Part 21
Choma Brut ließ den Kopf hängen und überließ sich seinen Gedanken. »Ich will zu dem Herrn gehen,« sagte er endlich, »ich will ihm alles erzählen und ihm erklären, daß ich die Gebete nicht mehr lesen will. Er soll mich gleich nach Kiew zurückschicken.«
Mit diesem Entschluß ging er auf die Freitreppe des Herrschaftshauses zu. Der Hauptmann saß fast regungslos in seinem Zimmer. Der trostlose Gram, den Choma schon früher auf seinem Gesichte bemerkt hatte, verdüsterte noch immer seine Züge, und seine Wangen waren vielleicht noch etwas hohler geworden. Man sah, daß er nur wenig oder gar keine Nahrung zu sich nahm. Die ungewöhnliche Blässe gab seinem Gesicht eine geradezu steinerne Unbeweglichkeit.
»Guten Morgen, du Ärmster,« sagte er, als er Choma erblickte, der mit der Mütze in der Hand in der Türe stehen blieb. »Nun wie geht's? Ist alles in Ordnung?«
»In Ordnung? Jawohl, das ist eine schöne Ordnung! Das ist ja der reinste Hexensabbat, daß man am liebsten seine Mütze nehmen und davonlaufen möchte, soweit einen die Füße tragen!«
»Wieso?«
»Ja Herr, Eure Tochter .... Wenn man sich's ordentlich überlegt .... sie ist ja von vornehmer Abkunft, das wird niemand leugnen .... aber nehmt es mir nicht übel, Gott gebe ihrer Seele Ruhe ....«
»Was ist denn mit meiner Tochter?«
»Sie hat sich dem Teufel verschrieben. Es geschehen solche furchtbaren Dinge -- da hilft kein Lesen und kein Beten ....«
»Lies nur, lies. Sie hat dich nicht umsonst hierher gerufen, sie war um ihr Seelenheil besorgt, das liebe Kind, und wollte alle Versuchungen durch Gebete zuschanden machen ...«
»Ich stehe in Ihrer Macht, Herr, aber bei Gott, ich kann nicht mehr!«
»Lies, lies nur weiter,« fuhr der Hauptmann in dem gleichen mahnenden Tone fort, »es ist doch nur noch eine Nacht übrig geblieben, und du tust ein christliches Werk. Ich werde dich gut belohnen.«
»Und wenn die Belohnung noch so groß wäre, Herr! Nein, wie Ihr wollt, ich lese nicht mehr,« sagte Choma entschlossen.
»Hör mal, Philosoph,« sagte der Hauptmann, und seine Stimme wurde stark und drohend, »ich liebe solche Scherze nicht. So etwas magst du in deiner Bursa machen, aber nicht bei mir. Wenn ich dich durchprügeln lasse, dann sieht es etwas anders aus, als bei eurem Rektor -- Weißt du, was ein guter lederner Riemen ist?«
»Wie sollte ich nicht?« sagte der Philosoph und ließ die Stimme sinken: »ein jeder weiß, was lederne Riemen sind -- ein größere Portion davon -- das kann niemand aushalten.«
»Ja. Aber du weißt wohl noch nicht, wie meine Leute sich aufs Prügeln verstehen,« sagte der Hauptmann drohend und erhob sich; seine Züge nahmen eine gebieterische und grausame Miene an, in der sich die ganze Zügellosigkeit seines Charakters spiegelte, die eben nur durch den Kummer ein wenig eingeschläfert war. »Bei mir wird erst geprügelt, dann Branntwein darauf gegossen, und dann geht's von neuem los. Geh, vollende deine Arbeit. Tust du es nicht -- so stehst du nie wieder auf; gehorchst du mir dagegen -- so gibt's tausend Goldstücke!«
»Herrgott, das ist ja ein Teufelskerl,« dachte der Philosoph, als er hinausging, »mit dem darf man nicht spaßen. Paß auf, Freundchen, ich werde Fersengeld geben, daß du mich mit all deinen Hunden nicht einholen sollst.«
Choma Brut war fest entschlossen, auszureißen. Er wartete nur noch die Zeit bis nach dem Mittagessen ab, wo das Gesinde sich ins Heu unter den Speichern zu legen pflegte, um mit offenem Munde in ein so schreckliches Pfeifen und Schnarchen auszubrechen, daß sich der Herrschaftshof in eine Fabrik zu verwandeln schien.
