Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom
Part 24
_Madrid_, den 30. Februarius.
Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, daß ich gar keine Zeit hatte, zu mir zu kommen. Heute früh erschienen die spanischen Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich wunderte mich sehr über die ungewöhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so schnell, daß wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze erreicht hatten. Übrigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen, und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge Menschen, die alle rasierte Köpfe hatten. Ich erriet sofort, daß das Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Köpfe zu rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand führte, erschien mir jedoch sehr merkwürdig: er stieß mich in eine kleine Stube und sagte: »Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspüren solltest, dich König Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Späße schon ausprügeln.« Aber da ich wußte, daß er mich nur auf die Probe stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der Kanzler zweimal auf den Rücken schlug, daß ich vor Schmerz beinah laut aufgeschrien hätte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte, daß dies der Ritterschlag war, den man bei der Übernahme einer hohen Würde erhält -- in Spanien haben sich nämlich die alten Rittersitten noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschloß ich, an die Staatsgeschäfte zu gehen. Ich entdeckte, daß China und Spanien ein und dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit für zwei verschiedene Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das morgen stattfinden soll, erfüllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird sich etwas Außerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond setzen. Auch der berühmte englische Chemiker Wellington schreibt hierüber. Ich muß gestehn, beim Gedanken an die außerordentliche Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fühlte ich eine große Unruhe in meinem Herzen. Der Mond wird doch gewöhnlich in Hamburg gemacht, und man muß sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, daß sich England nicht darum kümmert. Er wird von einem lahmen Böttcher hergestellt, und man merkt gleich, daß der Kerl keine Ahnung vom Monde hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Baumöl; daher auch dieser schreckliche Gestank, der sich überall auf der Erde verbreitet, daß man sich die Nase zuhalten möchte. Daher ist der Mond auch eine so zarte Kugel, daß keine Menschen auf ihm leben können und daß er nur noch von Nasen bewohnt wird. Darum können wir ja auch unsere Nasen nicht sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, daß die Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen zu Mehl zermahlen könnte, ergriff mich solch eine Unruhe, daß ich schnell Schuhe und Strümpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief, um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in großer Zahl im Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente Gesellschaft; als ich sagte: »Meine Herren! wir müssen den Mond retten, die Erde will sich auf ihn setzen!« da erhoben sich alle und stürzten alle fort, um meinen königlichen Willen auszuführen, ja, viele kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick trat der große Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon. Ich, der König, blieb allein da. Aber zu meinem größten Erstaunen schlug mich der Kanzler mit seinem Stock über den Rücken und trieb mich in mein Zimmer. So groß ist die Macht der spanischen Volkssitten.
Im Januar desselben Jahres, der auf den Februar folgte.
Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien für ein merkwürdiges Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz ungewöhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich -- ich verstehe nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus Leibeskräften schrie und rief, ich wolle kein Mönch werden. Aber was dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen ließen, das weiß ich nicht mehr. Solch eine Höllenpein habe ich noch nie gefühlt. Ich wäre fast rasend geworden, so daß sie mich nur mit Mühe bändigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft der Könige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hände der Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, daß der, den ich für den Kanzler hielt, der Großinquisitor in eigener Person ist. Aber ich kann's nicht begreifen, daß der König der Inquisition verfallen konnte. Es ist zwar möglich, daß Frankreich, und besonders Polignac dahinter steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich weiß wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Engländer sind große Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzüge. Das ist doch weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt -- muß Frankreich niesen.
Den 25.
Heute kam der Großinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus der Ferne herankommen hörte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er: »Poprischtschin!« Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er: »Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann!« Ich schwieg noch immer. »Ferdinand VIII., König von Spanien!« Ich wollte meinen Kopf vorstecken, dachte mir aber: »Nein, mein Lieber, du betrügst mich nicht, ich kenne dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gießen.« Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! Übrigens hat mich eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, für alles entschädigt: ich habe nämlich bemerkt, daß es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nähe der Schwanzfedern. Der Großinquisitor verließ mich übrigens in sehr übler Laune und drohte mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmächtigen Zorn, da ich weiß, daß er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument in Händen Englands ist.
D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349.
Nein, ich kann's nicht länger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit mir an! Sie gießen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner nicht, sie sehen und hören nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan? Warum quälen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was könnte ich ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich quälen, mein Kopf brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich! Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfüßiger Rosse, die dahinstürmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker! läute, läute, mein Glöcklein, stürmt vorwärts, ihr meine Rosse, und tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit seinen dunkeln Bäumen zieht mondbestrahlt an mir vorüber. Grauer Nebel breitet sich zu meinen Füßen, und eine Saite tönt in ihm. Rechts das Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rußlands Hütten vor mir auf! Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein Mütterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass eine Träne auf seinen kranken Kopf fallen! blick' hin, wie sie ihn quälen! drück' ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz für ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, daß der Bei von Algier eine Warze unter der Nase hat?
