Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen
Chapter 7
»_Ein_ Kind?« fiel er ihr ins Wort. »Zwanzig Kinder tummeln sich wöchentlich einmal bei mir herum. Ich gebe Soiréen, Erziehungs-Unterhaltungen ... Ihr Sohn ist feierlich geladen. Gestatten Sie mir meinen Beruf auch an ihm zu erfüllen; es würde vielleicht nicht ohne Nutzen für ihn sein. Für mich -- was freilich kaum in die Wagschale fällt -- wäre es ganz gewiß ein Glück. Lassen wir's auf eine Probe ankommen, gnädige Frau. Natürlich müßte ich vor Allem trachten, Georg an mich zu gewöhnen, seine Zuneigung zu erringen. Ich würde am Liebsten morgen schon den ersten Versuch machen und ihn abholen kommen zu einem Spaziergang, wenn Sie es erlauben.«
»Gern, wie gern, und ich danke Ihnen.« Sie war verlegen und gerührt und sprach mühsam: »Ich danke, und in einem Athem bitte ich auch ... Was die Antwort betrifft, die Madame Vernon in acht Tagen von mir erwartet -- Herr Rittmeister, da lassen Sie mich allein entscheiden. Rathen Sie nicht ab, suchen Sie nicht, mich zu beeinflussen. Ich muß in dieser Sache ganz frei, ganz nach eigener Einsicht handeln.«
»Wenn ich nicht abrathen darf«, erwiderte Brand schmerzlich, »darf ich Sie während der Bedenkzeit, die Sie sich bedungen haben, nicht sehen, nicht sprechen, denn sonst ...«
Er wurde durch das Eintreten Paulinens unterbrochen, die den Tisch decken kam.
»Warten Sie,« rief Sophie ihr hastig entgegen und erröthete über und über; sie wollte keinen Zeugen haben bei ihrer ärmlichen Mahlzeit.
Brand empfahl sich, und es that ihm bitter weh, daß ihr Abschiedswort lautete:
»Auf Wiedersehen also, in acht Tagen.«
Unter dem Thore wurde er von der Hausmeisterin erwartet.
Sie schlich auf ihn zu, eine lächelnde Hyäne, warf einen spähenden Blick in die Runde, konnte nirgends einen Lauscher entdecken, und sprach:
»Hob'n e'n beim Fenster 'nausg'schmiß'n! Recht is ihm g'scheg'n. Nur schod, daß mer kein' dritt'n Stock hob'n.«
»Ich habe Niemanden zum Fenster hinausgeworfen,« erwiderte Brand.
»No, versteht si!« Sie lächelte verschmitzt, und jetzt erinnerte sie an ein Krokodil. »Thon hoben's es nit, aber hundertmol verdient hätt's der Schuft, der miserabliche. Schon von weg'n den jung'n Ding von do drib'n. So an arm's jung's Ding. Die Eltern sein Schneidersleit', brave Leit', und 's Mädl war a brav ... Bis der Schuft -- ober dös steht ihm no ins Haus, dös wird sei Gnädige erfohren, ob s'es g'freit oder nit ... Jetzt'n hot er's satt, dös arme Ding, und bandlet gern an mit uns'rer Frau von Miller. No jo, so en einschichtigs Frauenzimmer wäre ihm holt commod, 's is a Glick, daß der gnä' Herr zum Recht'n seg'n und ihn 'nauspfeffern.«
»Frau Hausbesorgerin, ich habe ihn nicht hinaus »gepfeffert«, ich habe ihn ersucht, sich selbst an die frische Luft zu setzen,« sprach Brand ernst und nachdrücklich.
»Wenn er nur g'setzt ist, wenn's 'n nur obg'schofft hob'n. Wie S'n obg'schofft hob'n« -- sie fuhr mit dem Arme durch die Luft, als ob sie etwas Schweres bei Seite bringen und für immer begraben wollte, und legte dann betheuernd ihre Rechte auf die Brust: »Dös bleibt bei mir!«
XVI.
Die ganze folgende Woche hindurch kam Brand regelmäßig, um Georg abzuholen. Er übernahm ihn am Morgen an der Thür und gab ihn Abends an der Thür wieder ab. Der Kleine kehrte täglich mit einem größeren Wiesen- und Waldblumenstrauß heim, und auch täglich munterer, mit frischeren Augen, rosig angehauchten Wangen.