Endlich war es so weit. Selbst Jawtuch streckte sich in der Sonne aus und schloß die Augen. Zitternd und zagend schlich sich der Philosoph in den herrschaftlichen Garten, von wo er leicht und unbemerkt ins freie Feld zu gelangen hoffte. Der Garten war, wie das gewöhnlich der Fall ist, unglaublich verwildert und schien daher für allerlei geheime Unternehmungen besonders geeignet. Mit Ausnahme eines kleinen Fußpfades (der zu wirtschaftlichen Zwecken ausgetreten worden war), waren alle Wege dicht von Kirschbäumen, Holundersträuchern und Kletten verwachsen, die ihre langen Stengel mit den klebrigen, rosafarbenen Blüten hoch hinaufstreckten. Die Spitzen dieses bunten Gemischs von Bäumen und Sträuchern war wie mit einem Netze von Hopfenranken überzogen. Sie bildeten gewissermaßen ein Schutzdach, das auf dem geflochtenen Zaune ruhte und sich in grünen, mit wilden Glockenblumen durchwachsenen Schlangenwindungen zur Erde hinabließ. Hinter dem Zaun, der den Garten begrenzte, zog sich ein förmlicher Wald von Steppengras hin: hier schien noch kein neugieriger Blick hineingeschaut zu haben, und die Sense, welche mit ihrer Klinge diese dicken holzharten Stengel zu schneiden versucht hätte, wäre sicher in Stücke zersprungen.
Als der Philosoph über den Zaun steigen wollte, klapperten seine Zähne, und sein Herz pochte so heftig, daß er selbst erschrak. Die Schöße seines langen Rockes schienen an der Erde festzukleben, als hätte sie dort jemand angenagelt. Als er über den Zaun stieg, klang plötzlich ein betäubender Pfiff an sein Ohr, und eine Stimme schrie: »Wohin, wohin?« Der Philosoph tauchte im Steppengras unter und begann zu laufen, wobei er in einem fort über alte Wurzeln stolperte und Maulwürfe zertrat. Er sah nun, daß er nach dem Heidegras noch ein Stück Feld zu passieren hatte, hinter dem sich eine dichte Dornenhecke hinzog: dort glaubte er sich gerettet, da er jenseits der Hecke einen direkten Weg nach Kiew zu finden meinte. Mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit durchmaß er das Feld, und befand sich plötzlich vor einer dichten Dornbuschhecke. Er kroch durch die Hecke, wobei er an jedem spitzen Dorn ein Fetzen seines Gewandes als Tribut zurückließ. Endlich gelangte er zu einem kleinen Hohlwege, wo eine Weide stand, die mit ihren weit ausgebreiteten Zweigen ab und zu die Erde berührte, und wo eine schmale, kristallklare Quelle wie lauteres Silber erglänzte. Das erste, was der Philosoph tat, war, daß er niederkniete und zu trinken begann -- denn er verspürte einen geradezu unerträglichen Durst. »Ein herrliches Wasser,« sagte er, indem er sich die Lippen abtrocknete, »hier könnte man fein ausruhen!«
»Nein, es ist doch besser, wir laufen weiter, vielleicht sind uns die Verfolger schon auf den Fersen!«
Diese Worte ertönten dicht neben seinem Ohr. Er sah sich um -- Jawtuch stand vor ihm.
