Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 3
So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde für ihn zu einem reinigenden Opfer. Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten Sühne und Ahndung -- die Sünden seiner _Helden_, wie seine _eigenen_. Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklärung und Erleuchtung einer sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe mystische Bedeutung an -- einen ähnlichen Sinn wie das große Epos Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger Bewunderung las.
Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum Licht, aus der Hölle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Buße aus sündigen zu, wenngleich nicht _heiligen_, so doch _edlen_ und _sittlichen_ Menschen zu machen, ergriff und erschütterte die Seele des Dichters aufs tiefste. Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das Nachdenken und Entwerfen hinaus, und überantwortete schließlich das, was er davon niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sündenfall des Russen, die Erzählung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und Gemeinheit.
VI.
Wenn wir jene Stellen in den »Toten Seelen«, wo der Verfasser auf den geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des »Revisors«. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit erschütterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im »Revisor« waren Beamte, zu denen sich in den »Toten Seelen« noch Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint hier unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und Bewegungen der Helden des »Revisors« waren noch wenig differenziert und nicht sehr vielgestaltig -- ganz anders verhält es sich in den »Toten Seelen«, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich der Held: Pawel Iwanowitsch _Tschitschikow_; ihn verbindet kein engeres Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von außen hereingeschneit wie _Chlestakow_ im »Revisor«. Dieser Held ist vom Autor mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer in diesem Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder einzeln und für sich genommen so unendlich komisch und lächerlich wirkt, und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck hervorrufen.
Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gnädig verfahren. Es ist keine Frage, daß Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften moralischen Qualitäten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht unerfreulichen Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein Gauner und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persönlichkeit der typische Repräsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral, die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber selber lebt und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswürdigen und höflichen Räubers begnügt; er erzählt uns die ganze Geschichte seiner Jugend, er erklärt uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen Instinkte entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob die ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und Gaunereien seines Helden wirklich auf Tschitschikow allein fällt, oder ob nicht die größere Hälfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, abgewälzt werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, daß er dem Leser geradezu die Frage vorlegt: »Ist Tschitschikow denn tatsächlich ein solcher Lump?« Und er fährt fort: »Warum gleich ein Lump? Warum sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? -- Er ist einfach das, was man einen guten _Wirt_ und ein _Erwerbsgenie_ nennt.«
Der _Erwerbstrieb_ trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache, daß Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet. Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft »und es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt«.
Wenn es aber möglich war, schon für Tschitschikow soviel mildernde Umstände geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren. Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit großer Milde; vor allem gegen die Adligen, die er mit noch größerer Nachsicht behandelt, als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende Menschen, aber eine besondere Entrüstung und eine allzu große Empörung regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl über sie, wir bemitleiden sie, aber schließlich würden auch wir mit ihnen leben können, ohne daß uns allzu große Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was ließe sich schließlich gegen den so vertrauensseligen und gutmütigen Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch läßt sich fast ertragen: dieser grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die übrigens für seine Nächsten völlig unschädlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst, der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin in der glücklichsten, schon weit zurückliegenden Zeit seines Lebens, und wir verstehen, daß ein Unglücklicher vor uns steht, der ein Opfer der Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kämpfen vermag. Der Dichter spricht mit tiefem Schmerz von der Erbärmlichkeit, Kleinheit und Häßlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge verhärtende Mannesalter, uns mit einem möglichst großen Vorrat von Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, daß sie nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Träne des Mitleids entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit, Spitzbüberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmütiges und von jeder Böswilligkeit Freies verliehen, daß er uns beinahe völlig entwaffnet und die Fähigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zürnen.
So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit seinem Helden zusammenführte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten, mit andern Worten, wenn sie Beamte waren.
Wie der »Revisor«, so enthalten auch die »Toten Seelen« keine Spur von einer politischen Anspielung. Die Satire berührte auch nicht mit einem Wort die höhere Obrigkeit und setzte sich bloß mit den niederen Klassen des Beamtenstandes auseinander.
Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die sich _gegen_ die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme etwa der schicksalsreichen »Geschichte vom Hauptmann Kopeikin«, die der Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden Änderungen und Zugeständnissen seitens des Autors die Zensur passierte. Diese Geschichte war die einzige gegen die souveräne Gewalt gerichtete Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fällen wählte er sich bloß die ausführenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe, wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner Helden abstufte. Je höher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der Erwägung leiten ließ, daß ein hohes Maß von Intelligenz den Menschen auch zu einer höheren Sittlichkeit verpflichte.
So sind denn in den »Toten Seelen« alle höheren Beamten, selbst abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte und liebenswürdige Männer, die höchstens ein paar Seltsamkeiten oder Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt dem Moralisten nur wenig Anlaß zur Betrübnis, ja, er könnte sich nach Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fühlen.
Aber das Bild wechselt jäh und mächtig, wenn wir aus dem Kreise dieser relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphären hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten bevölkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstände unter den gerade anwesenden, größtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten ausgewählt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstück die Sanktion des Gesetzes erhält, wobei dem letzteren aus reiner Liebenswürdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebühren abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrügern, denen jede Spur von Sentimentalität, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist, und die einem nüchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen.
Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken, wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem weichen und zärtlichen Herzen, der alle Dörfer heimsucht und sie wie eine verheerende Epidemie durchstreift, wofür er dann schließlich auch von den Bauern ins Jenseits befördert wird. Diese Seite, die uns von den Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die kühnste in der gesamten Dichtung.
Der erste Teil der »Toten Seelen« ist somit tatsächlich eine Epopöe der menschlichen Erbärmlichkeit und Nichtigkeit. Erbärmlich ist dieser _Erwerbsritter_ mit dem Instinkte des Raubtieres, erbärmlich und armselig -- diese ganze Stadtgesellschaft, Männer wie Frauen -- erbärmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschränktheit, dieser Klatsch und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, daß auch der _Bauern_stand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei Gelegenheit handelte, in den »Toten Seelen« vorzüglich nach seiner unansehnlichen und erbärmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch böse, sondern nur armselig, beschränkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der Satiriker getan hätte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sünden und Laster unserer ärmeren und schwächeren Mitbrüder lenken will, um sein Nachdenken und sein Interesse für sie zu wecken.
Daß der Dichter ein herzliches Mitgefühl für diese seine Mitbrüder hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die Betrachtungen, die Tschitschikow über das Schicksal der von ihm gekauften Bauern anstellt, genügt, um sich zu überzeugen, daß sich der Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hören außer dem törichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spüren läßt, wo er uns durch jene geistigen und seelischen Fähigkeiten erfreut, von denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne Grund zu erzählen wußten.
VII.
Dies ist in seinen wesentlichen Zügen der Inhalt des _ersten_ noch erhaltenen Teils dieser großen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte dieses Werk für seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen; es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und erbärmlichen Menschen vorzuführen, um uns dann ein schönes Bild ihrer Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an sein Vaterland gerichtete Verheißung, daß es sich einst von allem Häßlichen und Schmutzigen reinigen und der göttlichen Liebe würdig erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch seine religiösen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches, mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, daß Gogol als Ankläger des Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, der Trägheit und Indolenz, mit einem Wort, aller nur möglichen persönlichen und sozialen Schäden, einer der fortgeschrittensten russischen Männer gewesen ist, und dieses hohe Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreißen oder zu schmälern.
Aber bei einer näheren Bekanntschaft mit seinen Werken überzeugt man sich leicht, daß seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage und Geißelung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher, milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wußte gegen dieselben Menschen gerechte Nachsicht zu üben, die er in seinen Werken an den Pranger stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch für den Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu sprechen und zog es vor, sie Schwächen zu nennen, wobei er den Leser stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte. Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. Nicht sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Sünden, als vielmehr dadurch, daß er in ihnen das Mitleid für ihre Nächsten weckte, die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglück geraten waren.
Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die große Bedeutung der »Toten Seelen« für die Literatur und das Leben Rußlands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser erlebte nichts von den kühnen Verheißungen des Dichters. Der Leser behielt nichts in seiner Hand zurück, als eine große Anklageschrift gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich, die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines großen realistischen Künstlers stammte.
Die »Toten Seelen« sind das erste Muster eines großen realistischen Romans in der Literatur Rußlands, und das Schicksal, das oft sein ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, daß dieses große Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit einem romantischen Traum begann und sie mit einer religiösen Predigt beschloß.
Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege gelegt, er besaß wie kein anderer die Fähigkeit einer reinen, ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung -- und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt erreichte, um schnell und für immer zu erlöschen, erschuf der Dichter dieses großartige Gemälde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von verblüffender Treue erblickte.
Nestor Kotljarewski.
Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Erster Teil
Erstes Kapitel
Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewöhnlich Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. -- mit einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß ein Herr von nicht gerade überwältigender Schönheit, aber doch von angenehmem Äußeren; er war weder allzu dick noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt war, doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. Seine Ankunft erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der Türe der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefährt, als auf den Insassen bezogen. »Sieh dir mal das Rad an,« sagte der eine zum andern. »Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder nicht?« -- »Gewiß,« antwortete der andere. »Aber bis Kasan wird es wohl nicht halten, denk ich.« -- »Bis Kasan wohl kaum,« versetzte der andere. Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe hielt, ging noch ein junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form einer bronzenen Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, sah sich den Wagen an, während er seine Mütze, die der Wind fortzublasen drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege.
Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder Aufwärter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt, empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen zu gewinnen. Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, schüttelte seine Mähne und führte den Herrn flink durch den langen hölzernen Flurgang, um dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. -- Das Zimmer war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der bekannten Art, wie nämlich alle Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo die Reisenden für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende Gemach führt, in dem der Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann, der sich aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten seiner Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war nicht geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war gelb angestrichen, wie überall. Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr, Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer[1] mit einem Samowar aus Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar, sodaß man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart gehabt hätte.
Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher ansah, wurde sein Gepäck hereingetragen. Zunächst ein etwas abgenutzter Koffer aus weißem Leder, dem man es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte. Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein Bursche von etwa dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen und mürrischen Eindruck und hatte große dicke Lippen und eine ebensolche Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte, während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete, einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit diesem einen merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer Matratze ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen und vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem Gastwirte geben lassen.
[Fußnote 1: Sbiten: ein Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern oder Salbei, das von den niederen Klassen statt Tee getrunken wird.]