Das Porträt, das er an jenem Tage, an dem die Anwesenheit Brand's seinen Unmuth erregt, in die tiefste Tiefe des Malkastens verbannt hatte, kam wieder zum Vorschein; Georg strichelte so lange daran, bis der Kopf und der geheimnißvolle Hintergrund, von dem man nicht wußte, ob er einen Gewitterhimmel mit Geisterschlacht, oder ganz einfach die Zimmerwand vorstellen sollte, ganz schwarz wurden. Aber Ähnlichkeit mit einem ins Mohrenhafte übersetzten Dietrich Brand war da, und nach einiger Zeit befestigte der Knabe das Bild an der Wand neben seinem Bette und schlief unter den rabendunkeln Augen des neuen Freundes ein. Freilich nur, um bald wieder zu erwachen. Ruhiger, gesunder Schlaf wollte sich weniger als je einfinden. In seinen Träumen setzte Georg die Wanderungen mit dem »Herrn Rittmeister« fort, lachte laut über die tollen Sprünge eines aufgescheuchten Häsleins, fuhr auf mit einem gellenden Schrei, weil er eine Schlange heranschleichen und sich ringeln sah auf seiner Bettdecke. Kaum beschwichtigt und wieder eingeschlummert, übte er im Schlafe seine neueste Kunst, ahmte den Schlag der Nachtigall nach, den Sang der Drossel, das zierliche Gezwitscher der Meise. Es klang eigen, lieblich und unheimlich zugleich, und Sophie fragte sich, ob ihrem armen Kinde auch die Freude, die es jetzt genoß, zum Unsegen werden sollte.
Die Bedenkzeit war um; am achten Tage kam Sophie selbst, den Touristen die Thür zu öffnen und Brand fragte:
»Was werden Sie beschließen?«
»Ich habe schon beschlossen, ich habe heute mein Amt angetreten.«
Dietrich fuhr zusammen. Ihm war, als stände er nicht mehr vor ihr an ihrer Schwelle, als sei sie ihm in weite Ferne gerückt, als hätte eine Kluft sich plötzlich zwischen ihnen aufgethan. Und in der war versunken, was ihm mehr, als er selbst es gewußt, die letzte Zeit hindurch das Leben erhellt hatte -- eine leise und hold schimmernde Hoffnung auf zukünftiges Glück.
»So?« sprach er. »So? ... Ganz recht, Sie sind Ihr eigener Herr.«
Sie war's und wollte es bleiben; hätte sie ihm das deutlicher beweisen können? Sein Rath, sein Wunsch, seine Bitten galten ihr nichts. Nun ja, wenn einem ein Mensch gleichgültig ist! Denke den Gedanken nur aus -- eine erloschene Neigung läßt sich nicht wieder anfachen, nie. Dietrich verbarg seine schmerzvolle Enttäuschung; er lächelte nur sehr traurig, als Frau von Müller sagte:
»Sie sind im Begriff, meinem Kind zu Liebe Ihr Behagen aufzugeben, Ihre Freiheit, und ich sollte dieses große Opfer annehmen und selbst nicht das kleinste bringen? Es ist unmöglich. O, Herr Rittmeister, Sie an meiner Stelle würden das auch finden, Sie würden genau so fühlen und handeln wie ich.«
Brand erwiderte, daß er nicht im Stande sei, sich in die Empfindungsweise einer Dame hinein zu versetzen. Übrigens verstehe es sich von selbst, daß Sophie nichts Anderes thun könne und dürfe als das, was sie für das Rechte halte.
Er nahm Abschied und war ein wenig erbittert und fest entschlossen, mit sich fertig zu werden. Es mußte ihm gelingen, es gelingt jedem tüchtigen Menschen, dem eine schöne Aufgabe gestellt ist, an deren Erfüllung er mit ganzer Liebe geht, die ihn abzieht von der Grübelei über das eigene Wohl und Weh und dem thörichten Hangen und Bangen nach Unerreichbarem. Diese Aufgabe war zunächst: Georg an sich zu gewöhnen und die Eiswand ein- für allemal zum Schmelzen zu bringen, die immer noch von Zeit zu Zeit wie auf ein Zauberwort aus dem Boden stieg und sich zwischen ihm und dem Kinde aufstellte.
Dietrich warb um seine Zuneigung mit großer Kunst, mit stets bewährter Geduld, und mußte lange werben und durfte sich's nie merken lassen, daß er warb. Er mußte ihn selbst herankommen lassen, den scheuen kleinen Menschen, der so viel Liebe brauchte und sich immer wieder in plötzlichen Anwandlungen des Mißtrauens von Dem abwendete, der ihm die reichste entgegen trug.
Der berühmte Kinderarzt, mit dem sich Brand seit der Geburt seines Täuflings befreundet hatte und dem er nun auch seinen Pflegesohn vorführte, empfahl die äußerste Sorgfalt. Gute Nahrung, gute Luft, Bewegung, aber keine Ermüdung, Beschäftigung, aber keine Anstrengung. So ein geschicktes Lootsen zwischen allen möglichen Klippen, schwer, schwer! -- »Nun,« setzte er tröstend hinzu, als er den tieftraurigen Eindruck sah, den seine Worte auf Brand machten. »Sie bringen ihn vielleicht durch. Ein Erziehungskünstler sind Sie schon, jetzt müssen Sie noch das Krankenwarten erlernen. Schwächlich bleibt Ihnen der Bursch übrigens sein Lebtag.«
Schwächlich und einsam, dachte Brand. Georg paßte nicht in die Gesellschaft anderer Kinder; hülflos und fremd stand er bei den Samstag-Versammlungen, betheiligte sich nicht an den Spielen der Kinder, sah ihnen nur aufmerksam zu, und dabei verklärte gar oft ein Aufleuchten der Freude, der Liebe, der Bewunderung sein stilles Gesichtchen. Die Kinder wußten diese platonische Theilnahme nicht zu schätzen. Die Mädchen lachten ihn aus, die Buben neckten ihn, vor denen mußte ihn Brand fortwährend retten.
»Wehr' Dich!« rief er ihm einmal zu, als ein übermüthiger Junge sich vor ihn hinstellte, ihn zum Kampf herausforderte und ihm statt aller anderen Präliminarien einen Faustschlag versetzte.
»Wehr' Dich!« wiederholte Brand.
Georg richtete einen seltsam fragenden, überlegenden Blick auf ihn, schüttelte den Kopf und sprach: »Nein, laß' ihn, den Armen.«
Was ging in ihm vor? Verstand er, was er da sagte? Woher kam ihm die Offenbarung, daß Unrecht thun mehr Qual in sich birgt als Unrecht erfahren, und bedauerte er deshalb den Knaben, der ihn schlug?
Ein solcher Mitleidskünstler sollte dieser kleine Georg sein, dem jede sentimentale Weichlichkeit fern lag, der, wie manches von Geburt an kränkliche Kind, körperliche Schmerzen mit klaglosem Heldenmuth ertrug? Er hatte kaum gezuckt, als die Faust des Angreifers auf ihn niederfiel, er hätte sich als Mann nicht anders benehmen können, wenn die schwere Hand des Schicksals ihn getroffen hätte.
Die Zeit, zu der Dietrich in den vergangenen Jahren seine Sommerreise angetreten hatte, war vorbei, und noch immer traf er nicht die geringste Vorbereitung, die Stadt zu verlassen. Frau Peters und ihr pausbäckiger Junge residirten schon seit einigen Wochen im Hochparterre der Villa in Neuwaldegg, die seit dem Tode der Eltern Brands leer gestanden hatte. Magdalena kam wöchentlich zweimal, um »im Geschäft« nachzusehen, das in ihrer Abwesenheit von der »Kusin« geführt wurde, und versäumte nie, Dietrich zu besuchen und zu ermahnen.
