Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen

Chapter 6

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Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen hatte über seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?

»Ich dränge Sie nicht zur Entscheidung,« begann er von Neuem, »ich bitte nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade.« Wieder blickte er sie lange und gerührt an, seufzte tief und sagte plötzlich: »Ja, ja, ich bin einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen.«

»An dem, was uns damals als Glück erschien,« berichtigte sie. »Wir wollen offenherzig mit einander reden -- offenherzig ist mehr als aufrichtig --, einmal und nicht wieder, da sich's ja um Unwiderrufliches, Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten, Sie auch bitter angeklagt, später jedoch mich gefreut für Sie, daß Alles gekommen ist, wie es kam, und daß Sie nicht hereingezogen wurden in unser Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armuth und Noth, sondern um Schande, um öffentliche Schande. Im Geheimen war sie längst da, trotz Allem, was Müller that, trotz der übergroßen Opfer, die er brachte, hoffnungsfreudig im Anfang -- in der Folge hoffnungslos. Ich täuschte ihn nie, aber er ließ sich nicht entmuthigen. Bei ganz edlen Menschen, dachte er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit endlich in Liebe. Ich war so edel nicht -- er mußte es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verließ uns doch nicht, gab Alles für uns hin. Das uns das Ärgste erspart blieb, daß die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied zu nehmen, ohne einen Lohn, ja ohne Dank zu erwarten, da entschloß ich mich, ihn nicht allein ziehen zu lassen, für den verarmten, kränklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue Pflegerin und Frau zu sein.«

»Sie haben Ihren Entschluß redlich ausgeführt,« sprach Brand nach einer langen Pause, »und nichts, nicht das Geringste zu bereuen. Wohl Ihnen.«

Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz.

XIII.

Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billet von Madame Amélie. Sie bat ihn für denselben Abend zum Thee, im »#tête à trois#« mit ihr und ihrem Gatten. Es handle sich um eine wichtige, Frau von Müller betreffende Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten.

Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke des Salons, an einem elegant gedeckten Tischchen. Das beste Einvernehmen herrschte heute zwischen ihnen; sie waren wie Liebende, die nach kurzem Zerwürfniß ein großartiges Versöhnungsfest gefeiert haben. Amélie strahlte vor Hingebung, Wonne, Zärtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gütig und milde zu. Er hatte Unrecht erfahren und verschmerzt, und ließ nun das Licht seiner Huld leuchten über der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Sünderin.

»Meine Frau und ich,« begann er nach dem ersten Austausch von Höflichkeiten, »kennen das väterliche Interesse, das Sie an Frau von Müller nehmen, Herr Rittmeister ...«

»Ich bin nicht mehr Rittmeister.«

»Das Sie, Herr von Brand ...«

»Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu adeln.«

Ein Ausdruck des Unmuths verzog die schönen Lippen Eduards; er war aber entschlossen, sich dieses Mal durch den bärbeißigen Pedanten nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. »Herr Brand also,« fuhr er mit erhöhter Patzigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, daß Sie, als der beste Freund des verstorbenen Majors, Einfluß auf seine Wittwe haben, und wollen Sie ersuchen, ihn zu Gunsten der Proportionen anzuwenden, die wir dieser Dame ...« Er wollte sagen: »machen wollen,« das schien ihm aber zu gewöhnlich, und so sagte er: »proponiren wollen.«

Er hatte aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß das Haus Bauer, das sich schon seit längerer Zeit bemühte, Madame Amélie Konkurrenz zu machen, »Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lächerlich, nicht wahr?« -- Frau von Müller durch glänzende Anerbietungen für sich zu gewinnen suche: »Die Dame ist natürlich viel zu fein, um uns gegenüber ein Wort darüber zu verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mißbrauchen. Wir gedenken vielmehr sie so zu stellen, daß sie sich zu ihrem eigenen Vortheil für immer an uns fesseln lasse.«

»Propositionen proponiren -- sie so zu stellen, daß sie sich fesseln lasse? Merkwürdig, murmelte Brand und war voll Mißtrauen. Wenn die Unbildung Phrasen drechselte, war sie ihm vollends ein Greuel.

