Reisen in den Philippinen

Part 38

Chapter 383,303 wordsPublic domain

Der Schädel besitzt dem entsprechend eine nur mässige Capacität; er hat nur 1350 Ccm. Gehalt, immerhin genug, um ihn von den Australierschädeln zu trennen. Seine Gestalt ist eine ziemlich gleichmässig rundliche: die Stirn ist voll, der Scheitel hoch gewölbt, die Schläfengegend ausgelegt, die Hinterhauptsschuppe stark gerundet. An letzterer findet sich rechts ein besonderer Processus paracondyloideus mit überknorpelter Gelenkfläche; da der Atlas leider fehlt, so lässt sich nicht genau sagen, in welcher Weise die Verbindung mit dem Querfortsatze des Atlas stattgefunden hat. Bei der Messung hat der Schädel sich als wesentlich brachycephal ergeben; der Breiten-Index beträgt 83,4 bei einem Höhen-Index von 77,10 (Höhe zu Breite = 93,2 : 100). Obwohl er sich in diesen Verhältnissen den früher von mir vorgelegten Philippinen-Schädeln, namentlich den jüngeren aus der Höhle von Nipa-Nipa nähert, so bietet er doch Manches dar, was ihn von jenen unterscheidet. Insbesondere ist die Bildung des Gesichtsskelets höchst abweichend; nur einer der früheren Schädel (Z. 865) steht ihm näher. Ich erwähne hier vor Allem die ungewöhnliche Zartheit der Knochen des Gesichts, die selbst, wenn man eine jugendliche Entwicklung annehmen wollte, sehr auffällig sein würde. Wenn man jedoch die Zähne vergleicht, so ergiebt sich eine sehr merkliche Abschleifung der Schneide- und Mahlzähne, welche beweist, dass das Individuum nicht im Jugendalter gewesen ist. Ausserdem sind die Synchondrosis spheno-occipitalis vollständig, der untere Abschnitt der Sutura coronaria links und die unteren Abschnitte der Sutura lambdoides beiderseits verknöchert; der Processus styloides rechts hat eine ungewöhnliche Länge und Stärke; alle Muskelinsertionen sind durch tiefe Unebenheiten, Gruben und Vorsprünge bezeichnet; die Superciliargegend ist durch dicke und poröse Wülste ausgezeichnet, welche über der Nase zusammengehen. Nimmt man zu diesen anatomischen Merkmalen die Angabe des Hrn. Schetelig, dass der Mann ein Häuptling gewesen sei, so wird kein Zweifel bleiben können, dass dieser Schädel einem vollkommen ausgewachsenen Individuum angehörte. Keiner von den anderen Schädeln hat eine so verkümmerte Gesichtsbildung, wie dieser; sie erinnert fast an die von mir beschriebene Physiognomie des Lappengesichts. Die ganze Höhe (Nasenwurzel bis Kinn) beträgt nur 103 Millim., die Höhe der Nase 46, die mediane Höhe des Unterkiefers 25, der Maxillar-Durchmesser 60. Nur die Orbita (37,4 breit und 34,6 hoch) ist stark entwickelt und ihre mehr quer-viereckige Gestalt unterscheidet sie wesentlich von den Augenhöhlen aller anderen Philippinen-Schädel. Dem entsprechend ist auch die Nasenwurzel schmal, der Nasenrücken scharf vortretend und scheinbar eine Adlernase andeutend. Der Oberkiefer hat leider in der Mitte des Alveolarrandes einen kleinen Defect; trotzdem kann man ziemlich sicher erkennen, das nur ein sehr geringer Prognathismus des Oberkiefers vorhanden war. Am Unterkiefer fehlt derselbe gänzlich. Dies ist wohl der grösste Unterschied von den vorliegenden Bicol-Schädeln. Es ist weiterhin in der Schädelbildung dieses Mannes auffallend, so wenig Uebereinstimmung mit den gewöhnlichen Verhältnissen der wilden Rassen zu finden: die Plana semicircularia reichen nicht weit hinauf, die obere Wölbung zwischen den Ansätzen der Schläfenmuskeln ist sehr gross, die Jochbeine treten nicht sehr stark hervor, der Kieferast ist von geringer Stärke. Es lässt sich daher nicht verkennen, dass die ganze Form den äusseren Verhältnissen nach nichts Wildes an sich trägt, und wenn man hinzunimmt, dass auch die Länge der Schädelknochen ziemlich gute Verhältnisse darbietet, so muss man sagen, dass die Schädelform sich deutlich den civilisirten annähert. Schon aus diesem Grunde muss eine mögliche Verwandtschaft mit der australischen Rasse entschieden abgelehnt werden. Andererseits ist es gewiss bemerkenswerth, dass in Beziehung auf die Zartheit der Gesichtsbildung wohl die jüngeren Schädel aus der Nipa-Nipa-Höhle eine gewisse Uebereinstimmung darbieten, aber keineswegs die Kirchhofsschädel von Tabaco und Tibi. Bei allen diesen ist das Gesichtsskelet sehr stark entwickelt, namentlich die Jochbeine sehr vorspringend, der Oberkiefer und die Nasenwurzel breit, das Gesicht hoch und vor allen Dingen ein überaus starker Prognathismus des Ober- und Unterkiefers, so dass besonders am Oberkiefer der Alveolarfortsatz sich fast der horizontalen Stellung nähert. Selbst der jugendliche, im Ganzen sehr zarte und kleine Schädel von Tabaco zeigt in Beziehung auf die Gesichtsbildung die grösste Differenz, und namentlich die vorspringenden Zähne bilden den geraden Gegensatz gegenüber den Verhältnissen bei dem Arituktuk-Schädel. Bei den Bicols ist in der That eine affenartige Construction der Fresswerkzeuge vorhanden.