Aufsätze aus Puschkins »Zeitgenossen« (»_Sowremennik_«)
I Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835
Die Zeitschriftenliteratur, diese lebendige, frische, geschwätzige, feinfühlige Literaturgattung, ist ebenso notwendig für die Wissenschaft und die Kunst, wie die Verkehrsmittel für einen Staat, und wie die Messen und die Börsen für den Handel und die Kaufmannschaft. Sie leitet und lenkt den Geschmack der Menge, setzt alles in Umlauf und bringt alles in Verkehr, was sich in der Bücherwelt ans Licht wagt und was ohne sie in der einen wie in der anderen Beziehung nur totes Kapital wäre. Sie stellt den schnellen, eigenwilligen Austausch aller Anschauungen, das lebendige Wechselgespräch alles dessen dar, was unter der Buchdruckerpresse hervorkommt; ihre Stimme ist die wahre Repräsentantin der Ansichten einer ganzen Epoche und eines Jahrhunderts, solcher Ansichten, die ohne sie ungehört verhallen würden. Sie ergreift und zieht mit Absicht oder selbst, ohne es zu wollen, neun Zehntel alles dessen in ihr Bereich, was Eigentum der Literatur wird. Wie viele Leute gibt es nicht, die nur deshalb reden, kritisieren und Urteile fällen, weil alle diese Urteile ihnen schon beinahe fertig zugetragen werden, und die von sich aus nie eine Ansicht geäußert, über etwas geredet oder etwas kritisiert hätten! Und daher hat die Zeitschriftenliteratur jedenfalls ein Recht auf unsere größte Aufmerksamkeit.
Vielleicht hat sich der Mangel einer journalistischen Betätigung und einer lebendigen modernen Bewegung bei uns seit langem nicht so deutlich bemerkbar gemacht, wie in den zwei letzten Jahren. Der größte Teil unserer Zeitschriften zeichnete sich durch eine große Farblosigkeit aus. Viele von den alten Journalen waren eingegangen, andere vegetierten matt und langsam weiter, neue erschienen nicht, außer etwa der »Lesebibliothek« und dem neueren »Moskauer Beobachter«, obgleich sich gerade um diese Zeit ein allgemeines Bedürfnis nach geistiger Nahrung fühlbar machte, und die Zahl der Leser um ein bedeutendes zugenommen hatte. So arm diese Epoche auch war, sie hat dasselbe Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, wie vielleicht eine solche voller Leben und Bewegung, denn sie gehört in gleicher Weise unserer Literaturgeschichte an. Die Leser hatten völlig recht, wenn sie sich über die Dürftigkeit und Armut unserer Zeitschriften beklagten: »Der Telegraph« hatte schon längst den scharfen Ton nicht mehr, der durch seine feindliche Stellung gegenüber den Petersburger Journalen bedingt war. »Das Teleskop« war mit Aufsätzen angefüllt, denen es an jeder Frische und lebendigen Aktualität fehlte. Um diese Zeit entschloß sich der Buchhändler Smirdin, der sich schon längst durch seine Regsamkeit und Gewissenhaftigkeit bekannt gemacht hatte, all seine kurzsichtigen Kollegen durch seine Unternehmungslust beschämte und durch seine Wirksamkeit eine gewisse Bewegung in den Buchhandel gebracht hatte, zu der Herausgabe einer großen allumfassenden Zeitschrift; dazu wollte er sämtliche Literaten, die es in Rußland gab, gewinnen und sie veranlassen, sich an seinem Unternehmen zu beteiligen. Der Prospekt umfaßte nahezu alle Namen unserer russischen Schriftsteller. Der Professor der arabischen Literatur, Herr Ssenkowski, erklärte sich bereit, die Leitung der Zeitschrift zu übernehmen. Herr Gretsch, der bereits seit langem als Herausgeber zweier Journale, der »Nordischen Biene« und des »Sohnes des Vaterlandes« bekannt war, wurde ihm als Redakteur zur Seite gestellt. Wir wissen nicht, ob sie sich dieser Sache freiwillig annahmen, oder ob Herr Smirdin sie durch sein Bitten dazu bewogen hatte; wie dem auch sei, jedenfalls war man im allgemeinen darüber einig, daß der Buchhändler ein wenig unvorsichtig vorgegangen sei. Da er eine so große Anzahl von Literaten für seine Zeitschrift gewonnen hatte, hätte er die Wahl eines Redakteurs ihrem Gutachten überlassen müssen. Überdies ließen alle Beteiligten eine sehr wichtige Frage außer acht: sollte die Zeitschrift auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein, sollte sie eine bestimmte, im voraus festgelegte Richtung vertreten oder sollte sie ein Sammelplatz aller möglichen Anschauungen und Meinungen werden? Die Antwort, die die Zeitschrift auf diese Frage gab, war sehr zweifelhaft; wie gewöhnlich erklärte sie, die Kritik werde sehr wohlwollend und unparteiisch sein und sich jeder persönlichen Invektiven und unvornehmer Allüren enthalten; ein Versprechen, das jeder Journalist abzugeben pflegt. Aber schon mit dem Erscheinen des ersten Heftes überzeugte sich das Publikum sofort, daß die Zeitschrift durch den Ton, die Meinung und die Gedanken »eines einzelnen« beherrscht wurde, und daß die Namen der Schriftsteller, deren glänzende Reihen eine halbe Seite des Titelblatts einnahmen, nur leihweise ausgeborgt worden waren, um eine größere Zahl von Abonnenten anzulocken.
