Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen
Chapter 8
Frau Peters war verdutzt: »Kampf der Geschlechter?« »Die Moderne?« Sie ahnte nicht, was das zu bedeuten hatte, und wollte doch den Herrn Rittmeister nicht fragen, aus Furcht, ungebildet zu erscheinen. So beschloß sie, zu warten und von ihrem Manne Aufklärung über die Sache zu verlangen.
* * * * *
Brand hatte seinen Besuch bei Madame Amélie bis zur letzten Stunde vor ihrer Abreise verschoben. Da bedurfte die Scheidende am nothwendigsten seines stärkenden Zuspruches. Er wollte noch einmal an ihren Stolz appelliren und die Hoffnung aussprechen, daß sie im Bewußtsein ihrer geretteten Würde Ersatz finden werde für ihr zweifelhaftes und immer bedrohtes Glück.
Als er sich um halb acht Uhr Morgens dem Hause näherte, sah er einen mit Koffern beladenen Landauer davor stehen. Sollte das der für Madame Vernon bestellte Wagen sein? Nicht zu denken! Der Pariser Zug geht erst wenige Minuten vor Neun ab, sie wird doch nicht eine geschlagene Stunde im Wartezimmer sitzen wollen. Indessen erschien aber ihr Stubenmädchen und reichte dem Kutscher eine umfängliche Hutschachtel auf den Bock hinauf. Kein Zweifel mehr -- die seelenstarke Frau hatte Eile, ihren heroischen Entschluß auszuführen und ihr häusliches Domicil, diese Brutstätte des Unheils für Andere, des moralischen Unterganges für sie selbst, zu verlassen.
Brand trat unter das Hausthor, und im selben Augenblick kam die große Modistin ihm aus dem Treppenhause entgegen. Sechs ihrer Damen geleiteten sie, einige vergossen Thränen, andere schienen mühsam, aber heldenmüthig einen großen Schmerz niederzukämpfen. Amélie blieb stehen, ihr Gefolge umdrängte sie, ihre Hände wurden ehrfurchtsvoll gepreßt, stürmisch geküßt. Sie dankte mit Rührung und Grandezza für jedes Liebeszeichen.
Ein Gymnasiast, der eben vorüberging, weidete sich ein Weilchen an dem Anblick und rief: »Die reine Maria Stuart vom Burgtheater.«
Brand schob den kecken Jüngling zur Seite, näherte sich Madame Amélie mit erhobenem Hute und beglückwünschte sie: »Sie sind Ihrem Entschlusse treu geblieben, Madame, sehen Sie, es geht auch ohne Eid. Meine Hochachtung, Madame.«
Sie war merkwürdig verlegen, ja bestürzt: »Ach, oh -- diese Liebenswürdigkeit! diese Güte!... Ich hätte wirklich nicht erwartet ... daß Sie so früh ...«
»Nicht erwartet? -- Da ich Ihnen doch versprochen hatte ... Ich glaube fast, ich komme Ihnen ungelegen,« scherzte er.
Sie protestirte, und er ergriff ihren Arm und half ihr in den Wagen steigen. Dabei that er einen Blick in das Innere des Gefährts ... Alle Teufel! eine Ecke war schon besetzt, sehr dick und breit durch einen schönen Mann mit weiß und rothem Gesicht, mit schwellenden Lippen. Brand kannte das Lächeln, das höhnische und ängstliche Lächeln, zu dem sie sich in diesem Augenblicke verzogen. Entrüstet warf er den Wagenschlag zu. Amélie, schamroth und verwirrt, beugte den Kopf und machte eine um Verzeihung flehende Gebärde. Der Kutscher trieb die Pferde an.
Glückliche Reise, Unglückliche! Sie nimmt den Elenden mit -- auf die Flucht vor ihm. O die Weiber, die Weiber!
Fast hätte Dietrich es laut ausgerufen. Die Damen unter dem Thor waren indessen von toller Lustigkeit ergriffen worden, schnatterten und lachten, daß es ein Vergnügen gewesen wäre, ihnen zuzuhören, wenn die Immoralität dieses Gelächters ein Vergnügen hätte aufkommen lassen. Unter der Anführung Fräulein Juliens, die im Bewußtsein ihrer Regentschaftswürde um zwei Zoll gewachsen schien, hüpften und tanzten die Frauenzimmer die Stiege wieder hinauf. Mißbilligend sah Brand ihnen nach.