Amélie nickte ihrem Manne beifällig zu, und er sprach ihr durch einen Blick seine Anerkennung ihrer Anerkennung aus.

Dann entwickelte das Ehepaar den Plan, den es gemeinsam »verfaßt« hatte, wie Eduard sich gewählt ausdrückte. Das Geschäft sollte in zwei Ressorts getheilt werden, Konfektion und Putzwaaren. An der Spitze des ersten blieb Fräulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Müller treten. Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der Anderen zu überwachen und nur hier und da »#un coup de main#« zu geben. Ihre Erfindungsgabe, ihr Geschmack können sich in viel höherem Maße bethätigen, indem sie ihren Glanz über das große Ganze verbreiten, statt zur Herstellung einzelner »#bijoux#« zu dienen. Als Besoldung wurden zweitausend Gulden geboten, bei außerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn der Herbst- und Frühjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich häuften, auch außerordentliche Remunerationen. Die Atelierstunden waren die zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abends mit entsprechenden Ruhepausen für die Mahlzeiten. Nur wenn es, wie schon gesagt, ungewöhnlich viel zu thun gab, wurden die Damen bis Mitternacht, wohl auch bis ein Uhr im Atelier festgehalten.

»Und dann können die Damen nach Hause laufen bei Nacht?« fragte Brand mit Schärfe.

»Ja, Monsieur,« erwiderte Madame Amélie, die von ihm ein ganz anderes Entgegenkommen erwartet hatte, »Equipagen kann ich ihnen nicht halten.«

»Nun, gnädige Frau, aufrichtig gestanden, ich werde Frau von Müller abrathen, auf den von Ihnen gewiß sehr gut gemeinten Antrag einzugehen.«

»Warum?« Amélie wechselte einen verständnißinnigen Blick mit ihrem Manne. Er hatte die Augen zum Kronleuchter erhoben, als ob er von dort Stärkung seiner hartgeprüften Langmuth erflehen wollte, und dabei einen leichten Seufzer ausgestoßen.

»Ah -- ich errathe Alles -- ich weiß?« Sie lachte und zeigte dabei ihre gesunden und noch ganz kompletten Zähne: »Eduard hat mir erzählt. Sie waren neulich Zeuge eines Scherzes, den er sich mit Madame Müller erlaubte, um sie ein wenig zu quälen. O die Männer sind immer grausam, am grausamsten aber doch, wenn sie lieben,« setzte sie hinzu und sah dabei ihrem Mann jämmerlich kokett in die Augen.

Der abgefeimte Racker hat das Prävenire gespielt, dachte Brand und benahm sich so borstig, daß er an diesem Abend das Wohlwollen Madame Vernons beinahe eingebüßt hätte.

Als er fortgegangen war, brach Eduard in Lachen aus:

»Wir haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.«

»Wieso?«

»Du fragst, kannst fragen? O, was habe ich für eine liebe, geniale, blinde Frau!... Er will nicht, daß jemand Anderer dieser Müller ein »Sort« mache, er will selbst ihr »Sort« sein ... O, er hat die gediegensten Absichten, er will sie heirathen.«

»Was Dir einfällt -- der alte Herr.«

»Ist nicht so alt, kommt nur Dir so vor, bist halt verwöhnt durch den Anblick Deines Mannes,« schäkerte er. »Aber weißt Du was? wir spielen ihm einen Streich.«

»Warum denn? er hat uns ja nichts gethan.«

»Ich, ich bin eifersüchtig auf ihn,« rief Eduard in bezauberndem Übermuthe.

Madame Amélie war denn auch bezaubert.