Im Uebrigen bilden diese Kirchhofs-Schädel eine vortreffliche Ergänzung des von Hrn. Jagor mitgebrachten Materials, insofern sie uns die Osteologie der neueren Bevölkerung kennen lehren. Alle fünf bieten unter sich eine grosse Uebereinstimmung dar: neben einem höchst auffälligen Prognathismus zeigen sie eine Brachycephalie, so stark, wie wir sie nur irgend an ostasiatischen Völkern kennen. Der Schädel von Tibi hat einen Breitenindex von 80,2 bei einem Höhenindex von 78,5; die 4 Schädel von Tabaco haben Breiten-Indices von 81,1 -- 83,3 -- 83,1 --84,6 bei Höhen-Indices von 79,7 -- 82,4 -- 80,5 -- 80,5. Dabei hat der Tibi-Schädel eine Capacität von 1595, die Tabaco-Schädel von 1505, 1330, 1350 und der jugendliche von 1290 Ccm. Dem entsprechend beträgt die Circumferenz bei dem Tibi-Schädel 514, bei den Tabaco-Schädeln 514, 490, 478, 495. Sämmtliche Schädel sind schön gewölbt, haben volle Stirnen und Schläfen, sehr hohe und stark ausgelegte Hinterhauptsschuppen und grosse Plana semicircularia. Ueber ihre Gesichtsbildung habe ich schon vorher gesprochen und die relative Grösse und namentlich Breite derselben hervorgehoben. Der Tibi-Schädel hat einen formidablen Unterkiefer von 18,5 Centim. Umfang und 34,5 Centim. medianer Höhe.

