Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen

Chapter 5

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Sie waren am Ziele. Frau von Müller lief mehr als sie ging ins Haus, und Brand dachte daran, heim zu gehen. Aber er that es nicht, er brachte sich nicht fort. Er hatte ja die Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen, ihr noch einmal zu folgen, sie vielleicht noch einmal in Schutz zu nehmen vor irgend einem Lümmel und sich dann ein Wort des Dankes von ihr zu verdienen .... Daß sie doch in eine große Gefahr gerathen möchte, daß er ihr Leben um den Preis seines eigenen retten und ihr sterbend sagen könnte: »Frau von Müller, jetzt sind wir quitt!«

Sie war nicht die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen, die links in die Salons führte, sondern die Seitentreppe rechts, über die man zur Privatwohnung Madame Amélies gelangte. Brand hatte sich in den Hof zurückgezogen und beobachtete von dort aus, was unter dem Thorwege vorging. Nach kaum zehn Minuten kam Sophie die kleine Treppe wieder herab. Ihre Wangen waren leicht geröthet, ein heller Ausdruck von Freude verklärte ihr Gesicht. Die angenehme Überraschung, die Brand ihr zugedacht, war gelungen; Madame Amélie hatte ihre Sache gut gemacht.

Mit großer Raschheit eilte Frau von Müller vorwärts und wäre beinahe an einen großen, breiten, nach der neuesten Mode gekleideten Herrn angeprallt, der plötzlich und ebenfalls sehr rasch aus der Thür der gegenüber liegenden Treppe getreten war. Brand erkannte in ihm das Urbild der vielen Porträts, die das Zimmer seiner Gattin schmückten, den Chef des Hauses, Herrn Eduard Weiß. Das waren seine impertinent blauen, vorgehenden Augen, seine üppigen Backenbärte, die schwellenden Lippen, die -- um mit Amélie zu sprechen -- unter dem blonden Schnurrbart hervorblinkten, wie rother Mohn ans dem Weizenfelde.

Er lachte laut auf über den Schrecken, mit dem Sophie vor ihm zurückgefahren war, und sprach, ohne den Hut zu rücken: »Seh'n Sie, da haben Sie's. Zur Strafe, daß Sie immer vor mir davonlaufen, wirft Sie der Zufall in meine Arme.«

Sie wendete sich und eilte dem Ausgang zu; Eduard vertrat ihr den Weg:

»Nein, nein, Sie bleiben! Warum so scheu? Hab' ich Sie beleidigt, oder fürchten Sie, daß ich Ihnen gefährlich werden könntet Wenn das wäre, schöne Frau, wenn ich das hoffen dürfte« ...

Zärtlich, mit elegischer Gebärde, streckte er die fein behandschuhte Rechte aus, um ihren Arm zu fassen; aber im selben Augenblick legte sich eine nervige Faust auf den seinen, und eine gebieterische Stimme befahl:

»Platz da, Herr!«

Betroffen sah Eduard sich um und maß den kleinen, unscheinbaren Mann, der ihn angerufen hatte, mit einem häßlichen, verächtlichen Blicke. Dieser Mann lüftete jetzt vor Frau von Müller den Hut wie vor einer Königin und fragte ehrfurchtsvoll:

»Darf ein alter Bekannter Ihnen sein Geleit anbieten, gnädige Frau?«

Sie war zurückgewichen. Ein leises Beben durchrieselte ihren ganzen Körper, mit groß geöffneten Augen starrte sie ihn an, ihre Oberlippe zog sich ein wenig in die Höhe, man sah, wie ihre weißen Zähne sich fest auf einander klemmten.

»Herr Rittmeister Brand,« sprach sie zagend, fast unhörbar.

