Part 8
»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte Wolinzow.
»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich gekommen bin.«
»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten Sie nicht zu mir kommen können? Und dann erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male die Ehre Ihres Besuches.«
»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von Ehre zu einem Manne von Ehre,« wiederholte Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen volles Vertrauen …«
»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow, immer noch in derselben Stellung, mit finsteren Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die Spitzen seines Schnurrbartes drehend.
»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären hergekommen, das kann man aber nicht mit ein paar Worten abmachen.«
»Warum nicht?«
»Es ist noch eine dritte Person dabei im Spiel …«
»Eine dritte Person? und welche?«
»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.«
»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus nicht.«
»Sie wünschen …«
»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife reden!« unterbrach ihn Wolinzow.
Er wurde im Ernste böse.
Rudin zog die Brauen zusammen.
»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß Ihnen sagen – übrigens kommen Sie gewiß selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig die Achseln) – ich muß Ihnen sagen, daß ich Natalia Alexejewna liebe und mit Grund vermuten darf, daß auch sie mich liebt.«
Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch nichts; er trat ans Fenster und wandte Rudin den Rücken.
»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin fort: »wenn ich nicht überzeugt wäre …«
»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow: »ich zweifle durchaus nicht … Nun, dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was zum Teufel Sie bewogen hat, mit dieser Nachricht zu mir zu kommen … Was habe ich damit zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben, wer Sie liebt? Das ist mir unbegreiflich …«
Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen. Seine Stimme tönte hohl.
Rudin erhob sich.
»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, weshalb ich mich entschlossen habe, zu Ihnen zu kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen Neigung ein Geheimnis vor Ihnen zu machen. Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb bin ich gekommen; ich wollte nicht … wir beide wollten nicht Komödie vor Ihnen spielen. Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren mir bekannt … Glauben Sie mir, ich kenne meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; da es sich aber dennoch so gefügt hat, wären dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich gewesen? Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen auszusetzen, oder selbst nur einer solchen Szene wie der gestrigen bei Tische? Sergei Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«
Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, als koste es ihm Mühe, sich zu beherrschen.
»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich habe Sie gekränkt, ich fühle es … aber mißverstehen Sie uns nicht … Sie müssen begreifen, daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere Achtung zu beweisen, Ihnen zu zeigen, daß wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen. Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde jedem anderen gegenüber unstatthaft gewesen sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur Pflicht. Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser Geheimnis in Ihren Händen …«
Wolinzow lachte gezwungen auf.
»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, »obgleich ich, wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis zu wissen, noch das meinige Ihnen zu entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch darüber, wie über Ihr eigenes Gut. Erlauben Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß Ihr Besuch und der Zweck desselben Natalia Alexejewna bekannt ist?«
Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.
»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem Vorhaben nicht unterrichtet; weiß jedoch, daß sie meine Ansicht teilt.«
»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem Schweigen Wolinzow und begann mit den Fingern an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser, ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas … weniger Achtung für mich hätten. Die Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich von mir?«
»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: ich will, daß Sie mich nicht für einen hinterlistigen und schlauen Menschen halten, daß Sie mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können auch schon jetzt meine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, daß wir als Freunde voneinander scheiden … daß Sie, wie ehemals, mir die Hand reichen …«
Und Rudin näherte sich Wolinzow.
»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow, indem er sich zu Rudin wandte und einen Schritt zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles sehr schön, sogar erhaben, wir sind aber schlichte Leute, an Marzipan nicht gewöhnt, wir sind nicht imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig erscheint, dünkt uns zudringlich und unbescheiden … Was Ihnen einfach und klar vorkommt, ist für uns verwickelt und dunkel … Sie prahlen mit dem, was wir heimlich halten: wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen Sie mir: weder als meinen Freund kann ich Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen … Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst klein.«
Rudin ergriff seinen Hut.