»Wenn wir ihr nicht helfen von ihrer Armuth, entschließt sie sich am Ende und nimmt ihn und geht an seiner Seite in die ewige Langeweile. Mir könnte das zwar sehr gleichgültig sein, denn, wie Du weißt, ich mag sie nicht, aber ein Schaden fürs Geschäft wär's, wenn wir sie verlieren würden. Deshalb, Schatz, wollen wir die Müller so stellen, daß sie seine Wohlthaten nicht braucht. Ich bitte Dich, schicke ihr morgen in aller Frühe einen Boten. Jetzt wär's zu spät, jetzt schläft schon Alles bei ihr im Hause. Sie gehen ja dort zur Ruhe zugleich mit den Hühnern in ihrem Hofe.«

»Woher weißt Du, daß es Hühner giebt in ihrem Hof?« fragte Amélie rasch in einer Anwandlung von Mißtrauen. Eduard aber erwiderte ganz unbefangen:

»Ich bin einmal dort vorbeigekommen. Also schreibe heute noch und bescheide sie für morgen Mittag zu Dir. Sei vielleicht ganz besonders liebenswürdig und lade sie ein, die Kinder mitzunehmen. Denen machen wir einen guten Tag und schicken sie mit Fräulein Julie zu Wagen in den Prater. Bist Du dafür, mein Herz, mein geliebtes?«

Wenn er sagte: »Mein Herz, mein geliebtes,« war sie verloren und hatte keinen Willen mehr als den seinen. Ja, ja, Alles, was er bestimmte, sollte geschehen. Ihn ergriff eine tolle Lustigkeit, er nahm seine dicke Frau in die Arme und tanzte mit ihr im Zimmer herum.

XIV.

Der nächste Vormittag traf Dietrich auf dem Wege zu Frau von Müller. Er wollte sie in Kenntniß des Anerbietens setzen, das Madame Vernon ihr machen werde, und sie bitten, es abzuweisen.

Minutenlang ließ man ihn heute vor der Thür warten. Er läutete mehrere Male diskret und geduldig nach entsprechenden Zwischenpausen. Ihm kam vor, als ob er in der Küche flüstern, leise Schritte über die Steinplatten gleiten hörte, als ob eine Thür möglichst geräuschlos geöffnet und wieder geschlossen würde.

Endlich hob sich der Zipfel des weißen Vorhanges. Die Dienerin erschien am Fenster und fuhr beim Anblick Brand's erschrocken zurück.

»Was ist? was giebt's? Machen Sie doch auf!« rief er laut und beunruhigt.

Noch eine Weile zögerte sie, öffnete aber endlich doch und stand vor dem Eintretenden, sie die brave, in Ehren ergraute Magd, verwirrt, mit unstät flackernden Blicken, mit glühenden Wangen, ein Bild des schlechten Gewissens. »Niemand zu Hause,« stotterte sie und sah dabei schief und verstört nach einem Gegenstande hinüber, der auf dem Küchenbrette lag neben einem kleinen Krater aus Mehl, in den sie ein Eigelb eingebettet hatte. Dieser Gegenstand war eine Zehnguldennote.

»Sie lügen schlecht,« sprach Brand. »Ja, was Hänschen nicht lernt, meine liebe ... Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?«

»Pauline, zu dienen.«

»Meine liebe Pauline. Die gnädige Frau mag nicht zu Hause sein, aber jemand Anderer ist da bei Ihnen. O, Pauline, in Ihrem -- ich will sagen in unserem Alter -- in Abwesenheit der gnädigen Frau, und mitten im Kochen!«

»Herr Rittmeister, Jesus Maria, was glauben Sie von mir? Ich weiß nicht, was ich thun soll, ich weiß nicht, was ich sagen soll ...«

»Die Wahrheit, Pauline. Wer ist da, wen verstecken Sie?«

»Ich verstecke ihn nicht, er versteckt sich selbst. Ich weiß nicht, warum. Er hat mir befohlen, zu sagen, daß Niemand zu Hause ist, wenn wer Anderer kommt, als die gnädige Frau, und er muß auf sie warten und muß mit ihr sprechen in Geschäften.«

»Er hat befohlen? Wer hat Ihnen etwas zu befehlen?«

»Der Herr Chef, Herr Jesus! Er ist der Chef. Der gnädige Herr Chef wird doch etwas zu befehlen haben. Er kann uns Alle brotlos machen, sagt er.«

»Brotlos machen, so? Nun, meine Liebe, ich habe Ihnen zwar nichts zu befehlen, aber _rathen_ möchte ich Ihnen ...«

Herr Jesus! dieser Rath war in einer Manier gegeben, viel fürchterlicher als die des Chefs, Befehle zu ertheilen. Fast hätte die arme Pauline aufgeschrieen.

