Reisen in den Philippinen

Part 13

Chapter 133,593 wordsPublic domain

Die Ausfuhr besteht in Reis und Abaca. Die Provinz führt etwa zweimal so viel Reis aus als sie verzehrt, hauptsächlich nach Albay, das zum Reisbau weniger geeignet, fast nur Abacá erzeugt. Ein Theil geht nach Nord-Camarínes, das sehr bergig und wenig fruchtbar ist. Nach Manila kann der Reis kaum verschifft werden, da eine Landstrasse nach dem der Hauptstadt nahen Südrande der Provinz nicht vorhanden und der Wassertransport vom Nordrande und dem ganzen östlichen Theil von Luzon das Produkt zu sehr vertheuern würde. Die Einfuhr beschränkt sich auf das Wenige, was chinesische Krämer einführen. Die Händler sind fast alle Chinesen, sie allein besitzen Läden, in denen namentlich Kleiderstoffe und Tücher, theils inländischer, theils europäischer Fabrik, gestickte Frauenpantoffeln und unächte Schmucksachen zu haben sind. Das Gesammtkapital, welches in diesen Läden steckt, erreicht gewiss nicht 200,000 Dollar. In den übrigen Pueblos von Camarínes giebt es keine chinesischen Handelsleute, sie müssen sich also aus Naga versorgen.

Das Land gehört dem Staat, wird aber einem Jeden, der es bebauen will, umsonst überlassen; der Niessbrauch geht auf die Kinder über, und hört nur dann auf, wenn der Boden zwei Jahre lang unbenutzt liegen bleibt. Es steht dann der Behörde frei, zu Gunsten eines Andern darüber zu verfügen.

Jede Familie besitzt ihr eignes Haus. Gewöhnlich erbaut es der junge Ehemann mit Hülfe seiner Freunde. An manchen Orten kostet es nicht über 4 bis 5 Dollar; zur Noth kann er es auch selbst herstellen, ohne Auslagen, ohne andres Handwerkzeug als das Waldmesser (Bolo) und ohne andres Material, als Bambus, spanisches Rohr und Palmblätter. Dergleichen Häuser, die wegen der Feuchtigkeit immer auf Pfählen stehn, und oft nur einen einzigen überdachten Raum haben, in welchem alle Verrichtungen vorgenommen werden, sind Ursache grosser Liederlichkeit und schmutziger Gewohnheiten; die ganze Familie schläft darin gemeinschaftlich und jeder Durchreisende ist ein willkommener Gast. Ein schönes Haus von Brettern für die Familie eines Cabeza mag gegen 100 Dollar kosten. Das Vermögen einer solchen Familie an Immobilien, Möbeln, Schmuck u. s. w. (sie müssen jährlich ein Inventarium einreichen) beläuft sich auf 100 bis 1000 Dollars. Einige haben sogar über 10,000, der Reichste der ganzen Provinz wird auf 40,000 Dollars geschätzt.

Im Allgemeinen lässt sich behaupten, dass jedes Pueblo seine Bedürfnisse selbst erzeugt und wenig darüber hervorbringt. Für den indolenten Indier, namentlich für den der östlichen Provinzen, ist das Dorf, in dem er geboren worden, die Welt. Er verlässt es nur unter dringenden Umständen. Uebrigens würde das von der Kopfsteuer unzertrennliche strenge Passwesen der Reiselust, falls sie vorhanden wäre, grosse Schwierigkeiten in den Weg legen.

