Chapter 6
Eine Purpurschnecke reichet Ihm sodann das weite Meer, Und aus seiner Höhle steiget Basiliskus zu ihm her.
Und mit diesen Sechsen einet Er den König, der sich hebt, Und in roter Schminke scheinet, Wenn Merkur bei Sulphur lebt.
Diese böse Sieben reichet Klug dem Engel Luzifer, Der vor ihm im Dunkel schleichet, Als wenn er die Erde wär.
Diese Sieben formt zum Leibe Nun der Herr, die sonst getrennt, Gibt dem Adam sie zum Weibe; Lilith war das Weib genennt.
Adam! Adam! du mußt leiden, Dir ist bös ein Weib gesellt! Wer mag dich von Lilith scheiden, Die vom Herrn dir ward bestellt?
Schreiend, widergellend, keifend Eifert sie und widerbellt, Mit den tausend Augen schweifend, Die der Pfauenschweif enthält.
Und da heuchelt sie und schmeichelt In dem weichen Katzenfell, Und wenn er betört sie streichelt Kratzt und beißt sie den Gesell.
Nach der Belladonna weisend Er sie etwas giftig nennt, Bald auf seinen Wangen beißend Das Fünffingerkraut entbrennt.
Purpur und Zinnober weiset, Wie es mit der Wahrheit steht, Wenn der Basiliske gleißend Aus der falschen Schminke geht.
Ewig waren sie entzweiet, Sie erkannt ihn nicht als Herrn, Den Schemhamphorasch laut schreiend Flog sie in die Lüfte fern.
Da sprach Adam: "Herr der Geister, Lilith floh aus meiner Welt; Sie will nicht, daß ich als Meister Über sie sei aufgestellt!"
Gott ließ nun drei Engel reisen, Die sie fanden überm Meer; Sie zur Güte hinzuweisen, Machte sie den Engeln schwer.
Und nichts konnte sie erweichen, Daß sie zu dem Adam kehr, Und die Engel, daß sie schweige, Drohn zu stürzen sie ins Meer.
Da schwur sie, zur Qual alleine Sei geschaffen sie zur Welt, Zu der eignen Kindlein Peine Sei zum Leben sie bestellt.
Und der Herr sprach: "Ja, so bleib es! Doch, um sie zu bändigen, Sollen Kinder ihres Leibes Täglich hundert untergehn!"
Und seit diesen Fluch der Meister Ließ ergehen für ein Recht, Sterben täglich hundert Geister Aus der Lilith Urgeschlecht.
Um den Adam zu beschleichen, Gott sein Haupt in Schlummer senkt, Stiehlt die Rippe ihm, ein Zeichen, Daß der Mensch denkt und Gott lenkt.
Denn er war durch Schaden weiser, Scheute sich vor Luzifer, Und er geht Werke leiser, Will nun keine Erde mehr.
Und die Rippe wird zum Weibe; Heva hat er sie genennt, Sie war Fleisch von Adams Leibe, Und sie haben sich erkennt.
Ihre Locken zu den Seiten Flocht und schmückte ihr der Herr, Salbte sie, und tanzend schreiten Mußte sie zu Adam her.
Tausend Engel, sie zu preisen, Vor dem klaren Weibe gehn, Singend, spielend sie umkreisen Rings mit himmlischem Getön.
Und es tanzten rings den Reigen Sonne, Mond und Sterne fern Nach der Engel Harf und Geigen Vor der Braut des Erdenherrn.
Während seinen Segen beiden Reichet gütig nun der Herr, Zu der Mahlzeit sie zu leiten Eilten dann die Engel her.
Auf dem Tisch von Edelsteine Da die Hochzeitsspeisen stehen, Schenkend wohlgekühlte Weine Engel um die Tafel gehn.
Gott zeigt in dem Paradeise Einen Baum, der hoch aufstrebt, Spricht: "Die Frucht nehmt nicht zur Speise, Sie ist tödlich!" und entschwebt.
Da er von der Erde weichet, Von dem Herren zum Geschenk Raphael ein Buch ihm reichet, Daß er seiner Liebe denk.
Aller Schöpfung Heimlichkeiten In dem Buch verzeichnet stehn, Und die Engel aller Seiten Schleichen, in das Buch zu sehn.
