Part 36
Dass auf den Inseln Asiens ähnliche Gebräuche geherrscht haben, wie in Amerika, ist allerdings, wie sich bei genauerer Nachforschung gezeigt hat, von einzelnen Schriftstellern berichtet, indess ist die Thatsache doch so verborgen geblieben, namentlich ist sie so wenig durch authentische Funde belegt worden, dass davon auch in den Werken der Specialschriftsteller kaum die Rede ist. Nur Thévenot, dessen Werk [343] am Ende des 16. Jahrhunderts erschienen ist, lässt einen Geistlichen in einer Beschreibung der Philippinen berichten, dass die Eingebornen auf einigen dieser Inseln die Gewohnheit hätten, den Kopf ihrer neugebornen Kinder zwischen zwei Bretter zu legen und so zusammenzupressen, dass er nicht mehr rund bliebe, sondern sich in die Länge ausdehne. Er fügt hinzu, dass sie auch die Stirn abplatteten, indem sie glaubten, dass diese Form ein besonderer Zug von Schönheit sei. Eine genauere Betrachtung der vorliegenden Schädel ergiebt in der That deutlich die doppelte Compression, welche einerseits schräg von hinten und unten her, andererseits von vorn und oben her auf den Schädel ausgeübt ist, und man braucht sich diese beiden Druckflächen nur verlängert zu denken, so bekommt man die nach vorn zusammengehende Stellung der Druckbretter, welche noch heute bei gewissen wilden Stämmen der nordamerikanischen Westküste im Gebrauch ist.
Die Sache hat gegenwärtig eine ganz besondere Bedeutung, weil die Zahl der Fundstellen solcher verunstalteter Schädel im Laufe der letzten Jahre immer grösser geworden ist, und zwar auch in Europa. Was insbesondere Deutschland anbetrifft, so sind am meisten bekannt die in der Nähe von Wien gefundenen difformen Schädel, über welche lange und gelehrte Streitigkeiten stattgefunden haben, indem die eine Partei meinte, es handele sich um Awarenschädel, möglicher Weise um direkte Ueberreste der alten Hunnen, während auf der anderen Seite sogar die Frage auftauchte, ob nicht bei der grossen Aehnlichkeit, welche diese Schädel mit gewissen Peruaner-Schädeln zeigen, anzunehmen sei, dass durch die Beziehungen der alten Habsburger zu Peru Schädel von da nach Deutschland gekommen und hier verloren gegangen sein könnten.
Diese letzte Frage, die immerhin discussionsfähig war, hat ihren Boden gänzlich verloren, seitdem in den letzten Zeiten ähnliche Funde auch an anderen Orten Europas gemacht worden sind. Nachdem schon Blumenbach in seiner berühmten Schrift De generis humani varietate nativa, 1776, p. 63 eines derartigen Schädels aus einem Göttinger Grabe gedacht hat, ist neulich von Hrn. Ecker in Freiburg im ersten Bande des Archives für Anthropologie S. 75 ein solcher Fund aus Rheinhessen genauer beschrieben worden. Der Schädel wurde gefunden in der Nähe von Niederolm, zwischen Mainz und Alzey, innerhalb einer grösseren Gräberreihe, welche dort aufgedeckt worden ist. Diese Beschreibung hat Hrn. Barnard Davis Veranlassung gegeben, auf einen schon früher von ihm in seinen Crania britannica bezeichneten Schädel aufmerksam zu machen (Archiv f. Anthropologie II. S. 17), welcher auf einem seiner Meinung nach angelsächsischen Kirchhofe zu Harnham bei Salisbury, Wiltshire, aufgefunden worden ist.
Es wird daher wohl kaum noch zweifelhaft sein können, dass in der That auch in Europa einheimische Stämme ähnliche Gebräuche gehabt haben, und wenn wir nun auf der anderen Seite das Gebiet dieser Difformitäten sich weit über die bisher gekannten Grenzen auf die Inseln Ostasiens ausdehnen sehen, -- bisher war Tahiti der von Osten her am meisten vorspringende Punkt, von welchem derartige Schädel bekannt waren, -- wenn wir sehen, dass dasselbe Verfahren auf den Philippinen geübt worden ist, so wird man sich wohl darein finden müssen, anzunehmen, dass durch eine gewisse Uebereinstimmung des menschlichen Geistes, wie sie uns auch sonst oft genug überrascht, derartige Gebräuche sich an den verschiedensten Orten festgestellt haben, ohne dass man daraus Folgerungen auf einen direkten Zusammenhang der Völker ziehen darf, und ohne dass man, was meiner Meinung nach das Wichtigste ist, von dem Vorkommen gewisser Schädel-Difformitäten berechtigt ist auf die Abstammung der Völkerschaften und auf prähistorische Wanderung derselben zurückzuschliessen. Ich betone dies namentlich gegenüber den Ausführungen des Herrn Gosse (Mém. de la soc. d'anthrop. de Paris. 1861 T. II. p. 567), welcher aus gewissen übereinstimmenden Verunstaltungen der Schädelform darthun will, dass von Florida eine alte Bevölkerung in Mexiko eingewandert sei und sich später bis nach Peru ausgebreitet habe.
