Sämmtliche Werke 4: Mirgorod

Part 22

Chapter 223,694 wordsPublic domain

Iwan Nikiforowitsch war nie verheiratet. Man hat wohl davon gesprochen, er wäre einmal verheiratet gewesen, doch das ist eine gemeine Lüge. Ich kenne Iwan Nikiforowitsch sehr genau und kann beschwören, daß er niemals auch nur die Absicht gehabt hat, sich zu verheiraten. Wie solch ein Klatsch nur entsteht! Einmal hieß es, Iwan Nikiforowitsch sei hinten mit einem Schwanz auf die Welt gekommen. Aber dies ist eine Erfindung, die so dumm und dabei so abscheulich und unanständig ist, daß ich es nicht einmal für nötig halte, sie vor meinen aufgeklärten Lesern zu widerlegen, denen es sicher bekannt ist, daß nur die Hexen, und auch die nur, sofern sie weiblichen Geschlechts sind, (aber selbst diese bloß in Ausnahmefällen) hinten einen Schwanz haben. Übrigens gehören ja die Hexen überhaupt mehr dem weiblichen als dem männlichen Geschlecht an. Trotz der gegenseitigen Zuneigung waren diese seltenen Freunde doch von der Natur recht verschieden bedacht. Am besten lernt man ihren Charakter durch eine Nebeneinanderstellung kennen. Iwan Iwanowitsch besitzt die seltene Gabe, sehr angenehm zu sprechen. Herr Gott, wie kann er sprechen! Wenn Sie ihm zuhören, haben Sie eine Empfindung -- nein, die läßt sich nur mit dem Gefühl vergleichen, wenn man Ihnen den Kopf kraut oder mit dem Finger leise, ganz leise über die Fersen streicht. Man lauscht und lauscht ... der Kopf sinkt einem herab ... so angenehm, so ungeheuer angenehm ist das! ... wie ein Schläfchen nach einem Bade. Iwan Nikiforowitsch hingegen ist das gerade Gegenteil. Er liebt es, zu schweigen -- aber wenn er einmal ein Wörtchen sagt, dann heißt es: feststehen -- das sitzt, das schneidet schärfer wie das feinste Rasiermesser! Iwan Iwanowitsch ist mager und von hoher Statur; Iwan Nikiforowitsch ist kleiner und geht mehr in die Breite. Iwan Iwanowitschs Kopf gleicht einem Rettich mit dem Schwänzchen nach oben. Iwan Nikiforowitsch dagegen einem Rettich mit dem Schwänzchen nach unten. Iwan Iwanowitsch liegt nur nach dem Mittag im bloßen Hemde unter dem Schutzdach, -- abends zieht er seine Pekesche an und geht irgendwohin, entweder in das Stadtmagazin, an das er Mehl liefert, oder ins Feld, um Wachteln zu fangen. Iwan Nikiforowitsch liegt den _ganzen Tag_ im Flur; wenn es nicht gar zu heiß ist, legt er sich mit bloßem Rücken in die Sonne und will sich garnicht vom Fleck rühren. Wenn es ihm gerade einfällt, macht er morgens eine Runde durch den Hof, sieht sich alles an und legt sich dann nieder. Früher ging er wohl auch einmal zu Iwan Iwanowitsch hinüber. Iwan Iwanowitsch ist ein sehr feiner Herr, nie gebraucht er ein schmutziges Wort, auch nicht im gewöhnlichsten Gespräch, und daher ist er auch sofort verletzt, wenn er ein solches hört. Iwan Nikiforowitsch aber läßt sich mitunter etwas gehn. Gewöhnlich steht dann Iwan Iwanowitsch auf und sagt: >Genug, genug, Iwan Nikiforowitsch, legen Sie sich doch lieber schnell wieder in die Sonne, statt solche gottlose Reden zu führen!< Iwan Iwanowitsch wird sehr böse, wenn er eine Fliege in der Suppe findet -- er gerät außer sich, wirft den Teller hin, und der Wirt bekommt etwas zu hören. Iwan Nikiforowitsch badet ungemein gern, und wenn er bis zum Halse im Wasser sitzt, liebt er es sehr, sich ein Tischchen mit der Teemaschine ins Wasser stellen zu lassen und in der kühlen Flut Tee zu trinken. Iwan Iwanowitsch rasiert sich zweimal wöchentlich, Iwan Nikiforowitsch nur einmal. Iwan Iwanowitsch ist sehr neugierig, Gott bewahre einen jeden davor, ihm etwas zu erzählen, und nicht bis zum Schluß zu kommen. Ist er unzufrieden, so sieht man es ihm sogleich an. Äußerlich ist es Iwan Nikiforowitsch sehr schwer anzusehen, ob er zufrieden oder ärgerlich ist -- selbst wenn er sich über etwas freut, so läßt er es sich nicht merken. Iwan Iwanowitsch hat einen etwas ängstlichen Charakter -- ganz anders wie Iwan Nikiforowitsch, der so faltenreiche Pluderhosen trägt, daß sie, wenn man sie aufblasen wollte, den Hof mit allen Scheuern und Wirtschaftsgebäuden in sich fassen würden. Iwan Iwanowitsch hat große, ausdrucksvolle tabakfarbene Augen, und sein Mund hat die Form des Buchstabens V. Iwan Nikiforowitsch hat kleine, gelbliche Augen, die ganz zwischen den dicken Backen und den buschigen Brauen verschwinden, und seine Nase gleicht einer reifen Pflaume. Wenn Ihnen Iwan Iwanowitsch eine Prise anbietet, leckt er erst den Deckel der Tabakdose ab, klopft mit dem Finger auf sie, reicht sie Ihnen hin und sagt, wenn Sie gut mit ihm bekannt sind: >Mein Herr, darf ich Sie bitten, sich zu bedienen!< Sind Sie ihm dagegen fremd, so spricht er: >Mein Herr, ich habe nicht die Ehre, Ihren Rang und Namen zu kennen, darf ich Sie bitten, sich zu bedienen!< Iwan Nikiforowitsch dagegen gibt Ihnen einfach die Dose in die Hand und sagt ganz kurz: >Bedienen Sie sich.< Beide -- Iwan Iwanowitsch sowohl wie Iwan Nikiforowitsch mögen die Flöhe nicht leiden, und lassen daher nie einen Handelsjuden vorübergehn, ohne ihm ein Elixier oder ein Pulver gegen diese Insekten abzukaufen -- natürlich erst, nachdem sie ihn gehörig wegen seines Glaubens ausgescholten haben.

