen uns nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn des Hauses, er möge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein Haus birgt, und der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren kleinsten äußeren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fähig ist, alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lösen, sie, die angesichts des ganzen Europa das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter und Berufe veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne den Staat in irgendeiner Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland groß und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefügte harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz unbekannt! Diese für das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht.

Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen. Das hieße sie herabsetzen. Für uns gibt es nur eine Art der Propaganda -- unser Leben selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre Wahrheit verkünden. Mögen die Missionäre des römischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit den Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit schnell trocknenden Tränen begleiten. Der Verkünder des griechischen Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der alle weltlichen Wünsche erstorben sind, alles erschüttert wird, noch ehe er erklärt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu ihm spricht: »Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne daß du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.«

IX Über denselben Gegenstand Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.

Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen, das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und sich's gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist, von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko, das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der _Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich führen, dessen Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns; daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen. Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen, sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du _ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen aller anderen aufschließen.

X Über das Lyrische bei unseren Poeten An W. A. Schukowski

Laß uns von dem Aufsatz sprechen, über den das Todesurteil gefällt ist, d. h. von dem Aufsatz, der die Überschrift: »_Über das Lyrische bei unseren Poeten_« trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! So ward ich denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen »Sowremennik« meine Betrachtungen über unsere russischen Dichter zu senden; und nun hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet, während mich die andern alle anfeuern und ermuntern; weiß ich doch selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich nur auf meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du meinen Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe, von gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten meine Gedanken und Betrachtungen über die Literaten. Hier kommt alles, was ich schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken und niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe, sondern auch mit dem Herzen erahne und erfühle. Der Kern meines Aufsatzes ist vernünftig und richtig, und doch habe ich mich so ausgedrückt, daß jeder meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert. Ich muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene höhere Art Lyrik, die nichts gemein hat mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph geistiger Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik überall da entgegen, wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der Prophet, oder sogar an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, ja sogar über sich selbst hinauswächst, wenn er an etwas Höheres rührt. Ich möchte hier eines seiner Jugendgedichte »Der Genius« als Beispiel anführen. Es ist übrigens nicht lang.

Einst stürmte der Prophet, der hohe, Mit Blitz und Donner himmelwärts, Und eine mächt'ge Feuerlohe Erfüllte da Elisas Herz.

Es reckte sich sein Geist empor; Ein heiliges Gefühl erblühte In ihm, der vor Begeistrung glühte, Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr.

So wird der Genius mit Beben Sich eigner Größe froh bewußt, Sieht er den Bruder aufwärts streben Mit Donnerlaut aus Erdendust.

Und hehrer Wundertat entgegen Die Kräfte reifen neu erwacht, Und seiner Werke hoher Segen Strahlt sternengleich durch Weltennacht.

Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Größe! Ich suchte das dadurch zu erklären, daß unsere Dichter jeden großen Gegenstand in seinem richtigen Zusammenhang mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, weil die russische Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus irgendeinem Grunde ganz von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich zwei Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist -- _Rußland_. Bei dem bloßen Klang dieses Namens erhellt sich plötzlich das Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn herum größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu höherer Würde und Größe empor, und erhebt er sich hoch über den gewöhnlichen Menschen. Das ist mehr als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene die Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafür sind unsere Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen können einem Rußland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Rußland spricht -- dann fühlt man eine übernatürliche Kraft durch seine Adern rinnen, man ist gleichsam ganz erfüllt von der Größe Rußlands. Die Vaterlandsliebe allein hätte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin -- nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, feierlichen Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Rußland redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie Stephan Batorius gegen Rußland in den Krieg zieht.

Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht, Schon eilt er, seine ganze Macht Zu einer Heerschar zu verdichten, Um, wenn er Pskow den Tod gebracht, Rußland für immer zu vernichten! Doch du, o heil'ges Vaterland, Du hehre Liebe unsrer Ahnen, Du riss'st das Schwert aus seiner Hand. Nicht siegten diesmal seine Fahnen.

Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rußlands verbindet, entspringt daraus, daß der Gedanke unbewußt an die höchste Vorsehung rührt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes zum Ausdruck kommt. -- Außer der Liebe aber ist hieran auch noch das tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge beteiligt, die sich durch Gottes Willen auf jenem Stück Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde, das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst noch nicht für alle sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr der Poesie, das alles hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im _Samen_ die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen allmählich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie drücken sich so unklar aus, daß ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du hast unrecht, wenn du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft spricht, einer Modeströmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren Köpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden, ohne zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder sind -- das ist alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten: von diesen war gewöhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern werden viel Unnützes und Überflüssiges zusammengeredet haben, trotzdem aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die Auserwählten klar und verständig auszusprechen wußten; sonst hätte das Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch England, noch Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien und künden nicht von sich selbst, warum tut dies Rußland allein? Nun, weil Rußland es deutlicher fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an allem teilhat, was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es ein neues Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen Töne bei unseren Dichtern. Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen, und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. Und hier darfst du nicht mit mir streiten, mein herrlicher Freund.

Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, an dem sich die Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge erhebt, von dem hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken. Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene, königliche Note verliehen. Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem, nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher Gedanken und Erwägungen fähig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und den Wunsch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, suchen, und werden diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist, der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins verweilen, in denen er den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, die den Augen -- nicht nur der Russen -- nein auch gefühlloser Wilden, die an den äußersten Enden seines Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen Berührung mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige Hand des Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem Ausdruck emporgehoben, daß selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden sollte, der für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim Lesen dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von tiefer Rührung über die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden würde. Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne Rührung lesen, in denen der Dichter davon spricht, daß, wenn seine Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur deshalb geschehen werde,

Weil ich die Kaiserin besang, Der Reußen Zarin, welcher keine Je gleichkommt auf der weiten Welt. Des rühme, rühm' dich, meine Leier.

Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum ohne aufrichtige seelische Erschütterung lesen:

Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder; Das Alter raubte mir die Lieder. -- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt, Und meiner Hand entsinkt die Leier; In andern glühe nun das Feuer, Mit dem drei Zaren einst mein Sang Zu Ruhm und Preis erklang.

Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre gesagt hat: »Warum,« so pflegte er zu sagen, »warum muß einer von uns höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt. Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann. Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind. Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster Eintracht und Harmonie!« Welch tiefes Verständnis besaß er für die großen, ewigen Wahrheiten!