»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er betrübt, »meine Erwartungen haben mich getäuscht. Mein Besuch war in der Tat etwas ungewöhnlich, ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow machte eine ungeduldige Bewegung) … Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon reden. Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht haben und nicht anders handeln konnten. Leben Sie wohl, und erlauben Sie mir wenigstens, daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die Lauterkeit meiner Absichten beteuere … Von Ihrer Verschwiegenheit bin ich überzeugt …«
»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow zitternd vor Zorn, »ich habe mich Ihrem Vertrauen in keiner Weise aufgedrängt; und Sie haben darum durchaus kein Anrecht auf meine Verschwiegenheit!«
Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch bloß die Arme auseinander, verneigte sich und verließ das Gemach, Wolinzow aber warf sich auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die Wand.
»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür Alexandra Pawlownas Stimme vernehmen.
Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und fuhr mit der Hand hastig über das Gesicht. »Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter Stimme: »warte noch etwas.«
Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra Pawlowna von neuem der Tür.
»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte sie, »willst du ihn sehen?«
»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.« Leschnew trat herein.
»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich auf einen Sessel neben dem Diwan nieder.
Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den Arm, blickte seinem Freunde lange, lange ins Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort für Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin hatte er nie vor Leschnew seiner Gefühle für Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren.
»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,« sagte Leschnew, als Wolinzow seine Erzählung beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten seinerseits war ich gefaßt; dies aber … Übrigens erkenne ich ihn auch hierin wieder.«
»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das ist ja geradezu eine Frechheit! Fast hätte ich ihn zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor mir prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen? Und zu welchem Ende? Wie kann man zu einem Menschen gehen …«
Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schwieg.
»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte Leschnew gelassen. »Du wirst mir’s nicht glauben, ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das hat so einen Anstrich von Edelsinn und Offenherzigkeit, und bietet einen Vorwand zum Reden, der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das eben brauchen wir ja, ohne dergleichen könnten wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat ihm aber auch recht brav gedient!«
»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher Feierlichkeit er hereintrat und seine Rede vorbrachte!«
»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen Rock zu, so tut er’s, als erfüllte er eine heilige Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten, wie er da wohl schalten und walten würde. Und der faselt dabei immer von Einfachheit!«
»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels willen, soll das etwa Philosophie sein?« fragte Wolinzow.
»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du hast recht – ist es in der Tat Philosophie – von der anderen ist es durchaus keine. Man darf doch nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last legen!«
Wolinzow blickte ihn an.
»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst du?«
»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen, weißt du – wir haben genug von ihm gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen anzünden, lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna herbitten … Wenn sie dabei ist, spricht sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie wird uns Tee machen.«
»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha, komm herein!« rief er.
Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte ihre Hand und drückte sie fest an seine Lippen.
* * * * *
Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen Stimmung nach Hause zurück. Er war ärgerlich auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes Betragen. An ihm bewährte sich: daß es nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein, eine Torheit begangen zu haben.
Reue marterte Rudin.
»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne, »mir den Gedanken eingeben mußte, zu diesem Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee! Habe mir nichts als Grobheiten geholt! …«
In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen Ungewöhnliches vor. Die Hausfrau selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und erschien auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, wie Pandalewski, die einzige Person, die Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer mit Mlle. Boncourt … Als sie mit ihm im Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als wenn seit dem gestrigen Tage ein Unglück über sie hereingebrochen wäre. Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen Rudin zu quälen. Um sich einigermaßen zu zerstreuen, machte er sich an Bassistow, unterhielt sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen, lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen und noch ungebrochener Glaubenskraft. Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für ein paar Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin war sie liebenswürdig, doch etwas zurückhaltend, bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die Nase und meist in Anspielungen … Sie war ganz Hofdame. In der letzten Zeit war sie scheinbar kälter gegen Rudin geworden.
Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes Köpfchen von der Seite betrachtend.
Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu warten. Gegen Mitternacht, im Begriff, sich auf sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen Zettel zusteckte. Er blickte sich um und sah ein junges Mädchen davoneilen, in welchem er Natalias Kammerjungfer erkannte. Auf seinem Zimmer angelangt, schickte er seinen Diener fort, öffnete den Zettel und las folgende von Natalias Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie morgen früh gegen sieben Uhr, nicht später, zum Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine andere Stunde vermag ich nicht zu bestimmen! Wir werden uns dort zum letzten Male sehen und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … Kommen Sie. Ein Entschluß muß gefaßt werden …
~P. S.~ Komme ich nicht, dann sehen wir uns nie wieder: dann werde ich Sie wissen lassen …«
Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel in den Händen herum, steckte ihn unter das Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder, konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche er suchte; sein Schlaf war unruhig und es war noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.