Vergleichen wir nun diese Bicol-Schädel mit den früher beschriebenen Höhlen-Schädeln, so zeigt sich eine nicht geringe Aehnlichkeit zwischen dem Schädel von Tibi und dem von Hrn. Jagor neben einem Holzsarge in der Höhle Nipa-Nipa gefundenen, während die Tabaco-Schädel den jüngeren und zum Theil syphilitischen Schädeln der Nipa-Nipa-Höhle näher stehen. Nur der weibliche Tabaco-Schädel schliesst sich an die mehr brachycephalen Schädel aus der anderen Höhle von Nipa-Nipa (Z. 873. 874), welche Spuren künstlicher Missstaltung zeigen, und es ist bemerkenswerth, dass gerade bei ihm gleichfalls derartige Zeichen hervortreten. Das Hinterhaupt fällt nämlich unmittelbar hinter den Tubera parietalia ab, die Gegend der hinteren seitlichen Fontanellen ist abgeplattet, und daher die Hinterhauptsgruben für das Kleinhirn und für die Hinterlappen des Grosshirns stärker vorgewölbt. Die gleiche seitliche Compression zeigt auch der Mädchenschädel von Tabaco.

Ein noch erhöhtes Interesse haben die Cimarronen-Schädel von Albay, welche ihrem äusseren Ansehen nach älter sind und einige Analogie mit den Schädeln von Lanang bieten, welche Hr. Jagor mitgebracht hat. Die beiden sind allerdings unter sich sehr verschieden. Ob diese Differenz sich nur durch das verschiedene Geschlecht erklärt, ist mir in hohem Maasse zweifelhaft; handelt es sich um ein Mischvolk, so liesse sich die Vererbung wohl mit mehr Recht anrufen. Der Schädel des Weibes (Omang) ist kurz und breit, der des Mannes (Baringeag) breit und lang; beide lassen aber deutlich eine künstliche Deformation erkennen.

Der weibliche Schädel schliesst sich einerseits den Lanang-Formen, andererseits dem weiblichen Tabaco-Schädel und den ihm verwandten Nipa-Nipa-Formen an. Er hat einen Breitenindex von 87, einen Höhenindex von 79,7, eine Circumferenz von 488, eine Capacität von 1380. Das Gesicht ist breit, die Nase abgeplattet, der Oberkieferrand stark vorspringend. Dabei zeigt sich eine starke Veränderung des Hinterhauptes, welche aber anders ist als die an den alten Flachschädeln von Lanang. Während an diesen eine einfache Abplattung der Stirn und des Hinterhauptes vorhanden ist, bemerkt man bei der Cimarrona, ähnlich wie bei dem Tabaco-Weibe, jedoch viel stärker, dass jederseits ein seitlicher Druck von hinten und oben her eingewirkt hat; ja, es ist sehr merkwürdig zu sehen, wie der Druck nur auf die Gegend ausgeübt worden ist, wo die Lambda-Naht mit der Mastoidal- und Schuppen-Naht zusammenstösst, also dort, wo die seitliche hintere Fontanelle liegt. Die Folge davon ist gewesen, dass sich nach drei Richtungen, nach oben in der Mitte, nach unten rechts und links, also gleichsam kleeblattförmig, kuglige Protuberanzen gebildet haben, welche offenbar dadurch entstanden sind, dass das comprimirte Gehirn genöthigt gewesen ist, sich anderweit Raum zu verschaffen. Es ist dies eine sehr auffällige Form. Sehr bezeichnend ist übrigens, dass der laterale Druck ausserdem noch schief gewesen ist, rechts stärker, als links, so dass das ganze Hinterhaupt dadurch verschoben worden ist.

Der männliche Schädel (Baringeag) ist lang und entschieden dolichocephal. Bei ihm beträgt der Breitenindex 75,4, der Höhenindex 77,7, der grösste Umfang 515, die Capacität 1470. Alle Muskelansätze sind sehr stark, das Gesicht eher etwas schmal, der Nasenrücken gleichfalls schmal, der Kieferrand jedoch stark vorspringend. Dieser Schädel bietet entschiedene Beziehungen mit dem von Hrn. Jagor mitgebrachten Schädel eines Ygorroten vom Berge Ysarog, der 1856 mit einem Taco (Waldmesser) erschlagen war. Auch bei ihm muss man annehmen, dass ein seitlicher Druck stattgefunden hat; denn es erstreckt sich jederseits von den Tubera parietalia eine ganz steil abfallende Seitenfläche herab, und es sind ausserdem ähnliche, wenngleich kleinere kuglige Vortreibungen an der Schuppe des Hinterhaupts. Die obere ist nur dadurch maskirt, dass eine ungewöhnlich starke Protuberantia occipitalis externa darüber sitzt.