»So ein Teufel, dieser Jawtuch,« dachte der Philosoph, »ich würde dich mit Vergnügen bei beiden Beinen packen und deine verdammte Fratze samt allen übrigen Körperteilen mit einem Eichenknüppel bearbeiten!«
»Wozu hast du so einen großen Umweg gemacht,« fuhr Jawtuch fort, »es wäre klüger gewesen, du hättest den Weg gewählt, den ich gegangen bin: er führt dicht beim Stall vorbei. Dein Anzug tut mir leid. Solch ausgezeichnetes Tuch. Was hast du für die Elle bezahlt? -- Doch jetzt sind wir genug spazieren gegangen: es ist Zeit, nach Hause zu gehen.«
Der Philosoph kratzte sich den Hinterkopf und folgte Jawtuch langsam nach. »Jetzt wird mir die verdammte Hexe erst recht die Hölle heiß machen,« dachte er. »Aber was soll denn das! Wovor habe ich Angst? Bin ich ein Kosak, oder nicht? Ich habe doch zwei Nächte hintereinander gelesen, so werde ich denn mit Gottes Hilfe auch wohl noch die dritte überstehen. Die verfluchte Hexe hat sicherlich viel auf dem Gewissen, daß der Böse so für sie eintritt.«
Mit diesen Gedanken beschäftigt, betrat er den Gutshof. Nachdem er sich durch solche und ähnliche Erwägungen Mut gemacht hatte, bat er Dorosch, der durch die Protektion des Kellermeisters manchmal Zutritt zum herrschaftlichen Keller hatte, ihm eine Flasche gewöhnlichen Branntwein zu verschaffen. Dann setzten sich beide Kameraden am Speicher nieder und leerten fast einen halben Eimer, so daß der Philosoph plötzlich aufsprang und schrie: »Musikanten her! Musikanten!« und ohne zu warten, bis die Musikanten erschienen, auf einem freien Platz mitten auf dem Hofe einen Trepak zu tanzen begann. Er tanzte unaufhörlich bis zum Nachmittag. Das Gesinde, das, wie es in solchen Fällen üblich ist, einen Kreis um ihn gebildet hatte, spuckte zuletzt aus und zog sich zurück. Kopfschüttelnd meinten sie: »Wie kann ein Mensch nur so lange tanzen!« Endlich sank der Philosoph auf derselben Stelle nieder und schlief ein; erst ein Kübel frischen Wassers vermochte ihn zu wecken, als man sich zum Abendbrot versammelte. Beim Essen redete er viel davon, was ein rechter Kosak sei, und behauptete, daß ein Kosak sich vor nichts fürchten dürfe.
»Es ist Zeit,« sagte Jawtuch, »komm laß uns gehn.«
»Ich wollte, ich könnte dir ein Zündholz durch die Zunge bohren, verfluchtes Schwein!« dachte der Philosoph, erhob sich jedoch und sagte »Komm!«
Auf dem Wege zur Kirche sah sich der Philosoph fortwährend um und sprach ein paar Worte mit seinen Begleitern. Aber Jawtuch schwieg, und selbst Dorosch blieb stumm.
Es war eine höllische Nacht. Scharen von Wölfen heulten in der Ferne, selbst das Gebell der Hunde klang unheimlich.
»Es hört sich fast an, als wären das, was dort heult, gar keine Wölfe,« sagte Dorosch. Jawtuch schwieg. Auch der Philosoph wußte nichts zu erwidern.
Sie näherten sich der Kirche und betraten den wackligen Holzboden, der deutlich verriet, wie wenig sich der Gutsherr um Gott und sein Seelenheil kümmerte. Jawtuch und Dorosch entfernten sich wie gewöhnlich, der Philosoph blieb allein.