»Kommen's doch hinaus, Herr Rittmeister, 's is ja Sünd und Schad, so ein schönes Haus, und Niemand drin als ich und mein kleiner Bub. So ein schöner Garten, und wenn ich Abends da sitz allein unter den Buchen, da mein ich ordentlich, ich hör' sie lamentiren, um ihren Herrn.«
»Glauben Sie das, Frau Peters,« erwiderte Brand. »Sie hören die Buchen um Jemand ganz Andern lamentiren als um mich.«
Magdalena erröthete und sprach resolut: »Daß ich nix dagegen hätt, wenn mein Mann da wär, das ist natürlich, aber auch Sie, Herr Rittmeister, gehören zu uns. Wenn einem der liebe Gott so was Schönes beschert, will er auch, daß man was davon hat. Auf so einen Besitz, so einen prächtigen, g'hören mehr Leut hin als wir Zwei, mein Peterl und ich.«
Brand wußte wohl, wer seiner Meinung nach »hingehörte«, wen er am Liebsten durch die Zimmer schreiten sähe, die ihm so traut belebt wurden durch die Erinnerung an seine Eltern. Er wußte, wem er am Liebsten gesagt hätte: Tritt ein, nicht als Gast, nein, als Gebieterin, und verwandle mir mein verödetes Eigenthum in ein trautes Zuhause. Sophie hielt ihn aber viel zu kurz, als daß er eine Anspielung auf einen so kühnen Wunsch wagen durfte. Er getraute sich nicht einmal, von seinen peinigenden Sorgen um sie zu sprechen und sah doch, daß ihre Kräfte in dem selben Maße sanken, in dem ihr Eifer, die übernommene Aufgabe gut zu erfüllen, stieg. Daß diese Aufgabe keine leichte sein werde, darüber hatte sie sich nicht getäuscht, hatte im Voraus gewußt, daß sie sich die Stellung, die man ihr _gab_, erst _machen_ müsse. Es war eben ein Kampfplatz in Miniatur, auf dem sie stand. Sie hatte den passiven Widerstand der älteren Fräulein gegen eine »plötzlich hereingeschneite« Autorität zu erdulden und die Unbotmäßigkeit der jungen Fräulein zu besiegen.
»Und -- was mir am Schwersten fällt,« sagte sie, »ich muß mich gewöhnen, die Arbeit, die ich immer mit Ernst und Sorgfalt gethan habe, von Anderen mit empörender Nachlässigkeit thun zu sehen, ohne sie ihnen aus der Hand nehmen und kurz und gut selbst fertig machen zu dürfen. Ich werde für etwas ganz Anderes bezahlt; ich soll lehren, leiten, heranbilden.«
»Lehren, leiten, heranbilden -- unmöglich, wenn man Ihnen keine Macht einräumt,« erwiderte Brand nach einigem Nachdenken. »Ich staune nur, daß ein großes Etablissement wie das von Madame Vernon's überhaupt bestehen kann ohne militärische Organisation.«
Sie lachte: »Schlecht und recht geht's doch weiter, und was mich betrifft, ich muß und ich werde mich zurecht finden. Es ist Feigheit von mir, daß ich klage. Eines, die Hauptsache, hat sich von Anfang an so gut gemacht, wie ich's besser gar nicht wünschen kann -- der Chef ignorirt mich. Das verdanke ich Ihnen, auch _das_ ...«
»Wann werden Sie sich eine Erholung gönnen?« fiel Brand rasch und beinahe aggressiv ein. »Wann gedenken Sie Urlaub zu nehmen?«
»In diesem Jahre doch nicht, im ersten Jahre doch nicht. Am wenigsten doch jetzt, da in sechs Wochen der Schluß der Ateliers für fast zwei Monate während der #saison morte# bevorsteht.«
Mit dieser Antwort mußte er sich bescheiden und war in nicht eben rosiger Laune, als Madame Amélie nach langer Zeit einmal wieder einen Hülferuf ertönen und Brand zu sich bitten ließ.
Er traf sie in einem bejammernswerten Zustand. Sie lag auf dem Ruhebette, über dessen Lehne ihre langen dichten Haare, in Strähnen aufgelöst, hingen; sie stöhnte und hielt dem Eintretenden mit krampfhaft zuckenden Fingern einige zerknitterte, thränengetränkte Briefe entgegen:
»#Eh bien -- voilà!#«
Sie wußte Alles. Ein Armenadvokat hatte sie in Kenntniß von der neuen Schlechtigkeit ihres Gatten gesetzt, der die jüngste und hübscheste unter den jungen Arbeiterinnen verführt, verlassen und, als sie ausblieb aus dem Atelier, schändlich verleumdet hatte bei seiner Frau. O, ihr graute, ihr ekelte vor ihm. Er war kein #pauvre chéri# mehr, er war Monsieur Weiß, der #fripon#, den sie verachtete, und von dem sie sich trennen wollte, auch wenn ihr Herz darüber in Stücke ginge.
»In Stücke, _darüber_? da müßte es doch ein recht zerbrechliches Ding sein. Ich aber halte es für ein stolzes und standhaftes Herz, das sich aus erniedrigenden Banden befreien wird. Gehört Heldenmuth dazu? Sie haben ihn, Sie sind gewiß nicht umsonst die Tochter des Landes, das so viele Heroïnen geboren hat.«
Amélie richtete sich auf, der Schmeichelei war sie noch am Rande der Verzweiflung zugänglich.
Dietrich fuhr eine Weile in gleichem Tone fort, warf sich dann aber auf das Praktische: »Wenn Sie diesen Menschen noch eine Zeit lang als Chef walten lassen, führt er eine Paschawirthschaft ein, verwandelt Ihre Ateliers in Harems. Die Achtung, in der Ihr Haus steht, geht verloren. Ihr sauer erworbenes Geld, das Sie guldenweise hereingebracht haben, fliegt zu Tausenden hinaus. Wofür, Allgerechter! Ihre Schande, die Sünden, die man an Ihnen begeht, werden damit bezahlt.«
Madame Amélie hörte ihm zu, rieb sich die Schläfen mit Migränestift, erröthete und erbleichte. Niemals hatte die Beredsamkeit Brands eine solche Wirkung auf sie ausgeübt, wie im Augenblick, in dem er gegen Herrn Eduard für ihr Geld plaidirte. Sie gab ihm in Allem Recht. Ja, es war aus und mußte aus sein! Elend hatte der #fripon# sie gemacht, zur Bettlerin sollte er sie nicht machen. Sie trennte sich von ihm, sie that's, wenn es auch -- von dieser Befürchtung kam sie nicht los -- ihren Tod herbeiführen oder doch beschleunigen werde.
»Im Gegentheil!« rief Brand. »Die Kraft haben, eine nichtsnutzige Neigung auszurotten aus unserem Innersten, heißt den besten Beweis liefern, daß wir recht lebendig sind. Rotten Sie aus, Madame! Es wäre doch des Teufels, wenn Sie etwas Unwürdiges nicht ausrotten könnten!«
Amélie gerieth in Extase: »Helfen Sie mir, Monsieur Rittmeister Brand, nobles, großes Herz! Verlangen Sie von mir einen heiligen Eid, daß ich werde unerbittlich bleiben ...« Sie erhob die Schwurfinger: »#Je jure# ...«
Dietrich ließ sie nicht weiter reden: »Ein fester Vorsatz ist ein Eid und darum nicht weniger heilig, weil wir ihn nur uns selbst geleistet haben.«
Sie dankte ihm für dieses schöne Wort, sie war es werth, daß man ein so schönes Wort zu ihr sprach, denn sie hatte volles Verständniß für alles Schöne und überhaupt ein sehr feines Gefühl. Jetzt war aber nicht #le moment#, Gefühle zu haben, jetzt regierte kühle #raison# allein das Thun und Lassen Madame Vernons. In raschen Zügen entwarf sie ihren Zukunftsplan. Heute noch wollte sie ihren Geschäftsfreund beauftragen, die vorbereitenden Schritte zur Scheidung einzuleiten, morgen bestellte sie ihr Haus, setzte eine Regentschaft mit Fräulein Julie an der Spitze ein, übermorgen reiste sie. O seliger Tag! Tag der Befreiung aus entehrendem Joche! Übermorgen fuhr sie nach ihrem »#Paris bien-aimé#«, zu ihren Verwandten, von denen sie bei ihren alljährlichen Künstlerfahrten nach der Metropole der Intelligenz, der Erfindungsgabe, des Geschmacks immer mit offenen Armen empfangen, von denen sie verwöhnt, choyirt, adorirt wurde.