Ich bin daher der Meinung, dass man in beiden Fällen, trotz ihrer ursprünglichen Verschiedenheit, genöthigt ist anzunehmen, dass eine gewisse Deformation stattgefunden hat, welche jedoch wesentlich anders angelegt gewesen ist, wie bei den Flachköpfen von Lanang. Stammen sie, wie Hr. Schetelig angiebt, gleichfalls von einem Negrito-Mischvolk, so wird man kaum zweifeln können, dass der dolichocephalische Mannesschädel dem erblichen Typus der Ygorroten entspricht, dass dagegen der brachycephale Weiberschädel und der Häuptlingsschädel, obwohl unter einander nicht wenig verschieden, sich mehr dem Bicol-Typus annähern. Was in dem einen oder andern Falle speciell Negrito-Eigenthümlichkeit ist, kann ich nicht sagen; indess möchte bis auf Weiteres der Häuptlingsschädel als der reinere angesehen werden dürfen, zumal da die Architectur des Skelets im Ganzen mit den Beschreibungen der Reisenden von der äusseren Gestalt der Negritos am meisten harmonirt.

Werfen wir nunmehr einen kurzen Rückblick auf die gewonnenen Resultate, so zeigt sich uns, mit Ausnahme zweier dolichocephaler Schädel von Cimarronen, eine durchweg brachycephale Reihe mit mehr oder weniger ausgesprochenem Prognathismus. Am meisten tritt dieser in den Hintergrund bei dem auch sonst in vielen Beziehungen abweichenden Schädel des sogenannten Negrito-Häuptlings. Die modernen Bicol-Schädel füllen dagegen die früher bemerkte Lücke zwischen den älteren und mehr oder weniger deformirten Lanang-Schädeln und den offenbar jüngeren, durch Syphilis ausgezeichneten Schädeln von Nipa-Nipa, zumal wenn man die Höhlenschädel von Caramuan hinzunimmt. Eine durchgehende Verwandtschaft lässt sich nicht verkennen. Höchst auffällig bleibt dabei die grosse Verschiedenheit in der Gesammt-Architectur. Die Lanang-Schädel zeigen einen sehr starkknochigen, die jüngeren Nipa-Nipa-Schädel einen ebenso ausgeprägt schwachknochigen Stamm. Die modernen Bicols stehen auch hier in der Mitte, so dass man nicht mehr berechtigt ist, wie früher, aus der blossen Zartheit der Formen auf einen Fortschritt in der Civilisation zu schliessen. Möglicherweise dürfen wir in dem schwachknochigen Stamme den Bisayer-Typus annehmen, indess fehlt es für diese feineren Entscheidungen noch immer an dem nöthigen Material, das erst von weiteren Zusendungen erwartet werden darf. Für einen wirklichen Stammes-Unterschied spricht natürlich auch die verschiedene Art der Abplattung, welche wir constatirt haben. Während die Höhlenschädel von Lanang und Caramuan eine vordere und hintere Abplattung erfahren haben, zeigen die modernen Kirchhofsschädel eine seitliche, so dass die Beschreibung von Thevénot im Ganzen weit mehr für sie zutrifft.