Der Indier isst täglich dreimal: um 7 Uhr Vormittags, 12 und 7 oder 8 Abends; die kräftigsten Arbeiter verzehren bei jeder Malzeit eine Chupa Reis, gewöhnliche Individuen eine halbe zum Frühstück, eine zum Mittag, eine halbe zum Abend, zusammen 2 Chupas. Jede Familie erntet ihren Reisbedarf selbst und bewahrt ihn in Scheuern auf, oder kauft ihn enthülst auf dem Markt, und dann gewöhnlich nur den Bedarf eines Tages oder einer Malzeit auf einmal. Der mittlere Einzel-Preis ist 3 Cuartos für 2 Chupas (14 Chupas del Rey für 1 r.). Für jede einzelne Malzeit wird der Reisbedarf in einem hölzernen Mörser von den Frauen gestossen um ihn zu enthülsen -- aus alter Gewohnheit, und auch wohl aus Furcht, dass der Vorrath sonst zu schnell verschmaust werden würde. Der Reis wird nur halb gar gekocht. Es scheint, dass dies überall geschieht, wo er einen wesentlichen Theil der Nahrung ausmacht; schon in Spanien und Italien ist dies wahrzunehmen. An Würzen werden Salz und viel spanischer Pfeffer (Capsicum) genossen, der, ursprünglich aus Amerika eingeführt, überall um die Häuser wächst. Die Eingeborenen ziehn sogenanntes Steinsalz dem gemeinen Kochsalz vor; es wird durch Eindampfen von Meerwasser erhalten, das vorher durch Asche filtrirt worden. Eine Chinanta (12,6 Zoll-Pfund) kostet 1 1/2 bis 2 r. Der Salzverbrauch ist äusserst gering.

Die Genussmittel des Indiers sind Buyo [145] und Zigarren, eine Zigarre kostet 1, ein Buyo 0,1 cu. Die Zigarre wird fast nie geraucht, sondern in Stücke zerschnitten und mit dem Buyo gekaut, auch die Frauen kauen Buyo und Tabak, aber gewöhnlich sehr mässig, sie färben sich auch nicht die Zähne schwarz, wie die Malayen, die jungen und hübschen putzen sich sogar dieselben fleissig mit der Hülle der Arecanuss, deren parallel und eng neben einander liegende starre Fasern im Queerschnitt eine vortreffliche Zahnbürste bilden, baden mehrere male täglich, und übertreffen an Sauberkeit die Mehrzahl der Europäerinnen. Wohl jeder Indier hält sich einen Kampfhahn; selbst wenn er nichts zu essen hat, findet er Geld zum Hahnenkampf.

Hausrath: Zum Kochen dient ein irdener Topf für 3-10 cu., beim Reiskochen wird er mit einem Bananenblatt fest zugebunden, so dass der Dampf einer sehr geringen Wassermenge hinreicht. Ein anderes Küchengeräth ist bei Aermeren nicht vorhanden. Reichere haben auch einige gusseiserne Pfannen, irdene Töpfe und Schüsseln. Der Heerd besteht in den kleineren Häusern aus einer tragbaren irdenen Pfanne oder einem flachen Kasten, oft einer alten Zigarrenkiste voll Sand, mit drei Steinen, welche als Dreifuss dienen; in den grossen Häusern hat der Heerd die Form einer Bettstelle, die statt einer Matratze mit Sand oder Asche gefüllt ist. Das Wasser für kleine Haushaltungen wird in dicken Bambusen geholt und aufbewahrt; Jedermann besitzt ausserdem in seinem Bolo (Waldmesser) ein Universalinstrument, das er in einer selbstgefertigten Holzscheide an einer aus Bastfaser nachlässig zusammengedrehten Schnur um den Leib trägt. Dies und der Reismörser (ein Holzklotz mit einer entsprechenden Vertiefung) sammt Stösser und einige Körbe bilden das gesammte Hausgeräth einer ärmeren Familie; zuweilen findet sich noch eine grosse Schnecke mit Binsendocht als Lampe. Man schläft auf einer Matte von Pandanus oder Buri (Fächerpalme, Corypha), wenn eine vorhanden, sonst auf den Bambusspliessen, womit das Haus gedielt ist. Oel zur Beleuchtung wird von den Armen fast gar nicht verwendet, sondern Harzfackeln, die je 1-2 Tage dauern und auf dem Markt für 1/2 cu. verkauft werden.