»Einen letzten Freundschaftsdienst erweisen Sie mir,« schloß sie. »Gehen Sie zu Ihm --«
»Zu wem? --«
Sie senkte die Augen: »Zu Monsieur Weiß. Sagen Sie ihm, daß ich ihn verachte und lieber sterben, als ihn auch nur einmal wiedersehen will. Sie aber, #mon bon ami#, Sie kommen, übermorgen Lebewohl sagen der armen Amélie.«
Er versprach, sich gewiß noch vor ihrer Abfahrt einzufinden, und ging hinüber ins Bureau.
Der Chef stand vor dem Pulte, auf dem das Hauptbuch aufgeschlagen war und beschäftigte sich damit, seine Ringe von einem Finger auf den andern zu stecken und gründlich zu erwägen, auf welchem sie den schönsten Effekt machten.
Brand kam mit sozusagen knirschenden Schritten auf ihn zu, bestellte die Botschaft Madame Amélies und gab die Erklärung ab: »Auch wenn Ihre Frau Gemahlin mich nicht dazu aufgefordert hätte, wäre ich gekommen, um Ihnen zu sagen: Was ich thun konnte, um Sie in das Nichts zurückzustoßen, aus dem eine Ihnen tausendfach überlegene Frau Sie in unbegreiflicher Verblendung gerissen hat, das habe ich gethan.«
Weiß war anfangs äußerst betroffen und rathlos gewesen, sammelte sich aber allmählich und suchte dem unerwarteten Angriff zu begegnen: »Zu gütig, zu viel Ehre für uns. Inkommodiren sich ... mischen sich in unsere kleinen ehelichen Zwistigkeiten.«
»Sie haben mich mißverstanden,« versetzte Brand. »Von kleinen Zwistigkeiten ist nicht die Rede. Ihre Frau trennt sich von Ihnen, sie reist, sie begiebt sich nach Paris, in den Schutz ihrer Familie.«
»So, sie reist? Allein, die Arme?« Eduard steckte seine Ringe definitiv auf den kleinen Finger der linken Hand. Er war in den Wiederbesitz seiner ganzen Dreistigkeit gelangt, hatte die Rolle gefunden, die er heute dem »alten Hofmeister Brand« gegenüber spielen wollte, die des vielerfahrenen Weltmanns. »Wird eine traurige Reise sein,« sagte er und stieß einen leichten Seufzer durch die Nase aus.
»Und ein trauriges Zurückbleiben für Sie.«
»Vielleicht auch nicht. Wenn aber -- kann ich ja nachreisen. Kenne Paris noch nicht, sehe mir's vielleicht an -- zur Abwechslung. Wir Männer lieben die Abwechslung, sind einmal auf den Wechsel gestellt ... nicht alle. Es giebt auch Ausnahmen, zum Beispiel Sie. Sie sind für die Tugend, für das Väterliche.«
Er bebte zurück vor dem Blick, den Brand auf ihn richtete; er wich aus, als dieser sich ihm um einen Schritt näherte, aber seine aufgestachelte Frechheit errang doch den Sieg über seine Feigheit: »Seien Sie, wofür Sie wollen und thun Sie nach Ihrem Belieben, Herr Rittmeister, ich thu' nach dem meinen.« Seine Stimme wurde immer sicherer, die Finger der ausgestreckten Hand spielten nachlässig mit dem Drücker der elektrischen Glocke, die auf dem Schreibtische stand -- eine Bewegung, und Hülfe war da. Herr Weiß durfte viel wagen, er war in guter Hut.
So fuhr er denn, seine Worte manchmal gewaltsam hervorstoßend, fort: »Jedes Thierel hat sein Manierel, heißt's im Sprichwort: Das vergessen Sie immer, Sie möchten den Katzen Flügel und den Vögeln Pfoten anerziehn. Lassen Sie das bleiben, Herr Rittmeister, Sie plagen sich und ändern doch nichts, lassen Sie die Katzen ungeschoren laufen und die Vögel ungeschoren fliegen.«
»Herr,« erwiderte Brand, »die beklagenswerthe Thatsache, daß es unverbesserliche Hallunken giebt, erschüttert mir nicht den Glauben an die Macht der Erziehung.«
Er sprach diese Worte ganz ruhig, er wunderte sich selbst, wie ruhig er geworden war und jetzt seiner Wege ging.
Da hatte er wieder eine Lektion bekommen: »Laß ihn, den Armen,« sagte sein kleiner, lieber Junge. »Lassen Sie mich ungeschoren, Sie ändern doch nichts an mir,« sagte Herr Eduard. Kam das nicht auf Eins heraus? War es nicht dasselbe?