IX
Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin als Ort der Zusammenkunft bezeichnet, hatte schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, und seit der Zeit war er so geblieben. Nur an dem ebenen und flachen Grunde der Vertiefung, den einst fetter Schlamm überzog, sowie an den Überresten des Dammes konnte man erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es hatte daneben auch ein Edelhof gestanden. Auch dieser war schon längst verschwunden. Zwei riesige Fichten allein erinnerten noch an denselben; mürrisch zogen und rauschten ewige Winde durch ihr spärliches, hoch oben wachsendes Grün … Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen Missetat, die am Fuße dieser Fichten vollbracht worden sei, ja man wollte sogar vorher wissen, keine derselben werde fallen, ohne jemandem den Tod zu bringen; vor Zeiten habe dort noch eine dritte gestanden, sei aber vom Sturme umgestürzt worden und habe im Falle ein kleines Mädchen getötet. Die ganze Gegend um den Teich herum wurde als nicht geheuer betrachtet; wüste und kahl und dabei verwildert und düster sogar bei Sonnenlicht, erschien sie noch düsterer und verwilderter durch die Nähe des alten, längst abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. Einzelne graue Gerippe mächtiger Bäume ragten, finsteren Gespenstern gleich, über das niedrige Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: als wären es böse Greise gewesen, die sich da versammelt hätten und irgendeinen schlimmen Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen ein selten betretener Fußweg hin. Wer nicht dazu gezwungen war, vermied es, am Awdjuchinteiche vorüberzugehen. Natalia hatte mit Absicht diesen einsamen Ort gewählt, der vom Hause Darja Michailownas kaum eine halbe Werst entfernt lag.
Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin vor den Awdjuchinteich kam; es war aber kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte, weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel; mit Pfeifen und Heulen trieb der Wind sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln bedeckten Damme auf und ab zu gehen. Er war nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch auf, besonders aber nach dem gestrigen Zettel. Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt hätte, der ihn so mit gesammelter Entschlossenheit, mit auf der Brust gekreuzten Armen um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht hatte Pigassow, als er einst von ihm sagte, daß bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, der Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch ein Kopf immer sein möge, so fällt es dem Menschen doch schwer, durch ihn allein auch nur das zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht … Rudin, der kluge, scharfsichtige Rudin, war nicht imstande, mit Gewißheit zu sagen, ob er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, wenn er sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun mußte er, ohne den Lovelace zu spielen – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, einem armen Mädchen den Kopf verdrehen? Warum wartete er auf dasselbe mit heimlichem Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: Niemand läßt sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser Mensch.
Er schritt den Damm entlang, während Natalia geradeaus über das Feld, auf feuchtem Grase ihm entgegeneilte.
»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die Füße naß machen,« sagte Mascha, ihr Kammermädchen, kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr zu halten.
Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter, ohne sich umzusehen.
»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!« rief Mascha zu wiederholten Malen. »Selbst das ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht ist … Ein Glück, daß es nicht weit ist … Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie hinzu, als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins gewahr wurde, der malerisch auf dem Damme stand, »doch, warum steht denn der Herr so hoch, – besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.«
Natalia blieb stehen.
»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte sie und schritt zu dem Teich hinab.
Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert stehen. Einen solchen Ausdruck hatte er noch nicht auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen waren zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt, der Blick war fest, ja fast strenge.
»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich bin auf fünf Minuten hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß Mama alles weiß. Herr Pandalewski hat uns vorgestern belauscht und ihr von unserer Zusammenkunft erzählt. Er war immer Mamas Spion. Gestern rief sie mich zu sich …«
»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich! … Was hat Ihre Mama gesagt?«
»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht gescholten, nur Vorwürfe machte sie mir über meinen Leichtsinn.«
»Weiter nichts?«
»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher mit dem Gedanken vertragen, daß ich stürbe, als daß ich Ihre Frau würde.«
»Hat sie das wirklich gesagt?«
»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs willens wären, mich zu heiraten, daß Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten, was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens wäre sie selbst daran schuld: warum habe sie es erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen zusammenkomme … sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr erstaunt über mein unüberlegtes Betragen … Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was sie mir sonst noch sagte.«
Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast lautloser Stimme.
