Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 1
Nikolaus Gogol Tote Seelen, II Novellen
Nikolaus Gogol Sämmtliche Werke In 8 Bänden
Herausgegeben von Otto Buek
Band 2
München und Leipzig bei Georg Müller 1909
E. R. W.
Nikolaus Gogol
Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen
Übertragen von Otto Buek
Band 2
München und Leipzig bei Georg Müller 1909
E. R. W.
Inhalt
Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil Seite 1 Novellen: Der Mantel » 223 Die Nase » 283 Das Porträt » 329
Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Zweiter Teil
Erstes Kapitel.
Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? -- Was ist zu machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis!
Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen, zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen, bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung nachzueilen schienen.
An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte Ebereschen kletterten überall, _hier_ einträchtig und sich gegenseitig im Wachstum unterstützend, _dort_ sich hemmend und eng zusammengedrängt, den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster -- und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden Bildes versunken schienen.
Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: »Gott wie geräumig und frei ist es hier!« Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus: Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren, erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen; hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches Auge erkennen konnte -- nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte, brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: »Gott, wie geräumig und frei es hier ist.«
Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite heranzukommen suchen -- wo weit auseinanderstehende Eichen den herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben, und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte.
Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war.
Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen Charakter? -- Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu äußern: »Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!« Ein General, der etwa zehn Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: »Der junge Mann ist nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und sogar beim ...« Der General beendigte seinen Satz niemals. Der Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: »Ich will mir mal morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!« und ein Bauer hätte auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden Naturschönheiten entsprach.
Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch. Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich, zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee, Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte. Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab.
Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden Ausdrücken zu bedenken pflegte: »Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines Geschöpf!«
»Du willst wohl _so_ etwas haben?« heulte die Jammerseele oder Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.
»Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn, elendiges,« kreischte Grigorij.
»Der Verwalter ist doch gerad so'n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.«
»Wo ist der Herr?«
»Da sitzt er am Fenster und sieht alles.«
Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles.
Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ sagen, die da unten möchten doch etwas _leiser lärmen_.
Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite; statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde, ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan wurde -- ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt nichts mehr getan.
So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen, Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere _geboren_ werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei Iwanowitschs zu erzählen.
»Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm zu sprechen: »Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.« Nie hielt der Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte nur zu sagen: »Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von selbst verschwinden.« Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften ihnen kein Härchen krümmen. »Das geht zu weit!« sagten viele, »diese Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.« »Nein, das geht durchaus nicht zu weit,« antwortete er, »die schwach Begabten behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen zweiten Kursus.«(1) Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren, sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, -- um mit Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.
Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern verlangen -- nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren, niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die Wissenschaft des Lebens!
Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen, sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden. Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges »Vorwärts!« zuzurufen schien -- dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt -- genug, die jungen Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge(2) wie sie waren in die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen Einfluß auszuüben.(3)
Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch, daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten versetzt worden war -- wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte -- der vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte. In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin.
Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an Feuer und wahrhafter Begeisterung -- aber ach bei alledem fehlte es doch ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer, nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die Schule kaum noch wiederzuerkennen.