Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom
Part 23
Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel besinnen.
»Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustür. Ist mein Leben nicht von Wohlstand umgeben? Mein Fräulein, das der Papa Sophie nennt, liebt mich grenzenlos.«
O Gott, o Gott! Doch still, still! Kein Wort mehr!
»Papa liebkost mich auch häufig. Ich trinke Tee und Kaffee mit Sahne. Ach, _ma chère_, ich muß Dir sagen, daß ich gar keine Freude an großen abgenagten Knochen habe, wie sie unser Polkan in der Küche zu fressen kriegt. Nur Wildpretknochen schmecken gut, und auch die nur, wenn das Mark noch darin ist. Es schmeckt auch sehr gut, wenn man mehrere verschiedene Saucen durcheinandermischt, nur dürfen keine Kapern und keine Gemüse darin sein; aber ich kenne nichts Schlimmeres, als die Gewohnheit, Hunden Brotkügelchen vorzusetzen. Da fängt irgendein Herr, der bei Tisch sitzt, und der schon allerhand Schund in seinen Händen gehalten hat, plötzlich an, mit diesen selben Händen Brot zu kneten, ruft Dich herbei und steckt Dir so eine Brotkugel zwischen die Zähne. Refüsieren darf man nicht -- so frißt man es denn, obwohl es einen ekelt, aber man frißt es doch!«
Weiß der Teufel, was das ist! So ein Blödsinn! Als ob es kein besseres Thema gäbe, über das man schreiben könnte. Wir wollen mal sehn, ob wir auf der anderen Seite nichts Vernünftigeres finden.
».... Ich bin gern bereit, Dich von allen Ereignissen zu unterrichten, die sich bei uns abspielen. Ich habe Dir schon einiges von der Hauptperson erzählt, die Sophie Papa nennt. Das ist ein sehr merkwürdiger Mensch ...«
Endlich! Ich wußte es ja, sie haben einen politischen Blick für alle Dinge. Laß uns 'n mal sehn -- was der Papa tut:
»... merkwürdiger Mensch. Er schweigt fast immer und spricht nur selten; aber vor einer Woche sprach er in einem fort vor sich hin: >Werde ich ihn bekommen oder werde ich ihn nicht bekommen?< Einmal wandte er sich sogar mit der Frage an mich: >Wie denkst du, Maggie, werde ich ihn bekommen, oder werde ich ihn nicht bekommen?< Ich konnte rein gar nichts verstehen, beschnüffelte seine Stiefel und schlich mich fort. Dann aber -- es ist jetzt eine Woche -- erschien Papa plötzlich hocherfreut, _ma chère_. Den ganzen Morgen lang gingen bei ihm uniformierte Herren ein und aus, die ihm alle zu etwas gratulierten. Bei Tisch war er so vergnügt, wie ich ihn nie zuvor gesehn, und er erzählte in einem fort Anekdoten.
Nach dem Essen hob er mich zu sich empor, deutete auf seinen Hals und sagte: >Sieh mal, Maggie, was ist das?< Ich sah ein kleines Bändchen auf seiner Brust, roch daran, fand aber gar nicht, daß es gut duftete, schließlich leckte ich noch einmal daran: es schmeckte etwas salzig.«
Hm, dieses Hündchen erlaubt sich, wie mir scheint, ein bißchen viel. Es soll sich in acht nehmen, daß es keine Prügel kriegt! ... So, er ist also ehrgeizig, das muß man sich merken!
»Leb' wohl, _ma chère_. Ich eile usw., usw. Morgen will ich meinen Brief beenden.« --
»Guten Tag, jetzt bin ich wieder bei Dir. Heute war mein Fräulein Sophie ...«
Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so 'ne Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort.
»..... mein Fräulein Sophie in großer Aufregung. Sie rüstete sich zu einem Ball, und ich war sehr erfreut, daß ich Dir in ihrer Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast immer ärgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das für ein Vergnügen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den Bällen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, daß die Ärmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich muß gestehn, ich könnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine gebratenen Hühnerflügel bekäme, so wüßte ich nicht, was mit mir geschähe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten, Rüben oder Artischocken, die schmecken nie gut.«
Ein sehr ungleichmäßiger Stil. Man sieht doch gleich, daß dies kein Mensch geschrieben hat. Er fängt an, wie es sich gehört, und schließt wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er ist zwar ein bißchen lang, und auch das Datum fehlt.