Beim Abschied und nach dem Abschied muß man euch sehen, ihr falschen Kröten! dachte er. Alsbald aber regte sich sein Gerechtigkeitsbedürfniß und veranlaßte ihn zu allerlei Erwägungen und zu der Frage: »Machen wir Soldaten es nicht im Grunde ebenso? Mit Trauerklängen begleiten wir den entschlafenen Kameraden zur letzten Ruhestätte -- mit klingendem Spiele marschiren wir hinweg von seinem Grabe.«
Der Vergleich hinkt freilich wie jeder Vergleich. Übrigens sei es wie es wolle -- mit Weibererziehung gedachte Brand sich vorläufig wenigstens nicht mehr zu befassen.
Sophie war bei dem theatralischen Abschied der Principalin nicht erschienen: Dietrich traf sie unterwegs, und sogleich fiel ihre Blässe und ihre sorgenvolle Miene ihm auf. »Was ist Ihnen,« sprach er sie an. »Sie sehen bekümmert aus.«
»Das bin ich auch. Georg ist in der Nacht von heftigem Fieber ergriffen worden, und ich habe den Arzt rufen lassen, ihn aber nicht erwarten können.«
»_Ich_ will ihn erwarten und Ihnen Botschaft ins Atelier bringen,« sagte Dietrich.
»Nicht selbst,« erwiderte sie rasch, »schicken Sie mir Nachricht. Ich bitte.« Sie machte eine flehende Gebärde, nickte ihm zu und eilte davon.
In der Wohnung angelangt, wurde Dietrich von Klein-Annerl begrüßt.
»Weißt Du was?«« rief sie, »nimm heute mich mit auf die Reise. Georg bleibt da, er ist eingeschlafen.«
Und so war's. Auf einem Sessel in der Fensterecke, mit seinem Hütchen auf dem Schoße, zum Ausgehen bereit, war er in Schlaf gesunken. Sein Kopf hing tief herab auf die Brust, sein Athem ging unhörbar leise. Er war sehr gewachsen in der letzten Zeit, die Ärmel seiner Jacke reichten kaum noch bis zu den schmalen Handgelenken. Wie glichen seine Hände denen seiner Mutter, wie farblos aber und wie abgezehrt waren sie!
Dietrich stand lange vor ihm, ehe er erwachte, plötzlich auffuhr und in das Gesicht des Freundes blickte.
»Lieber Herr Rittmeister, guter Herr Rittmeister,« sagte er freudig, und seine Augen leuchteten.
Das war die erste Liebeserklärung, die Brand von dem Kinde zu hören bekam. Sie erhellte ihm die Seele bis auf den tiefsten Grund, doch that er, als ob er nichts Neues und Merkwürdiges an ihr fände, und fragte: »Wie geht's? Wie fühlst Du Dich? Wollen wir heute in die Berge?«
»In die Berge, ja, ja, in die Berge,« wiederholte das Kind, erhob sich, wankte und fiel besinnungslos in Dietrichs Arme.
Er und Pauline brachten ihn zu Bette und labten ihn. Der Arzt, der bald darauf erschien, fand ihn noch in halber Betäubung, sprach sich nicht aus, wollte am Abend wiederkommen. Da war Sophie schon zu Hause, und für sie hatte er nur Worte des Trostes und der Beruhigung. Zu Brand sagte er aber schon am nächsten Tage im Vertrauen:
»Wir schwanken auf einem schmalen Brette über dem Abgrund.«
Und es wurde ein langes, langes Schwanken, eine schwere, schleichende Krankheit. Sie fraß allmählich die physischen Kräfte des Kindes auf, konnte aber seiner Intelligenz, seiner Phantasie, seiner Güte, allen liebenswürdigen Eigenschaften, die ihn beseelten, nichts anhaben. Sie kamen vielmehr erst recht zu Tage, jetzt, da seine Scheu, zu äußern, was er fühlte, gewichen war.
»Nur nicht aufregen,« warnte der Arzt, »dämpfen! Zerstreuung braucht er jetzt nicht, langweilen soll er sich.«
Aber leider langweilte Georg sich nie; Alles interessirte ihn, ein Schatten, der an der Mauer hinglitt, ein Baumblatt, das durchs offene Fenster hereinflog, gab seinem Geiste überreichen Stoff zu rastlosem Denken und Sinnen.