»Seien Sie still und kochen Sie ruhig weiter, das ist mein Rath. Und dieses Geld« -- Brand wies auf die Banknote -- »dieses Sündengeld ...«

»Sündengeld?« -- Jetzt war ihr Gekreische nicht mehr zu unterdrücken: »Ich mag's nicht, ich hab's nicht angerührt. Nehmen Sie's, gnädiger Herr, geben Sie's zurück.«

»Gut, vortrefflich.« Brand steckte das Geld zu sich und trat ins Atelier. Aber da war Niemand.

Der Elende hatte sich weiter zurückgezogen, ins Zimmer nebenan -- Gnade ihm Gott! -- ins Schlafzimmer Sophiens. Dietrich ging auf die Thür zu, eine niedere Thür ohne Schloß, drückte die Klinke, und stand in dem Zimmer, in dem die Geliebte, ja, ja, die Vielgeliebte! ausruhte von den Mühen des Tages.

Ein armes, schmales, grau getünchtes Stübchen. An der kurzen Wand, dem geöffneten Fenster gegenüber, stand ein mit einem rothen Kotzen zugedecktes eisernes Bett, ziemlich dicht daneben ein alter, kleiner Ofen, und zwischen diesem und dem Bett war Herr Weiß eingeklemmt und machte verzweifelte Anstrengungen, sich, immer tiefer niederkauernd, zu verstecken. Ein lächerliches Unternehmen, von dem nur Einer, der vor Angst den Kopf verloren hat, glücklichen Erfolg erwarten konnte.

Brand betrachtete ihn mit durchbohrender Verachtung. »Kommen Sie doch hervor,« sagte er, »Sie demoliren noch den Ofen.«

Der Rittmeister spaßte. Unerwartetes Glück! da konnte ja auch Herr Weiß spaßen. Er richtete sich auf, glättete seinen Rock, seine Weste, lachte gequält und stotterte mit unverfälschtem Galgenhumor: »Ha, ha, Überraschung über Überraschung -- Sie verderben mir eine Überraschung ... Ich wollte -- ja, wollte im Auftrage meiner Frau ...«

Brand hatte den Blick von ihm ab und auf einen eleganten Cylinder gewendet, der auf dem Bette lag: »Sie haben Ihren Hut in unpassender Art abgelegt, nehmen Sie ihn wieder auf!« sprach er gebieterisch, und Eduard brachte nur ein: »O Pardon!« heraus und gehorchte.

Brand stellte einen Sessel, den einzigen, der da war, vor die geschlossene Thür, setzte sich und kreuzte die Arme.

Weiß sah ihm mit bangen Gefühlen zu. »Was beliebt Ihnen eigentlich?« fragte er, Schlimmes ahnend, aber bemüht, einen »legeren Ton« anzunehmen. »Sollen wir Frau von Müller hier erwarten?«

»_Wir_ nicht. Sie gehen gleich, das heißt, Sie springen -- da hinaus.«

Verwirrte die Furcht Eduards Sinne oder streckte der entsetzliche Brand jetzt wirklich den Arm aus, gegen das Fenster?

Er war ganz Kraft, ganz Wille, dieser ehemalige Rittmeister. Unerbittliche Entschlossenheit funkelte aus den tiefliegenden Augen, und um den Mund mit den fest aufeinander gepreßten Lippen hatte ein Zug sich gebildet -- dieselben scharfen Furchen mochten sich, wie mit dem Grabstichel in Erz gezeichnet, von den Mundwinkeln herab gezogen haben, damals, als er die Pistole hob, um den Obersten durch und durch zu schießen ... In Eduard stieg ein einziger, heißer Wunsch auf, der alle anderen Wünsche verschlang, der Wunsch, aus der Nähe dieses gefährlichen Menschen zu kommen.