Der Buchhändler Smirdin tat seinerseits alles, was das Publikum _von ihm_ zu erwarten berechtigt war. Die Ehrlichkeit, die ihn immer ausgezeichnet hatte, bewies er auch wieder bei der Herausgabe der Zeitschrift. Die Zeitschrift erschien mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit: am Ersten jedes Monats erhielten die Abonnenten einen so dicken Band zugesandt, wie ihn ehedem keine von unseren Druckereien in zwei Monaten hätte herstellen können. Statt der angekündigten achtzehn Bogen gab er manchen Monat doppelt so viele. Sehen wir nun aber zu, ob auch die Männer, denen er die innere Organisation der Zeitschrift anvertraut hatte, ihre Pflicht erfüllten. Die Hauptperson, der _Spiritus rector_ der ganzen Zeitschrift war Herr Ssenkowski. Der Name des Herrn Gretsch war nur _pro forma_ mit herangezogen; jedenfalls war nichts davon zu merken, daß er an der Sache beteiligt war. Herr Gretsch ist schon seit langem der unvermeidliche Ehrenredakteur jeder neubegründeten Zeitschrift: wie man gewöhnlich einen würdigen, älteren Herrn auffordert, bei allen Hochzeiten den Brautvater zu spielen. Aber was für ein Ziel hatte die Redaktion dieser Zeitschrift im Auge, welches Problem beabsichtigte sie zu lösen? Hier werden wir unwillkürlich nachdenklich, und ebenso wird es wohl auch dem Leser ergehen. Herr Ssenkowski hat im Programm nichts davon gesagt, was er sich für ein Ziel gesteckt habe und welche Richtung er einzuhalten gedenke; nur das eine war für alle klar ersichtlich, daß er sich sozusagen unbemerkt in die erste Nummer einschlich, um sich am Ende des Bandes ganz als Herr im Hause zu gebärden.
Übrigens darf man sich hierüber nicht beklagen: vielleicht ist ein gewisser scharfer Ton, und sogar eine gewisse Frechheit für den Journalisten unentbehrlich, was wir freilich keineswegs billigen, obgleich es uns bekannt ist, daß ein Journalist durch derartige Eigenschaften im Urteil der Menge immer nur gewinnt. Worauf aber richtete dieser neue Herr seine besondere Aufmerksamkeit? welch ein Gedanke beherrschte bei ihm alle anderen? wofür hatte er eine besondere Vorliebe? war etwas zu merken von jenen unverrückbaren Grundsätzen, ohne die ein Mensch charakterlos wird, die ihm eine gewisse Originalität verleihen und die seine Physiognomie bestimmen?
Wenn man alles, was er in dieser Zeitschrift veröffentlicht hat, durchliest, wenn man allen Worten, die er sagt, tiefer nachgeht, so kann man sich unwillkürlich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren: was hat das zu bedeuten? was veranlaßt diesen Mann zum Schreiben? Wir sehen einen Menschen vor uns, der sich sein Geld keineswegs ohne Gegenleistung erwirbt, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, der sich nicht nur um seine eigenen Aufsätze kümmert, sondern auch die fremden korrigiert und verbessert -- mit einem Wort: einen Menschen, der unermüdlich tätig ist. Wozu dient nun diese ganze Tätigkeit? Sehen wir uns einmal den Leiter der Zeitschrift, wie er sich uns in den verschiedenen Gattungen seiner literarischen Werke darstellt, näher an, und sagen wir dann einige Worte über die Haupteigenschaften seiner Aufsätze, denn das ist durchaus und in jeder Beziehung eine Notwendigkeit.