Von besonderem Interesse sind die sehr ähnlichen Schädel, welche in der Krim gefunden worden sind, und die Herr v. Baer zum Gegenstande einer besonderen Abhandlung [344] gemacht hat. Es ist dies eine klassische Gegend, denn schon Hippokrates hat uns Nachrichten von einer Völkerschaft an der östlichen Ecke des schwarzen Meeres hinterlassen, welche er Makrocephalen nennt, die sich nach seiner Aussage durch die Gestalt ihres Schädels vor allen anderen Völkern auszeichnete. Durch Anlegung von Binden und Maschinen zwangen sie, wie er sagt, schon den Kopf des neugebornen Kindes, in die Länge zu wachsen, und zwar deshalb, weil sie die Länge des Kopfes für ein Zeichen des Adels hielten. Nach Hippokrates haben verschiedene andere Schriftsteller über diese Völkerschaft berichtet.
Ueberall, von wo wir seitdem Nachrichten über die Entstehung dieser Difformität erhalten haben, kommen sie darin überein, dass die neugebornen Kinder entweder auf ein Brett gelegt werden und ihnen dann durch Binden der Kopf gegen dasselbe angezogen wird, oder dass ihr Kopf zwischen zwei Bretter gezwängt und dadurch ein Druck auf zwei Punkte desselben ausgeübt wird, oder endlich, dass an bestimmte Stellen des Kopfes Compressen angelegt und darüber Binden in allerlei Zirkeltouren um den Kopf herumgeführt werden, so dass durch die Compresse eine Abplattung, durch die Binden circuläre Eindrücke hervorgebracht werden.
Die ersten ikonographischen Mittheilungen über diese Verhältnisse hat der berühmte amerikanische Reisende Catlin veröffentlicht; bei ihm finden wir auch Abbildungen der Compressionsmaschine. In seiner Beschreibung der Chinook's an der Westküste Nordamerikas zeichnet er auf der einen Tafel eine flachköpfige Dame, welche ihr neugebornes Kind im Druckapparate hält, auf der nächstfolgenden Tafel ein kleines kahnartiges Werkzeug, in welchem das Kind eingewickelt liegt, und welches so eingerichtet ist, dass es auf den Rücken gehängt werden kann, um so die Wanderungen mitzumachen, welche diese wenig sesshaften Völkerschaften unternehmen.
Dass ähnliche, wenn auch nicht so complicirte, aber doch nicht minder wirksame Operationen noch gegenwärtig in Europa vorgenommen werden, ist namentlich durch verschiedene Beobachtungen in südfranzösischen Departements festgestellt worden. Man kennt 3-4 solche Gegenden, wo noch gegenwärtig durch Druckeinwirkungen der Kopf der Neugebornen verunstaltet wird. Da nun auch in verschiedenen Gegenden Deutschland's ähnliche Schädel gefunden worden sind, so erlaube ich mir ganz besonders die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, da es wünschenswerth wäre, darauf Acht zu geben, ob etwa Rückstände dieser Gebräuche auch in der norddeutschen Bevölkerung anzutreffen sind, worauf eine Notiz bei Blumenbach (De generis humani varietate nativa, p. 60) speciell für Hamburg hindeutet.
Nachdem wir die Analogie der difformen Schädel von den Philippinen mit denen der Chinooks und verschiedener anderer flachköpfiger Bevölkerung constatirt haben, so fragt es sich: Was mag der Volksstamm, welchem diese Schädel angehörten, für eine primäre Gestaltung des Schädels besessen haben? wie würden diese Schädel ausgesehen haben, wenn sie nicht künstlich missgestaltet worden wären?