An Kleidung braucht eine Frau: Camisa de Guinara (kurzes Hemd von Abacáfasern), ein Patadíon (Rock der von der Hüfte bis zum Knöchel reicht), ein Tuch, einen Kamm. Ein Stück Guinara zu 1 r. giebt 2 Hemden, die gröbsten Patadíon kosten 3 r., ein Tuch höchstens 1 r., Kamm 2 cu, zusammen 4 Realen 12 cu = 24 Sgr. Die Frauen besserer Klasse tragen Camisa 1 bis 2 r, Patadíon 6 r, Tuch 2-3 r., Kamm 2 cu. Der Mann trägt Hemd 1 r, Hose 3 r, Hut (Tararura), aus spanischem Rohr, 10 cu, oder Salacot (grosser Regenhut, häufig verziert) wenigstens 2 r, oft mit Silberbeschlag bis zum Werthe von 50 Dollar. Es werden jährlich wenigstens drei, wohl eher vier Anzüge verbraucht, die Frauen pflegen aber fast den ganzen Bedarf für die Familie selbst zu weben.

Arbeitslohn: Für den gewöhnlichen Arbeiter 1 r, kein Essen; Arbeitszeit von 6-12 und von 2-6 Uhr. Die Frauen verrichten in der Regel keine Feldarbeit, doch pflanzen sie den Reis um und helfen ihn ernten; in beiden Fällen ist ihr Lohn gleich dem der Männer. Holz- und Stein-Arbeiter erhalten 1,5 r. per Tag, Kalfaterer 1,75 r.

Ein ziemlich gebräuchlicher Kontrakt bei dem Landbau ist der des Tercio: der Eigenthümer überlässt das nackte, aber urbar gemachte Land für den dritten Theil der Ernte. Einzelne Mestizen besitzen viele Grundstücke, aber selten zusammenhängend, da sie ihnen gewöhnlich als Schuldpfänder zu einem geringen Theil des Werthes zufallen.

Verdienst einer kleinen Familie: Der Mann verdient täglich 1 r, die Frau, wenn sie grobe Stoffe webt 1/4 r. und Essen (1 Stück Guinara kostet 1/2 r. Weberlohn und erfordert 2 Tage Arbeit). Die geschickteste Weberin feinerer Stoffe erhält für das Stück 12 r. Arbeitslohn; und vollendet es in einem Monat, der aber wegen der vielen Feiertage im allerhöchsten Fall gleich 24 Arbeitstagen zu rechnen ist, sie verdient also 1/2 r. per Tag und Essen. Für das Aneinanderknüpfen der Ananasfasern zur Piña-Weberei (Sugot genannt) wird nur 1/8 r. und Essen bezahlt.

In allen Pueblos sind Schulen vorhanden. Der Schullehrer wird von der Regierung bezahlt, und erhält gewöhnlich 2 Dollars monatlich, weder Wohnung noch Beköstigung. In grossen Pueblos steigt das Gehalt auf 3 1/2 Dollars, davon muss aber ein Gehülfe besoldet werden. Die Schulen stehen unter Aufsicht des Ortsgeistlichen. Es wird Lesen und Schreiben gelehrt, die Vorschriften sind spanisch. Der Lehrer soll eigentlich seine Schüler spanisch lehren, er versteht es aber selbst nicht, andererseits verstehn die spanischen Beamten nicht die Landessprache, die Priester aber haben keine Neigung an diesen Zuständen zu ändern, die ihrer Macht sehr förderlich sind. Es können fast nur solche Indier spanisch, die im Dienst von Europäern gewesen sind. Gelesen wird in der Landessprache (bicol) zuerst eine Art religiöser Fibel, später die Doctrina cristiana, das Lesebuch heisst Casayayan. Durchschnittlich geht die Hälfte aller Kinder in die Schule, gewöhnlich vom siebenten bis zehnten Jahr, sie lernen etwas lesen, einige auch ein wenig schreiben, vergessen es aber bald wieder; nur solche, die später als Schreiber Dienst nehmen, schreiben geläufig und haben meist eine gute Handschrift. Einige Pfarrer dulden nicht, dass Knaben und Mädchen dieselbe Schule besuchen, in diesem Fall besolden sie noch eine besondere Lehrerin mit 1 Dollar monatlich. Rechnen lernen die Indier sehr schwer, sie nehmen gewöhnlich Muscheln oder Steine zur Hülfe, die sie in Häufchen legen und dann zählen.