»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben Sie ihr geantwortet?« fragte Rudin.
»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte Natalia. »… Was beabsichtigen _Sie_ jetzt zu tun?«
»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin, »das ist hart! So rasch! … ein so unerwarteter Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?«
»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.«
»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?«
»Keine.«
»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche Pandalewski! … Sie fragen mich, Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf geht mir in der Runde – ich kann keinen Gedanken fassen … Ich fühle nur mein Unglück … ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig sind! …«
»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete Natalia.
Rudin begann wieder auf dem Damme auf und ab zu gehen. Natalia verlor ihn nicht aus den Augen.
»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?« fragte er dann.
»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.«
»Nun … und Sie sagten?«
Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.«
Rudin ergriff ihre Hand.
»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh, das Herz eines Mädchens ist wie lauteres Gold! Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in bezug auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung so entschieden geäußert?«
»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist überzeugt, daß Sie selbst nicht daran denken, mich zu heiraten.«
»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch habe ich das verdient?«
Und Rudin faßte sich am Kopfe.
»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir verlieren unnütz die Zeit. Denken Sie daran, ich sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen, ich weine nicht – ich kam, um mir Rat zu holen.«
»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?«
»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war gewohnt, Ihnen zu vertrauen, ich werde Ihnen vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches sind Ihre Absichten?«
»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich ihr Haus verschließen.«
»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie mir, sie werde die Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen müssen … Sie antworten aber nicht auf meine Frage.«
»Auf welche Frage?«
»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?«
»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin, »uns darein ergeben.«
»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt und ihre Lippen wurden bleich.
»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin fort. »Was ist dabei zu machen! Ich weiß gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich das ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich bin arm … Freilich, ich kann arbeiten; doch, wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den Zorn Ihrer Mutter ertragen? … Nein, Natalia, daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl nicht bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes Glück, von welchem ich geträumt hatte, ist mir nicht beschieden.«
Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus. Rudin trat an sie heran.
»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit Wärme, »weinen Sie nicht, um Gottes willen, martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«
Natalia erhob den Kopf.
»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann sie, und ihre Augen glänzten unter Tränen, »ich weine nicht über das, was Sie glauben … Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe … Wie? ich suche bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und Ihr erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! So also äußert sich durch die Tat Ihre Theorie von der Freiheit, von Opfern, welche …«
Ihre Stimme war gebrochen.
»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann Rudin bestürzt, »ich nehme meine Worte nicht zurück … nur …«
»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft fort, »was ich meiner Mutter geantwortet habe, als sie mir erklärte, sie würde mich lieber tot wissen, als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: ich gab ihr zur Antwort, daß ich lieber tot, als die Frau eines anderen sein wolle … Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch Recht gehabt: Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, aus Langeweile Scherz mit mir getrieben …«
»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre Ihnen …«, wiederholte Rudin.
Sie hörte aber nicht auf ihn.
»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum mußten Sie selbst … Oder glaubten Sie, auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich schämen, davon zu reden … es ist ja aber alles schon aus.«
»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm Rudin wieder das Wort, »wir wollen zusammen erwägen, welche Mittel …«
»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« unterbrach sie ihn, »wissen Sie aber wohl, wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe nicht für die Zukunft ein, reich mir die Hand und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich wäre Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem entschlossen! Doch vom Wort zur Tat ist’s weiter, als ich glaubte, und Sie haben jetzt Furcht, ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«
Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete Begeisterung Natalias hatte ihn bestürzt gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein Stachel für seine Eigenliebe.
»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« fing er an, »Sie können nicht verstehen, wie grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen; Sie werden begreifen, was es mich gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen auferlegte. Ihre Ruhe ist mir teurer, als alles auf der Welt, und ich wäre ein Elender, wollte ich zu meinem Vorteile …«
»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, »vielleicht haben Sie recht, und ich weiß nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft bitte ich Sie, wägen Sie Ihre Worte ab, sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als ich Ihnen sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, was dies Wort bedeutet: ich war zu allem bereit … Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion zu danken und mich zu verabschieden.«