Übrigens sind beide, sowohl Iwan Iwanowitsch als auch Iwan Nikiforowitsch, abgesehen von einigen Verschiedenheiten, ganz prächtige Menschen.

Zweites Kapitel.

Aus welchem man erfahren kann, was Iwan Iwanowitsch sich wünschte, worüber Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch miteinander sprachen, und wie das Gespräch endete.

Eines Morgens -- es war im Juli -- lag Iwan Iwanowitsch unter seinem Schutzdach. Der Tag war heiß, und die Luft war trocken und flutete in feinen Strömen auf und ab. Iwan Iwanowitsch war schon außerhalb der Stadt und im Dorf bei den Schnittern gewesen und hatte schon alle Bauern und Bäuerinnen, die ihm begegneten, nach dem Woher, Wohin und Warum ausgefragt; dabei hatte er sich müde gelaufen und wollte nun ausruhen. Im Liegen betrachtete er lange den Hof, die Vorratskammern, und die im Hofe herumlaufenden Hühner und dachte sich: »Herr Gott, was bin ich doch für ein guter Wirt! Was habe ich nicht alles! Speicher, Gebäude, Vögel, alles was das Herz begehrt, Schnäpse und Liköre, einen Garten mit Birnen und Pflaumen, Mohn, Kohl und Erbsen ... was fehlt mir noch? Wirklich, ich möchte wissen, was mir fehlt?«

Mit dieser tiefsinnigen Frage beschäftigt, versank Iwan Iwanowitsch in tiefes Nachdenken, unterdessen aber suchten seine Augen nach neuen Gegenständen, schweiften über den Zaun nach Iwan Nikiforowitsch's Haus und wurden unwillkürlich von einem merkwürdigen Schauspiel gefesselt.