Die Frauen heirathen selten vor dem vierzehnten Jahre, -- zwölf Jahre ist der gesetzliche Termin. Im Kirchenbuche von Polangui fand ich eine Trauung (Januar 1837) verzeichnet zwischen einem Indier und einer Indierin, die den ominösen Namen Hilaria Concepcion führte und bei Vollziehung der Ehe, wie aus einer Randbemerkung hervorgeht, nur 9 Jahre und 10 Monate alt war. Es kommt vor, dass Leute ungetraut zusammen leben, weil sie die Kosten der Trauung nicht zahlen können. Mädchen, die als Geliebte von Europäern Kinder bekommen, rechnen es sich fast zur Ehre. Noch mehr ist dies der Fall, wenn das Kind vom Pfarrer ist; der Cura erhält immer seine Kinder, aber unter angenommenen Namen. In Fällen ehelicher Untreue, die nicht selten sind, wird die schuldige Frau gewöhnlich geprügelt, der Verführer geht frei aus; fast nie gelangen Beschwerden an das Gericht. Die Männer sind meist liederlich. Eine Frau brachte die Geliebte ihres Mannes durch Zureden zum Geständniss ihrer Schuld, und schnitt ihr darauf mit einer bereit gehaltenen Scheere das ganze Haupthaar ab; dies ist das einzige Beispiel von Rache, das in den letzten Jahren vorgekommen war. Europäerinnen, ja selbst Mestizinnen, lassen sich, nach Versicherung ihrer Männer, nie mit Indiern ein. Die Frauen werden im Allgemeinen gut behandelt, verrichten nur leichte Arbeit, Nähen, Weben, Sticken, Besorgung des Haushalts; alle schwere Arbeit mit Ausnahme des Reisstampfens fällt den Männern zu. Oeffentliche Mädchen verkehren mit allen Frauen und verheirathen sich auch oft, zuweilen bieten Väter ihre Töchter Europäern an, indem sie ein Darlehn erbitten und die Tochter dafür als Näherin in's Haus bringen.

Fälle von hohem Alter sind unter den Indiern, namentlich in Camarínes häufig. Das Diario de Manila vom 13. März 1866 berichtet über einen Alten in Darága (Albay) den ich wohl gekannt habe: Juan Jacob 1744 geboren, 1764 verheirathet, 1845 verwittwet, hat bis 1840 viele öffentliche Aemter bekleidet, hatte 13 Kinder, von denen 5 leben, 170 direkte Nachkommen, ist mit 122 Jahren noch rüstig, hat gute Augen und Zähne; -- erhielt sieben mal die letzte Oelung!

Die ersten Excremente eines neugeborenen Kindes werden sorgfältig aufbewahrt und unter dem Namen Triaca (Theriacum) als ein besonders auch gegen den Biss von Schlangen und tollen Hunden wirksames Universalheilmittel aufbewahrt. Es wird auf die Wunde gelegt und zugleich eingenommen.

Eine grosse Anzahl Kinder stirbt in den ersten beiden Wochen nach der Geburt. Es fehlen darüber alle statistischen Daten, aber nach Ansicht eines der ersten Aerzte in Manila kommt wenigstens ein Viertel um. Die Ursache soll allein in der grossen Unreinlichkeit und schlechten Luft liegen, da in den Stuben der Kranken und Wöchnerinnen Thüren und Fenster so dicht verschlossen werden, dass vor Gestank und Hitze Gesunde krank werden, Kranke schwer genesen. Früher verstopfte bei Geburten der Mann alle Oeffnungen des Hauses, damit Patianac nicht eindringe, ein böser Geist der den Wöchnerinnen Unheil bringt und die Geburt zu hindern sucht. Der Gebrauch hat sich fort erhalten, bei Vielen wohl auch der Aberglaube ohne eingestanden zu werden; wo dieser erloschen, hat man in der Furcht vor Zugluft eine neue Erklärung für einen alten Brauch gefunden: Beispiele solcher Anpassungen finden sich bei allen Völkern. Eine sehr verbreitete Krankheit ist die Krätze, doch soll sie nach Versicherung des bereits erwähnten Arztes weniger allgemein sein, als Nichtärzte glauben, die jene Bezeichnung auf Hautausschläge überhaupt anwenden; an solchen haben die Eingeborenen in Folge schlechter Diät sehr zu leiden, Bicolindier mehr als Tagalen. [146] Unter gewissen Verhältnissen, welche die darüber befragten Aerzte nicht genauer zu bestimmen vermochten, können die Eingeborenen weder Hunger noch Durst ertragen (davon bin ich mehreremale Zeuge gewesen). Sie sollen, wenn sie in solchem Zustande gezwungen sind, das Bedürfniss ungestillt vorüber gehn zu lassen, bedenklich erkranken und oft an den Folgen sterben.

