Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 1
Nikolaus Gogol Tote Seelen
Erster Band
Nikolaus Gogol Sämmtliche Werke In 8 Bänden
Herausgegeben von Otto Buek
Band 1
München und Leipzig bei Georg Müller 1909
E. R. W.
Nikolaus Gogol
Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen
Übertragen von Otto Buek
Band 1
München und Leipzig bei Georg Müller 1909
E. R. W.
Von diesem Buche wurden 100 Exemplare auf van Geldern abgezogen, in der Presse nummeriert und in Ganzleder gebunden. Der Preis eines solchen Exemplares beträgt 16 Mark. Den Druck besorgten _Mänicke_ und _Jahn_ in Rudolstadt. Titel und Einband zeichnete _E. R. Weiß_.
Vorrede des Herausgebers
Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner besonderen Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung in sich selbst. Unter allen großen Meistern des Romans, die die russische Literatur im XIX. Jahrhundert hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere und einzigartige Stellung ein; mögen die Vorgänger oder Nachfolger ihn, was Weite des Horizonts, Tiefe der Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der Kunstform anbetrifft, erreichen oder gar übertreffen, an _Originalität_ und Ursprünglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst hat immerdar zu seinem älteren Zeitgenossen Puschkin als dem unerreichten Vorbild einer reinen idealisierenden Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer berühmten Apostrophe der »Toten Seelen« dieser Differenz und dem Abstand zwischen seiner Begabung und der Puschkins in beredten Worten Ausdruck gegeben, doch selbst Puschkin bleibt bei seinem großen und einzigen Talent nur ein Zweig und Schößling am Stamm der großen europäischen Literatur. In Gogol aber schuf sich das junge russische Volk zum ersten Mal eine adäquate vollgültige dichterische Form, in ihm realisierte sie einen literarischen Typus, der von da ab das Muster und Ideal für alle kommenden Schriftstellergenerationen Rußlands geworden ist. Das ganze jüngere Dichtergeschlecht von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das Interesse der westlichen Völker eroberte und unsere Aufmerksamkeit auf Rußland hinlenkte, geht auf Gogol als seinen Ursprung zurück. In ihm liegen alle Motive und Ideen, die _sie_ entwickeln und entfalten, wie im Keime beschlossen, _er_ gab das Thema an, das sie in mannigfachen Paraphrasen und Modulationen variieren; er schuf die Kunstform, an der sie sich schulten; sie dachten und dichteten in seiner Sprache. Und nicht in unsicheren unausgereiften Ansätzen vollzog er diesen Schöpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit dem Siegel der Kraft und der Fülle der Vollendung rief er sein Werk -- die russische Literatur -- fast wie aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine Linie des großen Talents, und es gibt unter ihnen schlechterdings nichts Minderwertiges und Unbedeutendes. Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus des russischen _Dichters_ geschaffen, indem er in sich jenen ewigen Gegensatz, der das Leben der größten russischen Künstler beherrscht, zur Ausprägung brachte; den Gegensatz zwischen dem _Dichter_ und dem _Propheten_, die in ihnen ständig im Streite liegen. Bei keinem aber tragen die Werke selbst trotz aller Objektivität so sehr den Stempel des Persönlichen, wie bei Gogol, sind sie so sehr das treue Spiegelbild der eigenen geistigen Lebenskämpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde wird für das Verständnis dieser so komplizierten und originalen Persönlichkeit der Überblick über das Gesamtschaffen des Dichters zur Notwendigkeit.