»Brand?« wiederholte Herr Eduard eingeschüchtert. Rittmeister Brand, von dem Amélie in den letzten Tagen so oft und mit so herausforderndem Entzücken sprach? Derselbe Brand, von dem man wußte, daß er den Dienst aufgegeben hatte, um sich mit seinem Obersten duelliren zu können. War er's? war er's nicht? Für alle Fälle fand Herr Weiß es gerathen, die Augen zu senken.

Sophie hatte ihre Fassung bald wieder gewonnen. Ruhig, höflich, aber unwiderruflich entschieden sprach sie, als Brand seinen Antrag wiederholte: »Ich danke Ihnen, Herr Rittmeister, nein, nein.«

Dietrich trat schweigend zur Seite, und sie schritt an ihm vorbei und hinaus in den strömenden Regen, in den Sturm, der sich erhoben hatte und die Straßen durchfegte.

Eduard machte einen zaghaften Versuch, ihr zu folgen. Aber Brand sah zu ihm hinauf (er reichte ihm genau bis zum Ohrläppchen) und sprach:

»Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung. Ich begleite Sie auf Ihr Comptoir.«

»Ich komme von dort,« versetzte der schöne Mann und wußte nicht recht, ob er mehr Grund zur Entrüstung oder zur Bestürzung habe. »Ich gehe jetzt aus. Ich habe zu thun.«

»Auch ich habe zu thun, und zwar mit Ihnen,« sagte Dietrich bestimmt, aber gar nicht agressiv. Dem Chef lief es trotzdem eiskalt über den Rücken, und er fragte sich, ob das vielleicht die Art der Herren vom Militär sei, einen Civilisten zum Duell heraus zu fordern. Zum Duell! Diesem Unsinn, diesem Verbrechen, das jeder vernünftige und rechtgläubige Mensch verabscheut. Aber Gottlob, beschwichtigte er sich, wir haben ein Gesetz, und dieses hat einen Paragraphen, der Schutz gewährt gegen Bedrohung am Leben. Diese Erwägung gab ihm einige Sicherheit und den Muth, zu sagen:

»Eigentlich weiß ich nicht ... Mit wem hab' ich denn eigentlich die Ehre?«

»Eine ganz berechtigte Frage, Herr Eduard Weiß. Ich habe versäumt, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Dietrich Brand.«

»Also wirklich ... Meine Frau hat schon öfters das Vergnügen gehabt, Herr Rittmeister« ...

»Nicht mehr. Ich habe meinen Militärcharakter abgelegt.«

»Ja so, also richtig, also -- bitte.«

Wenn Du nur nicht so verflucht martialisch aussähest, Du alte Tugendpolizei, dachte Eduard.

Er hatte den Gast in das ebenso elegant wie gediegen eingerichtete Comptoir geführt, wies ihm dort einen bequemen Fauteuil an und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Da hatte er die Taster der elektrischen Glocken in der Nähe. Ihr Anblick und der des Telephons an der Wand war ihm erfreulich. Es berührte ihn auch angenehm, als er aus dem zweiten Zimmer die süße Stimme Fräulein Juliens, die mit dem Zuschneider konferirte, herüberflöten hörte.

Brand nahm von dem ihm angebotenen Platz nur so viel in Anspruch, als seine schmächtige Gestalt durchaus brauchte. Er saß kerzengerade, mit fest geschlossenen Beinen, und als Eduard ihm den Hut, den er in der Hand behalten hatte, abnehmen wollte, lehnte er kurz ab: »Nicht nöthig. Ich habe Ihnen nur mitzutheilen, daß der verstorbene Major von Müller ein Kamerad von mir gewesen ist. Erst neulich habe ich erfahren, daß seine Wittwe hier lebt. In wie traurigen Verhältnissen, theilte Ihre Frau Gemahlin mir mit. Ich bin nun entschlossen, Frau von Müller und ihre Kinder in meine Obhut zu nehmen. Soeben war ich Zeuge des Benehmens, das Sie sich gegen diese Dame erlauben; wohl nur, weil sie von Ihnen für schutzlos gehalten wird. Sie ist es nicht mehr. Wer sie beleidigt mit einem einzigen Worte, einem einzigen Blick, beleidigt _mich_. Ich aber versichere Ihnen, daß ich Beleidigungen nicht dulde. Das lassen Sie sich gesagt sein.«

Er stand auf, und Eduard folgte seinem Beispiel. Er sprach nicht, er verbeugte sich nur, über sein wohlgenährtes Gesicht flog ein Ausdruck ... Alles zugleich, cynisch, frech, feige.