Ein altes hageres Weib trug verschlissene Kleidungsstücke auf den Hof, um sie eins nach dem andern zum Auslüften auf einen ausgespannten Strick zu hängen. Bald streckte ein alter Waffenrock mit abgeschabten Aufschlägen seine Ärmel in die Luft und umarmte ein Jackett aus Brokatstoff; neben ihm kam eine Livree mit Wappenknöpfen und einem von den Motten zerfressenen Kragen zum Vorschein; ferner ein Paar fleckige weiße Kaschmir-Beinkleider, die einst Iwan Nikiforowitschs Beine umspannt hatten, jetzt aber bestenfalls für seine Finger reichen würden; dann wieder hing ein anderes Paar in Form eines A da, dann ein blauer Kosakenrock, den sich Iwan Nikiforowitsch vor 20 Jahren hatte machen lassen, als er in die Miliz einzutreten gedachte und sich sogar einen Schnurrbart wachsen ließ. Zuletzt kam zu all diesen schönen Sachen auch noch ein Degen hinzu, der einer Turmspitze glich, die in die Luft starrt -- dann wieder flatterten die Rockschöße eines graugrünen Kaftans mit talergroßen kupfernen Knöpfen im Winde, und zwischen den Schößen lugte eine mit Goldborte verzierte, stark ausgeschnittene Weste hervor. Aber bald wurde die Weste durch einen alten Unterrock der Großmutter verdeckt, in dessen großen Taschen man ruhig je eine Melone hätte verstecken können. Dies ganze Durcheinander gewährte Iwan Iwanowitsch einen höchst unterhaltenden Anblick. Die Strahlen der Sonne beleuchteten bald einen dunkelblauen oder grünen Ärmel, einen roten Aufschlag und einen Teil des Goldbrokats oder sie spielten plötzlich um die Degenspitze und gaben ihr ein ganz ungewöhnliches Aussehen. Dieses bunte Allerlei weckte Erinnerungen an die Weihnachtskrippe, die herumziehende Tagediebe in den Dörfern aufstellen: die herandrängende Volksmenge betrachtet den Kaiser Herodes mit der goldenen Krone, oder den Anton, der eine Ziege herumführt; hinter der Krippe quietscht eine Geige, ein Zigeuner ahmt mit seinen Lippen eine Trommel nach, die Sonne geht allmählich unter und die angenehme Kühle der südlichen Nacht schmiegt sich verstohlen um die frischen Schultern und hochatmenden Busen der drallen Bäuerinnen.

Nach einiger Zeit kam die Alte wieder stöhnend aus der Vorratskammer, und trug keuchend einen altmodischen Sattel mit abgerissenen Steigbügeln, abgeschabten ledernen Pistolentaschen und einer Schabracke auf dem Rücken heraus, die einst purpurrot gewesen und mit Goldstickereien und Blechplatten verziert war.

»So ein dummes Weib,« dachte Iwan Iwanowitsch, »bald wird sie auch noch Iwan Nikiforowitsch in eigener Person hinausschleppen und auslüften.«

Und in der Tat, Iwan Iwanowitschs Vermutung war nicht so ganz unrichtig. Nach kaum fünf Minuten erschienen Iwan Nikiforowitschs Pumphosen, die fast die ganze Hälfte des Hofes einnahmen. Dann schleppte sie noch seine Mütze und eine Flinte heran.

»Was soll das bedeuten,« dachte Iwan Iwanowitsch. »Ich habe früher nie eine Flinte bei ihm gesehen! Ja, was fällt ihm ein! Er schießt eigentlich nicht, und hält sich doch eine Flinte! Was will er mit ihr? Es ist übrigens ein gutes Gewehr! .. ich wollte mir schon lange ein solches anschaffen. Ich wünschte sehr, so eine Flinte zu haben ... ich spiele zu gern mit so einem Flintchen ... He, Alte, Alte!« schrie Iwan Iwanowitsch, und winkte mit dem Finger.

Die Alte kam an den Zaun.

»Was hast du da, gute Alte?«

»Sie sehen doch selbst, eine Flinte.«

»Was für eine Flinte?«

»Was weiß ich. Wenn sie mir gehörte, würde ich vielleicht wissen, woraus sie gemacht ist, aber sie gehört doch dem Herrn.«

Iwan Iwanowitsch stand auf, besah sich die Flinte von allen Seiten, und vergaß ganz, die Alte dafür zu schelten, daß sie auch Degen und Flinte zum Lüften herausgebracht hatte.

»Wahrscheinlich ist sie aus Eisen,« meinte die Alte.