Hinter seinem Rücken schreibet Ab das Buch der Samael, Luzifer ihn dazu treibt, Daß auch nicht ein Buchstab fehl.
Doch zu viel sitzt seinem Weibe Bei dem Buche der Gesell, Und sie schweift zum Zeitvertreibe Durch den weiten Garten schnell.
Und sie sieht zur ihr herreiten Auf dem ragenden Kameel, Der sie will zur Freiheit leiten, Stolz den hohen Samael.
"Wollet mich zum Baum doch leiten", Spricht er, "der im Garten steht, Der verboten ist euch beiden, Auf daß ihr euch nicht erhöht!
Aus des Buches Heimlichkeiten Hab ich heute eingesehn: Wer der Früchte ißt, wird schreiten Auf zu Gott, ja gleich ihm stehn."
Und geführet von dem Weibe Greift zum Baume Samael; Daß er ungetötet bleibe, Zeigt er essend ohne Hehl.
Und das Weib zum Baume greifet; Aber wehe! vor ihr schnell Zu der Erde niederschweifet Todesengel Azrael.
Sie gedacht in tiefem Leide, Daß sie nicht alleine sterb. "Sterben wir doch besser beide, Daß kein Weib ihn mehr erwerb."
Zu dem Mann ist sie geeilet, Der bei seinem Buche steht; Bis die Sünde er geteilet, Eher sie nicht von ihm geht.
Und der Herr sah es mit Neide, Und aus Adams Händen schwebt Weg das Buch, daß er mit Leide Seinen Blick zu Gott erhebt.
Und er schlug sein Haupt und weinte, In den Gichon-Fluß sich stellt, Und so jammerte und weinte, Daß er bis zum Haupt ihm schwellt.
Und der Schimmer seines Leibes Rostet und wird träg und schwer, Und es wird zum Fluch des Weibes, Daß mit Schmerzen sie gebär.
Gott stürzt sie vom Paradeise, Und sie stürzten ab, getrennt; In der Erde tiefstem Kreise Adam sich zuerst erkennt.
Erez Hattachtona heißet Sie und Welt im finstern Kern; Aber Luzifer beweiset Sich als einen guten Herrn.
Er schickt zu dem zweiten Kreise Adamah, den Erdgesell, Daß den Boden er aufreiße Und das Bergwerk ihm bestell;
Wo er hundert Jahre bleibet. Lilith drang da zu ihm her, Und mit diesem bösen Weibe Zeuget Zwerg und Riesen er.
Heva lebt im tiefern Kreise Mit dem Geiste Samael, Zeugt mit ihm in gleicher Weise Geister und Dämonen schnell.
Da bevölkert er die Kreise, Wie er wollte, Luzifer, Ließ er sie zur Arka reisen, Die die vierte Erde wär.
Und hier fanden sie sich beide, Und da sie sich hier erkennt, Ward geboren ihrem Leide Stolz ein Sohn und Kain genennt.
Und nun stiegen nach der Reihe Um drei Erden still einher Bis zur Tebhel alle dreie, Unsere Erde, unser Meer.
Adam hier ein Buch aufschreibet, Was er unten hat gelernt, Und was ihm erinnerend bleibet Aus dem Buch, das Gott entfernt.
Viel vom Bann und Glück der Geister Ihm die Eva auch erzählt, Wenig hat ihr starker Meister Samael vor ihr verhehlt.
Alles in das Buch er schreibet, Alles in dem Buche steht, Und das hohe Buch es bleibet Als er stirbt dem Sohne Seth.
Von dem Seth zum Tubalkaine Hat sich dann das Buch entfernt, Der die harten Eisensteine Daraus künstlich schmieden lernt.
Jubal lernt daraus der Geigen Und der Flöten süß Getön, Und aus seines Stammes Zweigen Alle Pfeifer auferstehn.
Und so steigt es immer weiter Von Geschlechte zu Geschlecht, Und auf seiner ewgen Leiter Stehen alle Künste recht.
Mündlich, schriftlich, stets erweitert Geht es durch die trübe Welt, Die es mit der Kunst erheitert, Mit Erkenntnissen erhellt.
Noah schrieb hinein die Reise Durch der Sündflut hohes Weh Und der Tiere Art und Weise, Ihrer Sprache A B C,
Und des Weines Zaubereien, Und wie man am Firmament Aus der Sterne klaren Reihen Menschliches Geschick erkennt.