Brand nahm sich zusammen; er wollte seinen Zorn nicht überwallen lassen. Das kostete ihn einen schweren Kampf. Unbegreiflich! Seinen Soldaten gegenüber war seine Ruhe unerschütterlich, seine Geduld unerschöpflich gewesen. Wie kam dieser Bengel zu der Ehre, ihn dergestalt in Aufregung zu bringen?

XI.

Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrängte. Das erste Wiedersehen zwischen Sophie und ihm war für sie ein mit Schrecken verbundenes, für ihn ein glückliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten dürfen. Was aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstatten, ginge nicht an. Es sähe gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, daß man einen Zudringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerletzt das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder -- verfluchtes Dilemma! -- möchte er doch um keinen Preis gleichgültig und theilnahmslos erscheinen.

Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifelsqualen. Länger nicht.

Am nächsten Tag war das Wetter schön, er hatte Klein-Peterl im Stadtpark besucht und wie gewöhnlich unter der fröhlich spielenden Jugend lehr- und segensreich gewaltet. Als es Zwölf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertrag ihrer Arbeit heimzuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim unerwarteten Wiedersehen -- da war's beschlossen: »Um Drei bin ich bei ihr.«

Die Stunde schien ihm die passendste für einen ersten Besuch. Es ist eine so hübsche Stunde, diese dritte -- nach der Mittagshöhe. Sie lastet nicht mehr drückend schwül und ist doch kräftig von Sonnenlicht durchtränkt. Die dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren im Leben ...

Brand ging ins Restaurant, rascher als nothwendig gewesen wäre, und hatte, nach Hause zurückgekehrt, schon um halb zwei Uhr seine Cigarre fertig geraucht. Dann wurde Toilette gemacht. Cylinder Nr. 2, dunkelgrauer Straßenanzug Nr. 2. Alles sehr einfach, aber bürsten mußte Peter den Hut, den Anzug, die Stiefel, daß ihm das Herz weh that um den Filz, das Tuch und das Leder. Brand warf sogar einen Blick in den Spiegel, schüttelte den Kopf und sah unzufrieden aus. Ist auch an _seinem_ Lebenstage früher Nachmittag ... oder naht schon der Abend?

Es muß heute eine Andere sein, dachte Peter. Zu den Besuchen bei der »#Marchand' Mod'#« wird nur Garderobe Nr. 1 angelegt. Nun ja, von so einer Putzgredl will man sich nicht spotten lassen.

»Jetzt geh' ich,« sagte Brand, und hinter den armseligen Worten schwoll es empor wie komprimirter Jubel, dem man ein bißchen Luft macht. »Wohin glaubst Du wohl?« setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu, und sah den guten Peter, und wußte selbst nicht warum, streng an: »Zur Frau Major von Müller.«

Peter war verblüfft; er gestand sich ungern, daß er nicht wußte, was er denken sollte von seinem Rittmeister. So stieß er denn einen Seufzer aus und sprach: »Die Frau Major von Müller, ja. Belieben jetzt in Klausenburg zu sein, die Frau Major.«

»Sie war dort, ist jetzt in Wien.«

»Da muß sie g'rad hergereist sein, Herr Rittmeister, stotterte Peter, und ein Licht ging ihm auf, sonnenhell, sonnengroß, und er platzte aufleuchtenden Blickes heraus: »Die Frau Major sind jetzt auch eine Witib.«

»Was -- auch? Wer -- auch?« Ein solcher Esel! setzte er im Stillen hinzu, ob man mit einem solchen Esel ein Wort reden darf, das nicht absolut zum Dienst gehört.