»Hm, hm, aus Eisen. Warum sollte sie gerade aus Eisen sein?« murmelte Iwan Iwanowitsch. »Hat dein Herr sie schon lange?«

»Vielleicht -- es ist möglich, daß er sie schon lange hat.«

»Ein vortreffliches Gewehr,« fuhr Iwan Iwanowitsch fort. »Ich werde es mir von ihm ausbitten. Wozu braucht er eine Flinte? Oder ich tausche sie gegen etwas anderes ein. Sag mal Alte, ist dein Herr zu Hause?«

»Freilich.«

»Er hat sich wohl hingelegt?«

»Jawohl.«

»Gut. Ich werde zu ihm gehen.«

Iwan Iwanowitsch zog sich an und nahm einen Knotenstock mit sich, den er als Waffe gegen die Hunde brauchte; denn in Mirgorod begegnet man auf der Straße mehr Hunden als Menschen. Dann machte er sich auf den Weg.

Obwohl die Höfe Iwan Iwanowitschs und Iwan Nikiforowitschs aneinander grenzten, und man aus dem einen in den andern hinübersteigen konnte, ging Iwan Iwanowitsch doch über die Straße. Nach dieser Straße mußte er eine kleine Gasse passieren, die ganz ungewöhnlich schmal war; wenn es geschah, daß zwei Einspänner sich hier begegneten, so konnten sie nicht aneinander vorbei und mußten so lange stillstehen, bis sie jemand an den Hinterrädern packte und in die Straße zurückzog. Der Fußgänger aber kam wie mit Blumen geschmückt aus dieser Gasse heraus, da zu beiden Seiten des Zaunes die Kletten aufs schönste gediehen. An diese Gasse stieß sowohl die Scheune Iwan Iwanowitschs, als auch ein Kornspeicher Iwan Nikiforowitschs, und ebenso sein Tor und sein Taubenschlag. Iwan Iwanowitsch trat ans Tor und rüttelte an der Türklinke. Aus dem Innern erscholl Hundegebell, als aber die buntscheckige Gesellschaft sah, daß ein guter Bekannter den Hof betrat, zog sie sich schweifwedelnd zurück. Iwan Iwanowitsch durchschritt den Hof, auf dem ein buntes Drunter und Drüber herrschte: indische Tauben, die der Besitzer eigenhändig zu füttern pflegte, Melonen- und Wassermelonenschalen, verstreutes Gemüse, ein zerbrochenes Rad, ein Faßreifen, dazwischen ein kleiner Junge in einem schmutzigen Hemdchen -- mit einem Wort, ein Anblick, wie die Maler ihn lieben! Die ausgehängten Kleider hüllten den ganzen Hof in ihre Schatten ein und verliehen ihm eine gewisse Kühle. Die Alte begrüßte Iwan Iwanowitsch mit einer Verbeugung, rührte sich aber nicht vom Flecke und gähnte. Vor dem Hause befand sich eine zierliche Treppe mit einem Schutzdach, das von zwei Eichenpfosten gestützt wurde: übrigens ein sehr unzureichendes Mittel gegen die Sonne, denn Frau Sonne liebt um diese Zeit in Kleinrußland nicht zu spaßen und badet den Spaziergänger von Kopf bis zu Fuß in Schweiß. Dies zeigt übrigens, wie groß das Verlangen Iwan Iwanowitschs nach dem so unentbehrlichen Dinge war, da er sich um diese Zeit hinausgewagt hatte und somit seiner Gewohnheit, das Haus erst des Abends zu einem Spaziergang zu verlassen, untreu geworden war.

Das Zimmer, welches Iwan Iwanowitsch betrat, war ganz dunkel und die Läden waren geschlossen. Nur durch das Guckloch im Laden fielen ein paar Sonnenstrahlen, spielten in Regenbogenfarben und malten eine bunte Landschaft an die gegenüberliegende Wand: da sah man binsengedeckte Dächer, Bäume, die ausgehängten Kleidungsstücke usw. -- alles natürlich auf den Kopf gestellt, wodurch das Zimmer in ein wundersames, helles Dämmerlicht gehüllt wurde.

»Gott helf,« sagte Iwan Iwanowitsch.

»Guten Tag, Iwan Iwanowitsch,« antwortete eine Stimme aus der Zimmerecke. Erst jetzt bemerkte Iwan Iwanowitsch Iwan Nikiforowitsch, der auf einem ausgebreiteten Teppich am Boden lag.

»Entschuldigen Sie bitte, daß ich mich Ihnen im Adamskostüm präsentiere.«

Iwan Nikiforowitsch lag ganz nackt und ohne Hemd da.