Abram, daß die Kunst mög bleiben Die Gestirne zu verstehn, Wollte sie auf Körper schreiben, Die durch Feu'r und Wasser gehn.
Er schrieb sie zum Trost der Seinen Auf zwei Säulen himmelwärts, Eine von gebrannten Steinen Und die andre war von Erz."
So sprach Moles zu dem Meister, Der in hoher Freude steht, Daß die Weisheit aller Geister Nun in seinen Händen steht.
"Aber sag," spricht er zum Geiste, "Wie sich deine Mutter nennt?" "Heva," sprach er, "mit mir kreiste Durch den Vater Samael.
Und du selber, starker Meister, Stammest von der Lilith her; Dein Urvater, Adam heißt er, Und der Taufpat Luzifer.
In Ägypten hat verbreitet Sich dein mächtiges Geschlecht, Und durch deinen Vater streifte Es herüber ungeschwächt."
"He! mein Vater, he! wie heißt er?" Spricht nun Apo zum Gesell. "Amber, Amber, lieber Meister," Spricht der Hund, "doch ist's nicht hell!
Denn es mag die Heimlichkeiten, Die die Liebe zwirnt und dreht, Selbst der Teufel nicht entscheiden; Mancher erntet ungesät."
Also sprachen diese beiden, Bis es an dem Turme schellt, Apo zu den letzten Leiden Einer Kranken ward bestellt.
Und der Geist ward immer dreister: "Mach, daß sie das Sakrament," Sprach befehlend er zum Meister, "Nicht empfängt vor ihrem End!"
** Romanze XI: Biondetta in dem Theater
Schwarze Damen, schwarze Herren Wandeln durch Bolognas Straßen. Werden sie zur Leiche gehen? Wen bringt man so spät zu Grabe?
Doch kein Priester wird gesehen, Kreuz und Fahne nicht getragen; Alles strömet laut und rege, Und die schnellen Wagen rasseln.
Nicht zur Mette oder Vesper, Miserere, Salve, Ave, Auch zu keiner Totenmesse: Diese liest man nicht am Abend.
Nein, sie gehn zur letzten Ehre, Trauernd all in schwarzer Farbe, Was sie lieben anzusehen In die Runde des Theaters.
Denn die herrliche Biondette Wird der Bühne heut entsagen, Morgen dann den Schleier nehmen In der Kirche zu Sankt Claren.
Und der Schein unzähl'ger Kerzen Füllet leuchtend schon die Hallen, Und es lodern alle Herzen In unsichtbar schönen Flammen.
All die schwarzen Fraun und Herren, All die Diamanten strahlend Und die schwarzen Augen brennend Reihen blendend sich zum Kranze.
Bis lebendig alle Wände In viel tausend Herzen schlagen, Jeder Blick ein Aug muß treffen, Jeden Ton ein Ohr muß fassen.
So gleich einem Firmamente Mit viel guten Sternen flammend, Baut sich wundersam ein Tempel, Um Biondetten zu umfangen.
Da der Vorhang ruhig schwebet, Sonne, bist du aufgegangen, Leise Kühlung duftend wehet Um die sehnsuchtsheißen Wangen.
Liliensäulen sich erheben Eine Rosenkuppel tragend; Unter einem Blumentempel Steht Biondetta mit der Harfe.
Ach, sie war ein klarer Engel, Voll von lieblichen Gedanken, Einer frommen Jungfrau Seele An der Himmelspforte zagend.
Alles Licht zu ihr sich sehnet, Zu ihr alle Strahlen fallen, Alles schweigt und liebt und betet Recht in selgem Wohlgefallen.
Also schwieg die junge Erde, Da der Mensch, der Gottgeschaffne, In dem Kelch des jungen Lebens Sinnend schwankt und weint und lachte.
In ihr nur war alles Denken, In ihr alle Herzen schlagen, Mit ihr jedes Aug gesenket Oder freudig aufgeschlagen.
Nun erhebet sie die Rede, Und die tausend Hörer alle Fühlen ihrer Lippe Beben Still in freudigem Erwachen.
Züchtig sprach sie: "Hochgeehrte! Schonend habt ihr mich vor Jahren Aufgenommen in den Tempel, Habt geduldet mich seit Jahren.
Wollet heute auch in Ehren Eure Dienerin entlassen, Daß mich rein ein reinrer Tempel Aus der Künste Haus empfange.