»Ach, meine Liebe, wie fühlbar macht sich doch das Herannahen des Frühlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren klingt es unaufhörlich, so daß ich häufig minutenlang mit erhobenem Bein lauschend an der Tür stehe! Ich will Dir gestehn, daß ich viele Verehrer habe. Häufig betrachte ich sie, während ich gemächlich am Fenster sitze. Ach, wenn Du wüßtest, was es für Mißgeburten unter ihnen gibt! Der eine, ein plumper Köter, ist furchtbar dumm, die Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf der Straße einher und bildet sich ein, eine höchst bedeutende Persönlichkeit zu sein; er denkt wohl, daß sich alle so ohne weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe ihn gar nicht beachtet und tat so, als hätte ich ihn nie gesehn. Und was für eine fürchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, würde sie Sophies Papa, der doch auch ziemlich groß und dick ist, um Kopfeslänge überragen. Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte ihn an, aber er kümmerte sich absolut nicht drum und verzog keine Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen mächtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! -- solch ein Bauer! Aber glaubst Du wirklich, _ma chère_, daß mein Herz unempfindlich ist für all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur den einen Kavalier gesehen hättest, der mitunter über den Zaun unseres Nachbars klettert -- er heißt Tresor -- oh, _ma chère_ -- was der für ein Schnäuzchen hat!! ....«
Pfui Teufel! .... Was für ein Blödsinn! .... Wie kann man nur ganze Seiten mit solchen Dummheiten anfüllen. Einen Menschen! Ich will einen Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will eine Seite überschlagen, vielleicht wird's besser!
»... Sophie saß am Tisch und nähte etwas. Ich blickte zum Fenster hinaus, weil ich mir gern die Spaziergänger anschaue, als plötzlich der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. >Ich lasse bitten!< rief Sophie und umarmte mich stürmisch. >Ach, Maggie, Maggie! wenn Du wüßtest, wer das ist: ein brünetter Kammerjunker! und Augen hat er! schwarz und klar wie Achat!< und Sophie lief in ihr Zimmer. Einen Augenblick später trat ein junger Kammerjunker mit einem schwarzen Backenbart herein; er näherte sich dem Spiegel, ordnete sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen Platz zurück. Sophie kam bald zurück und beantwortete seinen Kratzfuß mit einem fröhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf etwas zur Seite und versuchte zu hören, was sie sprachen. Ach, _ma chère_, was das für Banalitäten waren! Sie redeten davon, wie eine Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht hätte, ferner, daß ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche außerordentlich ähnlich gesehen hätte und beinahe auf dem Parkett ausgeglitten und gefallen wäre. Schließlich erzählten sie noch, daß eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, während sie in Wirklichkeit grün seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht, als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnäuzchen und mitten auf der Stirn einen kleinen weißen Fleck. Auch Tresors Taille ist unvergleichlich, viel schöner als die des Kammerjunkers. Auch seine Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem Teplow gefunden hat, und warum sie so entzückt von ihm ist?! ...«
Mir scheint auch, hier muß etwas nicht richtig sein. Es ist unmöglich, daß dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn:
»Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefällt, wird sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer sitzt. Ach, _ma chère_, wenn Du wüßtest, was das für ein Scheusal ist. Die reine Schildkröte, die man in einen Sack gesteckt hat ...«
Was kann das wohl für ein Beamter sein?
»Sein Familienname ist höchst seltsam. Er sitzt immer da und schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen Büschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu Botendiensten ...«
Mir scheint, dieses garstige Hündchen spielt auf mich an! Habe ich denn Haare wie ein Heubüschel!