»Bitte, bitte. Haben Sie gut geschlafen, Iwan Nikiforowitsch?«

»Ausgezeichnet. Und Sie, Iwan Iwanowitsch?«

»Ich habe auch gut geschlafen.«

»Sie sind wohl erst eben aufgestanden?«

»Was? ich soll erst eben aufgestanden sein? Gott behüte, Iwan Nikiforowitsch, wie kann man so lange schlafen. Ich komme eben aus dem Dorf zurück -- überall wo man hinkommt -- giebt's herrliches Getreide, großartig sag ich Ihnen! Auch das Heu ist lang, weich und saftig.«

»Gorpina,« schrie Iwan Nikiforowitsch, »bring Iwan Iwanowitsch einen Schnaps und ein paar Rahmkuchen.«

»Ein herrliches Wetter heut.«

»Ach loben Sie es doch nicht, Iwan Iwanowitsch. Hol's der Teufel -- man kommt ja um vor Hitze.«

»Ist es denn durchaus nötig, den Teufel anzurufen? Ach, Iwan Nikiforowitsch, Sie werden noch an mich denken, wenn es zu spät sein wird. Jawohl, Sie werden im Jenseits für Ihre gottlosen Reden büßen müssen.«

»Womit habe ich Sie denn beleidigt, Iwan Iwanowitsch? Ich habe doch weder Ihren Vater noch Ihre Mutter beschimpft. Ich verstehe nicht, wodurch ich Sie gekränkt haben könnte.«

»Lassen wir das, Iwan Nikiforowitsch, lassen wir das.«

»Bei Gott, ich wollte Sie nicht kränken, Iwan Iwanowitsch.«

»Merkwürdig, daß die Wachteln noch immer nicht ins Rohr gehen.«

»Wie Sie wollen, Iwan Iwanowitsch, denken Sie was Sie wollen -- ich hatte wirklich nicht die Absicht, Sie zu kränken.«

»Ich begreife nicht, warum Sie nicht hineingehen,« sagte Iwan Iwanowitsch, als habe er die Worte gar nicht gehört. »Vielleicht ist noch die Zeit dazu nicht gekommen, aber mir scheint, es wäre jetzt die rechte Zeit.«

»Sie sagen, daß das Getreide gut steht?«

»Herrlich, ganz herrlich!«

Nun folgte eine lange Pause.

»Iwan Nikiforowitsch, warum lassen Sie denn plötzlich alle Ihre Kleider heraushängen,« fragte endlich Iwan Iwanowitsch.

»Ach, die verfluchte Alte hat meine guten und fast neuen Kleidungsstücke verschimmeln lassen: jetzt lasse ich alles auslüften; das Tuch ist noch fein, es ist noch ganz ausgezeichnet, einiges braucht man nur wenden zu lassen, dann kann man es wieder tragen.«

»Etwas hat mir besonders gefallen, Iwan Nikiforowitsch.«

»Was denn?«

»Sagen Sie bitte, wozu brauchen Sie diese Flinte? Da ist doch eine Flinte mit herausgehängt!« Bei diesen Worten reichte Iwan Iwanowitsch seinem Freunde eine Prise. »Darf ich Sie bitten, sich zu bedienen?«

»Bitte bedienen sie sich selbst, ich nehme von meinem eigenen,« dabei tastete Iwan Nikiforowitsch mit den Händen umher und fand endlich seine Dose. »So ein dummes Weib! Sie will die Flinte also auch auslüften? Der Jude in Sorotschintzy macht einen ausgezeichneten Tabak. Ich weiß nicht, was er hineintut -- es ist so etwas Aromatisches, und erinnert ein wenig an Krauseminze. Aber bedienen Sie sich doch.«

»Hm, sagen Sie doch Iwan Nikiforowitsch, um wieder auf die Flinte zurückzukommen, was wollen Sie mit ihr anfangen? Sie brauchen sie doch nicht?«