Als ein Opfer will ich geben heut des äußren Lebens Fabel, Daß ich dann das innre Leben Morgen opfre am Altare!"
Und nun stieg des Tempels Schwelle. Mit Biondetten, einsam ragend Stand ein Fels in ödem Meere, Ein Marienbildlein tragend.
Rings die tausend Lichter blendend Sanken ein, die Diamanten Blickten schüchtern, ferne Sterne, An dem dunklen Firmamente.
Eine weite Dämmrung streckte Sich umher, und keine Schranken Schienen um den Fels zu stehen, Als nur liebende Gedanken.
Bei dem Bildlein saß Biondette In dem Scheine einer Lampe, In den weißen Arm gelehnet Schimmerte die goldene Harfe.
Schweigend glich das Volk dem Meere, Über dem ein Gott hinwandelt; Als ruht und wogt die Menge In Biondettens Sang und Harfe.
Und es sind des Meeres Wellen An der Jungfrau Lied gebannet, Weh und Wonne fluten, ebben, Wie sie will in allen Adern.
Hell auf meerumwogten Felsen Hebt sich über ewges Wasser Ein Marienbild; des Meeres Stern auf ihrem Haupte flammet.
"Meerstern, wir dich grüßen, Die durch Tränenwüsten Aus der sündedunkeln Zeit Einsam steuern müssen Zu den hellen Küsten Der gestirnten Ewigkeit."
Nächtlich steigt zur ihr Sirene, Opfert Perlen und Korallen, Singt auf mondbeglänzter Schwelle Zu kristallner Harfen Schalle:
"Jungfrau, laut verkünden Von des Himmels Bühnen Engel deine Herrlichkeit; Und aus Meeres Gründen Steigt, dich zu versühnen, Was da lebt in irdschem Streit."
Aber dunkle Wolken treten Vor den Mond, das weite Wasser Sträubt das Wogenhaar zu Berge Vor den tosenden Orkanen.
"Jungfrau voller Güte, Wie das Meer sich türme, Stehest du in Heiterkeit; Wie gefallne Blüten Schütten dir die Stürme Himmelssterne auf dein Kleid."
Ach, im zorngen Elemente Schwankt ein Schifflein notumklammert! Leuchte, leuchte, Stern des Meeres, Einer Mutter dich erbarme!
Ach, sie flehet nur zu retten Ihren Säugling, den umarmend An der Brust sie nährt zum Leben, Schwankend selbst im Untergange.
Dir, o Meerstern, weiht sie betend Den sie unterm Herz getragen, Nun zur Wogenwiege leget Aus den sichern Mutterarmen.
"Denk, o Mutter süße, Wie du durch die Wüste Unsern Herren trugst in Pein, Daß er für uns büße, Trank er deine Brüste, Sog er deine Milde ein."
Schon zerbricht des Sturmes Segel, Und der Blitze Feuerflagge Zucket einsam auf den Wellen, Wo das Schiff in Nöten schwankte.
Nieder zur der Gruft der Meere Sank das Schiff; es folgt dem Sarge Schwarz der Donner, ernstlich betend, Und der Blitze Leichenfackel.
Und es suchen kleine Sterne Einsam durch die dunklen Wasser Nach der Mutter, ach vergebens! Fromme Kerzen ihres Grabes.
"Jungfrau, Himmelstüre, In des Todes Gründe Senke deiner Strahlen Schein Und helleuchtend führe Aus dem Meer der Sünde Uns zum Quell des Lichtes ein!"
An dem Himmelsdome brennet Still des Mondes ewge Lampe; Zu dem Felsen rauscht Sirene, Einen Schatz im Arme haltend.
Denn sie trug das Kindlein flehend Zu dem steilen Felsenrande, Das die Mutter untergehend Legte in Mariens Arme.
Die, ein heller Stern des Meeres, Trägt den Scheiternden Erbarmen, Hat es sicher durch die Wellen In Sirenens Arm getragen.
Aus dem wilden Elemente Trug sie nun das Bild der Gnade Freudig aufwärts zu dem Felsen, Ganz in neuer Lieb erwallend.
Liebvoll löst sie ihre Flechten, Teilt die Locken sich am Nacken, Bildet draus am warmen Herzen Für das Mägdlein weich ein Lager.