In dieser Beziehung bemerke ich, dass Herr Gosse, ein Genfer Arzt, der eine sehr verdienstvolle Abhandlung über die künstliche Verunstaltung des Schädels [345] geschrieben hat, die schon von Hippokrates aufgestellte Meinung wiederholt hat, es könne sich allmählich eine erbliche Fortpflanzung dieser Form einstellen, und es bedürfe in der Folge der Generationen nicht mehr einer ausgiebigen Einwirkung, um sie zu erzeugen; sie erhalte sich von selbst auf dem Wege der Heredität. Dagegen sprechen alle sonstigen Erfahrungen: bei Catlin sind Chinook-Indianer abgebildet aus der neueren Zeit, wo diese Bräuche nicht mehr herrschen, deren Schädel sich nicht difform zeigt; ja, unter den östlicheren Stämmen Amerika's giebt es einzelne, wie die Choctaws, die ursprünglich mitten in dem jetzt cultivirten Nordamerika gewohnt haben, unter denen früher ähnliche Sitten herrschten, und in deren Gräbern man noch abgeflachte Schädel gefunden hat, bei denen jedoch jetzt jede Spur dieser Schädelform geschwunden ist, nachdem sie die Compression aufgegeben haben. Dazu kommt, dass in manchen Stämmen die Verunstaltung ein Vorzug der männlichen und zwar der adeligen männlichen Bevölkerung war und dass ausser den Sklaven auch die Frauen davon ausgeschlossen waren, -- ein Umstand, welcher der Vererbungstheorie keineswegs günstig ist. Man darf daher nirgends annehmen, dass sich diese Difformität von selber fortgepflanzt hat, und es wird überall, wo man sie antrifft, die Frage aufgeworfen werden müssen: giebt es Schädel, aus welchen man die ursprüngliche Form erkennen kann?
Für die Erörterung dieser Frage an den Philippinen-Schädeln ist ein Umstand von besonderem Nutzen. Ausser dem Eingangs erwähnten Muster-Schädel gehören noch 4 andere demselben Fundorte an. Sie sind sämmtlich in der Höhle bei Lanang unter Verhältnissen gefunden, welche ein grosses Alter andeuten. Ich erwähne zuerst einen ringsum mit starken Kalkmassen incrustirten und dadurch colossal vergrösserten Schädel, welcher ein ganz formidables Aussehen darbietet und als richtiger fossiler Schädel erscheint. Trotz der Kalkmassen, die ihn umhüllen, kann man sehr wohl erkennen, dass er wesentlich derselben abgeplatteten Form angehört oder ihr jedenfalls sehr nahe steht. An einem dritten Schädel dagegen ist keine Spur jener künstlichen Form vorhanden, so dass durchaus kein Zweifel darüber bestehen kann, dass er niemals einem Druckverfahren unterlegen hat, und da er an derselben Stelle mit den anderen gefunden worden ist, so ist meiner Meinung nach auf dies Verhältniss ein grosser Werth zu legen. Endlich die letzten beiden Schädel, obwohl sie deutliche Spuren der Abplattung an sich tragen, zeigen dieselbe doch in abnehmendem Maasse, so dass man, wenn man einen nach dem andern mit jenem ersten vergleicht, eine ziemlich regelmässige Stufenfolge der Verunstaltung erkennt. Ich habe von diesen letzteren Schädeln den Kalküberzug grossentheils abgesprengt, worauf sich ergab, dass man schon auf eine mehr natürliche Form gelangt, welche weit davon entfernt ist, eine augenfällige Aehnlichkeit mit den Chinook-Köpfen darzubieten; freilich der schnelle und ebene Abfall des Hinterhauptes deutet immer noch darauf hin, dass eine künstliche Einwirkung stattgefunden hat (Taf. I, fig. 1-2).
Noch wichtiger ist es, dass aus einer anderen und zwar aus einer von der eben erwähnten ziemlich entfernten Lokalität, nämlich aus der von Herrn Jagor (Zeitschrift für Ethnologie I. S. 80) beschriebenen Felsklippe von Nipa-Nipa, welche in der Strasse zwischen Samar und Leyte gelegen ist, zwei andere Schädel (Taf. I, fig. 5-6) von ihm mitgebracht worden sind, von denen der eine dieselbe Verunstaltung, wie die besprochenen, in hohem Maasse darbietet (fig. 6). Ich erwähne nur aus der Mittheilung des Herrn Jagor, dass vom Meere aus eine Art Thor in die Klippe hineingeht, durch welches man in eine innere Bucht gelangt, die von steilen Felswänden umgeben ist; an einer der letzteren befindet sich hoch über dem Meere die schwer zugängliche Höhle, aus welcher die Schädel genommen sind.