Einmal erfuhr er einen großen Schmerz. Der Arzt hatte den Rath gegeben, Annerl fortzubringen aus der Nähe des Kranken, und es wurde beschlossen, sie der treuen Obhut der Frau Peters anzuvertrauen. Als diese kam, um ihre Schutzbefohlene in Empfang zu nehmen, brach Annerl beim Abschiede von ihrem Bruder in heiße Thränen aus. Sie war aber kaum in die Küche getreten, wo Dietrich Peters von seiner Mutter deponirt worden war, als man sie auch schon fröhlich lachen und ihn begrüßen hörte.
Georg richtete sich im Bette auf bei diesem Freudenausrufe. »Jetzt ist sie glücklich, wenn sie nur glücklich ist, die Kleine,« sagte er, kehrte sich mit dem Gesichte gegen die Wand -- und weinte ganz leise.
Bei einem Haar hätte Brand mitgeweint, so nahe ging ihm das Leid, das seinem lieben Jungen widerfuhr. Aber zwischen dem, was sich an weichen Empfindungen in einem Manne regt und dem, was von ihnen zu Tage kommt, liegt eine Welt des Unausgesprochenen. Brand hielt sich immer im Zaume, verrieth nie eine Schwäche und pflegte eifrigst das Talent zur erziehlichen Krankenwartung, das er in sich entdeckte. Dazu gehörte unter Anderem auch eine ganz vortreffliche, originelle Erzählungsgabe, von der Dietrich bisher nichts geahnt hatte. Kein brutales Vorbringen all' dessen, was Einem eingefallen ist, nein, ein Erfinden während des Erzählens, und dabei ein fortwährendes Beobachten des Eindrucks, den dieses hygienische Fabuliren hervorbringt. Der Eindruck, den es macht, ist seine Muse, sein Stachel und Zügel: er lehrt: jetzt darfst du steigern, spannen, und jetzt mußt du nachlassen, wohlthuend und sanft, und jeden Mißton auflösen und verklingen lassen in Frieden und Harmonie.
Das konnte Brand, das hatte er gelernt, das hatte die Liebe zu seinem lieben Jungen ihn gelehrt. Und was nicht Alles noch! Die Anordnungen des Doktors befolgte er gewissenhaft, aber gegen seine Diagnose erhob er Einwendungen:
»Es ist eine Entwicklungskrankheit, glauben Sie mir, aus der Georg sich neu gestärkt erheben, und dann erst recht kräftig an Leib und Seele gedeihen wird. Er wird seine kleinen Absonderlichkeiten und Empfindlichkeiten abstreifen, und Einer wie Tausende werden in allem Geringfügigen und Nebensächlichen; Einer wie Wenige aber in allem Großen, Ernsten, Wichtigen. Machen Sie ihn nur zu einem gesunden Menschen, Herr Doktor, zu einem tüchtigen, einem ausgezeichneten Menschen, wird er sich machen ohne Sie und ohne mich, denn -- ich sehe das schon -- er gehört zu Denen, die sich selbst und gelegentlich ganz unbewußt den Erzieher erziehen.«
XVIII.
Die Stellung Sophiens im Hause Vernon war seit der Abreise ihrer Gönnerin ungemein schwierig geworden. Die Untergebenen legten offene Feindseligkeit an den Tag. Fräulein Julie veränderte den Ton. Kein Entgegenkommen mehr, nicht die geringste Freundlichkeit. Ja, sie trug nun einmal die Verantwortung für das strengste Aufrechthalten der Disziplin im Geschäfte. Sie bedauerte sehr, daß Frau von Müller ein krankes Kind zu Hause hatte; schlug aber ihre Bitte, durch wenige Tage nur etwas später als sonst ins Atelier kommen zu dürfen, rund ab. Nicht sie hatte Gnaden auszutheilen, dieses Vorrecht genoß einzig die Prinzipalin. Etwas Anderes ist, wenn Frau von Müller Urlaub nehmen will; den kann sie jede Stunde haben, selbstredend mit Verzicht auf ihre hohe, sehr hohe Besoldung.