»Sophie kann sich nur mit Mühe des Lachens enthalten, wenn sie ihn ansieht.«
Du lügst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht wüßte, daß dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht weiß, wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs! Dieser Mensch hat mir doch ewigen Haß geschworen -- nun schadet er mir bei jedem Schritt, den ich tue. Übrigens will ich mir noch einen Brief ansehn. Vielleicht klärt sich dann die Sache von selbst auf.
»_Ma chère_ Fidel, verzeih', daß ich so lange nicht geschrieben habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht, der gesagt hat, daß die Liebe das zweite Leben ist. Außerdem gehen große Veränderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht uns jetzt täglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist sehr vergnügt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehört, -- der bei uns den Fußboden fegt und immer Selbstgespräche führt -- daß die Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, daß Sophie einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militäroberst heiratet ...«
Hol's der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein Kammerjunker oder General. Alles Schöne, was es auf der Welt gibt -- fällt immer den Kammerjunkern oder Generälen zu. Du findest irgendein elendes Ding, das dich glücklich machen könnte, und willst schon mit der Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem General entrissen. Hol's der Teufel! ... Ich wünschte, ich würde selbst General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. -- nein, ich wünschte nur deshalb, ich wäre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und alle diese höfischen Verbeugungen und Equivoquen machen würden, und um ihnen dann sagen zu können, daß ich auf sie beide speie. Hol's der Teufel -- es ist aber doch ärgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen Hündchens in Stücke gerissen.
Den 3. Dezember.
Es kann nicht sein. Das sind Lügengespinste, die Hochzeit wird niemals stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den man in die Hand nehmen könnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer Menschen! Er riecht doch und ißt nicht etwa mit ihr, und er niest und hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergründen, woher diese Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und _wozu_ bin ich Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht weiß ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte genug Beispiele dafür: irgendein ganz gewöhnlicher Mensch, der nicht einmal Edelmann, sondern ein simpler Bürger oder Bauer ist -- entpuppt sich plötzlich als hoher Würdenträger, Baron oder ... na, wie sagt man doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wär's z. B., wenn ich plötzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues Band über der Achsel -- was wohl meine Schöne da für Augen machen würde? Und was würde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh -- er ist ein großer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer; wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es doch gleich bemerkt, daß er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja -- warum sollte ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten oder zu so etwas Ähnlichem ernannt werden! Ich möchte wirklich gern wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat?
Den 5. Dezember.
Heute habe ich den ganzen Tag über Zeitungen gelesen. Was für merkwürdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, daß der Thron erledigt sei, und daß sich die Stände wegen der Wahl des Nachfolgers in einer sehr schwierigen Lage befinden, und daß deswegen sogar Unruhen ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur möglich, daß ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das geht doch nicht! Auf dem Throne muß doch ein König sitzen. Ja aber, wendet man ein, es ist doch kein König da! Das kann aber doch nicht sein, daß kein König da ist! Ein Land kann nicht ohne König existieren. Ein König ist sicherlich da, aber er hält sich irgendwo verborgen. Es ist sehr möglich, daß er im Lande weilt, aber irgendwelche Familienverhältnisse oder Befürchtungen seitens der benachbarten Mächte, wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen -- oder gibt es vielleicht noch andere Gründe?
Den 8. Dezember.
Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene Gründe und Bedenken hielten mich zurück. Die spanischen Angelegenheiten wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur möglich, daß eine Donna König wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von Österreich und unser Kaiser ... Ich muß sagen, diese Ereignisse haben mich dermaßen erschüttert und niedergeschmettert, daß ich den ganzen Tag zu nichts fähig war. Mawra machte mir gegenüber die Bemerkung, daß ich beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, daß sie zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte über die spanischen Angelegenheiten nach.
Im Jahre 2000, den 43. April.
Der heutige Tag ist ein großer Jubeltag! Spanien hat wieder einen König! Er ist gefunden! Dieser König bin ich! Erst heute habe ich es erfahren. Ich muß gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, daß es damals niemand eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Früher dagegen -- ich versteh' es nicht -- früher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, daß das Gehirn des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in Wirklichkeit trägt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst eröffnete ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, daß der spanische König vor ihr steht, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und starb fast vor Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen König gesehn. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gnädigen Worten mein Wohlwollen auszudrücken, indem ich ihr erklärte, ich sei gar nicht böse auf sie, weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht über höhere Dinge reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, daß alle spanischen Könige Philipp II. ähnlich seien. Aber ich setzte ihr auseinander, daß Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander hätten, und daß ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins Departement. Hol' es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen Papiere abzuschreiben!
Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht.
Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu kommen; es ist schon bald drei Wochen, daß ich nicht in der Kanzlei war.
Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die Juden eingeführt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wäscht! ... Ich ging aber zum Spaß ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich würde ihn begrüßen und würde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgültig an, nicht zu böse, aber auch nicht zu freundlich, und ließ mich auf meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wüßtet, wer mitten unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was hätte sich da für ein Tumult erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef würde sich dann so tief vor mir verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich rührte keinen Finger. Ein paar Augenblicke später entstand eine allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten stürmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber rührte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung hindurchging, knöpften alle ihre Fräcke zu; aber ich tat nichts dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem aufstehen? -- niemals! Was ist er auch für ein Direktor! Ein Stöpsel ist er, aber kein Direktor. Ein ganz gewöhnlicher Stöpsel -- ein simpler Stöpsel, und weiter nichts -- so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am meisten Spaß machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich würde ganz unten in einem Eckchen eine Unterschrift hinsetzen -- Tischvorsteher Soundso -- fiel mir ja gar nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo gewöhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit kräftigen Zügen: »Ferdinand VIII.« Man hätte sehen müssen, was für ein ehrfürchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und sagte: »Ich bedarf keiner Zeichen der Untertänigkeit« und ging hinaus. Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn derartig an, daß er die Hände sinken ließ. Von dort schritt ich geradaus in ihr Ankleidezimmer. Sie saß vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen Schritt zurück. Ich sagte ihr aber nicht, daß ich der König von Spanien bin. Ich sagte ihr nur, daß ihr ein so großes Glück bevorstehe, wie sie es sich wohl nicht träumen lasse, und daß wir trotz aller Intrigen unserer Feinde vereinigt bleiben würden. Mehr wollte ich auch nicht sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtückisches Geschöpf ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist! Bisher wußte noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste, der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hält sich die Lorgnette vor die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern. Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rücken steht. So -- jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten -- ganz sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Väter, die überall herumscharwenzeln, sich an den Hof drängen und laut erklären, sie seien Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz kommt nämlich daher, weil sich unter der Zunge ein kleines Bläschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Würmchen, so groß wie ein Stecknadelkopf, und das alles rührt von einem Bader her, der in der Erbsenstraße wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht völlig fest, daß er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon ein großer Teil der Bevölkerung den mohammedanischen Glauben bekennen.
Kein Datum, der Tag hatte kein Datum.
Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich ließ mir's jedoch nicht merken, daß ich der König von Spanien bin. Ich hielt es nicht für angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem muß ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezögert, weil ich bis jetzt noch kein spanisches Nationalkostüm habe. Ich müßte mir wenigstens einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider einen bestellen -- aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu kommt noch, daß sie sich gar nicht für ihre Arbeit interessieren, sie wollen nur Geschäfte machen, ihre Haupttätigkeit ist, die Straßen zu pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin entschieden, ihn mir selbst zu nähen, und zwar hinter verschlossenen Türen, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit einer Schere zerschnitten -- weil der Schnitt ja ganz anders sein muß.
Des Datums erinnere ich mich nicht, der Monat war auch ausgeblieben, weiß der Teufel, was da los war.
Der Mantel ist vollständig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschließen, mich bei Hofe vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch würde mein hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von Stunde zu Stunde.
Den Ersten.
Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs höchste erstaunt! Was für Gründe mögen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich? Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mächten. Ich ging auf die Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen wären; aber der Postmeister ist furchtbar dumm -- er weiß von nichts: »Nein,« sagt er, »hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten Taxe befördern.« Hol' ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein Brief! So ein Unsinn -- Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies wäre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt.