Reisebilder und verschiedene Skizzen
Part 17
[12] Mark Twain zählt hier mit scheinbarem Ernst neben den Namen von wirklichen Größen einige andere auf, welche Männern von sehr zweifelhaftem Charakter angehören.
Voll Hochgefühl weise ich auf unser Eisenbahnsystem hin, das uns am Leben läßt, obgleich es das Gegenteil thun könnte, da wir in seiner Gewalt sind. Es hat im letzten Jahre durch Zusammenstöße nur dreitausend und siebzig und durch Überfahren siebenundzwanzigtausend zweihundert und sechzig Menschen das Leben gekostet. Die Verwaltung beklagte den Tod dieser dreißigtausend Personen aufrichtig und ging sogar so weit, für einige derselben Entschädigung zu leisten -- natürlich aus freien Stücken -- denn es wäre geradezu niederträchtig, behaupten zu wollen, daß wir einen Gerichtshof besitzen, der die Perfidie so weit treiben würde, einer Eisenbahngesellschaft gegenüber einen Rechtsspruch durchzusetzen. Aber Gott sei Dank sind die Eisenbahngesellschaften gewöhnlich geneigt, Recht und Billigkeit walten zu lassen, ohne daß man ihnen Zwang anthut. Davon kann ich ein Beispiel erzählen, welches mich damals innig gerührt hat. Nach einem Unfall schickte mir die Gesellschaft nämlich die sterblichen Reste eines lieben, entfernten, alten Vetters in einem Korbe ins Haus und schrieb dabei: »Bitte die Summe anzugeben, die er Ihnen wert ist -- und den Korb zurückzuschicken.« Größere Freundlichkeit kann man doch nicht verlangen! --
Aber ich darf hier nicht den ganzen Abend stehen und prahlen, wenn Sie mir auch ein wenig Großthuerei mit meinem Vaterlande am vierten Juli gewiß zu gute halten. Das scheint doch gerade die rechte Zeit, um den Adler steigen zu lassen. Nur noch _ein_ großsprecherisches Wort gestatten Sie mir -- nämlich folgendes: Wir haben eine Regierungsform, die jedermann freies Spiel läßt und keinen bevorzugt. Bei uns wird niemand mit dem Recht geboren, auf seinen Nächsten herabzusehen und ihn zu verachten. Diejenigen unter uns, die keine Herzöge sind, mögen hierin ihren Trost finden. Die Zukunft erscheint uns hoffnungsvoll, weil wir wissen, daß, wie traurig auch die Moral unserer heutigen politischen Zustände beschaffen ist, England sich doch noch aus viel jammervolleren emporgearbeitet hat, seit den Zeiten, als Karl II. Dirnen in den Adelstand erhob und jedes Staatsamt verhandelt und verkauft wurde. Für uns ist also noch Hoffnung vorhanden.
Es war meine Absicht gewesen, diese Rede vorzutragen, aber unser Gesandter, General Schenck, welcher den Vorsitz führte, stand nach dem Tischgebet auf, um eine lange und über alle Begriffe schläfrige Ansprache zu halten, welche er mit der Bemerkung schloß, daß, da die Festreden die Gäste nicht sehr zu erheitern schienen, alle ferneren Vorträge während des Abends unterbleiben sollten, damit wir uns nach Gefallen mit unsern Tischnachbarn unterhalten und gemütlich fühlen könnten. Man weiß, daß infolge dieser Anordnung vierundvierzig fertige Reden sterben mußten, ohne das Licht der Welt erblickt zu haben. Die Schwermut, Niedergeschlagenheit und feierliche Stille, welche von da ab bei dem Festmahl herrschte, wird den meisten, die demselben beiwohnten, dauernd in der Erinnerung bleiben. Durch diese einzige unbedachte Äußerung hat General Schenck vierundvierzig der besten Freunde eingebüßt, die er in England besaß. Mehr als einer sagte an jenem Abend: »Und einen solchen Menschen hat man hergeschickt, um uns bei dem großen Schwesterreich würdig zu vertreten?«
Ein Zwiegespräch.
Alle meine seitherigen Reisen waren bloße Geschäftsreisen gewesen. Das letzte Maiwetter war so verführerisch, daß ich beschloß, nun auch einmal eine Vergnügungsreise zu machen. Schon einen Tag nach diesem Entschluß befand ich mich an Bord eines nach den Bermudas gehenden Dampfers. Nachdem ich mir mein Billet gelöst, wanderte ich auf dem Verdeck auf und nieder in dem frohen Gefühl der Freiheit und Muße, ein Genuß, der durch das Bewußtsein, daß sich die Entfernung zwischen mir und den Post- und Telegraphenanstalten beständig vermehrte, noch wesentlich erhöht wurde. Nach einer Weile ging ich in meine Kajüte und kleidete mich aus; aber die Nacht war zu prächtig, um sie ganz zu verschlafen. Ich stellte mich daher ans Fenster und beobachtete die rasch dahingleitenden Lichter am Ufer. Bald kamen zwei ältliche Männer, die sich gerade unter mein Fenster niedersetzten und ein Gespräch begannen. Ihr Gespräch ging mich eigentlich nichts an, aber aufgelegt und heiter gestimmt, wie ich war, ließ ich mir die Unterhaltung gern gefallen. Ich entdeckte bald, daß sie Brüder aus einem kleinen Dorf in Connecticut waren und daß sich ihre Unterhaltung um den Kirchhof drehte.
»Nun, Hans« -- begann der eine -- »wir haben die Sache des Langen und Breiten besprochen. Siehst du, alles räumte den alten Kirchhof und unsere Angehörigen blieben fast ganz allein zurück. Sie waren auch, wie du weißt, arg eng zusammengedrängt. Der Platz war von Anfang an nicht groß genug und als im letzten Jahr Seths Weib starb, konnten wir sie kaum noch unterbringen. Sie kam gerade noch etwas auf Dekan Shorbs Stelle herüberzuliegen und der wurde deswegen auf sie und uns ganz ärgerlich. Wir redeten also darüber und ich war für ’nen Ankauf auf dem neuen Kirchhof; die andern waren nicht dagegen, wenn es nicht zu teuer käme. Die zwei schönsten und größten Plätze waren Nummer 8 und 9 -- beide von einer Größe: jeder bequem für sechsundzwanzig Erwachsene; wenn man Kinder mitrechnet, reicht er für dreißig, auch zwei- und dreiunddreißig, ganz hübsch.«
»Das ist übergenug, Wilhelm. Welchen hast du gekauft?«
»Nun, darauf werde ich gleich kommen, Hans. Siehst du, Nummer 8 kostete 13 Dollars, Nummer 9 aber 14 -- --«
»Sehe schon. Da hast du Nummer 8 genommen.«
»Warte nur. Ich nahm Nummer 9 und will dir auch sagen, warum. Erstens, weil der Dekan Nummer 9 haben wollte. Nach der Art und Weise, wie er sich darüber aufgehalten hat, daß Seths Weib etwas auf seinen Platz zu liegen kam, hätte ich ihm den Platz weggeschnappt und wenn er mich zwei statt einen Dollar mehr gekostet hätte. Was ist ein Dollar? dachte ich bei mir. Das Leben ist nur eine Pilgerschaft, sag’ ich; wir sind ja nicht für immer da und können nichts mit uns nehmen. So legte ich denn das Geld hin und dachte: der Herr läßt ja keine gute That unbelohnt und, so Gott will, verdien’ ich den Dollar an jemand anders bei nächster Gelegenheit zurück. Ich hatte aber auch noch einen anderen Grund. Nummer 9 ist weitaus der hübscheste Platz im ganzen Kirchhof und am schönsten gelegen; er liegt gerade auf dem Gipfel einer Anhöhe, mitten im Kirchhof. Man kann von dort aus Millport und Tracy und den Rumpfberg und eine ganze Reihe von Farmen sehen; im ganzen Staat ist keine schönere Aussicht von einem Begräbnisplatz aus, -- so sagt wenigstens Higgins und der muß es wissen. Das ist aber noch nicht alles. Shorb mußte wohl oder übel Nummer 8 nehmen. Nun stößt Nummer 8 an Nummer 9 und da jene am Abhang liegt, so läuft alles Wasser zu den Shorbs hinab. Higgins meinte, wenn des Dekans Zeit einmal komme, möge er seine sterblichen Ueberreste nur gegen Feuer- und Wasserschaden zugleich versichern.«
Nach diesen Worten ließ sich ein leises, doppeltes Kichern vernehmen, das Beifall und Zufriedenheit ausdrückte.
»Sieh, Hans, da hab’ ich eine rohe Skizze von dem Grundstück auf ein Stück Papier gebracht. Da oben in der Ecke linker Hand haben wir die Gestorbenen untergebracht; wir holten sie aus dem alten Friedhof und legten sie nebeneinander nach der alten Regel: ›Wer zuerst kommt, mahlt zuerst‹, ganz unparteiisch, Großvater Jonas zuerst, weil er zufällig zuerst an die Reihe kam, Seths Zwillinge zuletzt. Daran schließen sich die künftigen Grabstätten: hier auf der Stelle, die mit ~A~ bezeichnet ist, wollen wir Maria und ihre Familie bestatten, wenn sie abgerufen werden; ~B~ ist für Bruder Hosea und die Seinen bestimmt, ~C~ für Calvin und sein Haus. Was noch übrig ist, sind diese zwei Plätze hier -- just die Perle des ganzen Flecks, was das Aeußere anbelangt; sie sind für mich und meine Leute und für dich und die Deinen bestimmt. Nun, in welchem möchtest du am liebsten begraben sein?«
»Da bin ich überfragt, Wilhelm! Das kann ich dir nicht gleich sagen. Wahrhaftig, vor lauter Ueberlegen, wie man es den andern bequem machen könnte, habe ich an mein eigenes Begrabenwerden gar nicht gedacht.«
»Das Leben ist nur ein flüchtiger Traum, Hans, wie das Sprichwort sagt. Wir müssen alle fort, früher oder später. Die Hauptsache ist, daß unsere Rechnung mit dem Himmel glatt abgeht. Das ist das einzige, wonach wir trachten müssen!«
»Ja, so ist’s, Wilhelm, so ist’s; da kann man nicht herumkommen. -- Zu welchem von den Plätzen würdest du mir raten?«
»Nun, das kommt auf dich an. Liegt dir viel an Aussicht?«
»Nicht gerade sehr viel, aber doch etwas. Hauptsächlich würde ich auf sonnige Lage Wert legen.«
»Dem ist schon geholfen, beide Plätze liegen gegen Süden. Sie bekommen die Sonne, und die Shorbs den Schatten.«
»Wie steht’s mit dem Boden, Wilhelm?«
»~D~ ist Sandboden -- ~E~ meistens Lehm.«
»Dann gieb mir lieber ~E~, Wilhelm; ein sandiger Boden sinkt immer ein und macht Reparaturkosten.«
»Ganz recht; da, schreib’ deinen Namen her, hier unter ~E~. Und nun, wenn du mir deinen Anteil an den vierzehn Dollars bezahlen willst, da wir gerade bei dem Geschäft sind, so ist alles abgemacht.«
Nach einigem Warten und Feilschen wurde das Geld bezahlt, Hans sagte seinem Bruder Gutenacht und ging zur Ruhe. Es folgte ein minutenlanges Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern herauf von dem einsamen Wilhelm und er murmelte: »Ei der Tausend! Da habe ich mich am Ende doch geirrt! ~D~ ist meistens Lehm, nicht ~E~, und Hans hat jetzt doch einen sandigen Platz gekauft.«
Noch ein leises Kichern, dann suchte auch Wilhelm sein Lager auf.
Ein Miniaturreich im Weltmeer.
Vor einiger Zeit ging durch die Zeitungen folgende Mitteilung:
»Die eigentliche ›Insel der Glückseligen‹ scheint die Pitcairn-Insel in den australischen Gewässern zu sein. Eine norwegische Barke hat diese Insel angelaufen und den Berichten des Barkeführers entnimmt der ›Daily Telegraph‹ folgendes: Solch ein Musterstaat ist vorher niemals bekannt gewesen. Die Gesetze desselben umfassen die kleinsten Dinge, und sind, was häusliche Angelegenheiten betrifft, geradezu mikroskopisch. Die Regierung komponiert die Hymnen für die Schulkinder, das Staatsoberhaupt entwirft nicht nur das Programm der täglichen Tänze, sondern spielt selber die Violine und geigt seinen Leuten die Tänze vor, mit denen sie jeden Werktag der Woche schließen.«
Das klingt so merkwürdig, daß einiges aus der Geschichte der Insel und ihrer Bewohner gewiß gern vernommen wird:
Vor ungefähr hundert Jahren brach auf dem englischen Schiffe ›Bounty‹ eine Meuterei der Mannschaft aus, der Kapitän und die Offiziere wurden den Wellen preisgegeben, während die Mannschaft im Besitze des Schiffes südwärts segelte. Sie landeten auf Tahiti, wo sie sich unter den Eingeborenen Frauen nahmen, begaben sich dann auf eine einsame Felseninsel, inmitten des Stillen Ozeans, die sog. Pitcairn-Insel, und machten das Schiff zum Wrack, indem sie alles zur Niederlassung brauchbare Material in und an dem Schiff auf das Eiland schafften. Pitcairns Eiland liegt vom Weltverkehr so weit ab, daß nur selten Schiffe vorbei kommen. Man hat die Insel für unbewohnt gehalten, bis im Jahre 1808 der Kapitän eines daselbst ankernden Schiffes zu seinem Erstaunen die Entdeckung der Insulaner machte. Die streitsüchtigen Meuterer hatten sich indessen gegenseitig bis auf 2 oder 3 umgebracht, doch war bereits ein junger Nachwuchs vorhanden, so daß die Bevölkerung im Jahre 1808 27 Personen betrug. John Adams, der Rädelsführer, war noch am Leben: er war bis zu seinem 1879 erfolgten Tode der Beherrscher und Patriarch des Völkchens. Er war zu einem christlichen Lebenswandel übergegangen, und sein Volk von 27 Köpfen bildete die frömmste und strengste Gemeinde der Christenheit. Adams hatte sich freiwillig unter den Schutz der englischen Flagge, die er aufhißte, begeben. Nach dem neuesten Zensus zählt die Bevölkerung 90 Personen: 16 Männer, 19 Frauen, 25 Knaben und 30 Mädchen, lauter Abkömmlinge der Meuterer. Sie sprechen nur die englische Sprache. Die Insel ragt wie Helgoland aus der See; sie ist ¾ Meilen lang und stellenweise bis zu einer halben Meile breit. Das Ackerland ist den verschiedenen Familien zugeteilt. Auch giebt es einen mannigfaltigen Viehstand: Ziegen, Schweine, Hühner und Katzen; aber keine Hunde oder sonst größere Tiere. Die Kirche auf Pitcairn ist zugleich Schule, Rathaus und Bibliothek. Das Staatsoberhaupt führt den Titel: ›Bürgermeister und Gouverneur, Unterthan Ihrer Majestät der Königin von England‹. Dasselbe wird vom ganzen Volke gewählt; wahlberechtigt ist jeder Einwohner ohne Unterschied des Geschlechts.
