Part 9
»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, ich beschwöre Sie. Ich habe nicht Ihre Verachtung verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen Sie sich aber auch in meine Lage. Ich muß für Sie wie für mich einstehen. Wenn ich Sie nicht grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich Ihnen selbst sogleich den Vorschlag machen, mit mir zu entfliehen … früher oder später würde Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann … Doch bevor ich an mein eigenes Glück denken durfte …«
Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und fest auf ihn gerichtet … Es ging nicht – er mußte schweigen.
»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind, Dmitri Nikolaitsch,« äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war es denn aber diese Überzeugung, die ich zu gewinnen gewünscht hatte, war ich deshalb hierhergekommen …«
»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«
»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! Ja, Sie hatten alles dies nicht erwartet – Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … Sie lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem auf.«
»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.
Natalia richtete sich auf.
»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle Ihre Worte schweben mir vor, Dmitri Nikolaitsch. Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne völlige Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie stehen mir zu hoch, Sie passen für mich nicht … Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen warten Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen Tag werde ich nicht vergessen … Leben Sie wohl …«
»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn so scheiden?«
Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb stehen. Seine flehende Stimme schien sie unschlüssig gemacht zu haben.
»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in mir etwas gebrochen … Ich kam hierher, redete mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie selbst sagten, es dürfe nicht sein. Mein Gott, als ich hierherging, nahm ich in Gedanken Abschied von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit – und was? Wen traf ich hier? Einen kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, daß ich nicht imstande wäre, die Trennung von meiner Familie zu ertragen? ›Ihre Mama gibt nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ Dies war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind Sie es, sind Sie es, Rudin? Nein! Leben Sie wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in diesem Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, nein, leben Sie wohl! …«
Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, die schon seit geraumer Zeit angefangen hatte, unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.
»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« rief Rudin Natalia nach. Sie gab nicht mehr acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause. Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum aber hatte sie die Schwelle überschritten, so verließen sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in Maschas Arme.
Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem Damme. Endlich raffte er sich zusammen, schritt langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. So etwas, dachte er, von einem achtzehnjährigen Mädchen! … Nein, ich kannte sie nicht … Ein außergewöhnliches Mädchen. Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; sie ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für sie fühlte … Fühlte? … fragte er sich selbst. Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und mußte alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, wie nichtig war ich im Vergleiche zu ihr!
Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang Rudin, die Augen zu erheben. Ihm entgegen kam, auf seinem bekannten Traber, Leschnew gefahren. Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen Gruß, lenkte dann, wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas weiter.
Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen, folgte ihm mit dem Blick, wandte nach kurzem Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte. Er fand ihn noch schlafend, ließ ihn nicht wecken, setzte sich in Erwartung des Tees auf den Balkon und zündete sich die Pfeife an.
X
Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager und als er hörte, daß Leschnew bei ihm auf dem Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ ihn zu sich bitten.
»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du wolltest ja nach Hause fahren.«
»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet … Spaziert allein auf dem Felde und das Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach und kehrte um.«
»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?«
»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich weiß selbst nicht, weshalb ich zurückgekommen bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst: ich empfand das Verlangen, noch etwas bei dir zu sitzen, nach Hause komme ich noch früh genug.«
Wolinzow lächelte bitter.
»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken, ohne zu gleicher Zeit auch an mich zu denken … He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe uns Tee.«
Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew begann von Landwirtschaft zu sprechen, von einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe zu decken …
Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel auf und schlug so heftig auf den Tisch, daß Tassen und Untertassen erklirrten.
»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft, es länger zu ertragen! Ich werde diesen Schöngeist fordern und mag er mich zusammenschießen, oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte Stirn jagen!«
»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt Leschnew, »wie kann man so schreien! Ich habe dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was ist dir?«
»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht gleichgültig anhören kann: alles Blut steigt mir zu Kopfe.«
»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn nicht!« erwiderte Leschnew, die Pfeife vom Boden aufhebend. »Denk nicht mehr daran! – Hol ihn der Teufel!«
»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort, indem er im Zimmer umherging … »ja! er hat mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er hatte mich stutzig gemacht; und wer konnte es auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn, diesen verdammten Philosophen, wie ein Feldhuhn über den Haufen schießen.«
»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat! Von deiner Schwester gar nicht zu reden. Eine bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir die Oberhand … wie solltest du an deine Schwester denken! Aber in betreff einer anderen Person, glaubst du, du werdest besser reüssieren, wenn du den ›Philosophen‹ tötest?«
Wolinzow warf sich in einen Sessel.