Setzt sich an des Bildes Schwelle Mit dem süßen Wunderpfande Und spricht fromm: "O Stern des Meeres, Lasse mich dies Kind erlaben!"
Und nach ihren Brüsten wendet Sich das Kind und findet Gnade; Die es lebend hielt in Wellen, Gab barmherzig ihm die Amme.
Alle die keuschen Lebensquellen Über ihrem Herzen wallen, Muß sie süße Blicke senken Zu dem Kind in Mutterarmen.
Und dann singt sie; schlummerwebend Tönt das Lied und rauscht das Wasser, Und es wandeln Mond und Sterne Leise, daß das Kind entschlafe.
"Da der Morgen wiederkehrte, Lag ich in kristallner Kammer; Auf der weichen Purpurdecke Spielten goldne Sonnenstrahlen.
Und am Mittag wiegt Sirene Mich in glatten Muschelschalen, Und ich schlief bis sie mich weckte Mit Gesang und süßer Harfe.
Rötet Abendlicht die Welle, Trug sie mich in Mutterarmen Zu dem Bilde, für mein Leben Der Gebenedeiten dankend.
Wenn um Mitternacht die Sterne Sinnend in dem Meere schwankten, Flocht mir durch den Traum Sirene Ihrer Lieder heilge Schlangen.
Also in dem Land des Lebens Und in Andacht schon erwachsen, Nannte sie das Kind Biondette Ob der goldnen Flut des Haares.
Frühe lehrt sie mich zu schweben Auf des Tanzes Wunderbahnen, Früher noch die Blicke heben Und zu Gott die Händlein falten.
Und sie lehrt die junge Seele Sich erschwingen im Gesange Und mit Engeln auf der Töne Himmelsleiter freudig tanzen.
Aber endlich sprach Sirene: `Folge mir in meine Kammer; Fest ist schon in dir das Leben, Lerne nun, dich zu verwandeln!
Alles Leben lerne leben, Alle schöne Klage klagen, Alle Freude schön erheben, Alle Geister aufwärts tragen!
Alle Herzen sollen beben In dem Klange deiner Harfe! Bannen sollst du alle Seelen In die Kreise deines Tanzes!
Mit der Künste heilgem Zepter Schlage an das Herz der Sklaven, Die du in den Sinnen fesselst, Um im Geist sie zu entlassen!'
Also sprach zu mir Sirene, Hüllend mich in einen Mantel, Der sich wie der Leib der Seele Allgestaltend um mich faltet.
Nieder stieg ich. Tief im Felsen Tut sich auf ein bunter Garten, Rauschet, strömet Toneswellen Um das Eiland aller Farben!"
Also schwieg das Lied Biondettens. Neben ihr die kleine Lampe Ward zu einem Kranz von Sternen, Um das Bild Mariens strahlend.
Dies erhob sich leis vom Felsen Zu dem Himmel aufgetragen; Mit dem Felsen sank Biondette Knieend und die Harfe schlagend.
Und die wilden Elemente Schieden sich, sie zu empfangen; Es stieg aus dem öden Meere Einen Wunderinsel prangend.
Tonumflutet vom Orchester Trennte sich das Kunstgestade Von dem Garten des Parterres Und der Logen Glanzterrassen.
Auf den stillen Blumenbeeten Blinkt der Tau der Diamanten Und die stillen Tränenperlen In dem Blick der schwarzen Damen.
Und es stieg hoch überschwellend Melodie aus allen Schranken, Aus den Wänden tausend Kerzen, Aus dem Boden tausend Lampen.
Von Marien niederwehend Sank der himmelblaue Mantel, Schürzt sich feierlich zum Zelte In des Ölbaums grünen Armen.
Aus dem Zelte tritt Biondette, Eingeflochten ihre Haare, Stolz geschmückt mit milden Perlen, Edelstein und goldnen Spangen.
Schwer ein Schwert faßt ihre Rechte, Von der linken Schulter wallet Eine blutge Purpurdecke, Hüllend, was die Linke trage.
Und sie schürzt die Decke, sprechend: "Den durch Gott ein Weib geschlagen, Seht das Haupt des Holofernes, Seht die Decke seines Lagers!
Und so wahr der Herr uns lebet, Rein sein Engel mich bewahrte, Die ohn Sünde wiederkehret, Nur mit Freud und Sieg beladen!"