Dietrich nannte das Vorgehen Fräulein Juliens ganz korrekt, als ihm Sophie so gelassen, als ihr möglich war, von ihrem Mißerfolg berichtete.
»Aber,« meinte sie, »man kann noch etwas mehr als korrekt, man kann barmherzig, man kann sein -- wie Sie. Was thun Sie für uns! Nie vermag ich Ihnen zu danken ...«
Er blickte sie vorwurfsvoll an: »Danken! Sie werden doch _mir_ nicht danken ... Wenn Sie wüßten, wie mir vor aller Dankbarkeit graut ...«
»Seitdem Sie aus Dankbarkeit den Major von Müller geheirathet haben,« hätte er hinzufügen müssen, wenn Sophie den Grund seines Abscheus gegen eine so schöne Tugend hätte erfahren wollen. Aber sie fragte nicht, und er schwieg.
Sehr bald darauf erfüllte sie ihm den sehnlichen Wunsch, den auszusprechen er nicht gewagt hatte: sie nahm Urlaub.
»Ich bringe Alles wieder ein, was ich jetzt versäume,« sagte sie, »ich werde doppelt fleißig sein, sobald Georg nur wieder hergestellt ist.«
An der Überzeugung, daß er genesen werde, hielten Brand und sie unerschütterlich fest, diese Hoffnung ließen sie sich nicht rauben.
Zwei Nächte hatte Sophie aufrecht, auf einem hölzernen Sessel sitzend, neben dem Bette des Kranken gewacht. Am nächsten Abend stand auf einmal ein großer, bequemer Fauteuil da. Peter Peters hatte ihn gebracht mit tausend dringenden Entschuldigungen seines Herrn, und an das Fußende von Georgs Lager gestellt. Und dann war Brand gekommen mit neuen und noch dringenderen Entschuldigungen.
»Lassen Sie das Ding nicht hinauswerfen, haben Sie die einzige Gnade; es ist ein Reconvalescenten-Fauteuil, dulden Sie ihn hier eine Zeitlang wenigstens, dem Kinde zu Liebe.«
Sie staunte, daß er so flehentlich bat. Er fürchtete, ihren Stolz zu verletzen, und sie hatte dem Wohlthäter ihres Kindes gegenüber keinen mehr.
»Aber Herr Rittmeister,« sagte sie, »wie können Sie noch daran zweifeln, daß ich Ihr Geschenk freudig annehme? Ich nehme ja so viel von Ihnen an, das Opfer Ihrer Zeit, Ihres ...«
Er unterbrach sie: »Opfer? -- Sie betrüben mich. Wissen Sie denn nicht, daß, was Sie mein Opfer nennen, mein Glück ist? Vor Kurzem noch war ich ein ganz armer Teufel, ein alter, vergrämter Mann, der nichts mehr vor sich sah als eine Reihe eintönig, einförmig hinreichender Jahre; jetzt bin ich reich ...« Er suchte ein allzu warmes Wort zu vermeiden: »Durch meine Theilnahme für Sie, und meine Liebe zu Ihren Kindern.«
Sophiens Augen hatten sich ein wenig verschleiert, aber sie sprach in munterem Tone: »Und zu Dietrich Peters.«
»Gott segne den Kleinen, die erste Aufrichtung verdankte ich ihm. Aber er hat ein robustes Elternpaar ... es ist doch etwas Anderes, etwas ...« Seine Stimme gerieth in Gefahr, umzukippen, alle moralischen Rippenstöße, die er sich zur Stärkung versetzte, blieben wirkungslos. Der Grimm, den er darüber empfand, spiegelte sich in seinem Gesichte wider und gab ihm ein so bärbeißiges Aussehen, daß Sophie, die schon einen Schritt auf ihn zu gemacht hatte, sich ganz erschrocken abwendete, und die Hand, die sie ihm hatte reichen wollen, liebkosend auf das Haupt ihres Kindes legte.
Als es Abend wurde, sprach sie nicht wie sonst: »Herr Rittmeister, Sie müssen heim.« Sie saß in dem bequemen Lehnstuhl, ihre Füße ruhten auf einem Schemel, ihr Kopf sank in die Kissen zurück.
»Die Mutter schläft,« flüsterte Georg, »lassen wir sie schlafen, und Du erzähl' mir eine schöne Geschichte.«
»Eine schöne Geschichte. Ja, mein Junge, was für eine denn?«
»Etwas von Feen, das habe ich am liebsten.« Das Kind richtete seine fieberglänzenden Augen voll Erwartung auf ihn.
Er besann sich. Der Kopf war ihm so seltsam wüst. »Von Feen, gut, von alten, uralten -- ein Kind kann sich's nicht vorstellen, wie alt sie sind.«
»Aber Du, Herr Rittmeister, kannst Dir's vorstellen, Du kannst Alles, Herr Rittmeister,« sprach Georg aus tiefster Überzeugung.
»Glaub' doch das nicht, ich kann nur erzählen von uralten Feen,« versetzte Brand in einschläferndem Tone. »Sie haben graue Kleider an, mit Schleppen und schweben hin und her. Denk' Dir wie das Pendel an einer großen Uhr -- ein langes, langweiliges Pendel, so schweben die grauen Feen hin und her.«
»Es kommen aber auch rothe, und die tanzen.«
Richtig! Brand sah richtig rothe Feen tanzen, wie Funken unter Bäumen mit klingenden Blättern, und im Hintergrunde zogen Landschaften vorbei von wundersamer Schönheit, und ein Licht lag über ihnen, milder als Sonnen-, anders als Mondlicht, ein Licht, wie es auf Erden keines giebt und von dem sich einen Begriff nur machen kann, wer es geschaut hat, denn schauen muß man's, nicht sehen ... Er unterbrach sich. Was er da Alles zusammen redete ...
»Sag' nur weiter,« bat Georg, »ich weiß, was das heißt. -- Ich sehe Dich und schaue die Feen.« --
Dietrich war unglücklich; statt das Kind sanft einzulullen, regte er es zum Denken an. Voll Zärtlichkeit und Reue strich er ihm über den Scheitel: »Weißt Du was? Denk' nicht, schlafe. Lieber Junge, wenn Du einschlafen könntest, das wäre so gescheit und so gut!«
Georg seufzte tief auf, preßte die Wange an das Kissen, schloß die Augen und regte sich nicht mehr. Sophie schlief sanft und fest. Es war so still, daß Dietrich das Ticken seiner Taschenuhr hörte, die er auf den Tisch gelegt hatte neben das Nachtlämpchen und die Arzneiflasche. Merkwürdig hell drang der leise, gleichmäßige Schall durch ein seltsames Brausen in seinem Kopfe hindurch.
Seine Adern klopften, eisige Schauer schüttelten ihn, und im Nacken fühlte er sich gepackt von einer Riesenfaust, die ihm den Kopf zusammenpreßte.
Teufel, Teufel, was soll das heißen? In der vorigen Nacht schon wollten ähnliche Sinnestäuschungen ihn narren; aber er hatte sich ihrer erwehrt, war aufgestanden wie gewöhnlich, und wie gewöhnlich in die Berggasse gegangen.
Allerdings hatte der Doktor, den er dort traf, ihm auf die Schulter getippt und gesagt:
»Es giebt heute einen glühend heißen Tag, fahren Sie zeitig nach Hause, Herr Rittmeister, Sie haben Fieber.«
Fieber? In seinem ganzen Leben hatte Dietrich nie Fieber gehabt, außer damals nach seiner Verwundung. Fieber! Wenn man wissen will, ob Jemand Fieber hat, greift man ihm an den Puls. Sich aber hinstellen vor ihn, ihm nur einen Blick zuwerfen und gleich wissen: Der fiebert -- das kann man auch dann kaum, wenn man Seheraugen hat wie dieser Doktor.
Dietrich stand leise auf -- ihm war, als zöge er an jedem Fuße einen Centner mit -- und sah nach der Uhr. Bald Zwei; die Stunde, zu der Pauline kommen sollte, um die Gebieterin am Krankenbette abzulösen. Als Brand zu seinem Platze zurückkehrte, war Sophie eben erwacht.
»Um Gotteswillen, wie viel Uhr?... Das Medikament ... Ich habe versäumt ...«
»Nichts, nichts,« beruhigte Brand. »Sehen Sie, da ist Pauline. Verlassen Sie sich nur auf uns Zwei.«
Die erschöpfte Frau gab seinen und den Bitten ihrer Dienerin nach und ging in ihr Zimmer, um noch ein paar Stunden zu ruhen vor der Ankunft des Arztes.