Herr Ssenkowski tritt in seiner Zeitschrift auf als Kritiker, als Erzähler, als Gelehrter, als Satiriker, als Verkünder der neuesten Ereignisse usw. usw., und zwar unter den Namen Brambeus, Morosow, Tjutjundschu Oglu, A. Belkin und endlich in eigner Person. Als Gelehrter hat Herr Ssenkowski einen recht umfangreichen Aufsatz über die Sagen verfaßt -- einen Aufsatz, der voller Hypothesen ist, und zwar nicht seiner eigenen, sondern solcher, die er auf gut Glück bei der flüchtigen Lektüre einiger Bücher aufgelesen hat; diese Hypothesen gehören nicht der russischen Geschichte an. Diese Sagen, die der scharfsinnige Schlözer, der bis jetzt in bezug auf die Strenge und die Tiefe seines kritischen Blicks nicht seinesgleichen gesunden, für Märchen erklärt hat, die keine Beachtung verdienen, diese Sagen macht Herr Ssenkowski zum Ecksteine der russischen Geschichte, ohne auch nur _einen_ Beweis dafür anzuführen, der der Kritik standhält; es fällt ihm nicht ein, ihren einzigartigen, wahren Wert festzustellen. Die Sagen sind poetische Erzeugnisse eines Volkes, das eine große Rolle in der Geschichte gespielt hat. Dieser Aufsatz, der voll theoretischer Figuren ist, hat vielen braven, aber ein wenig beschränkten Leuten gefallen, und Herr Bulgarin hat sogar eine Rezension über ihn geschrieben, in der er Herrn Ssenkowski noch über Schlözer, Humboldt und alle Gelehrten stellt, die jemals existiert haben. Ein anderer Gegenstand, auf den Herr Ssenkowski sich sehr viel einbildet, und der sein eigentliches Steckenpferd ist, ist der Orient. Hier hat er schon von jeher seine Stimme erhoben, und sobald irgendein Artikel über den Orient erschien, oder dieser irgendwo erwähnt wurde, und sei es auch nur in einem Gedicht, wurde er zornig und behauptete, der Autor könne kein Urteil über den Orient haben, er dürfe nicht über ihn urteilen, denn er kenne den Orient gar nicht. Man verzeiht einem Menschen, der in seinen Gegenstand verliebt ist und der erkennt, wie wenig die anderen ihn verstehen, gern ein Wort der Empörung; aber dieser Mensch muß doch wenigstens eine anerkannte Autorität sein. Herr Ssenkowski hätte tatsächlich etwas über den Orient veröffentlichen sollen. Einem Menschen, der noch nichts geleistet hat, glaubt man nicht so leicht aufs Wort, besonders wenn seine Urteile so leichtfertig und vom Geist der Unduldsamkeit erfüllt sind; übrigens findet man in seinen kleinen Aufsätzen über den Orient dieselben Fehler, die er beständig bei anderen tadelt. In diesen Aufsätzen sagt er tatsächlich nichts Neues über den Orient -- da findet man auch nicht einen kräftigen Zug, keinen großen Gedanken, ja nicht einmal eine geniale Vermutung! Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr Ssenkowski ein großes Wissen hat; im Gegenteil, man merkt sofort, daß er viel gelesen hat; aber man spürt nirgends etwas von jener bewegenden, alles beherrschenden Kraft, die ihn auf ein bestimmtes Ziel hin dirigiert. Dieses ganze Wissen ist in einer Art Gärung begriffen, eins widerspricht dem andern und verträgt sich nicht mit dem andern. Untersuchen wir einmal seine Ansicht über die moderne schöne Literatur. In seinen Kritiken läßt Herr Ssenkowski einen vollständigen Mangel an einer festen Anschauung erkennen, so daß keiner seiner Leser mit Bestimmtheit zu sagen vermöchte, was dem Rezensenten am besten gefällt, wovon seine Seele ergriffen ward, woran er Geschmack findet: er verrät in seinen Rezensionen _weder einen positiven noch einen negativen Geschmack -- sondern gar keinen_. Das, was ihm heute gefällt, wird morgen zur Zielscheibe seines Spotts. Er war der erste, der Herrn Kukolnik neben Goethe gestellt hat, um dann zu erklären, er hätte dies nur aus einer gewissen Laune heraus getan. Folglich sind seine Rezensionen nicht die Frucht seiner Überzeugung oder seines Gefühls, sondern nur das Produkt von Stimmungen und Verhältnissen. Walter Scott, dieses große Genie, dessen unsterbliche Werke ein so umfassendes und vollendetes Bild des Lebens geben, Walter Scott wurde von ihm ein Charlatan genannt. Und das mußte Rußland lesen -- das wurde zu Leuten gesagt, die bereits eine gewisse Bildung besaßen und die Walter Scott gelesen hatten. Man darf überzeugt sein, daß Herr Ssenkowski das unabsichtlich und nur aus Übereilung gesagt hat, denn er hat sich noch nie viel darum gekümmert, was er sagt, und er weiß im folgenden Artikel schon nicht mehr, was er im vorhergehenden geschrieben hat.