Die kleine Verstimmung Brands verflog im Augenblick, in dem er aus dem Hause trat. So schlecht das Wetter gestern gewesen, so wunderschön war es heute. In strahlender Herrlichkeit stand die Sonne am lichtblauen Himmel; ein verklärender, wie von Millionen winziger Fünkchen durchschimmerter Dunst lag über den Prachtbauten der Ringstraße und über den fernen Bergen. Das alte, ewig junge Wien prangte im Frühlingsschmuck seiner Alleen, Rasenplätze und Gärten: aber noch lag ein winterlicher Hauch in der Luft und gab ihr etwas Kerniges, Stärkendes. Jeder Blick trank Schönheit, jeder Athemzug Kraft, und mit jedem Schritte, den Brand vorwärts machte, steigerte sich sein Glücksgefühl, und sein Unternehmungsgeist wirbelte, wirbelte empor, bis er ins Übermüthige umschlug.

Dietrich trat in einen äußerst eleganten Spielereiladen und kaufte dort den gediegensten Malkasten, der sich auf Lager fand, und die größte Pariser Puppe: ein Wickelkind, von einem lebendigen nur dadurch zu unterscheiden, daß es im zartesten Alter schon beim leisesten Drucke »Papa« und »Mama« quietschte.

Da Brand durchaus nicht wünschte, beladen wie er war, einem Bekannten zu begegnen, nahm er einen Wagen und fuhr bis an die Ecke der Berggasse. Indessen fühlte er sich auch hier nicht ganz behaglich: die Puppe war schlecht verpackt, aus einem Spalt des Papiers kam eine ihrer blonden Locken zum Vorschein, und aus einem anderen ihre rosenfarbige Hand, und mit der schlug sie einem seiner Grundsätze ins Gesicht. Wie oft hatte er Mütter und Gouvernanten gewarnt: »Von dem Tragen großer Puppen werden die Kinder schief.« Und was wird Frau von Müller sagen, wird sie es nicht taktlos finden, daß er gleich beim ersten Besuche mit Geschenken angerückt kommt?

Er verwünschte den Ankauf, zu dem ihn der berauschende Einfluß der Frühlingsluft verleitet hatte und würde seine Übereilung gar zu gern ungeschehen gemacht haben. Die Gasse war ziemlich öde, die wenigen Menschen, die er traf, schenkten ihm keine Aufmerksamkeit; er glaubte etwas wagen zu dürfen, er unternahm den Versuch, sein Paket hinter ein Hausthor zu legen. Aber das unselige Puppenzeug quietschte, und ein angetrunkener Maurer, der plötzlich, wie aus einer Versenkung, auftauchte (es dürfte die Kellerstiege gewesen sein, erklärte Brand sich später), schrie ihn an, das Haus sei kein Findelhaus, er möge sein Kind wo anders weglegen.

In der Entrüstung über diese stupide Verdächtigung fand Dietrich seine Seelenstärke wieder. Mit dem Bewußtsein, daß er Frau von Müller gegenüber nur eine Ungeschicklichkeit, nicht aber ein Unrecht begehe, verfolgte er seinen Weg, erreichte sein Ziel und stieg die schmale Wendeltreppe des alten Hauses mit ihren gefährlich ausgetretenen Stufen empor. Auf dem Gange wendete er sich nach rechts. Dicht neben der Thür 6½ befand sich ein Fenster, das ein weißer Vorhang von innen verhüllte. Brand zog an dem Glockenstrang, und dabei durchzuckte es ihn vom Wirbel bis zur Sohle wie ein elektrischer Schlag.