Die krankhafte Sucht des Nachahmens, in Java Sakit-latar genannt, kommt auch hier vor und heisst Mali-mali. In Java glauben Viele, dass die Krankheit nur Verstellung sei, weil die angeblich damit Behafteten es vortheilhaft finden, sich vor neu angekommenen Europäern sehn zu lassen. Hier aber beobachtete ich ein Beispiel, bei dem wohl keine Verstellung vorausgesetzt werden konnte; meine Begleiter benutzten den krankhaften Zustand einer armen Alten, die uns begegnete, um auf offener Strasse rohe Spässe mit ihr zu treiben. Die Alte ahmte alle Bewegungen nach, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, und äusserte zugleich ihren lebhaftesten Unwillen über die Leute, die ihre Schwäche missbrauchten.

In R. Maak's Reise nach dem Amur (Puteshestie na Amur pg. 83) heisst es: »Nicht gerade selten, leiden auch die Maniagrer an einer höchst sonderbaren Nervenkrankheit, mit welcher wir schon gründlich bekannt waren durch die Beschreibungen vieler Reisenden. [147] Man begegnet dieser Krankheit bei der Mehrzahl der wilden Völker Sibiriens, so wie auch bei den dort angesiedelten Russen. Im Gebiete der Jakuten, wo dieses Leiden sehr häufig vorkommt, sind die damit behafteten, sowohl bei den Russen als den Jakuten unter dem Namen Emiura bekannt; hier aber (d. h. in dem Theile Sibiriens, wo die Maniagri wohnen) werden dergleichen Kranke von den Maniagrern »Olon«, von den Argurischen Kosaken »Olgandshi« genannt. Die Anfälle der von mir hier besprochenen Krankheit bestehn darin, dass ein daran leidender Mensch, wenn er in Schrecken oder Bestürzung geräth, unbewusst und oftmals ohne das geringste Schamgefühl alles nachahmt, was vor ihm geschieht. Wird ein solcher Mensch geärgert, so geräth er in eine Raserei, die sich dadurch äussert, dass er ein wildes Geschrei ausstösst, auf andre Weise wüthet und sich sogar mit einem Messer oder irgend einem andern Gegenstand, der ihm gerade in die Hände fällt, auf diejenigen losstürzt, die ihn in diesen Zustand versetzten. Bei den Maniagrern leiden vorzugsweise Frauenspersonen an dieser Krankheit, besonders sehr alte; übrigens sind mir auch Beispiele von Männern bekannt, welche damit behaftet waren. Bemerkenswerth ist, dass die von diesem Leiden heimgesuchten Weiber dessen ungeachtet kräftig waren, und sich in allen übrigen Beziehungen einer guten Gesundheit erfreuten.«

Es ist vielleicht nur ein zufälliges Zusammentreffen, dass in den Malayenländern Sakit latar und Amok, wenn auch nicht bei demselben Individuum, doch bei denselben Völkern neben einander bestehn. Beispiele von Amok scheinen auch in den Philippinen vorzukommen. [148] Folgenden Bericht finde ich im Diario de Manila vom 21. Februar 1866: In Cavite drang am 18. Februar ein Soldat vom 8. Regiment in das Haus eines Schullehrers, gerieth mit diesem in Streit und erstach ihn, mit einem zweiten Dolchstoss tödtet er den Sohn des Lehrers, stürzt auf die Strasse, ersticht zwei junge Mädchen von 10 bis 12 Jahren, verwundet eine Frau in der Seite, einen neunjährigen Knaben im Arm, einen Kutscher (tödtlich) im Unterleib, ferner noch eine Frau, einen Matrosen, drei Soldaten. An seiner Kaserne angekommen, und von der Schildwache angehalten, stösst er sich selbst den Dolch in die Brust . . . Leider steht der Fall nicht vereinzelt da . . .