Alles war wie am Tage zuvor. Alles hatte das gleiche, bekannte und drohende Aussehen. Choma blieb einen Augenblick stehen. Unbeweglich wie immer stand der Sarg der greulichen Hexe in der Mitte des Gotteshauses. »Ich fürchte mich nicht, bei Gott, ich fürchte mich nicht,« sagte Choma, beschrieb wie vormals einen Kreis um sich und rief sich alle Beschwörungen ins Gedächtnis. Die lautlose Stille war schrecklich: die Kerzen flackerten und erfüllten die Kirche mit ihrem hellen Licht. Der Philosoph schlug eine Seite um, dann die zweite und dritte: da bemerkte er plötzlich, daß er gar nicht das las, was im Buch stand. Vor Schreck bekreuzigte er sich und begann zu singen. Das beruhigte ihn ein wenig: das Lesen ging jetzt wieder besser, er schlug eine Seite nach der andern um.
Da sprang plötzlich -- inmitten der Stille -- der eiserne Sargdeckel auf. Die Tote richtete sich empor. Sie war noch furchtbarer anzusehen, als das erstemal. Die Zähne schlugen gräßlich aufeinander, die Lippen verzerrten sich krampfhaft und stießen heulende, schreckliche Verwünschungen hervor. Ein Sturm fegte durch die Kirche. Die Heiligenbilder stürzten zur Erde, und die zerbrochenen Fenstergläser fielen klirrend auf den Boden. Die Tür wurde aus ihren Angeln gerissen, und eine Unzahl fürchterlicher Ungeheuer stürzte in das Gotteshaus. Sie schlugen mit ohrenbetäubendem Lärm ihre Flügel zusammen, kratzten mit ihren Krallen und erfüllten die Kirche mit einem schrecklichen Getöse. Alles flog und flatterte hin und her und spähte überall nach dem Philosophen.
Der letzte Rest seines Rausches war verschwunden. Choma schlug ein Kreuz ums andere und las alle möglichen Gebete, die er kannte, durcheinander. Unterdessen aber hörte er, wie die Dämonen um ihn herumtobten, sie streiften ihn fast mit ihren Flügeln und berührten ihn mit ihren widerlichen Schwänzen. Er hatte nicht den Mut, sie sich genauer anzusehen: er bemerkte nur, daß ein riesiges Ungeheuer, das so lang wie die Wand war, vor ihm stand: Ein dichter Wald von gräulichen durcheinander gewirrten Haaren hüllte es ein: durch das Geflecht der Haare aber blickten zwei grausige Augen hervor, deren Brauen ein wenig in die Höhe gezogen waren. Über ihm in der Luft schwebte eine Art Riesenblase, aus deren Zentrum sich Tausende von Zangen und Skorpion-Stacheln hinausstreckten, an deren Enden große Klumpen schwarzer Erde hingen. Alle blickten den Philosophen an, spähten nach ihm, und konnten ihn doch nicht sehen, denn er war von dem heiligen Kreise umgeben. »Führt den Wij her, führt den Wij her,« schrie plötzlich die Stimme der Toten.
Mit einem Male trat in der Kirche eine tiefe Stille ein. Aus der Ferne vernahm man das Heulen der Wölfe, und gleich darauf erdröhnten schwere Schritte, die im Gotteshause laut widerhallten. Choma warf einen scheuen Blick auf die Tür und sah, wie ein untersetztes, stämmiges, täppisches Menschenwesen hineingeführt wurde. Es war ganz in schwarze Erde gehüllt. Seine gleichfalls mit Erde bedeckten Hände und Füße streckten sich wie zähe, knorrige Wurzeln empor, es stieß polternd mit den Füßen auf den Boden und stolperte beständig. Die großen Augenlider hingen ihm bis zur Erde herab und voller Grauen gewahrte Choma, daß sein Antlitz von Eisen war. Die Geister führten das Ungetüm an der Hand und brachten es bis an die Stelle, wo Choma stand.
»Hebt mir die Lider empor, ich sehe nicht,« stöhnte Wij mit unterirdischer Stimme -- und die ganze Dämonenschar stürzte auf ihn zu, um ihm die Lider empor zu heben.