Alter Mann! alter Mann, was sind das für Gefühle? So war Dir ja zu Muthe, als Du, ein zwanzigjähriger Lieutenant, der unvergeßlich schönen Frau Bürgermeisterin von Wilna zum Geburtstag gratuliren gingst, mit einem Rosenbouquet.

Die Glocke tönte, wie sie zu tönen pflegt in den Wohnungen der Armen: »Bring was, bring was!« sagt sie. Ein Zipfel des Vorhangs wurde in die Höhe gehoben und hinter der sehr sauber geputzten Fensterscheibe erschien ein ältliches, gutmüthiges Frauengesicht. Brand wurde mit prüfendem Blick gemustert und schien einen Vertrauen einflößenden Eindruck zu machen; der Vorhang sank wieder, die Thür öffnete sich.

Auf die Frage, was er wünsche, gab er zur Antwort:

»Ich heiße Brand, ich möchte Frau Major von Müller sprechen, wollen Sie mich gefälligst bei der gnädigen Frau melden.«

Die Küche, in der er eingeladen worden war, bildete den Zugang zum Wohnzimmer. Von dorther ließ eine fröhliche Kinderstimme sich vernehmen, kleine Schritte trippelten, kleine Hände zerrten ungeduldig und ungeschickt an der Klinke der Thür. Sie ging auf. Aus einem Fenster ihr gegenüber strömte eine breite Lichtwelle herein, es sah ins Freie, und von leuchtendem Grunde hoben sich die Gestalten Sophiens und Annerls, die auf der Schwelle erschienen.

Brand grüßte mit einem tiefen Neigen des Hauptes: »Frau Major, gnädige Frau! entschuldigen, verzeihen Sie, daß ich es wage ...«

»Verzeihen?« wiederholte Sophie -- »ich habe Sie erwartet, Herr Rittmeister.«

Erwartet? ja dann! ... dann waren alle seine Skrupel todt, dann war er von allem Bangen erlöst: »Brand, kurzweg, gnädige Frau, ich habe meinen Militär-Charakter« ... Er hielt inne. Was Teufel kümmerte sie sein Militär-Charakter und in diesem Augenblick ihn selbst? Sie stand vor ihm, ihre Augen sahen ihn freundlich, gütig an, sie hatte ihn erwartet ... »Gnädige Frau,« begann er von Neuem und -- hörte auch damit auf. Wer zu viel zu sagen hätte, zu viel des Innigen, Warmen, Liebevollen, sagt lieber nichts.

Annerl zupfte die Mutter am Kleide: »Du Mama, das ist der Herr, der mir so gern etwas schenken möcht'.«

Sophie runzelte ein wenig die Stirn, und Brand wurde sich erst jetzt wieder bewußt, daß er seine Darbringungen noch immer unter dem Arme hielt:

»Können Sie mir verzeihen, gnädige Frau, daß ich mir den indiskreten Wunsch erfüllen wollte, daß ich, einer übermüthigen Regung nachgebend ... ich bin beschämt, wirklich ... besann mich zu spät, hätte unterwegs gern Alles weggeworfen, wenn ich nur gewußt hätte, wohin?«

Seine Verlegenheit entwaffnete sie, und sie lächelte sogar, als er die Puppe aus ihrer Umhüllung befreite, in beide Hände nahm und der Kleinen entgegen hielt.

Annerl war wie geblendet, sie betrachtete das kostbare Spielzeug mit scheuer Ehrfurcht, legte die Ärmchen auf den Rücken und wich Schritt für Schritt langsam zurück. Brand machte sich so klein er konnte und nahm die feinste Stimme an und den bittendsten Ton und zirpte:

»Nimm mich! ich bin eine gute Puppe, ich bin eine arme Puppe, ich habe keine Mama.«

Bewunderung und Zärtlichkeit drückten sich in den schönen Augen Annerls aus, aber sie setzte ihren Rückzug ununterbrochen fort. Brand folgte und hinter ihm ging Sophie, und hinter Sophie die Dienerin, die den Malkasten trug.