Es ist eine der grössten Beleidigungen über einen schlafenden Eingeborenen zu schreiten, oder ihn schroff zu wecken. Sie wecken einander, wenn es durchaus geschehen muss, mit der grössten Rücksicht und ganz allmälig. [149]

Der Geruchsinn ist bei den Indiern in so hohem Grade entwickelt, dass sie im Stande sind durch Beriechen der Taschentücher zu erkennen, welcher Person sie angehören, (Reisesk. pg. 39). Verliebte tauschen beim Abschied Stücke getragener Wäsche aus, und schlürfen während der Trennung den Geruch des geliebten Wesens ein, ebenso bei dem Küssen. [150]

FUNFZEHNTES KAPITEL

VORGESCHICHTLICHE UEBERRESTE. -- HOHER WERTH ALTER GEFÄSSE. -- TROPFSTEINHÖHLEN IM YAMTIK. -- REISEN IN NORD-CAMARINES. -- BERGBAU. -- GOLD. -- BLEIGLANZ. -- ROTHBLEI. -- KUPFER. -- HÜTTENPROZESS DER YGORROTEN. -- ESSBARE VOGELNESTER.

Von Naga aus besuchte ich den Cura von Libmánan (Ligmanan), der Dichtertalent und den Ruf eines Naturforschers besass. Er sammelte und taufte hübsche Käfer und Muscheln, und widmete den zierlichsten kleine Sonette. Er erzählte mir Folgendes:

1851 wurde beim Anlegen einer Strasse etwas unterhalb Libmánan, an einer Stelle Poro genannt, 100' vom Fluss entfernt, unter 4' Dammerde ein Muschellager aufgegraben. Es bestand aus Cyrenen (C. suborbicularis Busch.) einer zur Familie der Cycladen gehörigen Gattung von Zweischalern, die nur in warmen Gewässern vorkommt und namentlich in den brackischen der Philippinen ausserordentlich häufig ist. Bei dieser Gelegenheit fand man in Tiefen von 1 1/2 bis 3 1/2 Fuss zahlreiche Ueberreste früherer Bewohner: Schädel, Gerippe, Knochen von Menschen und Thieren, ein Schenkelbein eines Kindes in einer Spirale von Messingdraht steckend, mehrere Hirschgeweihe, schön geformte Schüsseln und Gefässe, zum Theil bemalt, wahrscheinlich chinesischen Ursprungs, gestreifte Armbänder aus einem weichen gypsartigen kupferrothen Gestein, glänzend, als wären sie gefirnisst [151]; kleine Messer von Kupfer, aber kein Eisengeräth, mehrere in der Mitte durchbohrte breite, flache Steine; [152] auch einen Keil aus verkieseltem Holz in einem gespaltenen Baumstamme steckend. Die an einer Vertiefung noch deutlich zu erkennende Stelle dürfte, bei planmässig fortgesetztem Nachgraben, noch manche interessante Ergebnisse liefern. Was nicht unmittelbar zum Gebrauch geeignet, wurde an Ort und Stelle vernichtet, das übrige verzettelt. Trotz aller Bemühungen gelang es mir nur durch die Güte des Herrn Fociños in Naga, ein kleines Gefäss zu erhalten. An der Mündung des Bígajo, nicht weit von Libmánan sollen in eben solchem Muschellager ähnliche Reste früherer Bewohner, und an der Mündung des Pérlos, westlich von Sítio de Póro, 1840 eine Urne mit einem menschlichen Skelet gefunden worden sein. Zur Zeit, als ich diese Angaben des Pfarrers niederschrieb, waren weder ihm noch mir die in Europa bereits seit einigen Jahren in den Pfahldörfern gemachten Entdeckungen geläufig, sonst wären diese Aufzeichnungen wohl ausführlicher, vielleicht aber weniger unbefangen ausgefallen.