Als dieser Schlag Sechs eintrat, war sie wieder auf ihrem Posten. Sehr blaß, sehr müde, aber vollkommen angekleidet, anmuthig -- rührend anmuthig! -- in ihrer Ärmlichkeit, und bereit ihr Tagewerk tapfer anzutreten.
Der Arzt war heute zufrieden mit seinem Patienten, fand ihn frischer als seit langem. »Aber Ihnen,« sagte er zu Brand, »Ihnen geht's elend. Sie müssen zu Bette. Nein, nein in vollem Ernst. Kommen Sie mit, ich bringe Sie in meinem Wagen nach Hause.«
XIX.
So also ist Einem, der ganz unmotivirt, ohne jeden vernünftigen Grund, aufs Krankenlager geworfen wird. Aufs Krankenlager in der selben Zeit, da er sich zum ersten Male der Vielgeliebten und Vielverehrten wirklich nützlich machen könnte!
Peter war zu Tod erschrocken, als er seinen Herrn erblickte, der, vom Doktor begleitet, die Stiege herauf kam, wankend, erdfahl, mit tief eingefallenen Augen, sich ins Bett kommandiren und sich sogar helfen ließ beim Auskleiden, er, der Rittmeister Brand! Kein Wunder, daß Peter den Kopf verlor, stille Thränen vergoß, an seine Frau telegraphirte und sie in die Stadt berief zur Pflege des Herrn und zu seinem eigenen Troste.
Frau Peters eilte herbei, wurde aber schlecht empfangen. Dietrich gerieth in Zorn über das eigenmächtige Vorgehen seines Dieners. Dieser Peter! Kannte dieser Peter ihn noch nicht, glaubte er wirklich, daß Dietrich Brand einer Frau erlauben werde, sein Krankenzimmer zu betreten, wenn es denn, hol's der Teufel, ein Krankenzimmer gab? Magdalena wurde nicht vorgelassen, sondern beordert, allsogleich nach Neuwaldegg zurückzukehren, wo sie ein Feld für ihre Thätigkeit hatte und wohin ihre Pflicht sie rief.
Brand aber verlebte einen schlimmen Tag und eine noch schlimmere Nacht. Nie, niemals hätte er es für möglich gehalten, daß eine Krankheit -- pah! nicht einmal eine Krankheit, nur ein armseliges Unwohlsein -- einen Mann so packen und niederwerfen konnte! Machtlos, sich machtlos fühlen dem eigenen Körper gegenüber, dem Sklaven! Giebt es eine tiefere Beschämung? Er verfluchte sich selbst. In seinem Kopfe ging es zu wie in einem Hammerwerk, in seiner Kehle schnitt es wie mit Messern, der ganze Mensch glühte wie eine Kohle.
Trotz alledem fand ihn der Arzt, der Morgens kam, rasirt, gebadet, sorgfältig angekleidet in einem Lehnstuhl am Fenster des Schlafzimmers sitzen.
»Wie geht es bei Frau Major von Müller?« war Dietrichs erste, mit bedenklich kurzem Athem vorgebrachte Frage.
»Ganz leidlich,« erwiderte der Arzt und vermied dabei, den forschend auf ihn gerichteten Augen des Kranken zu begegnen. »Frau Sophie ist aber sehr besorgt um Sie.«
»Sehr besorgt um mich?« wiederholte Brand mit leisem Zweifel, mit wehmüthiger Wonne.
»Sie läßt Sie dringend bitten, sich zu schonen, einmal auch an sich zu denken.«
»Was soll ich thun?«
»Zu Bette gehen, gewissenhaft Arznei nehmen. Sie sind dann wahrscheinlich in einigen Tagen hergestellt, und das wäre gut, denn Frau Sophie wird Ihrer Stütze recht sehr bedürfen.«
Dietrich erschrak: »Was ist mit ihr? Ist sie krank?«
»Nein, nein,« darüber beruhigte ihn der Doktor, aber mit sehr wenig Worten; er hatte Brand nur einen Augenblick sehen wollen, setzte sich nicht einmal, griff wieder nicht nach dem Pulse des Patienten, legte bloß die schmale, blasse Hand auf dessen Schulter und sprach mit sanfter Bitte: »Bleiben Sie wenigstens zu Hause.«
»Zu Befehl,« erwiderte Brand, worauf ihn der Arzt ein wenig spöttisch und unbeschreiblich gütig ansah und sich mit einem kurzen: »Adieu!« empfahl.
