Roman einer Ehe

Part 2

Chapter 23,644 wordsPublic domain

»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. »Sagen Sie mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch nicht einen solchen Mann, wenn Sie abends allein durch die Alleen wandeln? Das wäre doch ein Unglück?«

»Kein Unglück ...« begann ich.

»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende.

»Aber ich kann auch irren ...«

Er unterbrach mich wieder.

»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich bin ihr für die Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß die Rede darauf gekommen ist! Und noch mehr als das, es wäre auch für mich das größte Unglück,« fügte er hinzu.

»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im geringsten verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, um den Tisch zum Abendessen decken zu lassen.

Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und auch alles um uns herum war stumm. Nur die Nachtigall schmetterte, so daß es durch den ganzen Garten schallte, doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie vorhin, sondern auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung; eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal vernehmen ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste Nachtigall verstummte für eine Weile, als lauschte sie der anderen, und ließ dann noch lauter und mächtiger ihre hellen Triller erschallen. Majestätisch und ruhig klangen diese Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche Welt. Der Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen zu legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten sich auf dem Gartenwege und verhallten. Am Fuße des Berges ließ jemand zweimal einen durchdringenden Pfiff erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum hörbar regte sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise; etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über die Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon gesagt worden war, zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, was zu sagen. Ich sah ihn an. Er richtete seine im Halbdunkel glänzenden Augen auf mich.

»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.

Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.

»Was?«

»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich seine Worte nach.

Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder verlegen. Mir kam immer wieder der Gedanke, daß ich ihm wehgetan hätte, als ich zugegeben, daß er alt sei; ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht, wie.

»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. »Meine Mutter erwartet mich zum Abendessen. Ich habe sie heute fast gar nicht gesehen.«

»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« sagte ich.

»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas kühl.

»Leben Sie wohl.«

Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles, was ich sehen und hören wollte.

Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund, fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe und wies mich manchmal zurecht. -- Aber trotz seiner Bemühungen, immer auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem, was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte meine Achtung vor ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter, mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich fand.

Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken. Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja, für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen, wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald dahinter, was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien, gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen. Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen, alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie einer der anderen gesagt hätte, daß ich ein schönes Gesicht habe, ich darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte:

»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß es Ihnen sagen.«

Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige, fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren nur seine Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an, alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden, die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen, die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte. Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute -- die Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen -- mit ganz anderen Augen ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte, waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder, unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben. Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab, war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit Glück erfüllend.

Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche, daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja wollte schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab.

Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke war sein Gedanke, und jedes Gefühl -- sein Gefühl. Ich wußte damals noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde.

III

Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja und ich eines Nachmittags in den Garten zu unserer Lieblingsbank im Schatten der Linden über der Schlucht mit der Aussicht auf die Wälder und Felder. Ssergej Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht, und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als unser Verwalter gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs Feld herauszukommen. Gegen zwei Uhr sahen wir ihn, wie er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ Pfirsiche und Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd an, legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir einen krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und saftigem Bast, der mir die Hand befeuchtete, fächelte damit Katja und fuhr in meiner Lektüre fort, blickte aber immer vom Buche auf und spähte nach dem Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute an den Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. Der Tag war heiß und windstill, es war schwül, die Wolken ballten sich zusammen und wurden immer schwärzer, ein Gewitter war schon seit dem frühen Morgen im Anzug. Ich war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, und die Sonne war in einen wolkenlosen Teil des Himmels getreten; nur an einem Ende des Himmels grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über dem Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, wurde ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack des Blitzes zerrissen. Es war klar, daß das Gewitter an diesem Tage nicht zur Entladung kommen würde, wenigstens bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: bald die langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen Wagen, bald die ihnen schnell entgegenfahrenden leeren; die Beine der auf ihnen stehenden Bauern zitterten, und ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken stiegen weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, sondern blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen Laube der Bäume des Gartens hängen. Etwas weiter, auf der Tenne, ließen sich die gleichen Stimmen und das gleiche Knarren der Räder vernehmen, und dieselben gelben Garben, die langsam längs des Zaunes vorübergefahren waren, flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen Augen zu ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen die Bauern sich wie die Ameisen regten. Vorne, auf dem staubigen Felde bewegten sich ebenfalls Wagen, waren ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An einem Ende wurde das Feld immer nackter und nackter, und die Streifen der mit Beifuß bewachsenen Raine traten darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom abgemähten Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich bückten und mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche Feld säuberte sich allmählich, und die Garben erschienen in hübschen, engen Reihen. Es war, als verwandelte sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst. Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen im Garten blieb davon verschont. An allen Seiten redete, lärmte und bewegte sich in diesem Staube, unter dieser sengenden Sonne das Arbeitervolk.

Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf dem Gesicht auf unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen glänzten so saftig auf dem Teller, unsere Kleider waren so frisch und rein, das Wasser im Kruge spielte und schillerte so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums Herz. -- Was soll ich machen? -- dachte ich. -- Ist es meine Schuld, daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses Glück den anderen mitteilen? Wie und wem soll ich mich und mein ganzes Glück hingeben? --

Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; der Staub auf den Feldern legte sich; die Ferne wurde beim schräg fallenden Lichte immer deutlicher und klarer; die Wolken hatten sich vollständig verzogen; auf der Tenne ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf, und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen fuhren, wohl zum letztenmal, unter lautem Geschrei der Arbeiter vorbei; die Weiber gingen mit den Rechen auf den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel laut singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch immer nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, wie er von der Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich tauchte in der Allee, an der Seite, wo ich ihn gar nicht erwartete, seine Gestalt auf (er war um die Schlucht herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den Hut in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten. Als er sah, daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, kniff die Augen zusammen und kam auf den Fußspitzen näher; ich merkte sofort, daß er sich in der eigentümlichen Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. Er war wie ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen ist; sein ganzes Wesen, vom Gesicht bis zu den Füßen atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche Ausgelassenheit.

»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? Gut?« flüsterte er, auf mich zugehend und mir die Hand drückend. »Mir geht es ausgezeichnet,« antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden, »ich bin heute dreizehn Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen und auf die Bäume zu klettern.«

»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden Augen blickend und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« sich auch mir mitgeteilt hatte.

»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd und ein Lächeln unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber Katerina Karlowna auf die Nase?«

Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, mit dem Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen hatte und ihr mit den Blättern über das Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.

»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« sagte ich im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; aber ich tat es gar nicht aus diesem Grunde: es war mir einfach angenehm, mit ihm so zu sprechen.

Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so leise gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den Teller mit den Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, als täte er es heimlich, ging zu Ssonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja wurde anfangs böse, aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein Spiel ersann, bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen mußten.

»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder wollen Sie selbst welche holen?«

Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir begaben uns zu dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns lachend nach und zupfte ihn am Mantel, damit er ihr ihre Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und wandte sich mit ernster Miene zu mir.

»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir, immer noch leise, obwohl niemand in der Nähe war, den er hätte wecken können. »Als ich nach all dem Staub, der Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete es gleich nach Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden Gartenveilchen, sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.«

»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich ihn, um die freudige Verwirrung zu verbergen, die seine Worte in mir weckten.

»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet. Je mehr man sie kennt, um so mehr liebt man sie.«

»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom Garten aus den Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich schämen, daß sie sich abmühen, während es mir so wohl ist, daß ...«

»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach er mich, indem er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die Augen blickte. »Das ist eine heilige Sache. Behüte Sie Gott davor, damit zu kokettieren.«

»Aber ich sage es doch nur _Ihnen_.«

»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?«

Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern sah man niemand (er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt). Ssonja lief fort, den Schlüssel zu holen; er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf den Eckpfosten, hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber.

»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von drüben. »Geben Sie mir den Teller.«

»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel holen,« sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden ...«