Mr. W. A. Franks, der die Güte hatte das Gefäss zu untersuchen, ist geneigt es für chinesisch zu halten und erklärt es für sehr alt, ohne jedoch das Alter genauer feststellen zu können (ähnlich sprach sich ein gelehrter Chinese der Burlingame'schen Gesandtschaft aus). Ihm ist nur ein Stück, nämlich ein von Kämpfer aus Japan mitgebrachter, im British Museum befindlicher Krug von noch festerer Masse bekannt, dessen Farbe, Glasur und Glasurrisse (Craquelés) genau mit dem meinigen übereinstimmen. Nach Kämpfer fanden die Japanesen dergleichen Krüge im Meer, und schätzten sie sehr hoch um ihren Thee darin aufzubewahren.

Morga (f. 135) meldet: »Auf dieser Insel Luzon, besonders in den Provinzen Manila, Pampánga, Pangasinán und Ylócos finden sich bei den Eingeborenen sehr alte Thonkrüge von dunkelbrauner Farbe und nicht von gutem Ansehn, einige von mittlerer Grösse, und andre kleiner, mit Zeichen und Stempeln. Sie wissen nicht anzugeben, woher sie dieselben erhielten noch zu welcher Zeit; denn jetzt werden sie nicht mehr gebracht, noch werden sie in den Inseln angefertigt; die Japanesen suchen und schätzen dieselben, denn sie haben gefunden, dass die Wurzel eines Krautes, welches sie Tscha (Thee) nennen und welche heiss getrunken wird als grosse Delikatesse und Arznei, bei den Königen und Herren in Japan, sich nicht hält und konservirt ausser in diesen Krügen, die in ganz Japan so hoch geschätzt werden, dass es die grössten Kostbarkeiten ihrer Wohnzimmer und Kabinette sind, und hat ein solcher Krug einen hohen Werth und sie belegen sie auswendig mit feinem, mit grosser Kunst getriebenem Golde und sie stecken sie in Futterale von Brokat, und es giebt Krüge die auf 2000 Tael zu 11 Realen, geschätzt und verkauft werden . . . Die Eingeborenen dieser Inseln verkaufen sie an die Japanesen so hoch sie können, und bemühen sich sie zu suchen, dieses Gewinnes halber, obgleich jetzt wenige gefunden werden wegen des Eifers, mit dem man sie aufgesucht hat.«

Als Carletti 1597 von den Philippinen nach Japan kam, wurden auf Befehl des Guvernörs sämmtliche Personen an Bord sorgfältig untersucht und ward ihnen Todesstrafe angedroht, wenn sie zu verheimlichen suchten »gewisse irdene Gefässe, die von den Philippinen und andern Inseln jenes Meeres gebracht zu werden pflegen,« da der König sie alle kaufen wollte . . . »Dergleichen Gefässe gelten bis fünf-, sechs- ja bis zehntausend Scudi das Stück, während man sie nicht auf einen Giulio (etwa 1/2 Paolo) schätzen möchte.« -- 1615 traf Carletti einen als Gesandten von Japan nach Rom geschickten Franziskaner, der ihm versicherte, er habe einen der Könige von Japan 130,000 Scudi für ein solches Gefäss zahlen sehn -- seine Gefährten bestätigten es. -- Auch Carletti giebt als Grund des hohen Preises an, »dass sich das Blatt Cia oder Thee, dessen Güte mit dem Alter zunähme, in jenen Krügen besser konservire als in allen andern Gefässen. Die Japanesen erkennen diese Gefässe sogleich an gewissen Schriftzeichen und Stempeln. Sie sind sehr alt und sehr selten und kommen nur aus Cambodia, Siam, Cochinchina, den Philippinen und andern benachbarten Inseln. Nach dem Aussehn würde man sie auf drei oder vier Quatrini (ein paar Dreier) schätzen ... es ist durchaus wahr, dass der König und die Fürsten jenes Reiches eine sehr grosse Zahl dieser Gefässe besitzen und sie als ihren köstlichsten Schatz, höher als andere Kostbarkeiten schätzen -- dass sie mit deren Besitz prahlen und aus Eitelkeit einander durch die Menge derartiger Gefässe die sie besitzen zu überbieten suchen.« [153]