Auch an diesen beiden Schädeln aus der Höhle von Nipa-Nipa zeigt sich eine entschiedene Differenz: an dem einen bemerken wir eine positive Abplattung, einen steilen Abfall, von den Tubera parietalia nach unten, wie er niemals an einem natürlichen Schädel vorkommt (Taf. I, fig. 5), und von unmittelbar derselben Lokalität rührt ein anderer Schädel von übrigens ganz ähnlicher Färbung und Beschaffenheit der Knochen her, der vielleicht einer leichten Abplattung unterlegen hat, worauf eine gewisse Verschiebung nach der einen Seite hin deutet, der aber im Uebrigen ganz offenbar dem gewöhnlichen oder ursprünglichen Zustande sich nähert (Taf. I, fig. 6).
Auf diese Weise kann man, wie mir scheint, seinen Weg von den künstlich erzeugten zu den ursprünglichen Verhältnissen zurückfinden, und es ist möglich, zu Schädelformen zu gelangen, bei welchen man wenigstens annähernd richtig gewisse Verhältnisszahlen aufstellen kann, welche zur Vergleichung mit anderen Befunden dienen dürfen. Unsere Zuversicht in die Richtigkeit der Schlussfolgerungen ist um so grösser, als die Zahlen beider Beobachtungsreihen sich gegenseitig controliren.
Für diejenigen, welche nicht Anatomen sind, bemerke ich, dass es in neuerer Zeit Gebrauch geworden ist, die ethnologisch wichtigsten Maassverhältnisse des Schädels zunächst in der Weise zu bestimmen, das man Verhältnisszahlen zwischen Länge, Breite und Höhe des Schädels sucht, in der Art dass die Länge = 100 gesetzt und Breite und Höhe darnach reducirt werden. Der Kürze wegen kann man die gefundene procentische Zahl für die Breite als Breitenindex, diejenige für die Höhe als Höhenindex bezeichnen. Das Verhältniss von Höhe zu Breite wird gleichfalls auf eine Breite von 100 berechnet und die Zahl für die Höhe als Breitenhöhenindex aufgeführt. Thut man dies nun an den am wenigsten difformen Schädeln der Philippinen, so kommt man immer noch auf einen Breitenindex, welcher nach den bisher bekannten Erfahrungen für die ostasiatische Inselbevölkerung ganz unerhört ist. Bei dem einen relativ normalen Schädel aus der Höhle von Nipa-Nipa beträgt der Breitenindex 89,1, der Höhenindex 78,9, der Breitenhöhenindex 88,5; bei dem einen Lanang-Schädel ist der Breitenindex 80,1, der Höhenindex 77,8, der Breitenhöhenindex 97,1. Solche Breitenverhältnisse sind überall ungewöhnlich; z. B. die äusserste Grenze der Breitenverhältnisse in Europa finden wir bei den Lappen, wo sie zwischen 82 und 83 schwankt.
Es ergiebt sich zunächst aus diesen Verhältnissen in ganz unzweifelhafter Weise, dass diese in ausgezeichnetem Sinne brachycephale Bevölkerung, die doch, wie es scheint, einer lange vergangenen [346] Zeit angehört, nichts zu thun hat mit den Negritos, insofern diese, soviel bis jetzt angenommen wird, mit den Melanesiern in Beziehung stehen, welche sich alle auszeichnen durch die relativ geringe Breite ihres Schädels im Vergleich zu einer relativ beträchtlichen Länge. Einige andere polynesische Stämme sind geradezu ausgezeichnet durch die geringe Breite des Schädels bei einer ungewöhnlichen Höhe und Länge (Hypsistenocephali).