Einen solchen Überblick soll die vorliegende Ausgabe ermöglichen. Es wurde dabei von einer chronologischen Anordnung der Werke abgesehen und eine solche nach fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die inhaltlich und formal zusammengehörigen Schöpfungen sollen hier auch zusammen erscheinen. Daß die Chronologie darüber nicht zu kurz kommt, dafür ist durch ausführliche redaktionelle Noten genügend gesorgt, die sich im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden zwei Bänden sind vor allem der Roman »Die toten Seelen« und drei einzelne Novellen vereinigt, die auch durch einen ideellen Zusammenhang miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beleuchten und erklären. Beide Bände führen den Leser sogleich auf den Gipfel des Gogolschen Schaffens und gewähren ihm einen großen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt seiner Dichtung. Die »Toten Seelen« sind das größte Prosawerk des modernen Rußlands und eines der Hauptwerke der humoristischen und satirischen Literatur überhaupt: ein grauenhaftes Bild der Korruption und der allgemeinmenschlichen und spezifisch russischen Verkommenheit. Daneben ein soziologisches Gemälde eines historischen Zeitalters, in dem der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert ist. Was aber dem Ganzen -- neben diesen wahrlich nicht geringen Vorzügen -- seinen Ewigkeitswert sichert -- das ist das Menschliche und Typische, das es in sich birgt: die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von der kulturell-zufälligen Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, wenn das Rangverhältnis der Triebe verkehrt, und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealität entblößt wird. Es ist der Gerichtstag über die moderne Kultur, die den _Erwerbstrieb_ sanktionierte und heiligte und das Denken und Trachten des modernen Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung der Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz nur in ihren Anfängen, in ihrer Entstehung beobachten können, aber er hat mit dem bewunderungswürdigen Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen dieser Erscheinung für das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die nivellierende und alles erstickende Trivialität eines auf das Bloßstoffliche gerichteten Wesens. Es gab keinen stärkeren Schilderer des _Gemein_menschlichen, Alltäglichen und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, der in den »Toten Seelen« das grandiose Symbol und in dem irrenden Ritter des Erwerbs Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -- den unsterblichen Typus für das Triviale und Mittelmäßige fand, das die große Masse unseres Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. -- Ein Gegenstück zu dem großen Gemälde der »Toten Seelen« ist die romantische Novelle »Das Porträt«, in der der Dichter die verheerenden Folgen desselben Grundtriebes für Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich ein erschütterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der »zwei Seelen«, in dem sich Gogols Leben aufzehrte; der einen, die von einem glühenden Drange nach dem Idealen ergriffen, sich in der Welt der Körper nie dauernd wohl fühlte, und der andern, die wie keine zweite mit dem Blick fürs Irdische begabt, das Auge nie von der Erdenwelt und allem Menschlich-Allzumenschlichen abzuziehen vermochte.
Eine ausführliche Analyse der in diesem Bande vereinten Dichtungen findet der Leser in der Einführung des bekannten Gogolforschers und Mitgliedes der Petersburger Akademie der Wissenschaften, Nestor Kotljarewski, die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine Gepflogenheit, der wir auch bei den folgenden Bänden treu zu bleiben gedenken.
Zum Schluß wage ich noch den Wunsch auszusprechen, daß der deutsche Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die freie Empfänglichkeit entgegenbringen möge, die das Werk eines Dichters beanspruchen kann, der zwar der Gegenwart nicht mehr angehört, doch aber lebendig in ihr wirkt, und dessen Schätzung in seinem Vaterlande mit dem zeitlichen Abstand nur noch steigt und in fortwährendem Wachstum begriffen ist.
_Charlottenburg_, den 24. Dezember 1908.
Dr. Otto Buek.
Einführung
I.
Gogols Roman »Die toten Seelen« nimmt in der russischen Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von künstlerischem Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein großes und treues Bild ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines großen Künstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergißt der russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persönlichen Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen, die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzählungen einzuflechten pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte Wahrheit auszusprechen über die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er lebt.
In diesem Sinne stellen die »Toten Seelen« ein künstlerisches Denkmal dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue Ära eröffnet.