Dasselbe und nicht dasselbe, es ist ein Unterschied in der Qualität, wie ein Unterschied ist zwischen dem Nichtwissen des Philosophen und der Unwissenheit des Laffen, zwischen dem in ringender Qual geborenen Unglauben des Denkers, und dem frechen Annichtsglauben des Galgenstricks.
XVII.
Die Zeit, in der geschienen hatte, daß die Gesundheit Georgs sich stärke, kindliche Lebenslust in ihm erwache, war vorbei. Er sank wieder zurück in die frühere, stille, wehmüthige Niedergeschlagenheit. Schlaf- und ruhelos bei Nacht, stand er nach kurzem Morgenschlummer auf, um bald in ein traumseliges Hindämmern zu gerathen, das ihm wohl that, aus dem er sich aber oft gewaltsam aufraffte oder aufzuraffen suchte. Er litt nicht, er sprach nie einen Wunsch aus, er lächelte, wenn Jemand sagte, er sei krank. Ach nein, er war nicht krank, ihm fehlte nichts, er war auch ganz glücklich, er war nur müd', sehr müd'.
Einige Male hatte Brand den Nachmittag mit ihm in Neuwaldegg zugebracht, zum Entzücken des kleinen Dietrich Peters. Wenn der hörte: Der Herr Rittmeister kommt, war er vom Gartenthor nicht fortzubringen, preßte sein Gesichtchen an die Eisenstäbe und schien durch die Kraft, mit der er's that, die Kraft seiner Sehnsucht ausdrücken zu wollen. Sobald er Brand von Weitem erblickte, schrie er auf und rief in allen Tönen der Zärtlichkeit -- jauchzend, jubelnd, in Rührung hinschmelzend: »_Mein_ _Jitt_meiste! _Mein_ He Jittmeiste!«
Und dem einsamen Manne, der eine unerwiderte Liebe im Herzen trug, that die anbetende und äußerungsbedürftige Liebe dieses Kindes wohl.
Auch der immer freundliche, immer nachgiebige Georg wurde von Peter Peters' warmfühlendem Sprößling angebetet. Der große Georg war so gut mit ihm, that Alles, was er wollte, verwies ihm kaum je einen Ungehorsam, eine Unart, räumte ihm aber die Gelegenheit und die Versuchung zu Ungehorsam und Unart sorglich und unauffällig aus dem Wege.
»Hören Sie, Frau Peters,« sagte Brand zu Magdalena, »der Umgang mit meinem Pflegesohn dürfte für meinen Täufling sehr ersprießlich werden. Mein Georg, der ist ein Erzieher!«
Magdalena empfand dies Lob als Tadel ihrer Erziehungskunst, was ihr nicht angenehm war und ihr den Gepriesenen nicht angenehm machte. Sie hatte für ihn viel Mitleid und wenig Zuneigung. Daß er Stunden lang zeichnend, malend auf einem Flecke sitzen konnte, oder auch Stunden lang nichts Anderes thun, als Ameisen oder Vögel oder die Wolken am Himmel beobachten, das ging ihr wider den Strich, war der rührigen Frau unbegreiflich und deshalb unsympathisch.
»Und die Sanftmuth von dem Buben, Herr Rittmeister! Diese ewigen Rücksichten auf andere Leut', und wie er so g'scheit spricht ... 's is unnatürlich, Herr Rittmeister. Eine solche Bravheit, eine solche G'scheitheit kann gar nicht g'sund sein für einen Buben.«
»Für einen Buben, so? Ein Mädchen dürfte natürlich, ohne Gefahr, daß ihr Wohlbefinden darunter leidet, nach Belieben brav und gescheit sein,« erwiderte Dietrich. »Beim Manne, der sich ja doch nur zum zukünftigen Höllenbraten auswächst, kann es nicht zeitlich genug 'brandeln', meinen Sie. Das sind Irrthümer, meine liebe Frau Peters, sehr gefährliche Irrthümer, die ihr Scherflein beitragen können zu dem schändlichen Kampfe der Geschlechter, den die Weibmänner und die Mannweiber der 'Moderne' in die Welt gesetzt haben.«