Eine innere Stimme flüsterte dem Philosophen zu: sieh nicht hin. Aber er hielt es nicht aus und blickte hin.
»Da ist er,« schrie Wij und deutete mit seinem eisernen Finger auf ihn, und alle Geister fielen über den Philosophen her. Atemlos stürzte er zu Boden und gab schreckerfüllt seinen Geist auf.
Da krähte der Hahn. Es war schon der zweite Schrei. Die Geister hatten den ersten überhört. Die geängstigten Dämonen zerstreuten sich nach allen Seiten: durch die Tür und durch die Fenster, nur um recht schnell zu entfliehen. Aber es war schon zu spät, sie blieben zwischen Türen und Fenstern hängen.
Als der Geistliche die Kirche betrat, blieb er beim Anblick einer solchen Schändung des Allerheiligsten auf der Schwelle stehen und wagte es nicht mehr, hier eine Messe abzuhalten. So blieb denn die Kirche mit den in den Fenstern und Türen festgebannten Ungeheuern in alle Ewigkeit leer. Wald, Wurzeln, Steppengras und wilde Dornhecken überwucherten sie, -- und niemand wird je wieder den Weg zu ihr finden.
* * * * *
Als das Gerücht von diesen Begebenheiten bis nach Kiew drang und der Theologe Haljawa von dem Schicksal des Philosophen Choma hörte, versank er eine Stunde lang in tiefes Nachdenken. Seitdem war eine große Veränderung mit ihm vorgegangen. Das Glück war ihm hold gewesen: nach Beendigung des Kursus war er zum Glöckner des allerhöchsten Glockenturmes ernannt worden, und nun erschien er nie anders als mit einer zerschlagenen Nase, da die Treppe im Turm sehr schlecht gebaut war.
»Hast du schon gehört, wie es Choma ergangen ist?« fragte ihn Tiberius Gorobetz, als er ihm einmal begegnete, er war jetzt Philosoph und trug schon einen Schnurrbart.
»Es war Gottes Wille,« sagte der Glöckner, »komm in die Schenke, wir wollen seiner bei einem Glase gedenken.«
Der junge Philosoph, der begeistert von seinen neuen Rechten Gebrauch machte -- seine Hosen, sein Rock, ja selbst seine Mütze rochen stark nach Alkohol und Tabak -- drückte sofort seine Bereitwilligkeit aus.
»Choma war doch ein herrlicher Mensch,« sagte der Glöckner, als der lahme Wirt den dritten Krug vor ihm hinstellte, »ein famoser Kerl, und ist so um nichts und wieder nichts umgekommen!«
»Ich weiß, warum er umgekommen ist! Weil er Angst bekommen hat; hätte er sich nicht gefürchtet, so hätte die Hexe ihm nichts anhaben können. Man muß nur das Kreuz schlagen, und ihr auf den Schwanz spucken -- dann kann einem nichts geschehen! Ich kenne das ganz genau. Bei uns in Kiew sind doch alle Marktweiber Hexen.«
Hier nickte der Glöckner zum Zeichen seines Einverständnisses mit dem Kopf. Aber als er merkte, daß seine Zunge sich nicht mehr bewegen und keine Laute mehr hervorbringen konnte, erhob er sich vorsichtig und ging taumelnd davon, um sich irgendwo abseits im Steppengras auszustrecken. Hierbei vergaß er es jedoch aus alter Gewohnheit nicht, eine alte Stiefelsohle einzustecken, die auf einer Bank lag.
Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten
Erstes Kapitel.
Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch.