In seinen Analysen und Kritiken sprach Herr Ssenkowski auch niemals von dem inneren Charakter des Werkes, das er gerade untersuchte; nie gab er eine genaue und präzise Bestimmung seines wahren Wertes: seine Kritik bestand entweder in einem bedingungslosen Lob, in dem der Rezensent sich von Herzen an seinen eigenen Phrasen berauschte, oder in einem Tadel, aus dem eine seltsame Bitterkeit sprach. Sie drehte sich um lauter Kleinigkeiten und beschränkte sich darauf, zwei oder drei Sätze zu zitieren und sie dem Spott und Hohn preiszugeben. Nie wurde etwas davon erwähnt, was sich der Schriftsteller in seinem Werke für eine Aufgabe gestellt, wie er sie ausgeführt, und wenn er sie nicht ausgeführt hatte, wie er sie hätte ausführen sollen. Vor allem aber beschäftigte sich Herr Ssenkowski mit allerhand literarischem Unrat und einer großen Menge aller möglichen seichten Bücher -- über sie machte er sich lustig, ergoß er seinen Spott und ließ bei dieser Gelegenheit jenem Witz freien Lauf, der einigen Lesern so wohl gefällt. Schließlich erhob er sogar ein großes Geschrei wegen der zwei Fürwörter »dieser« und »jener«, die ihm aus einem unbekannten Grunde mit dem Geiste der russischen Sprache unvereinbar schienen. -- Über diese zwei Fürwörter schrieb er ganze Traktate, und alle Aufsätze, die er über irgendein Thema verfaßte, schlossen immer damit, daß die Fürwörter »dieser« und »jener« durchaus zu verwerfen wären. Dies erinnerte an den alten Prozeß Tredjakowskis gegen den Buchstaben y (_is hiza_) und das i (den zehnten Buchstaben des russischen Alphabets), eine Sache, die erst vor kurzem von einem Professor von neuem aufgenommen wurde. Ein Buch, in dem Herr Ssenkowski diesen beiden Wörtlein begegnete, wurde feierlich als schlecht geschrieben abgelehnt.
Seine eigenen Werke, seine Erzählungen und dergleichen erschienen unter der Firma Brambeus. Diese Erzählungen und Aufsätze in Form von Erzählungen fielen allgemein auf durch ihre sklavische und übertriebene Nachahmung moderner französischer Autoren, besonders weil Herr Ssenkowski die ganze zeitgenössische französische Literatur schlecht zu machen suchte. Es ist unbegreiflich, wie wenig Scharfsinn er in diesem Fall entwickelte und für wie einfältig er seine Leser hielt. Außerdem ist es ganz unverständlich, weshalb er einigen seiner Aufsätze das Prädikat »phantastisch« verlieh. Ein absoluter Mangel an Wahrheit, Natur und Wahrscheinlichkeit genügt noch nicht, um das Prädikat »phantastisch« zu rechtfertigen. Die phantastischen Werke des Barons Brambeus erinnern an jene Bücher, die einige Zeit lang in großer Menge erschienen, wie etwa das folgende: »Wenn's dir nicht paßt, so hör' nicht zu, doch stör' mich nicht im Lügen« und ähnliche. Hier finden wir dieselbe Leichtfertigkeit, ja, der Autor macht nicht einmal den Versuch, seine Gedanken zu rechtfertigen. Erfahrene Leser wollen oft eine ganze Reihe von Entlehnungen entdeckt haben, die sich der Autor in der Eile und in der Hast, mit der er weiterstürmte, gestattete; er kümmerte sich nur wenig um ihren Zusammenhang, und so verlor das, was im Original noch einen Sinn hatte, in der Kopie jegliche Bedeutung.