Ich habe noch zu erwähnen, dass Hr. Davis in Beziehung auf das Alter der Funde, die ich früher besprochen habe, einen Zweifel aufgeworfen hat, der dahin führen würde, die fraglichen Schädel um ein Jahrhundert jünger zu machen. Ich hatte nämlich angenommen, dass die Flachschädel spätestens dem Ende des 16. Jahrhunderts angehören möchten. Ich war dabei auf die einzige Nachricht über künstliche Verunstaltung des Schädels, welche uns noch erhalten ist, die von Thévenot [354] zurückgegangen. Hr. Davis sagt nun, dass das Buch von Thévenot zwischen 1663 und 1672 erschienen sei, und er folgert daraus, dass die Schädel erst aus dem Ende des 17. Jahrhunderts stammten. Ich muss hier allerdings einen Fehler zugestehen: ich war verleitet dadurch, dass ein sonst sehr zuverlässiger Autor, Gosse (Annales d'hygiène publique et de médecine légale. 1855. Juill. p. 375.) folgendes Citat giebt: Relations de divers voyages curieux, par Melchisédec Thévenot. Nouvelle édition, 2 vol. in-fol., Paris 1591. Ich habe mich nun überzeugt, dass Melchisedek Thévenot († 1692) erst gegen 1620 geboren, das Citat von Gosse also offenbar falsch ist. Indessen folgt daraus doch noch keineswegs, dass die fragliche Beobachtung erst der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angehört. Thévenot giebt in seinem grossen Sammelwerk den Bericht eines Geistlichen, der 18 Jahre auf den Philippinen gelebt hatte. Letzterer spricht an einer Stelle davon, dass »vor drei Jahren die Einnahme der Insel Mindanao durch Don Sebastian Hurtado de Corcuera erfolgt sei« (p. 3.) Diese Einnahme muss nach einem folgenden Berichte (p. 15) um das Jahr 1636 geschehen sein: es ergiebt sich also, dass der Geistliche in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb. Damit stimmt auch die Bemerkung am Schlusse der Relation, wonach dieselbe die Uebersetzung einer 1638 in Mexico gedruckten spanischen Schrift ist. Nun findet sich aber darin ausser der Angabe, dass die Leute ihren Kindern die Köpfe verdrückten, noch der andere Gebrauch erwähnt, dass sie die Zähne feilten und mit schwarzem und glänzendem oder feuerfarbenem Firniss färbten [355], und da keiner der von Hrn. Jagor mitgebrachten Schädel diese Zeichen darbot, so hatte ich geschlossen, dass die Leichen beigesetzt sein müssten zu einer Zeit, als diese noch jetzt auf den benachbarten Inseln sehr verbreitete Sitte noch nicht bestand. Denn es schien mir weniger wahrscheinlich, dass die Leute eine derartige Sitte schnell aufgegeben haben sollten, als dass dieselbe erst später von den benachbarten Malaien importirt worden sei. Indess muss ich zugestehen, dass auch diese Argumente zweifelhafter Natur sind, und nachdem wir durch Hrn. Riedel erfahren haben, dass auf einer benachbarten Insel die Deformirung der Schädel noch heute betrieben wird, so liegt die Frage nahe, ob nicht auch die Lanang-Schädel einer neueren Zeit angehören, als ich angenommen hatte. Immerhin ist es bemerkenswerth, dass jene starke Abplattung, wie sie sich bei den Schädeln aus der Höhle von Lanang findet, unter der ganzen Reihe der übrigen Schädel nicht wiederkehrt, und wenn man dazu die übrigen, sehr bemerkenswerthen Charaktere der Lanang-Schädel nimmt, so halte ich es immer noch für sehr wahrscheinlich, dass sie ein hohes Alter haben.