Man ist daher für unsere Schädel darauf angewiesen, andere Verwandtschaften aufzusuchen, und die nächste Frage, welche sich hier aufwirft, ist die: ist es eine malaische Bevölkerung gewesen, mit der wir es zu thun haben? Auch für die malaische Rasse im Ganzen liegen die angeführten Verhältnisse ausser aller Erfahrung. Es giebt allerdings ein paar Punkte im Gebiete der Malaien, an welchen erheblich breite Schädel gefunden worden sind. Welcker (Archiv für Anthropologie II. S. 154-156) hat die extremsten Verhältnisse an den von Madura, einer nördlich von Java gelegenen Insel, hergebrachten Schädeln nachgewiesen, bei denen aber doch solche Verhältnisse nicht vorkommen, wie wir sie hier vor uns finden. Nach seinen Mittheilungen betrug der Breitenindex der Maduresen, der übrigens dem Höhenindex gleich war, 82 [347]. Nächstdem stehen in der Liste von Welcker die Menadaresen mit einem Breitenindex von 80 und einem Höhenindex von 81. Für die Javanesen berechnet er einen Breitenindex von 79, während freilich andere Autoren 82-84 haben. Immerhin ist durch die neuere Untersuchung constatirt, dass innerhalb der malaischen Reihe eine gewisse Breite der Schwankungen nach Stämmen existirt, und dass man bei einzelnen derselben zu Breitenindices kommt, welche denen der Lappen nahezu analog sind.
Unter den vorliegenden Schädeln stammt nur einer, derjenige nämlich, welchen Herr Jagor am Ysarog auf der Insel Luzon ausgegraben hat, nach den Nachrichten, welche er erhielt, von einem der heutigen Eingebornen; es war bekannt, dass der betreffende Mann, ein Cimarrone, durch einen Hieb am Hinterhaupte sein Leben verloren hat. Dieser Schädel ist unglücklicherweise der einzige unter den von Herrn Jagor mitgebrachten, von welchem man sicher ist, dass er einer noch jetzt bestehenden Race angehört, und da wir auch sonst wenig Nachrichten über die Craniologie der Philippinen [348] haben, so bin ich nicht in der Lage, etwas Bestimmtes über seine Stellung zu sagen. Sein Breitenindex beträgt 76,9, der Höhenindex 76,1, der Breitenhöhenindex 98,9, die Capacität 1315 Cub.-Cm. Auch wenn man die einzelnen Schädelknochen mit denen der Lanang- und Nipa-Nipa-Schädel vergleicht, so sind seine Verhältnisse so wesentlich abweichend, dass in der That keine Beziehungen des modernen Schädels zu den Höhlen-Schädeln aufgefunden werden können. Dagegen kann ich allerdings nach den sonst vorliegenden Messungen sagen, dass der Cimarronen-Schädel eine gewisse Aehnlichkeit mit Malaien-Schädeln von den benachbarten Sunda-Inseln, namentlich mit Dajak-Schädeln [349] darbietet.
Es bleibt aber noch eine Reihe von Schädeln, 6 an der Zahl, zu betrachten, welche zwar sämmtlich aus einer anderen Höhle genommen sind, als die bisher besprochenen, aber doch von demselben Felsencomplex von Nipa-Nipa stammen, in welchem die eine der vorhin erwähnten Höhlen liegt. Diese Schädel (Taf. II, fig. 1-3) haben namentlich durch die häufige Erhaltung der Unterkiefer einen besonderen Werth. Sie gehören ihrer ganzen Erscheinung nach einer anderen Kategorie an und machen, namentlich durch ihre gute Erhaltung, den Eindruck einer mehr modernen Gruppe. Für das chronologische Datum, welches man ihnen beilegen kann, tragen sie noch ein besonderes Indicium an sich: es sind nämlich zwei derselben exquisit syphilitisch, so dass sie wirklich als Musterspecimina in einem pathologischen Museum aufgestellt zu werden verdienen. An dem einen findet sich eine Durchbohrung des harten Gaumens und eine Zerstörung im Umfange des Naseneinganges an dem Oberkiefer und den Nasenbeinen, welche jedoch offenbar geheilt gewesen ist; der andere (Taf. II. fig. 3) bietet ein mustergültiges Beispiel von Caries sicca, welche die Gegend der Stirn einnimmt und von da auf die Nasenwurzel übergreift, so dass kein Zweifel sein kann, dass es sich um eine chronische Periostitis gummosa des Stirnbeines und der Nasenbeine gehandelt hat.