Was für eine herrliche Pekesche Iwan Iwanowitsch doch hat! Diese Pelzverbrämung -- Teufel auch -- diese Pelzverbrämung! Bläulichgrau, mit einem weißlichen Schimmer! Bei Gott -- ich will ein Schuft sein, wenn es noch einen zweiten solchen Pelzrock gibt. Ich bitte Sie, sehen Sie sich das einmal an -- besonders, wenn Iwan Iwanowitsch mit jemand spricht -- betrachten Sie ihn nur in Profil: was ist das für eine Pracht! Es ist ganz unbeschreiblich: das leuchtet wie Samt und Silber und Feuer! Bei Gott, heiliger Wundertäter Nikolaus, frommer Knecht Gottes, ich bitte dich: warum habe ich nicht solch eine Pekesche! Er hat sie sich noch damals machen lassen, als Agafja Feodosiewna noch nicht so oft nach Kiew reiste. (Sie kennen doch Agafja Feodosiewna? Dieselbe, die dem Assessor das Ohr abgebissen hat?)
Und was für ein Prachtmensch Iwan Iwanowitsch ist! Wie stattlich ist sein Haus in Mirgorod! Rundherum geht ein Schutzdach auf eichenen Pfosten, und darunter stehen überall Bänke. Wenn es zu heiß wird, zieht er Pelzrock und Hose aus, legt sich im bloßen Hemd unter das Schutzdach und beobachtet, was im Hofe und auf der Straße vorgeht. Und was für herrliche Apfel- und Birnbäume vor dem Fenster stehen! Bitte öffnen Sie nur die Fenster, sofort stecken sie ihre Zweige bis ins Zimmer; aber das ist bloß _vor_ dem Hause. Sehen Sie sich mal erst den Garten an! Was gibt es da nicht alles! Pflaumen, Kirschen, Weichsel, allerlei Gemüse, Sonnenblumen, Gurken, Melonen, Erbsen -- sogar eine Tenne und eine Schmiede gibt es da.
Was für ein Prachtmensch Iwan Iwanowitsch ist! Besonders gern ißt er Melonen, das ist sein Lieblingsgericht. Gleich nach dem Mittagessen begibt er sich im Hemd unter das Schutzdach und befiehlt Gapka, zwei Melonen aufzutragen, die er eigenhändig zerlegt. Dann nimmt er die Kerne heraus, wickelt sie in ein Papier und macht sich daran, die Melonen zu verzehren; Gapka muß ihm das Tintenfaß bringen, und er schreibt eigenhändig auf das Päckchen: »Diese Melonen wurden an dem und dem Tage gegessen«. War irgend ein Gast dabei, so wird hinzugefügt: der und der hat teilgenommen.
Der verstorbene Richter von Mirgorod freute sich immer von Herzen beim Anblick von Iwan Iwanowitschs Haus. Ja -- das Haus kann sich auch sehen lassen! Vor allem gefallen mir die vielen Balkone und Erkerchen, welche von allen Seiten angebaut sind; wenn man es von ferne erblickt, so sieht man die Dächer, die übereinander liegen -- das erinnert mich immer an einen Teller voll Pfannkuchen, oder besser an Pilze, die _an_einander und _über_einander um _einen_ herum wachsen. Übrigens sind die Dächer mit Binsen gedeckt, über die eine Weide, eine Eiche und zwei Apfelbäume ihre üppigen Zweige ausbreiten. Durch das Geäst aber gucken die kleinen Fensterchen mit ihren geschnitzten weißen Läden munter auf die Straße hinaus.
Was für ein Prachtmensch ist doch Iwan Iwanowitsch! Der Herr Kommissar aus Poltawa ist sein guter Bekannter. Dorosch Tarasowitsch Puchiwotschka besucht ihn stets, wenn er aus Chorol hierherkommt, und Vater Peter der in Koliberda wohnt, pflegt, wenn einmal fünf Mann hoch bei ihm zu Gaste sind, stets zu erwähnen, daß er niemanden kennt, der seine Christenpflicht so gut erfüllt und so zu leben versteht, wie Iwan Iwanowitsch.