Warum in aller Welt hatte er spöttisch dreingesehen? Aus niederträchtiger, ärztlicher Schadenfreude? Oder machte es ihm Spaß, daß ein alter Soldat sich seinen Anordnungen so ängstlich unterwarf wie ein maroder Pfründner? Ja, das war's, und darüber gedachte ihn Brand eines Besseren zu belehren. Plötzlich entschlossen, streckte er die Rechte aus und drückte den Tasterknopf der elektrischen Glocke an der Wand anhaltend und energisch nieder.
Peter eilte herbei.
»Meinen Paletot, meinen Hut,« befahl Dietrich, »ich gehe -- oder vielleicht ich fahre -- zu Frau Major von Müller.«
Nicht ein Wort des Widerspruchs kam über Peters Lippen, doch betrachtete er den Gebieter mit der hoffnungslosen und liebevollen Traurigkeit, mit der eine Mutter ihr starrsinniges Kind betrachtet. Brand fühlte die Empfindung seines Dieners nach, und auch er blieb stumm. Man sagt nicht, man beweist, was man kann.
Peter sah ihn eine so gewaltige Anstrengung machen, als ob er sich aus einem Sumpfe, in dem er halb versunken war, emporarbeiten wollte, sah ihn aufschnellen -- und fast zugleich besinnungslos zu Boden sinken.
Es war so schnell geschehen, daß Peter den Sturz nicht verhindern konnte. Jetzt kniete er bei seinem Herrn, hob ihn auf, trug ihn in seinen Armen (welches Glück, daß Brand davon nichts wußte!) auf das Bett, labte ihn und brachte ihn bald wieder zu sich. Als der Rittmeister die Augen aufschlug, stand Peter aber schon abgewendet und ordnete die Kleider im Schranke.
»Ich will heute doch lieber zu Hause bleiben,« sagte Dietrich nach einer Weile, »ich hab' etwas Schwindel, das kommt von den verfluchten Medikamenten.«
»Von nichts Anderem, Herr Rittmeister,« versetzte Peter.
»Du brauchst dem Doktor nichts davon zu sagen,« nahm Brand nach einer abermaligen Pause wieder das Wort, »es würde ihn kränken, und am Ende bildet er sich noch ein, daß ich ohnmächtig geworden bin wie ein bleichsüchtiger Backfisch.«
»Natürlich, Herr Rittmeister, denn wer kann wissen, was ein Zivilist sich einbildet.«
Zweimal im Laufe des Vormittags mußte Peter einen Kommissionär in die Berggasse schicken, um Nachrichten zu holen. Nur bei Pauline; die gnädige Frau durfte nicht belästigt werden mit den vielen Anfragen. Pauline ließ den Rittmeister beschwören, sich keine Sorgen zu machen. Er fand die Antwort ungenügend und sendete Peter in Person nach einer Botschaft aus, und der kehrte mit der Meldung zurück:
»Die gnädige Frau läßt sich empfehlen, dem kleinen Georg geht's gut.«
»Wirklich, wirklich? Hast Du ihn gesehen?«
»Ihn nicht, aber die Frau Majorin ist selbst herausgekommen, sie selbst ...« Eine unbesiegbare Rührung packte und würgte ihn.
»Jetzt weint er wieder, der Waschlappen,« murmelte Brand und dankte Gott im Stillen, daß er der armen Mutter ihr Kind wieder geschenkt und auch ihm, der es freilich nicht anders erwartet hatte, seinen lieben Jungen.
Es duldete ihn nicht länger im Bette; er ließ sich ankleiden, konnte aber nur auf den Arm seines Dieners gestützt bis zum Lehnsessel gelangen.
Gegen die siebente Abendstunde wurde geläutet, und unmittelbar darauf läutete auch Dietrich und befahl Peter, der hereinstürzte, hochroth im Gesicht und mit verklärter Miene:
»Niemanden vorlassen, keinen Menschen!«