»Ich empfehle mich,« sagte er, »bitte nur, mir Platz zu machen.«

»Dort ist Platz genug,« versetzte Brand. Und wieder die entsetzliche Gebärde. »Frau von Müller kann jeden Augenblick nach Hause kommen, und ich will ihr das Mißvergnügen, Ihnen zu begegnen, ersparen. Deshalb gehen Sie nicht über die Stiege, sondern springen aus dem Fenster, wenn Sie es nicht vorziehen, hinaus geworfen zu werden. Sie nehmen auch Ihr Eintrittsgeld mit ...« Er hielt ihm die Banknote hin, die Eduard in rathloser Bestürzung einsteckte. »Wenn ich bedenke, daß Sie sich erfrecht haben, Eintrittsgeld zu zahlen ...«

»Herr Rittmeister, Sie verkennen meine Absichten, ich versichere Ihnen auf Ehre ...«

»Reden Sie nicht von Ehre!« rief Brand. »Ich habe auch Nerven, ich kann manche Worte von manchen Leuten nicht aussprechen hören. -- Springen Sie!« Wieder streckte er den Arm aus, und Eduard überlief's.

Was thun? Sich mit dem Fürchterlichen in einen Ringkampf einlassen -- der wahnsinnige Gedanke kam ihm, doch verwarf er ihn sogleich und stotterte: »Es giebt eine Polizei --«

»Nicht in der Nähe. Wenn Sie rufen, kommt höchstens die Hausmeisterin.«

»Die nicht! die nicht!« Vor der graute ihm offenbar -- was mochte es gegeben haben zwischen ihr und ihm?

Helle Tropfen perlten auf seiner Stirn. Er näherte sich dem Fenster. Ein Blick, den er in den Garten hinabwarf, beruhigte ihn einigermaßen; es war ein geringes Wagniß, das von ihm gefordert wurde. Nur eine abscheuliche Verletzung der Eitelkeit, niederträchtig beschämend. Aber da kam Hülfe in der Noth, da hatte er einen rettenden Einfall. Der Spieß ließ sich umdrehen und dem Beschützer Sophiens ins väterliche Herz stoßen.

»Wenn ich's thu', thu' ich's, weil ich's will, weil's mir einen Jux macht,« sprach er munter, »weil's flott ist, weil's fesch ist. Mich braucht's nicht zu tangiren, wenn man mich aus dem Schlafzimmerfenster der Frau von Müller springen sieht.«

»Keine Gefahr. Die unteren Fenster sind blind, und der zweite Stock ist unbewohnt. Man läutet. Nun, wird's?«

»Aus Jux thu' ich's -- merken Sie sich das ...« Er hatte sich auf das Fensterbrett gesetzt und die Füße hinaufgezogen; er sah, daß Brand aufstand und auf ihn zukam. Nein, nein! das verbat er sich -- Nachhülfe war überflüssig. Hastig erhob er die Hände zur Abwehr, verlor das Gleichgewicht, fuchtelte, einen Stützpunkt suchend, in der Luft herum, und plumpste kopfüber hinaus.

Brand trat ans Fenster und sah ihn auf dem Boden liegen, und gar nicht »fesch«, gar nicht »flott«, mit blöd aufgerissenen Augen zum blauen Himmel empor starren. Er war tief eingesunken in ein frisch rigoltes Beet, das zur Aufnahme schöner Blumen und nicht zu der eines solchen Klotzes bestimmt war. Dietrich warf ihm seinen Cylinder nach, den er vergessen hatte, und konnte nicht umhin, einen neuen Mangel in der Erziehung dieses Herrn zu rügen:

»Wenn er voltigiren gelernt hätte, wie ganz anders wäre er da unten angekommen.«

XV.