»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur fort von hier! Der Gram preßt mir hier das Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.«
»Du willst fort … das ist eine andere Sache! Damit bin ich ganz einverstanden. Und weißt du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach Kleinrußland und uns an Mehlklößen gütlich tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!«
»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?«
»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna nicht mit uns reisen? Bei Gott, das wäre herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen! Es soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es wünscht, werde ich ihr jeden Abend unter ihrem Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren, die Wege mit Blumen schmücken. Na, Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren sein; wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos hingeben und solche Wänste mit nach Hause bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird anhaben können!«
»Du treibst immer Scherz, Mischa!«
»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter Einfall von dir.«
»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder, »schlagen, schlagen will ich mich mit ihm! …«
»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute ganz von Sinnen!«
Der Diener trat mit einem Briefe in der Hand herein.
»Von wem?« fragte Leschnew.
»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin. Der Diener aus dem Laßunskischen Hause hat ihn gebracht.«
»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An wen?«
»An Sie.«
»An mich … gib her.«
Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig und las. Leschnew beobachtete ihn aufmerksam: ein eigentümliches, fast freudiges Erstaunen war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er ließ die Arme sinken.
»Was gibt’s?« fragte Leschnew.
»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte ihm den Brief.
Leschnew begann wie folgt zu lesen:
»Mein Herr Sergei Pawlowitsch!
Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, verlasse es für immer. Es wird Sie das befremden, zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, so zu verfahren; mich dünkt aber, ich müsse Sie von meiner Abreise benachrichtigen. Sie lieben mich nicht und halten mich sogar für einen schlechten Menschen. Ich beabsichtige nicht, mich zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. Meiner Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig und zudem unnütz, einem von vorgefaßten Meinungen befangenen Menschen das Unbegründete seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen will, wird mich entschuldigen, wer mich nicht verstehen will oder kann – dessen Beschuldigungen berühren mich nicht. Ich habe mich in Ihnen getäuscht. In meinen Augen werden Sie wie vorher als edler und ehrenhafter Mann dastehen; ich hatte aber gedacht, Sie würden es vermögen, sich über den Kreis, in welchem Sie auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht das erste und wohl auch nicht das letztemal, daß mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich reise ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie werden gestehen, daß dies ein durchaus uneigennütziger Wunsch ist, und ich gebe mich der Hoffnung hin, Sie werden jetzt glücklich werden. Vielleicht werden Sie mit der Zeit Ihre Meinung über mich ändern. Ob wir einander noch einmal wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe aber dennoch der Sie aufrichtig achtende
D. R.
~P. S.~ Die zweihundert Rubel, welche ich Ihnen schulde, werde ich Ihnen zustellen, sobald ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement, angekommen sein werde. Ich bitte noch, in Darja Michailownas Beisein von diesem Briefe nicht zu reden.
~P. S.~ Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: da ich unverzüglich abreise, hoffe ich, werden Sie gegen Natalia Alexejewna nicht meines Besuches bei Ihnen Erwähnung tun …«
»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, als Leschnew den Brief beendigt hatte.
»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun! Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu.
»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!«
Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar. Wolinzow erhob sich.
»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was dies alles bedeutet …«
»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt! Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«
»Woraus schließt du das?«
»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig, ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft leisten.«
»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines Mantels zurecht zupfend.
»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …«
Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins beunruhigte sie.
»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?«
»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«
Alexandra Pawlowna schwieg.
»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …«
»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um Abschied zu nehmen.«
Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.
»Wie – um Abschied zu nehmen?«
»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.«
»Verläßt sie?«
»Für immer; so sagt er wenigstens.«
»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …«
»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu stark gespannt, und sie ist – gerissen.«
»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts; Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«
»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen begonnen hatten.«
»Was ist das für ein Unternehmen?«
»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es, speziell für Sie Sorge zu tragen …«
»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken, auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich vermutlich Hungers sterben.«
»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf den Knien zu liegen?«
»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«
Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne, Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.«
Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot.
»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt hervor.
»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …«
Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.
»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«
Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu Alexandra Pawlowna.
XI
Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte, steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern … Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen, erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar sei.
Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte ihn.
Rudin begab sich zu ihr.
Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher. Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.
Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von ihrem Vorhaben unterrichtet sei.
Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!
»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn zu werden?«
»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu kennen, das wundert mich!«
Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu leiden.
Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich Wasser plötzlich in festes Eis.
»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.«
Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.
Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die klugen Köpfe!
»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen auch bald von hier fort.«
»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben, werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«
Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt in diesem Tone aus?
»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?« fragte er mit gewohnter Ziererei.
»Ja,« erwiderte Rudin trocken.
»Mißernte vielleicht?«
»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause verbracht habe.«
»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?«
»Heute nach Tische.«
»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens, wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie uns vielleicht hier noch treffen.«
»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend. »Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …«
»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der Zeit?« fragte sie.
Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene, emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen, steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt.
»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.
»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!«
Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten Phrasen …
Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen: wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett der Tombola, das nichts gewonnen hat.
Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf. Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin: solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man dich jetzt!
Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.
Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte sich zu ihm.
»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt … Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen, dies zu empfinden!«
Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.
* * * * *
Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.