Zum Schlüsse will ich noch auf einen Punkt aufmerksam machen, worauf ich bei einer späteren Besprechung der Peruanerschädel noch zurückkommen werde. Es findet sich nämlich bei dem Mädchen-Schädel von Tabaco, der auch deutliche Zeichen der seitlichen Abplattung darbietet, jenes grosse Schalt-Stück zwischen den Scheitelbeinen und der Hinterhauptsschuppe (Os epactale) vor, welches man mit dem Namen Os incae belegt hat. Dasselbe ist fast vollkommen dreieckig und misst an der Basis 115, an den Schenkeln 76-78 Millim. Ich urgire dieses Vorkommen deshalb, weil in der neueren Zeit durch Gosse (Bull. de la soc. d'anthropol. de Paris 1860, Vol. I. p. 549. Mémoires de la même soc. T. I. p. 165) und Jacquart (Bullet. 1865. T. VI. p. 720) der Bedeutung dieses Knochens meiner Meinung nach etwas zu wenig Werth beigelegt worden ist. Man hat sich bemüht zu zeigen, dass diese Trennung in einer einfachen Entwicklungs-Hemmung beruhe, weil in einer früheren Zeit des Fötallebens diese Trennung stets vorhanden sei. Allein daraus folgt meiner Meinung nach nichts Erhebliches für die Bedeutung eines solchen Vorkommens nach der Geburt. Ich habe in der letzten Zeit eine grosse Anzahl von Schädeln neugeborner Kinder maceriren lassen; es war kein einziger darunter, bei welchem eine solche Trennung noch existirte. Diese ist eine solche Rarität, dass jedesmal, wo sie vorkommt, die Frage nach der Ursache derselben aufgeworfen werden muss. Nun ist es doch nicht gering anzuschlagen, dass unter 8 Philippinen-Schädeln sich einer mit einem solchen Beine befindet. Noch bedeutungsvoller wird dieser Fund dadurch, dass auch unter den von Hrn. Jagor mitgebrachten 16 Schädeln ein gleicher ist und zwar einer aus der zweiten Höhle von Nipa-Nipa auf Samar (Z. 865). Er gehört einem erwachsenen, kräftigen Manne an. Der Zwischenknochen ist 50 Millim. hoch, an der Basis 115, an den Schenkeln 25-28 Millim. lang, reicht bis dicht über die Protuberantia occipitalis externa und ist hier durch eine starke Zackennaht abgesetzt. Was aber noch merkwürdiger ist, der einzige Negrito- oder Aita-Schädel von Manila, der sich in der anthropologischen Gallerie des Jardin des Plantes zu Paris befindet, besitzt nach Jacquart gleichfalls ein Os epactale.

Das Alles mag Zufall sein, aber es wäre doch ein sonderbarer Zufall. So hat man auch Zweifel über die Bedeutung des Os incae bei den Peruanern aufgestellt. Wir haben neulich aus Peru zwei alte Schädel bekommen; einer davon hat das Schaltbein in vollster Ausbildung. Nirgends sonst, soweit es uns bekannt ist, zeigt sich dasselbe in einer solchen Häufigkeit, und ich möchte daher wohl annehmen, dass hier eine ethnologische Eigenthümlichkeit hervortritt, die nicht als eine gewöhnliche und nichtssagende Erscheinung aufgefasst werden darf. Es wird ein Gegenstand unserer späteren Betrachtung sein, wie dieses Vorkommen zu erklären ist und ob daraus irgend welche Aufschlüsse in Bezug auf die Völkerbeziehungen über den stillen Ocean zu gewinnen sind«.

Seit der Zeit dieses Vortrages ist nun das Material noch ungleich mehr angewachsen, indem Hr. Dr. A. B. Meyer eine grössere Anzahl von Philippinen-Schädeln und Skeleten mitgebracht und der Gesellschaft überlassen hat. In der Sitzung vom 15. Juni 1872 konnte ich über 6 Negrito-Skelete und einen Ygorrotenschädel berichten (Correspondenzblatt der deutschen anthropologischen Gesellschaft 1872. No. 8). Eine spätere Sendung brachte hauptsächlich moderne Schädel von einem Kirchhof bei Manila.