In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts -- dem Zeitalter der sogenannten »Romantik« und des »Sentimentalismus« gab es für den russischen Dichter nur _ein_ Objekt, das ihn stetig beschäftigte, seine eigene Persönlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres für ihn als sein eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel seiner Phantasie. Er wußte vor allem davon zu erzählen, wie die gesamte Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein Verhältnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfährt jedoch dieses subjektive Verhalten des Künstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von nun ab geht das Streben des Künstlers vor allem darauf, das Leben so treu und vollständig als nur möglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln; das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren, um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu reproduzieren. Der Künstler sieht sein größtes Verdienst darin, seine eigenen Sympathien und Antipathien zurücktreten zu lassen und womöglich ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als möglich zu erfassen und restlos in sich aufzunehmen.
Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Künstlers zur objektiven Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhüllt ans Licht. Im »Revisor« und in den »Toten Seelen« besitzen wir zwei streng realistische Gemälde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus' I. So wurde Gogol zum Begründer der sogenannten »naturalistischen« Schule, die den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin sind alle russischen Künstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und gründlichen Studiums machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr objektiv doch zugleich künstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die Arbeitsmethode aller großen russischen Künstler; von Turgenjew, Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer Liebe bei _den_ Gestalten verweilte, die ihm selbst am nächsten standen; wenn er mitten hinein in die Gemälde realer Wirklichkeit rein persönliche Betrachtungen einflocht, und sich's erlaubte, eine Art Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor allem und in erster Linie ein großes und detailliertes Bild der lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es blieb stets die Hauptsorge des Künstlers: nicht seine persönlichen Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den Umriß des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte.
So wird es verständlich, welch einen gewaltigen Einfluß das Schaffen Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mußte. Der sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen lyrischen Herzensergießungen in Prosa traten immer mehr zurück, um den Raum für die Milieuerzählung -- für die realistische wirklichkeitstreue Novelle mit ihrem großen und weiten Horizont frei zu machen: für eine Prosaerzählung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte.
II.
Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen hatte, eine Annäherung zwischen Kunst und Leben herbeizuführen -- Nikolaus Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) -- war von Natur nichts weniger als ein nüchterner, kaltblütiger Beobachter, oder ein Mann von kritischem Verstande und einer Phantasie, die es versteht, ihre stürmischen Triebe zu bändigen.
Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele zur Welt gekommen, und doch wurde es seine Mission, der Dichtkunst reine Muster einer realistischen, kühlen und nüchternen Naturdarstellung zu schenken. In diesem Widerspruche liegt die ganze Tragödie seines Lebens beschlossen.
Gogol gehört unbedingt zu jener Gattung von Menschen, für die die Gegenwart nur ein Hinweis auf ein zukünftiges Ideal ist, und die ein starker Glaube an ihre providentielle Sendung beseelt.
Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn immer in eine andre Welt empor -- eine Welt der Vollkommenheit, in die er alles verlegt, was ihm wert und teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschütterlichen Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine ewige Liebe und eine jedem Wandel entrückte Wahrheit. Diese ideale Welt begleitet ihn durch das ganze Leben, sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der Finsternis. Überall und jederzeit findet er in ihr seinen Lohn oder seine Strafe und Verurteilung, _sie_ beschäftigt ununterbrochen seinen Verstand und seine Phantasie, und oft absorbiert sie seine Aufmerksamkeit so vollständig, daß sie ihn die Erde vergessen läßt; noch häufiger aber ist sie dem Menschen die einzige Stütze, die ihn aufrecht erhält bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und Formung des irdischen Daseins.
Was immer für Überzeugungen solch ein Mensch haben mag, stets wird er entweder hinter dem Leben zurückbleiben oder ihm weit voraneilen. Er vermag sich nicht zu ergeben und zu demütigen vor dem Unabwendlichen und Tatsächlichen. Immer fast wird er das reale Leben entwerten, und es gewöhnlich verachten. Er vergewaltigt seinen Begriff und seine Vorstellung von der Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt sich meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der Regel aber lebt er vom Vorgeschmack einer schöneren Zukunft: ein nüchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen bleibt ihm versagt, weil er diese Tatsachen stets im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in die Lebensprinzipien hineinzwängt, an die er glaubt, _entgegen_ allen Tatsachen. Er ist es nicht gewöhnt, sein Streben mit seinem Kräftevorrat in Einklang zu bringen, und er vermag es nicht, ängstlich und peinlich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeit an seinem Lebenswerke tätig zu sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht lösbar, zugleich aber kann ihm schon der kleinste Mißerfolg, wie er keinem erspart bleibt, das Gleichgewicht rauben und mißmutig machen. Er ist verliebt in jenen idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt hat, und darum wird es ihm so schwer, sich in die irdische Prosa hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches und notwendiges Erbteil unseres Lebens bildet.
Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen »Romantiker« zu bezeichnen, indem wir uns eines alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das Übergewicht des Gefühls über den Verstand, und der Schwärmerei über das Interesse des Augenblicks in der menschlichen Seele kennzeichnen soll.
Die ganze Tragödie des Menschen und des Schriftstellers Gogol besteht eben darin, daß der romantische Zug seines Geistes in einen Widerspruch mit seinem eigenen Schaffen geraten mußte. Er war ein _Romantiker_ mit allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. Er liebte es, sich in einer phantastischen Welt, in einer Welt der Sehnsucht und Erwartung zu bewegen, d. h. entweder beschönigte und schmückte er das Leben aus, indem er es in ein Märchen verwandelte, oder er stellte es sich vor, wie es gemäß seinen religiösen und sittlichen Begriffen sein sollte. Er litt furchtbar unter dem Zwiespalt, der ständig zwischen seinem Traume und dem klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang ihm nie, das Gefühl der Qual und des Sehnens durch eine gesunde Kritik am Bestehenden und Unabwendlichen zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und -- was die Hauptsache ist -- er hielt sich für berufen, das Herannahen dieses Ideals zu beschleunigen und seinen endgültigen Triumph auf Erden vorzubereiten. Er war nicht nur ein _träumender_, sondern auch ein _kämpfender_ Romantiker.
Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besaß Gogol eine wundersame Gabe, die das ganze Glück und die Schönheit, und zugleich das ganze Unglück seines Lebens ausmachte: er besaß die seltene Fähigkeit, die ganze Erbärmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit und den Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken und überall zu erkennen. All jene prosaischen Seiten des Lebens, die der Romantiker gewöhnlich absichtlich nicht beachtet, die er übersieht oder übersehen _will_, sie alle drängten sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach einer künstlerischen Verkörperung. Nur selten hat die Natur einen Menschen hervorgebracht, der von Natur ein solcher Romantiker und zugleich ein solcher Künstler in der Darstellung alles _Un_- und _Wider_romantischen war, wie Gogol. Es ist daher ganz natürlich, daß der Künstler bei einer solchen Spaltung und Zerklüftung seines Gemüts und einer schöpferischen Begabung zu schwerem Leiden verurteilt war, und sich nie von dem harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit dem Siege _einer_ dieser beiden Seelenkräfte endigen konnte: entweder mußte das Talent, das Leben in seiner nackten Prosa darzustellen, im Künstler das romantische Drängen seiner Seelen ertöten, oder die romantische Stimmung mußte umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst ersticken und zerstören.
Tatsächlich fand schließlich das Letztere statt: Gogols großes Talent zur realistischen Lebensschilderung erlosch, und er verwandelte sich immer mehr in den reinsten und aufrichtigsten Verkündiger religiöser und sittlicher Gedanken. Doch vor dem endgültigen Erlöschen leuchtete dieses realistische Talent noch einmal hell auf, um sich in den »Toten Seelen« zum letzten Male in seinem ganzen Glanze zu entfalten.
III.
Dieser Roman ist eine späte Frucht des Gogolschen Genies. Ein Werk, das erst nach einem langen Kampfe zwischen den romantischen Neigungen seiner Phantasie und seiner starken Begabung für die scharfe und treue Lebensbeobachtung vollendet werden konnte.
