Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 24
»Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!« sagte Tschartkow, als er hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte. Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! -- Wie wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer wieder: »Ist das alles nicht doch nur ein Traum?« Die Rolle enthielt genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: »Vielleicht hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines Familienporträts verbarg.« Voll von romantischen Vorstellungen fing er sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor, ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern zurück. »Nein,« sagte er zu sich selbst, »wessen Großvater du auch sein magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen Rahmen anfertigen lassen.« Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser Berührung heftig zu pochen. »Was nun tun?« dachte er, während er die Blicke auf das Geld richtete. »Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten. Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.«
So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann, als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf die Straße hinaus.
Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte Parfüms und Pomade, mietete sich -- ohne lange zu handeln -- eine vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, -- weit mehr als er überhaupt nötig hatte --, ließ sich von einem Friseur die Locken kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und ging dann ins Restaurant »Zum Franzosen«, von dem er bis jetzt nicht mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen pflegt: »Selbst dem Teufel kein Bruder!« auf die Straße. Wie ein Geck spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ...
Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe wie die folgenden: »Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow besitzt!« Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem Journalisten, der ihn sofort »Geehrter Herr« anredete, ihm beide Hände drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, -- und schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit folgender Überschrift:
»_Ein ungewöhnliches Talent!_ Der Maler Tschartkow.
Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer -- man kann ruhig sagen -- in jeder Beziehung herrlichen und außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine, oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen; allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit Reichtum und Wohlstand -- obwohl sich einige Journalisten aus unserer Mitte auch dagegen auflehnen werden -- wird Dein Lohn sein.«
Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz »Vivat Andrei Petrowitsch« erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse Bewegungen abzulocken.
Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich, sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen Mädchens, betrat das Atelier.
»Sind Sie Monsieur Tschartkow?« fragte die Dame. Der Künstler verneigte sich.
»Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel der Vollkommenheit sein.« Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die nackten Wände gleiten. »Und wo sind Ihre Porträts?«
»Man hat sie soeben abgeholt,« sagte der Künstler etwas verlegen. »Ich bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.«
»Waren Sie in Italien?« fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst richtete.
»Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind Sie nicht müde?«
»Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier! Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,« sagte die Dame, während sie an die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. »_C'est charmant, Lise, venez-ici!_ Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ... Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? _C'est charmant!_ -- Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das Gesicht wäscht ... _Quelle jolie Figure!_ ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein! ... Also Sie malen nicht nur Porträts?«
»O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!«
»Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?«
»Wer ist dieser Nohl?« fragte der Maler.
»Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet, als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen -- Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff nehmen würden.«
»Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.« Sofort schob er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur. Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.
»Wissen Sie,« sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, »ich möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr Einfachheit! Nicht wahr?« Doch ach, leider konnte man es sowohl der Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs anzuschauen waren.
Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an, überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück, indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, den Kopf hochheben.
»Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!« sagte die Dame. »Nein bitte, noch ein wenig,« bat der eifrige Maler.
»Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!« versetzte die Dame, zog ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor und rief ganz überrascht aus: »Ach wie spät!«
»Nur noch ein Augenblickchen,« sagte Tschartkow mit der einfältigen und bittenden Gebärde eines Kindes.
Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein anderes Mal länger zu bleiben.
»Das ist doch ärgerlich!« dachte Tschartkow, »meine Hand war gerade in Schwung gekommen.« Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja, er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor der Leinwand stehn.
Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert -- bis dahin hatte er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen. Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer Equipage durch die Stadt.
Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen -- und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme der Mutter vernahm. »Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.« Der Maler fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so vorkäme. »Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!« bat der Künstler mit harmloser Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm, daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen.
Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt, und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte aus irgend einer Ecke seine »Psyche« hervor, die er vor längerer Zeit einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien, Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat, sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt, was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen; die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und schlugen die Hände zusammen.
»_Lise, Lise!_ ach, wie ähnlich! _Superbe, superbe!_ Was für ein schöner Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche Überraschung!«
Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: »Das ist Psyche!«
»Als Psyche? _C'est charmant!_« sagte die Mutter lächelnd zu ihrer gleichfalls lächelnden Tochter. »Nicht wahr, _Lise_, so machst du dich am besten, so als Psyche, nicht? _Quelle idée délicieuse!_ Aber was für eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch _mein_ Porträt malen!« Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ...