Roman einer Ehe

Part 1

Chapter 13,878 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Graf Leo Tolstoi

Roman einer Ehe

Deutsch

von

Alexander Eliasberg

O. C. Recht Verlag München

Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921

Viertes bis siebentes Tausend

Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig

Erster Teil.

I

Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste gestorben war. Den ganzen Winter verlebten wir, Katja, Ssonja und ich, auf dem Lande.

Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere Gouvernante, die uns alle großgezogen hatte, und die ich kannte und liebte, seit ich mich meiner überhaupt erinnere. Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir verlebten einen düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte die Schneewehen bis über die Fensterhöhe herangefegt; die Fenster waren immer vereist und undurchsichtig, und wir gingen und fuhren fast den ganzen Winter nicht aus. Nur selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. Alle hatten traurige Mienen, alle sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten oft, wenn sie mich und besonders die kleine Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. Im Hause ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer und Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war geschlossen, und es war mir unheimlich zumute, und ich fühlte mich zugleich hingezogen, in dieses kalte und leere Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege nach meinem Schlafzimmer vorbeimußte.

Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte noch im gleichen Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, in die Stadt zu übersiedeln, um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter bedeutete für mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl gesellte sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, daß ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch war, schon den zweiten Winter in der ländlichen Einöde nutzlos verbringen mußte. Kurz vor dem Ende des Winters steigerte sich das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich mein Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr öffnete und kein Buch in die Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, ich solle das eine oder andere beginnen, so antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann nicht!« In meinem Herzen regte sich aber die Frage: -- Wozu? Warum soll ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit unnütz dahingeht? Wozu? -- Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen.

Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden und hätte viel von meiner Schönheit eingebüßt, aber auch das interessierte mich nicht. Wozu? Für wen? Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser Einöde, in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen hatte. Gegen Ende des Winters nahm sich Katja, die um mich sehr besorgt war, vor, mich unbedingt ins Ausland zu bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten aber kaum, was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war und erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der kommen sollte, um die Vermögensverhältnisse zu klären.

Im März kam der Vormund.

»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als ich wie ein Schatten, müßig, ohne Gedanken und ohne Wünsche von Winkel zu Winkel irrte. »Ssergej Michailytsch ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, Maschetschka,« fügte sie hinzu. »Was soll er von dir denken? Er hat ja euch alle so sehr geliebt.«

Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit unserem verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er viel jünger war als dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine Ankunft alle unsere Pläne über den Haufen warf und uns die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde herauszukommen, war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt, ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie mir den Rat gab, mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, daß es mir schmerzvoller war, mich Ssergej Michailowitsch als jemand anderem von unsern Bekannten in ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich ihn, wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter an, bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit liebte, hatte er für mich noch eine ganz besondere Bedeutung infolge einer Bemerkung, die Mama einmal in meiner Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie mir einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar und sogar unangenehm erschienen. Mein Held sollte ganz anders aussehen: schlank, hager, bleich und traurig, aber Ssergej Michailytsch war schon in den Jahren, groß gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig; aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in meiner Erinnerung festgesetzt, und ich hatte mich noch vor sechs Jahren, als ich erst elf Jahre alt war und er zu mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen« nannte, zuweilen nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, wenn er mich plötzlich heiraten wollen würde. --

Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung außer den gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, eine Creme und eine Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch an. Ich sah ihn durchs Fenster in seinem kleinen Schlitten heranfahren; als er um die Ecke bog, eilte ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine Schritte, seine laute Stimme und die Schritte Katjas hörte, hielt ich es doch nicht aus und ging ihm entgegen. Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut und lächelte. Als er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige Zeit, ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich errötete.

»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, einfachen Art, vor Erstaunen die Arme spreizend und auf mich zugehend. »Kann sich denn ein Mensch so verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«

Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte sie herzlich und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich glaubte, er würde mir die Hand küssen und hatte mich schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine Stirn zu berühren, aber er drückte noch einmal meine Hand und sah mir mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die Augen.

Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte sich sehr verändert: war älter und brauner geworden und hatte sich einen Backenbart wachsen lassen, der ihm gar nicht stand; aber seine einfachen Manieren, sein offenes, ehrliches Gesicht mit den scharfen Zügen, die klugen, leuchtenden Augen und das freundliche, fast kindliche Lächeln waren noch dieselben.

Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu sein und war wieder zu einem altvertrauten Familienmitglied geworden, wie für uns alle, so auch für das Hausgesinde, das sich, was man seiner Dienstfertigkeit ansah, über seine Ankunft besonders freute.

Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach dem Tode Mamas zu uns kamen und es für nötig hielten, während der ganzen Dauer des Besuchs zu schweigen oder uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr redselig, lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen, so daß diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden Menschen mir zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam. Später begriff ich aber, daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit, sondern eine besondere Herzlichkeit bedeutete, und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken wir im Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten den Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und ich setzten uns neben sie; der alte Grigorij brachte ihm Papas alte Pfeife, die er aufgefunden hatte, und er begann wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen in diesem Hause!« sagte er, stehen bleibend.

»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte den Samowar zu und blickte Ssergej Michailytsch an, im Begriff, in Tränen auszubrechen.

»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?« wandte er sich an mich.

»Kaum,« antwortete ich.

»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben wäre!« sagte er, indem er mir still und nachdenklich auf die Stirne blickte. »Ich habe Ihren Vater immer sehr lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam mir vor, als wären seine Augen noch glänzender geworden.

»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte Katja. Sie legte eine Serviette auf die Teekanne, holte ihr Tuch aus der Tasche und fing zu weinen an.

»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte er noch einmal, sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine Spielsachen,« fügte er nach einer Weile hinzu und ging in den Salon. Als er fort war, sah ich Katja mit Tränen in den Augen an.

»So ein guter Freund!« sagte sie.

Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen tat mir wirklich warm und wohl.

Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während er mit ihr spielte. Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; dann hörten wir, wie er sich ans Klavier setzte und mit Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.

»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen Sie her, spielen Sie etwas.«

Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und in einem freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und ging auf ihn zu.

»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft bei dem Adagio der Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. »Wir wollen mal sehen, wie Sie spielen,« fügte er hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke des Salons zurück.

Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß es mir unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, daß ich schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam ans Klavier und spielte so gut ich konnte, obwohl ich mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte, daß er sich auf Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach ganz der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am Teetisch in mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, recht anständig. Aber das Scherzo wollte er mich nicht spielen lassen. »Nein, das werden Sie nicht gut spielen,« sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das, aber der erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so sehr, daß ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so angenehm, daß er, der Freund und beinahe Altersgenosse meines Vaters, zu mir ernst und wie zu seinesgleichen sprach, und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja ging mit Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben allein im Salon.

Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm angeschlossen hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich noch mit meinen Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und mein Vater erschien mir in diesen Erzählungen als ein einfacher und lieber Mensch, wie ich ihn noch gar nicht gekannt hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich besonders liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke und gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr der stets zu Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich einst gerne neckte und mir Spielsachen anfertigte, sondern ein ernster, einfacher und liebender Mann, dem ich unwillkürlich Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es war mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch eine gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich fürchtete für jedes meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst die Liebe verdienen, die er mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, weil ich die Tochter meines Vaters war.

Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sie sich zu uns. Sie beklagte sich über meine Apathie, von der ich selbst nichts gesagt hatte.

»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er lächelnd und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es ist sehr langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir schien in jenem Augenblick nicht nur, als müßte meine Langeweile vorübergehen, sondern als wäre sie schon vorübergegangen und würde niemals wiederkehren.)

»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen kann,« sagte er. »Sind Sie denn ein Fräulein?«

»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend.

»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann lebendig ist, solange man es bewundert, und das den Mut sinken läßt und zu nichts mehr Lust hat, sobald es allein geblieben ist; alles nur als Schauspiel für die anderen, und nichts für sich selbst.«

»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur um etwas zu sagen.

»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst sehen Sie Ihrem Vater ähnlich. _Es steckt etwas in Ihnen_ ...« Sein freundlicher, aufmerksamer Blick schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige Verlegenheit.

Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment lustig scheinenden Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein eigentümlichen Blick, der anfangs heiter schien und dann immer forschender und sogar etwas traurig wurde.

»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er. »Sie haben Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben, Ihre Bücher, Ihr Studium, Sie haben ein ganzes Leben vor sich, auf das Sie sich nur jetzt vorbereiten können, um es später nicht zu beklagen. Nach einem Jahr wird es schon zu spät sein.«

Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel, und ich fühlte, daß er sich fortwährend die Mühe gab, sich wie meinesgleichen zu geben. Es kränkte mich, daß er auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war mir zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein anderer zu erscheinen.

Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche Dinge.

»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem er sich erhob, auf mich zuging und meine Hand ergriff.

»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja.

»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der Hand haltend. »Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß unser anderes Gut), um dort alles festzustellen und, soweit ich kann, in Ordnung zu bringen, dann in meinen eigenen Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns wiedersehen.«

»Warum verlassen Sie uns für so lange? ...« sagte ich furchtbar traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag zu sehen, und es wurde mir plötzlich so trist und bange zumute, daß meine Schwermut wiederkehren sollte. Wahrscheinlich war das auch in meinem Blick und in meinem Ton zu lesen.

»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und fangen Sie keine Grillen,« sagte er mir, wie es mir schien, in einem viel zu kalten und gleichgültigen Tone. »Im Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er hinzu, meine Hand loslassend, und ohne mich anzublicken.

Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es sehr eilig, seinen Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken. -- Umsonst gibt er sich solche Mühe! -- dachte ich mir. -- Glaubt er denn wirklich, es sei mir so angenehm, daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein sehr guter Mensch ... aber das ist auch alles. --

Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht einschlafen; wir sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern davon, wie wir den Sommer verleben und wie und wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die schreckliche Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn. Es erschien mir so einfach und so klar, daß man leben müsse, um glücklich zu sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück erwarte. Als wäre unser altes, düsteres Gutshaus von Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben erfüllt.

II

Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut war vergangen und an ihre Stelle die träumerische Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher Hoffnungen und Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu Beginn des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und beschäftigte mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging oft in den Garten und irrte lange, lange allein durch die Alleen oder saß auf einer Bank, und Gott allein weiß, was ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf ich hoffte. Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen schlich ich mich leise, damit es Katja nicht höre, bloß mit der Nachtjacke bekleidet, in den Garten und lief über das taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal gelangte ich sogar ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein den ganzen Garten.

Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals meine Phantasie beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. Wenn ich jetzt sogar daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, daß es wirklich meine Träume gewesen seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.

Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen hatte, von seiner Reise zurück.

Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn gar nicht erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und schickten uns an, Tee zu trinken. Der Garten war schon dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten während der Petrifasten die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche sahen so aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert. Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub der Birkenallee war im Scheine der untergehenden Sonne ganz durchsichtig. Auf der Terrasse lag ein frischer, kühler Schatten. Das Gras erwartete reichlichen Abendtau. Im Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; der närrische Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege vor der Terrasse auf und nieder, und der kalte Wasserstrahl aus seiner Gießkanne schwärzte die aufgewühlte Erde an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen Tischtuch der blank geputzte Samowar, standen Sahne, Brezeln und Gebäck. Katja spülte als sorgsame Hausfrau mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte nach dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten konnte und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich hatte eine Leinenbluse mit offenen Ärmeln an, und meine feuchten Haare waren mit einem Tuch umwunden. Katja hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.

»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben doch soeben von Ihnen gesprochen.«

Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, er kam aber gerade in dem Augenblick, als ich schon in der Türe war.

»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« sagte er lächelnd, mit einem Blick auf meinen mit dem Tuche umwundenen Kopf. »Vor Grigorij genieren Sie sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so gut wie Grigorij.« Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, als sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen könnte, und ich wurde verlegen.

»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.

»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. »So sehen Sie doch ganz wie eine junge Bäuerin aus.«

-- Wie seltsam hat er mich eben angesehen, -- dachte ich mir, während ich mich oben umzog. -- Nun, Gott sei Dank, daß er gekommen ist: jetzt wird es wieder lustiger werden! -- Ich warf noch einen Blick in den Spiegel, eilte lustig die Treppe hinunter und kam außer Atem, ohne irgendwie zu verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte, auf die Terrasse. Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere Vermögensverhältnisse. Er sah mich lächelnd an und fuhr in seinem Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach seinen Worten im besten Zustande. Wir müßten jetzt nur noch den Sommer auf dem Lande verbringen und könnten dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung zu sorgen, oder ins Ausland gehen.

»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen wollten,« sagte Katja. »Allein würden wir uns dort so einsam wie in einem Walde fühlen.«

»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die Welt machen!« sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.

»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine Reise um die Welt.«

Er lächelte und schüttelte den Kopf.

»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte er. »Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie die Zeit verbracht haben. Haben Sie denn wieder Grillen gefangen?«

Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben, und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als Katja meine Worte bestätigte, lobte er und liebkoste mich mit Worten und Blicken, als ob ich noch ein Kind wäre, und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm wie in der Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit erregen konnte. Der Abend war so schön, daß wir auch nach dem Tee auf der Terrasse blieben, und das Gespräch fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte, wie ringsum allmählich alle menschlichen Laute verstummten. Von allen Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das Gras, eine Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch zu schmettern und verstummte, als sie unsere Stimmen hörte; der gestirnte Himmel senkte sich gleichsam auf uns herab.

Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine Fledermaus lautlos unter die Leinenmarkise der Terrasse geflogen kam und mein weißes Kopftuch zu umflattern begann. Ich drückte mich an die Wand und wollte schon aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und schnell, wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus und verschwand im Halbdunkel des Gartens.

»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch unterbrechend. »Ich könnte mein ganzes Leben hier auf dieser Terrasse sitzen.«

»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte Katja.

»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie wären doch ein vorzüglicher Ehemann.«

»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina Karlowna, wir beide heiraten nicht mehr. Man hat schon längst aufgehört, mich für einen Menschen zu halten, den man verheiraten könnte. Ich selbst denke erst recht nicht daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich mich wirklich wohl.«

Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich und affektiert.

»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie schon das Leben hinter sich haben,« versetzte Katja.

»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen Wunsch, still zu sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber etwas anderes. Fragen Sie mal sie,« fügte er hinzu, mit einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche müssen heiraten. Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«

Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer und Erregung, die mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; Katja und ich versetzten kein Wort.

»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf seinem Stuhle umdrehend, »das Unglück wollte es, daß ich mich mit einem siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, zum Beispiel mit Masch... mit Marja Alexandrowna. Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue mich, daß es so gut paßt ... es ist das allerbeste Beispiel.«

Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er sich so freute und was da so gut paßte.

»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« fuhr er fort, sich scherzend an mich wendend, »wäre es denn für Sie kein Unglück, Ihr Leben an das eines alten, abgelebten Mannes zu binden, der nur noch ruhig sitzen will, während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«

Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was darauf zu antworten.