Nun giebt es freilich über das Alter der Syphilis verschiedene Meinungen, indess ist bis jetzt weder die Meinung aufgestellt worden, dass die Syphilis ursprünglich auf den Philippinen geherrscht habe, noch ist irgend eine Thatsache an einem alten Schädel entdeckt worden, welche darthäte, dass syphilitische Veränderungen in der alten Zeit bestanden hätten. Man wird also immerhin annehmen können, dass diese Schädel erst zu einer Zeit in die Höhle gebracht worden sind, als schon ein längerer Contact mit europäischen Völkern stattgefunden hatte, also wahrscheinlich nach dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Andererseits darf man nicht wohl annehmen, dass eine christianisirte Bevölkerung noch diese Höhle benutzt habe, da, wie Herr Jagor berichtet, die christlichen Priester mit grosser Heftigkeit gegen diese Ueberreste gewüthet haben. Es lässt sich daher wohl mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass die Zeit, innerhalb deren diese Leichen in der Höhle von Nipa-Nipa deponirt worden sind, nicht allzu lange nach demjenigen Zeitpunkte zu suchen ist, in welchem eine häufigere Beziehung mit Europäern hergestellt worden war, und man wird vielleicht annehmen dürfen, dass die Schädel dem Ende des 16. oder dem Anfange des 17. Jahrhunderts angehören; denn diese Zeit ist es, wo die spanische Herrschaft sich ausbreitete, und es ist nicht wahrscheinlich, dass derartige Bestattungs-Gebräuche von dieser Zeit ab gerade unter der Küstenbevölkerung, von der ein grosser Theil vorher muhamedanisirt worden war, weiter fortbestanden haben.
Da nun die Stämme, welche an der Küste ihren Sitz haben, mit denjenigen im Innern des Landes in loserer Berührung stehen, so wird in der Regel wohl der Fundort der Schädel dem Sitze der Bevölkerung, von welcher sie stammen, entsprechen. Handelt es sich also, wie bei der Höhle von Nipa-Nipa, um eine Küsten-Lokalität, so wird man auch annehmen können, dass der betreffende Volksstamm an der Küste gewohnt hat. Es liegt daher nahe zu schliessen, dass diese Gruppe von Schädeln eine Beziehung zu den noch jetzt vorhandenen Stämmen der Küste hat, und in der That, wenn man diese Schädel betrachtet und damit die Physiognomien der Leute auf den Abbildungen des Herrn Jagor vergleicht, so zeigen sich gerade bei den Bisayos gewisse Eigenschaften, welche an allen diesen Schädeln wiederkehren: die verhältnissmässige Kürze bei relativer Breite der Schädel findet sich bei der Vergleichung der Profil- und Frontalansichten der Bisayerinnen leicht wieder; dazu kommt die charakteristische Bildung der Stirn- und Nasengegend, die von der kaukasischen gänzlich verschieden ist, insofern die stärkste Wölbung der Stirn gerade da liegt, wo bei uns eine flache Vertiefung (Glabella) besteht; endlich sind die ungewöhnliche Niedrigkeit der Nase und der stark prognathe Zustand der Kiefer überall deutlich zu erkennen. Wenn man die Profile mit einander vergleicht, so ist so viel Aehnlichkeit vorhanden, wie man überhaupt zwischen einem Schädel und einem lebendigen Gesichte nur erwarten kann.
Auch diese Schädel besitzen eine ungewöhnliche Breite; sie haben im Mittel gerechnet einen Breitenindex von 83,3 bei einer Höhe von 76,5, ein nach den Messungen von Davis und Schetelig auch bei Bisayos-Schädeln gefundenes Verhältniss, welches sonst noch von keiner andern hinterasiatischen Bevölkerung bekannt ist. Noch weniger findet es sich bei der Bevölkerung der polynesischen Inseln; in Australien, Neukaledonien, Neuseeland, Tahiti treten ganz andere Stammeseigenthümlichkeiten hervor, so dass dieser Theil der Bevölkerung der Philippinen als ein ganz eigenthümlicher und charakteristischer erscheint. Ich bemerke zu ihrer Charakteristik noch, dass sie eine Höhlung von durchschnittlich 1282 Cub.-Cm. Inhalt besitzen, dass der Breitenhöhenindex ihrer Orbitae 94,7, der Höhenbreitenindex ihrer Nasen 41,3 und der Breitenhöhenindex ihrer Schädel überhaupt 91,7 beträgt. Auch ist erwähnenswerth, dass weder an diesen Schädeln, noch an den übrigen etwas von künstlicher Feilung der Zähne zu bemerken ist, die doch sonst bei Malaien so häufig vorkommt und die auch auf den Philippinen von Thévenot noch erwähnt wird. Nur an einzelnen zeigen die Zähne die Betelfärbung.