So gelangte die Gesellschaft in das Wohnzimmer. Es war niedrig, ärmlich und reinlich, hatte zwei Fenster und zwei Thüren und die Aussicht in einen ziemlich großen und gut gehaltenen Garten. Ein Arbeitstisch, über dem eine Petroleumlampe an der Decke hing, ein paar Schränke, vier Strohsessel bildeten die Einrichtung des grau getünchten Gelasses.

Georg, der, eifrig mit Zeichnen beschäftigt, am Tische gesessen hatte, war beim Einzug der kleinen Karavane aufgestanden, rückte einen Stuhl für Brand herbei und ersuchte ihn, Platz zu nehmen, mit einer hausväterlichen Art, die komisch gewesen wäre bei jedem anderen Kinde, bei diesem frühreifen, mit den Sorgen des Lebens schon vertrauten Knäblein jedoch wehmüthig berührte.

Sophie nahm Brand die Puppe ab und stellte ihm ihren Jungen vor: »Er hat mir gebeichtet, daß er unartig gegen Sie gewesen ist, er meinte -- er fürchtete ... Verzeihen Sie ihm. So einem kleinen Waarenausträger muß man leider Mißtrauen ins Herz pflanzen, und er ist dumm und unerfahren und wendet es am unrechten Orte an.«

Brand erwiderte, daran läge nichts, aber Georg soll jetzt beweisen, daß er sein Mißtrauen gegen ihn aufgegeben hat, indem er diesen Malkasten von ihm annimmt; »Willst Du, mein lieber Junge?«

Ob er wollte! Lautere Seligkeit strahlte aus seinem armen Gesichtchen, und er machte sich sogleich daran, die Geheimnisse des Wunderschranks zu erforschen: »Nein, aber -- aber!« murmelte er, bei jeder neuen Entdeckung von Neuem entzückt, vor sich hin, und Brand staunte über die Geschicklichkeit, mit der das Kind die kleinen Werkzeuge in die Hand nahm, prüfte, und zu benützen begann.

»Sie hätten ihn nicht glücklicher machen können,« sagte Sophie; »und sehen Sie einmal die Kleine an.«

Annerl hatte sich endlich an das schöne Wickelkind, das auf dem Schoß der Mutter lag, heran gewagt, ihren Kopf an den seinen gelegt und streichelte ihm voll wonniger Zärtlichkeit die blonden Locken.

Sophie nickte ihr, dann aber auch Brand freundlich zu: »Die ist im Himmel. Und der Kunstjünger dort ... Machen Sie sich gefaßt, jetzt bekommen wir ein wohlgetroffenes Bild von Ihnen,« sie deutete mit einem Augenwink nach Georg, der mit unendlichem Ernst daran gegangen war, Brand zu porträtiren.

Alles, was nicht zu seiner Beschäftigung gehörte, schien für den Kleinen versunken; der Eifer röthete seine Wangen, furchte seine kluge, überkluge Stirn. Er schob die Unterlippe ein wenig vor, hob die Augen zu Dietrich hinauf und senkte sie dann auf die Arbeit, nach einem so merkwürdig forschenden, in die Tiefe dringenden Blick, daß Brand sich auf dem lächerlichen Verdacht ertappte, daß diesem Kind mehr darum zu thun sei, ihm auf den Grund der Seele zu schauen, als sein Gesicht abzukonterfeien.

»Die Mutter hat heute viel zu thun,« sagte Georg plötzlich ganz laut, aber in sein Buch hinein.

Dietrich blickte Sophie fragend an. Ja wohl, es waren noch einige Nachbestellungen gekommen, die morgen abgeliefert werden mußten.