Sophie kehrte in freudiger Stimmung heim. Sie war nicht erstaunt, Brand da zu finden. Madame Amélie hatte ihr gesagt, daß er ihr abrathen werde, das Anerbieten des Herrn Vernon anzunehmen, und:

»Einen einmal gefaßten Entschluß lang hinauszuschieben, liegt nicht in Ihrer Art ... Aber denken Sie, jährlich zweitausend Gulden!«

Daß ihr Talent, ihre Thätigkeit so hoch angeschlagen wurden, erfüllte sie mit einem wahren Glücksgefühl. Wenn sie auf den Vorschlag, den Amélie ihr gemacht hatte, einging, war sie sorgenfrei, hatte die Möglichkeit, ihre Kinder gut zu nähren und zu kleiden. »Erwägen Sie, was das heißt,« rief sie aus.

»Es heißt viel,« versetzte Brand. »Sich aber täglich für zwölf Stunden von ihnen trennen und sie der Obsorge der Dienerin überlassen, heißt mehr.«

»Pauline ist brav, und meine Kinder sind gehorsam. Georg hält sein Wort wie ein Mann; ich weiß, was ich mir von ihm versprechen lasse, geschieht. Die Trennung an jedem Morgen wird mir freilich schwer werden, aber was erträgt man nicht, wenn man weiß, in zwei Jahren wird Alles besser. Und das wird sein, denn ich darf jetzt hoffen, in zwei Jahren meine verpfändete Pension eingelöst zu haben.«

»So haben Sie angenommen ...«

»Noch nicht Ich habe mir eine achttägige Bedenkzeit ausgebeten, obwohl Madame Amélie anfänglich auf sofortiger Entscheidung bestand und den Grund meines Zögerns durchaus kennen wollte. Ich konnte ihr ihn nicht sagen, diesen einzigen Grund ... es ist unmöglich -- und auch vielleicht höchst lächerlich ... In meinen Jahren sollte ich doch die Furcht vor der Zudringlichkeit eines Frechlings überwinden können, der seine albernen Späße gewiß einstellen würde, wenn ich den Muth fände, ihn einmal derb abzuweisen.«

»Fragen Sie Pauline, welchen Spaß der Frechling sich eben erst machen wollte,« sagte Brand und schilderte ihr kurz und lebhaft, was zwischen ihm und Eduard vorgefallen war.

Sophie schüttelte den Kopf. Sie war mit seiner Handlungsweise nicht einverstanden: ihr schien, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen hatte, eine Übereilung! Er und eine Übereilung! Wie kann man seinem Charakter so untreu werden?

Dietrich suchte sich zu rechtfertigen. Er war mit den Gepflogenheiten des Hauses schon bekannt genug, um zu wissen, daß um diese Stunde höchstens der schwarze Kater sich im Hofe aufhielt. Pauline ist die Einzige, meinte er, der man zu erklären braucht, wie so der Herr Chef zwar durch die Thür herein, aber nicht mehr durch die Thür hinaus spazierte.

Sophie nahm den Hut ab und die altmodische Mantille, die sie sorgfältig zusammenfaltete, damit das vielfach geflickte Futter nicht zum Vorschein komme. Dann setzte sie sich an den Werktisch und fing an, eine Haube zu montiren.

Sie saß am Fenster im vollen Lichte des sonnigen Tages und Dietrich ihr gegenüber, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Ihre Wangen waren leicht eingefallen, ein Zug von Schwermuth spielte um den Mund mit seinen etwas zu blassen Lippen. Sie sah in diesem Augenblick nicht jünger aus als ihre Jahre. Nur ihre schönen, kunstfertigen Hände waren ganz unverändert geblieben und lösten mit bewunderungswürdigem Geschick und erstaunlicher Leichtigkeit ihre heikle Aufgabe. Der kleine Finger der Rechten, der selbst am Wenigsten leistete, schien der geistige Urheber all des Geleisteten zu sein, schien zu prüfen, zu leiten, sanft gerundet Beifall zu spenden, jäh ausgestreckt Bedenken zu erheben. Brand betrachtete ihn und hätte ihn küssen mögen, bezwang sich aber und blieb regungslos; ein stiller Beobachter, aus dem allmählich ein gekränkter wurde. Etwas von dem, was in ihm vorging, hätte Sophie doch errathen müssen. War's möglich, daß der Kampf, den er mit seinem übervollen Herzen kämpfte, von ihr unbemerkt blieb? Nur absolute Gleichgültigkeit kann eine scharfsichtige und gütige Frau so blind und grausam machen. Sophie war sich seiner Anwesenheit wohl gar nicht mehr bewußt, sie hatte ihn vergessen über den Spitzen und Bändern, aus denen sich immer deutlicher ein wunderhübsches, kopfputzartiges Ding gestaltete, das sie nun in die Höhe hielt und aus einiger Entfernung prüfend ansah.