Nun tritt sie zurück zum Zelte, Das nach ihr hernieder wallet, Aber rings Gesang sich hebet, Freudig Flöt und Zimbeln klangen.
Jauchzend durcheinander wehten Alle Töne, und es schwangen Triumphierend sich die Chöre Wie ein Wald voll Siegespalmen.
Schneller, jubelnder und heller, Bis zu einer wilden Flamme, Die sich wieder selbst verzehrte, Bis zur stillen glühen Asche.
Da trat still einher Biondette Unter weißem Rosenkranze, Ihre Locken, goldne Flechten, Von der Stirn zum Gürtel fallen.
Um die zarten Glieder bebet Ihr ein schlichter, weißer Mantel, An des Gürtels Silberkette Hängt ein Brot und eine Flasche.
Ihrer Augen blaue Quellen Lassen Tränenperlen fallen In der Maienglöckchen Kelche An dem goldnen Knauf der Harfe.
Als die zarten Finger beben Durch der Saiten goldnen Garten, Blühen ihrer Lippen Nelken Und das Rosenfeld der Wangen.
Und sie sang ein Lied bewegend Von dem Tode eines Lammes, Das, die Schuld von uns zu nehmen, Starb in heilger Opferflamme.
Als schleiert sich in Nebel Oft der Mond; aus keuschen Strahlen Einen Heilgenschein sich webend, Weint er umd die trüben Tage;
Also tönt ein Schwan im Sterben, Der im Spiegel klarer Wasser Stumm sein Sternbild angesehen, Grüßt es scheidend im Gesange.
"Lebet wohl, ich will mich wenden Zum Gebirge; einsam wandelnd Will die reine Tochter Jephtas Weinen um die jungen Tage!
Weinen um den Schein des Lebens, Weinen um den Duft des Kranzes, Weinen, daß die Seele heller Scheine, als des Opfers Flamme!"
Und nun wendet sich Biondette Trauernd zu dem Felsenpfade, Der bald sichtbar, bald verstecket Aufsteigt an des Berges Rande.
Wo der Steg zu Tal sich wendet, Stand sie grüßend mit der Harfe, Ferne Sehnsuchtsklänge sendend Zu verlaßnen Frühlingstalen.
Rings die Hirtenflöten flehen, Und der Herden Glocken stammeln, Und die Abendlieder schweben Klagend aus der Büsche Schatten.
Sie geleitend steigt am Felsen Sonnenschein zum Untergange, In der Tritte Spuren senket Dämmerung den ernsten Mantel.
Aber schaut! Nun steht Biondette Hoch am dunklen Tor des Waldes, Niederkniet sie und singt betend In die Welt, die sie verlassen:
"Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienet einem Flittermonde!
Meine Tränen sollen wachsen, Daß sie mit den bittren Wogen Ganz mein Irdsches überwallen, Bis die Schuld ist hingenommen.
Aus dem Argen in die Arche Geh ich gleich der Tochter Noä, Kleide mich in schwarzer Farbe, Wie der Rabe ausgeflogen.
Kleide schwarz mich gleich dem Raben, Der als Bote ausgeflogen Und so traurig auf den Wassern Schwebte, bis sie abgeronnen.
Schleire mich in weißer Farbe Gleich der Taube, die als Bote Wiederkehrte mit dem Blatte, Das dem Friedensbaum entsprossen.
Sei gegrüßt, du Tag der Gnade! Durch den Friedensbogen Gottes Will ich zu den Vätern wallen Auf der Opferflamme Wolken!"
Aber in den Wald nun senket Sich die Sonne, und mit Flammen Scheint Biondetta rings umgeben, Schwarz geschleiert, nur ein Schatten.
Da der Wald im Glanze stehet, Schweigen rings die Flöten alle, Und ein Chor von Hörnern schwebet Klagend auf im Widerhalle.
Und das Volk lauscht tief beweget, Denn die Sonne widerstrahlend Spielet, die nicht auszusprechen, Lieder durch die goldne Harfe.
Und so stille war die Menge, Daß man hört die Tränen fallen Und die heißen Seufzer wehen Und die bangen Herzen schlagen.
Wie ein Kahn auf stillem Meere Mondumspielet träumend wanket Und der Fischer hingestrecket Schlummert ein in dem Gesange:
Also waren alle Schmerzen In Biondettens Lied entschlafen, Scheiden kann sie von den Herzen, Die in Wunderträumen wandeln.