Von diesen Objekten stimmt zunächst der Ygorrotenschädel mit dem durch Herrn Jagor überbrachten vom Ysarog (und dem einen Cimarronen-Schädel von Albay aus der Sammlung des Hrn. Schetelig) am meisten überein, obwohl er in einem noch viel höheren Maasse lang und zugleich schmal ist. Er besitzt einen Breitenindex von 68,8 bei einem Höhenindex von 73,1, ist also in höchstem Grade dolichocephal und zugleich niedrig. Die Verhältnisse der drei Schädel werden am besten durch eine Zusammenstellung der Zahlen sich ergeben:

Breitenindex. Höhenindex. Capacität.

Cimarrone vom Ysarog 76,9 76,1 1315 Cimarrone vom Albay 75,4 77,7 1470 Ygorrote (Meyer) 68,8 73,1 1400

Sehr bemerkenswerth sind bei dem letztern Schädel ferner der geringe Prognathismus des Alveolarrandes, die verhältnissmässig hohen Augenhöhlen, die hohe Nase mit schmaler Wurzel und der starke Wulst über der letzteren. Giebt dieser Wulst dem Schädel den Ausdruck einer gewissen Wildheit, so wird diese gesteigert durch die stark abstehenden Jochbogen und die bedeutend hinaufgerückten Plana temporalia, deren Abstand, über den Schädel gemessen, an der Kranznaht nur 105 Millim. beträgt: also eine colossale Entwickelung der Kaumuskeln. Es bestätigt sich demnach die Existenz einer wilden dolichocephalen Rasse, welche den Hypsistenocephalen der Inseln Polynesiens und der Sundagruppe näher steht.

Die Negrito-Schädel sind davon gänzlich verschieden. Ich beschränke mich darauf, die entsprechenden Zahlen für 4 derselben zu geben:

Breitenindex. Höhenindex. Capacität.

I. 90,6 77,6 1310 II. 80,8 75,6 1200 III. 83,8 77,8 1250 IV. 86,7 82,3 1150

Von diesen ist No. II. ein männlicher und, wie mir scheint, verhältnissmässig typischer Schädel, während vornämlich bei No. I. künstliche Deformation bemerklich ist. Man sieht hier eine ausgezeichnet brachycephale Rasse, deren Schädel eine mässige Höhe und durchschnittlich eine geringe Capacität besitzen. Zugleich sind sie stark prognath, jedoch betrifft die Vorschiebung mehr die Alveolarfortsätze, während die Ansatzstelle des unteren Nasenstachels dem grossen Hinterhauptsloche näher liegt, als die Nasenwurzel. Letztere befindet sich fast senkrecht unter der Nasenwurzel.

Die Zusammengehörigkeit dieser Negritoschädel wird in deutlichster Weise dargelegt durch ein höchst characteristisches Zeichen, nämlich durch die vermittelst Feilung in eine Sägenform gebrachten Zahnreihen. Es sind die Zähne, namentlich die vorderen und von diesen wieder am meisten die des Oberkiefers seitlich abgefeilt, so dass sie in scharfe Spitzen, wie Raubthierzähne, auslaufen, -- eine Art der Feilung, welche der bisher bekannten malaischen gerade widerstreitet, indem diese auf der vorderen Fläche der Zähne stattfindet und zugleich der untere Rand der letzteren geebnet wird. Höchst merkwürdig ist es, dass beide Arten der Feilung schon von dem alten Thévenot angegeben sind: les vns rendent les dents égales, les autres les affilent en pointes, en leur donnant la figure d'une scie. Nur von der mit Gold gefüllten Oeffnung in der oberen Zahnreihe, welche er gleichfalls beschreibt, ist nichts wahrzunehmen. Indess mag das längst aufgegeben sein, da Gold unter den Negritos wohl eine Seltenheit ist. Jedenfalls stammen die Schädel, welche Hr. Dr. Meyer selbst unter grosser Gefahr auf dem ihm bekannt gewordenen Begräbnissplatze eines Negrito-Stammes in der Provinz Bataan (Zambales), im Nordwesten von Luzon, ausgegraben hat, aus neuer Zeit [356].