»Nein, das könnt' ich nicht,« rief Dietrich plötzlich aus. Sie lachte:

»Das glaub' ich, daß Sie das nicht können.«

Er hatte aber etwas ganz Anderes gemeint. Er hatte gemeint: Ich könnte einen Menschen, der mich liebt, der blutig bereut, mich nicht schon einst geliebt zu haben wie jetzt, dem sein ganzes Leben und Alles, was er hat, erst dann etwas werth würde, wenn er es mir darbringen dürfte, nicht so neben mir sitzen lassen, ohne ihm ein Zeichen der Theilnahme zu geben.

Die Kinder waren zurückgekehrt. Man hörte sie in der Küche laut und eifrig sprechen; Annerl lief herein und mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu:

»Wir sind gefahren, so weit, so geschwind, in einem zugemachten Wagen. Und Fräulein Julie sagt, wenn wir andere Kleider haben werden, werden wir in einem offenen Wagen fahren. Und jetzt sind wir wieder da.«

Georg folgte der Schwester bald nach. Sein melancholisches Gesichtchen war freudig belebt, aber der ihm ungewohnte Ausdruck erlosch plötzlich, er richtete die dunkeln Augen finster auf Brand, zögerte einen Augenblick und kehrte auf der Schwelle wieder um.

»Sehen Sie nun,« sprach Sophie, »so ist er. Daß er nicht Alles findet, wie er sich's wahrscheinlich vorher ausgemalt hat; daß Sie da sind, daß Annerl ihm zuvorgekommen ist mit ihrer Begrüßung, macht ihn unglücklich, verdirbt ihm die Laune für den Rest des Tages. Ein anderes Kind würde man strafen. Ich hab' es ja auch bei ihm mit Strenge versucht, aber immer bereut. Er leidet zu viel darunter, die Strafe steht außer Verhältniß zu dem Vergehen.«

Sie hatte die Kleine auf ihren Schoß gehoben, und das Kind umschlang den Hals der Mutter mit beiden Ärmchen und war glückselig.

Brand hatte sich kerzengrade auf seinen Sessel aufgerichtet: »Gnädige Frau,« sagte er, »ich wiederhole meine schon neulich gestellte Bitte: Vertrauen Sie Ihren Sohn meiner Leitung an, überlassen Sie mir seine Erziehung.«

Sophie erhob die Augen zu ihm, sah ihn dankbar an, aber sie schwieg.

»Thun Sie's,« fuhr Dietrich fort, »Georg soll es gut haben bei mir, es soll ihm an nichts fehlen, auch nicht an weiblicher Pflege. Diese ließe ihm eine höchst anständige Person zu Theil werden, Frau Magdalena Peters, die Mutter meines Täuflings, Dietrich Peter Peters.«

»Sie haben Alles erwogen, ich seh's,« versetzte Sophie freundlich, ja herzlich, und dennoch klang eine leise Ironie aus ihrem Tone. »Aber man mag sich etwas Unbekanntes noch so deutlich vorstellen, wenn es in Wirklichkeit an uns herantritt, überrascht es doch immer. Sie wissen nicht, was Sie sich aufbürden wollen ... Ich habe es schon einmal gesagt -- ein Kind, in ihrem gewiß schönen, musterhaft geführten Haushalt ...«