Mein Gott, wie doch die Zeit vorbeieilt. Damals waren schon zehn Jahre verflossen, seit er Witwer geworden war. Er hatte keine Kinder. Dafür hat Gapka, die Magd, welche, die im Hofe spielen. Iwan Iwanowitsch gibt gewöhnlich jedem Kinde eine Bretzel, ein Stückchen Melone oder eine Birne. Gapka hat auch die Schlüssel zu den Kammern und Kellern: nur der Schlüssel zu dem großen Kasten, der in seinem Schlafzimmer steht, und der zu der mittleren Vorratskammer befindet sich bei ihm; denn Iwan Iwanowitsch liebt es nicht, jemanden dort hineinzulassen. Gapka ist ein kräftiges Mädel, mit einer großen Schürze, drallen Waden und roten Backen.
Und was für ein gottesfürchtiger Mensch Iwan Iwanowitsch ist! Jeden Sonntag zieht er seine Pekesche an und geht in die Kirche. Nachdem er sich nach allen Seiten verneigt hat, nimmt er gewöhnlich im Chor Platz und unterstützt den Baß auf das schönste. Ist der Gottesdienst zu Ende, so unterläßt es Iwan Iwanowitsch nie, der Reihe nach alle Bettler aufzusuchen. Vielleicht hat er oft gar keine Lust, sich mit so langweiligen Sachen abzugeben, aber seine natürliche Gutmütigkeit läßt ihm keine Ruhe.
Gewöhnlich sucht er sich das allerarmseligste Weib, in einem zerfetzten, aus Lumpen zusammengeflickten Kleide aus und wendete sich teilnahmsvoll an sie. »Nun wie geht es Ärmste? Woher kommst du Mütterchen?«
»Ich komme vom Dorf, Herr, seit drei Tagen habe ich weder gegessen noch getrunken. Die eigenen Kinder haben mich fortgejagt.«
»Du arme Seele! Und warum bist du hierhergekommen?«
»Ach Herr, ich stehe hier und bitte um ein Almosen, vielleicht gibt mir jemand etwas Geld, damit ich mir Brot kaufen kann.«
»Hm. So. Du möchtest also Brot haben?« fragte Iwan Iwanowitsch gewöhnlich.
»Wie sollte ich nicht? Ich bin hungrig wie ein Hund.«
»Hm, hm,« sagt Iwan Iwanowitsch gewöhnlich weiter: »Vielleicht möchtest du auch Fleisch haben?«
»Ja alles, was Euer Gnaden mir geben wollen, ich bin mit allem zufrieden.«
»Hm, hm, -- ist denn Fleisch besser als Brot?«
»Ein Hungriger ist nicht wählerisch, Herr. Wir sind mit allem zufrieden, was Sie geben.« Hierbei streckt sie ihm gewöhnlich die Hand entgegen.
»Nun, Gott mit dir,« sagt Iwan Iwanowitsch. -- »Ja, was stehst du denn noch da? Ich schlage dich doch nicht!« Und in gleicher Weise wendet er sich an den zweiten und dritten Bettler und geht endlich nach Hause, zu seinem Nachbar, Iwan Nikiforowitsch, oder auch zum Polizeimeister, um einen Schnaps mit ihnen zu trinken.
Iwan Iwanowitsch liebt es auch sehr, wenn man ihm Geschenke macht oder ihm Leckerbissen bringt. Das letztere hat er besonders gern.
Auch Iwan Nikiforowitsch ist ein ganz prächtiger Mensch. Sein Hof grenzt an den Iwan Iwanowitschs. Zwei solche Freunde wie diese beiden, hat die Welt sicher noch nicht gesehen. Anton Prokowjewitsch Pupopus, der bis zum heutigen Tage noch einen braunen Rock mit hellblauen Ärmeln trägt und des Sonntags beim Richter zu Tisch geladen ist, pflegte gewöhnlich zu sagen: der Teufel habe in höchsteigener Person Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch mit einem Schnürchen zusammengebunden: wo der eine erscheint, da folgt der andere auf dem Fuße.