»Ich brauche sie nicht? Ja und wenn ich nun einmal schießen will?«

»Gott behüte sie, Iwan Nikiforowitsch, wann wollen Sie denn schießen? Vielleicht beim jüngsten Gericht? So viel ich weiß und von andern erfahren konnte, haben Sie noch nie eine Ente getötet, ja Gott der Herr hat Ihnen auch gar nicht die Natur dazu gegeben, daß Sie schießen sollten. Sie haben eine stattliche Figur, ein elegantes Auftreten: wie wollen Sie in den Sümpfen umherwaten, wenn das Kleidungsstück, das ich aus Anstandsrücksichten nicht nennen möchte, schon jetzt ausgelüftet werden muß? Was wird erst dann sein? Was Sie brauchen, ist Ruhe, Erholung.« (Wir haben schon oben erwähnt, daß Iwan Iwanowitsch ungewöhnlich schön sprechen konnte, wenn es galt, jemanden zu überzeugen. Nein, wie er redete, Herrgott, wie er redete!) »Ja, ja, Ihnen stehen nur edle Handlungen an. Was meinen Sie, wie wär's, wenn Sie mir die Flinte geben würden?«

»Wie könnte ich! So eine teure Flinte! So eine ist für kein Geld mehr zu haben. Die stammt noch aus der Zeit, als ich in die Miliz eintreten wollte, da habe ich sie von einem Tataren erstanden, und jetzt sollte ich sie so mir nichts dir nichts weggeben? Ich bitte Sie, das ist doch ein unentbehrliches Instrument.«

»Unentbehrlich? Wozu?«

»Wozu -- wozu? Und wenn nun Räuber mein Haus überfallen! Ausgezeichnet! Nicht unentbehrlich! ... Gottlob, jetzt bin ich ruhig und fürchte mich vor nichts; denn ich weiß, in meiner Kammer steht eine Flinte!«

»Eine nette Flinte, Iwan Nikiforowitsch, der Hahn ist ja total verdorben!«

»Was macht denn das? Und wenn der Hahn nun wirklich verdorben wäre! Man kann ihn doch reparieren! Man muß ihn nur ein bißchen mit Hanföl einschmieren, damit er nicht rostet!«

»Nach Ihren Worten könnte man vermuten, daß Sie nicht die geringste Freundschaft für mich hegen, Iwan Nikiforowitsch, Sie wollen mir durchaus kein Zeichen Ihrer Sympathie geben?«

»Iwan Iwanowitsch, wie können Sie sagen, daß ich Ihnen kein Zeichen meiner Sympathie gebe. Schämen Sie sich! Ihre Ochsen weiden auf meiner Wiese, und ich habe sie noch nie zum Pflügen benutzt. Jedesmal, wenn Sie nach Poltawa fahren, bitten Sie mich um meinen Wagen, und habe ich es Ihnen je abgeschlagen? Ihre Kinder klettern über den Zaun, springen in meinen Garten und spielen mit meinen Hunden -- und ich sage nichts; mögen sie doch spielen, solange sie nur nichts anrühren, mögen sie doch spielen ...«

»Nun, wenn Sie mir Ihre Flinte durchaus nicht verehren wollen -- so wollen wir tauschen.«

»Und was würden Sie mir dafür geben?« Bei diesen Worten stützte sich Iwan Nikiforowitsch auf seinen Arm und sah Iwan Iwanowitsch ins Gesicht.

»Ich würde Ihnen das braune Schwein dafür geben, das ich in meinem Stall gemästet habe. Eine großartige Sau! Passen Sie auf -- im nächsten Jahre wirft sie Ihnen schon Ferkel.«

»Ich verstehe nicht, Iwan Iwanowitsch, wie Sie so sprechen können. Was soll ich mit Ihrem Schwein? Soll ich etwa dem Teufel ein Fest geben?«

»Schon wieder! Sie können nicht reden, ohne den Teufel anzurufen. Es ist eine Sünde, Iwan Nikiforowitsch, bei Gott, es ist eine Sünde!«

»Sie sind mir der Rechte, Iwan Iwanowitsch! Für eine Flinte bieten Sie mir weiß der Teufel was -- eine Sau!«

»Warum ist eine Sau »weiß der Teufel was«, Iwan Nikiforowitsch?«

»Warum? Bitte urteilen Sie doch selbst: eine Flinte -- da weiß doch jeder, was das für ein Gegenstand ist -- und Sie bieten mir weiß der Teufel was -- eine Sau! Wären Sie es nicht, der mir diesen Vorschlag machte, ich könnte es wahrhaftig für eine Beleidigung halten.«

»Was finden Sie denn so Schlimmes an einem Schwein?«

»Ja für was halten Sie mich denn eigentlich, daß ich ein Schwein ...«

»Bitte setzen Sie sich, setzen Sie sich, ich rede nicht mehr davon. Behalten Sie Ihre Flinte; möge sie in irgend einem Winkel Ihrer Kammer verrosten und verderben -- ich rede kein Wort mehr davon.«

Hier trat eine lange Pause ein.