»Da kostet Sie die Zeit, die ich hier zubringe, etwas von Ihrem Schlafe?«

»Und was weiter?«

»Was weiter!« rief er bekümmert aus. Er war aufgesprungen: »Gnädige Frau, entschuldigen Sie, und nicht wahr? dieser Besuch gilt nicht; haben Sie die Großmuth, ihn zu vergessen.«

Sie reichte ihm die Hand: »Gut denn, Sie waren nicht da.«

»Und wenn ich komme, dann sagen Sie wieder: Ich habe Sie erwartet.«

XII.

Bei seinem nächsten Besuche fand er sie allein. Sie hatte die Dienerin mit den Kindern ausgeschickt und gönnte sich nach den Anstrengungen der letzten Tage einige Stunden Ruhe. Sie lud ihn ein, am offenen Fenster Platz zu nehmen, und machte ihn aufmerksam auf die Schönheit eines jungen Kastanienbaumes, der über und über mit Blüthen bedeckt war. An dem Garten hatte sie ihre Freude, und nur sie und ihre Kinder durften ihn den Sommer über benützen, mit Erlaubniß des Hausherrn, der sich jetzt auf dem Lande befand. Der Garten wurde vortrefflich gehalten von guten und höflichen Leuten, und man konnte sich in ihm so frei bewegen wie im Zimmer, denn er war nur von Feuermauern umgeben.

Das Alles erzählte sie ihm ein bißchen unsicher und hastig, wie Jemand, der sich frägt, während er zu einem Andern spricht: Interessirt es Dich auch?

Und er wieder war froh, daß sie es übernommen hatte, die Konversation einzuleiten; er hätte nicht gewußt, wie das anfangen.

Sophie fuhr fort: »Sehen Sie, daran, daß ich so dasitzen kann mit den Händen im Schoß und hinaussehen auf dieses kleine Stückchen Natur, und davon einen Genuß habe, daran erkenne ich das Herannahen des Alters. In meiner Jugend war ich viel zu fleißig und auch viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mich in müßige Bewunderung der Außenwelt versenken zu können, und dazu hätte es in unserem schönen, alten Garten doch mehr Gelegenheit gegeben als hier.«

Brand blickte sie gerührt an, erwiderte einiges herzlich Unbedeutende und fing jeden Satz mit einem so durchdrungenen: »Verzeihen Sie« an, daß sie sich eines Lächelns nicht zu erwehren vermochte und endlich mit munterer Entschlossenheit sprach:

»Lieber Herr Rittmeister, Sie haben ein Schuldgefühl gegen mich, und davon will ich Sie befreien und zugestehen, daß ich Ihnen gegenüber im gleichen Falle bin. Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen.«

»Wirklich,« rief er freudig, »wenn ich ... wenn Sie ... Wie sieht das Unrecht aus?«

»Sie sind gut und theilnehmend gewesen, haben mir Hülfe bringen wollen, und ich -- nicht daß ich ablehnte, das würde ich wieder thun, aber die Art, in der ich's that, reut mich, und nicht erst jetzt, sie hat mich sogleich gereut und ich bitte ...«

»Bitten Sie nicht,« rief er aus, »beschämen Sie mich nicht zu tief. Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, würdigen Sie mich Ihres Vertrauens. Sagen Sie mir, ob Sie in diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs sorgenfrei ...«

»Meine drückendste Sorge,« erwiderte sie rasch, »ist jetzt die um Georg. Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwächlich, um die Schule regelmäßig besuchen zu können; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern völlig entbehren müssen -- wie nachtheilig ist das für ihn, er wird immer mehr in sich gekehrt und weltfremd.«

»Gnädige Frau,« sprach Brand nach kurzem Besinnen, »Sie werden sich vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten ...«

»Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.«

»Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes,« sagte Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend, und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der peinlichen Überraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte, nur Dankbarkeit empfand.

»Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden,« fuhr Brand fort. »Übergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll.«

»Unmöglich, unmöglich,« sagte Sophie. »Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer Ordnungsliebe!« Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge angenommen hatten, that ihr weh.