Doch es treibt das Schiff zum Felsen Und füllt sinkend sich mit Wasser; Nacht ist's und der Mond bedecket, Und der Mann starb unerwachet.
Aber weh! nicht so die Schmerzen, Schlummernd, träumend im Gesange, Hier im süßen Schlafe starben, Wie der Fischer, Mond und Rachen.
Um Biondetten wird es heller: "Wehe, wehe, das sind Flammen! Feuer, Feuer, Helft! o helfet!" Schreiet alles im Theater.
"Feuer! Helfet!" schreit Biondette. -- "Stürzet das Gerüst zusammen, Ist sie nimmermehr zu retten": So erfüllt das Haus ein Jammer.
Nach den Türen, zu den Treppen Stürzen alle Herrn und Damen, Und die Menge des Parterres Will sich wogend überschlagen.
Bald in allen Fenstern stehen Hohe Leitern; Herrn und Damen Drängen sich, hinab zu klettern, Und hinauf die Herrn Soldaten.
Dieser will sein Liebchen retten Und faßt seine alte Base; Jener, der die Frau will heben, Wird umklammert von dem Manne.
Und die duftgen Cicisbeen Müssen gar zu harter Strafe Helfend auf und nieder klettern, Wie die nassen Katzen jammernd.
Denn den Fliehend entgegen Springen schon die Wasserstrahlen; Wer im Feuer nicht kann leben, Muß sich durch das Wasser baden.
Schreien, Weinen, Fluchen, Beten, Steigen, Klettern, Ohnmachtfallen, Trommelschlag und Brandtrompeten, Wagenrasseln, Glockenschlagen.
Und schon windet sich die Menge Kapuziner, Domnikaner Sich in braun, schwarz-weißer Kutte, Wassereimer eilig langend.
Doch die mutigen Studenten Springen jubelnd zum Theater, Stürmen die papiernen Felsen, Niederreißend rings die Lampen.
Oben an des Haues Decke Hört man schwere Äxte fallen, Sieht auch bald die Zimmrer stehen, Niederstürzend Fluten Wassers.
Und schon ordnet sich die Menge, Massen bilden sich und Straßen, Alles stehet, geht und kehret, Keiner hindert mehr den andern.
Aber unter den Studenten Achtet einer nicht der Flammen; Er hat gar ein wildes Wesen, Gleichet einem Salamander.
Und schon klagt man um den Helden, Den umkrachten alle Sparren, Doch er kehrt und trägt Biondetten In den dunklen, harten Armen.
Da er eilet in die Szene, Schreit die Jungfrau: "O erbarme Dich, Maria! Rette, rette Mich von ihm in Jesus Namen!"
Da springt von der offnen Decke Kühn ein Jüngling, wütend packet Er den Räuber von Biondetten, Doch der stehet ganz in Flammen.
Alle Glut zu ihm sich wendet, Und wie auch die Wasserstrahlen Auf ihn stürzen, wills nicht helfen, Und man hört ihn gräßlich lachen.
Und wie Wirbelwinde drehen Zu ihm hin sich alle Flammen, Die wie Haare um ihn wehen, Wenn er also gräßlich lachet.
Und so hat er lachend, brennend, Eine lange Zeit gestanden, Da das Feuer rings geendet, Und das Volk schrie laut: Mirakel!
Da ein Priester zu ihm sprenget Einen Strahl geweihten Wassers, Ward er, allen zum Entsetzen, Nur ein Häuflein dunkler Asche.
Und das Volk kniet ringsum betend. Von der Höhe des Theaters Sprach der Priester dann den Segen, Und es schallt ein lautes: Amen!
Fromme Litaneien betend, Ziehn die Mönche still gepaaret, Und die hilfreichen Gewerke Folgen betend aus den Hallen.
In des Hauses weiter Leere Schallet das Geträuf des Wassers; Rings die stummen Wachen stehen Bei dem wilden Schein der Fackeln.
Aber die Studenten stehen Staunend um das Häuflein Asche; Den die Flamme hat verzehret, War der beste Kandidate.
Er war Famulus des Lehrers, Und sie brechen aus in Klagen, Bis die rufenden Pedellen Sie zur Heimkehr laut ermahnen.