»Man spricht davon,« begann endlich Iwan Iwanowitsch, »daß drei Könige unserm Kaiser den Krieg erklärt haben.«

»Ja, Peter Fjodorowitsch erzählte mir davon. Was ist das für ein Krieg? Warum führt man ihn?«

»Das kann ich nicht genau sagen, Iwan Nikiforowitsch,« antwortete Iwan Iwanowitsch, »ich glaube, die Könige verlangen von uns, daß wir alle den türkischen Glauben annehmen sollen.«

»Sieh einer an, was die Narren ausgeheckt haben,« sagte Iwan Nikiforowitsch und hob den Kopf in die Höhe.

»Verstehen Sie? Der Kaiser aber hat ihnen den Krieg erklärt. Nehmt mal lieber selber den christlichen Glauben an! sagte er.«

»Was meinen Sie, Iwan Iwanowitsch, die Unsern werden sie doch besiegen?«

»Ganz sicher, Iwan Nikiforowitsch! Sie wollen mir also Ihre Flinte nicht eintauschen?«

»Ich bin wirklich erstaunt, Iwan Iwanowitsch, ich glaubte immer, Sie seien ein Mann von einer gewissen Bildung, und heute reden Sie wie ein Kind. Bin ich denn ein Narr?«

»Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen, Gott mit ihr, mag sie verrosten, ich sage kein Wort mehr.«

In diesem Augenblick wurde der Imbiß aufgetragen.

Iwan Iwanowitsch nahm einen Schnaps und aß einen Rahmkuchen dazu. »Hören Sie, Iwan Nikiforowitsch, ich gebe Ihnen außer dem Schwein noch zwei Säcke Hafer; Sie haben ja keinen gesät. Sie müssen also dieses Jahr sowieso welchen kaufen.«

»Bei Gott, Iwan Iwanowitsch, um mit Ihnen zu reden -- muß man Erbsen gefressen haben.« (Das war noch gar nichts, Iwan Nikiforowitsch konnte noch ganz andere Sachen vom Stapel lassen.) »Wo in aller Welt ist es erhört, daß man eine Flinte für zwei Säcke Hafer eingetauscht hätte? Ihre Pekesche werden Sie mir wohl nicht anbieten, da bin ich sicher.«

»Sie vergessen, Iwan Nikiforowitsch, daß Sie noch das Schwein dazu bekommen.«

»Was, zwei Säcke Hafer und ein Schwein für eine Flinte?«

»Ist das vielleicht zu wenig?«

»Für eine Flinte?«

»Jawohl, für eine Flinte!«

»Zwei Säcke für eine Flinte?«

»Die Säcke sind doch nicht leer, sondern voll Hafer. Und das Schwein -- das Schwein haben Sie vergessen?«

»Geben Sie doch Ihrem Schwein einen Kuß, oder wenn's Ihnen besser paßt: dem Teufel.«

»Weh dem, der mit Ihnen anbindet! Warten Sie ab, für solche gottlose Reden wird man Ihnen in jener Welt die Zunge mit glühenden Nadeln spicken! Wenn man mit Ihnen gesprochen hat, muß man sich wahrhaftig Kopf und Hände waschen, und den ganzen Körper ausräuchern!«

»Gestatten Sie, Iwan Iwanowitsch, eine Flinte ist ein nobler Gegenstand, mit dem man sich aufs schönste unterhalten kann, und zugleich der angenehmste Zimmerschmuck ...«

»Iwan Nikiforowitsch, Sie sprechen von Ihrer Flinte grad wie der Narr von seinem Futtersack,« sagte Iwan Iwanowitsch, der allmählich anfing, ärgerlich zu werden.

»Und Sie, Iwan Iwanowitsch, Sie sind der reinste Gänserich!«

Hätte Iwan Nikiforowitsch nur gerade dies Wort nicht gebraucht, die beiden Freunde hätten sich gestritten und wären dann wie immer in aller Freundschaft geschieden; jetzt aber passierte etwas ganz anderes. Iwan Iwanowitsch wurde feuerrot. »Was haben Sie da gesagt, Iwan Nikiforowitsch?« fragte er mit erhobener Stimme.

»Ich sage, daß Sie einem Gänserich gleichen, Iwan Iwanowitsch.«