Schon in seinen ersten Novellen, den »Abenden am Weiler bei Dikanka« (1831-32), machten sich die ersten Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar. In diesen Novellen trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und der niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller Poet, der die alten Sagen und Legenden schöpferisch neugestaltete und belebte. Dieses früheste Werk läßt ganz deutlich eine Mischung beider Stile erkennen, wobei freilich der träumerisch-phantastische noch die Oberhand behält. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik vieler von den handelnden Personen ist in diesem Stile gehalten -- was Gogol freilich nicht hinderte, andere Personen und Situationen mit unverfälschter Schlichtheit und im Geiste einer wahren und echten Realistik darzustellen. In dieser Vermischung zweier Stile, wie in dem alternierenden Wechsel von Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen, zeigte es sich deutlich, daß das Schaffen des Dichters noch keine feste Richtung angenommen hatte, daneben aber kam darin der innere Kampf zum Ausdruck, der sich schon damals in des Künstlers Seele abspielte: der Idealismus des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit der starken Begabung des Realisten, der mit seinem Blicke die ganze Häßlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen durchdrang, welches er doch selbst in einem andern, höheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu deuten strebte.
Über diese hohe und ideale Bedeutung des künstlerischen Schaffens hat Gogol in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit sehr viel nachgedacht. Ihn beschäftigte damals ganz besonders das bei den Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der Träumer, der Idealist und der Künstler ganz notwendig auf sich nehmen muß, wenn ihn das Schicksal schonungslos zusammenstoßen läßt mit der häßlichen, unbarmherzigen Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem von Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgeführt in seiner Novelle »Das Porträt« (1834).
Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzählung von E. Th. A. Hoffmann. Sie behandelt das Seelendrama eines jungen Künstlers, der Verrat übt an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier in den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn stirbt, als er erkennt, daß er sein Talent zugrunde gerichtet hat. Der böse Genius dieses unglücklichen Künstlers ist ein phantastisches Porträt des Antichristen, das mit einer so realistischen oder vielmehr naturalistischen Kunst dargestellt ist, daß ein Teil der Seele des Antichristen in dieses Bildnis übergegangen ist.
Die Kunst soll dem _Ideale dienen_ und nicht der _Reproduktion des Wirklichen_ in seiner ganzen Nacktheit und Häßlichkeit -- dies ist der Grundgedanke dieser Erzählung -- deren Moral ebenso durch den tragischen Tod des Künstlers, der sich der Jagd nach dem Golde und der Mode ergab, wie aus dem verderblichen Einfluß des Porträts, zu uns spricht: dieses Porträts, das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war.
Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol von einem hohen, beinahe religiösen Glauben an die Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung vermochte doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhüllen, der immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm Leben besteht. Er sah den Abgrund, der zwischen diesen beiden Welten klafft, beständig vor Augen, und dieser Anblick hatte für ihn etwas Furchtbares und Schreckenerregendes. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu vergessen: sie liegt in der Erschütterung und in dem Verlust des seelischen und geistigen Gleichgewichts. Dies ist das Thema der beiden Erzählungen »Der Newski-Prospekt« und »Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen«.
Aber ganz allmählich vollzieht sich im Schaffen Gogols eine entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente nach, er unterwirft sich ihm, und geht zur Darstellung der Realität, der Wirklichkeit über; er beschönigt sie nicht und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie sie ist, in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von jeher so stark in die Augen stach. Und nun stößt er mit dieser gemeinen trivialen und schmutzigen Wirklichkeit auf dem Felde der Kunst zusammen, und da erhebt sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon im »Porträt« hingewiesen hat: dient die Kunst auch dann noch ihrer hohen Mission, wenn sie den Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und zwar so natürlich und lebendig zur Darstellung bringt, daß es fast den Anschein hat, als bleibe ein Stück von diesem Schmutz und diesem Laster auf dem Kunstwerk selber haften?
Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer nicht Widerstand bieten. So kam es, daß er seine Kunst immer mehr dem Leben annäherte. Diese Annäherung macht sich besonders stark fühlbar in der Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit seinen romantischen Erzählungen erschien, und die den Namen »Mirgorod« trägt.