Die einzige Beschäftigung der Leute, als sie entdeckt wurden, bestand in Landwirtschaft und Fischfang; ihre einzige Zerstreuung im Gottesdienst. Es gab weder einen Kaufladen noch Geld auf der Insel. Gewohnheiten und Bekleidung der Insulaner waren ebenso einfach wie ihre Gesetze. Sie lebten dahin in einer tiefen Sabbathruhe, fern von der Welt, ihrem Ehrgeiz und ihrer Drangsal. Einmal alle 3--4 Jahre landete ein Schiff, das die mittlerweile veralteten Neuigkeiten von blutigen Schlachten, verheerenden Epidemien und gestürzten Thronen brachte, sodann gegen Seife und Flanell einige Yamswurzeln und Brotfrucht eintauschte, und dann wieder fortsegelte, um die Insel für ein paar Jahre sich selbst zu überlassen.
Vor einigen Jahren besuchte der Admiral Horsey an der Spitze der englischen Flotte in den pazifischen Gewässern die Insel und erstattete darüber an das Parlament einen Bericht. In demselben heißt es:
»Die Insulaner pflanzen Bohnen, rote und weiße Rüben, Kohl und etwas Mais, Ananas, Feigen- und Orangen-, Zitronen- und Kokosnußbäume. Ihre Kleider erhalten sie gelegentlich von vorüberfahrenden Schiffen im Austausch gegen Nahrungsmittel. Die Insel hat kein eigenes Wasser, da es aber eine Regenperiode auf der Insel giebt, fehlt es nicht daran. Trunkenheit ist ein unbekanntes Laster. Die Bedürfnisse der Insulaner sind vornehmlich: Leinwand, Flanell, Halbstiefel, Kämme, Seife, Tabak; auch Landkarten und Schiefertafeln für ihre Schulen, sowie Werkzeuge jeder Art tauschen sie gerne ein. Ich ließ sie mit einer Flagge zum Aufhissen bei der Ankunft von Schiffen versehen, sowie mit einer Handsäge, deren sie sehr bedürftig waren. Dies wird, wie ich hoffe, die Billigung der Lords finden. Sobald das freigebige englische Volk von den Bedürfnissen dieser kleinen würdigen Kolonie erfährt, wird es gewiß bereit sein, denselben abzuhelfen.
Gottesdienst wird jeden Sonntag um 10½ Uhr vor- und 3 Uhr nachmittags in dem von John Adams gebauten Hause gehalten. Derselbe wird streng nach der Liturgie der Kirche von England von Mr. Simon Young, ihrem erwählten Pastor, der in hoher Achtung steht, begangen. Eine Bibelstunde wird jeden Mittwoch gehalten, wo alle, die abkommen können, zugegen sind. Auch ist eine allgemeine Gebetstunde am ersten Freitag jeden Monats. Familiengebete werden in jedem Haus als erstes in der Frühe und letztes des Abends gesprochen, und nie wird gespeist, ohne daß Gottes Segen vor- und nachher erbeten würde. Von den religiösen Eigenschaften dieser Insulaner kann man nur mit der größten Hochachtung sprechen. Ein Volk, das sich’s zum größten Vergnügen und zur Pflicht macht, im Gebet mit seinem Gott vereinigt zu sein und das fröhlich und fleißig ist und freier von Lastern als irgend eine andere Gemeinde, bedarf kaum eines Priesters.«
In dem Bericht des Admirals findet sich zum Schluß die geringfügig erscheinende Bemerkung: »Ein Fremder, ein _Amerikaner_, hat sich unlängst auf der Insel niedergelassen -- eine zweifelhafte Erwerbung.« Der Admiral hatte keine Ahnung, wie sehr er mit seiner kritischen Bemerkung recht hatte. An diesen Amerikaner knüpft sich die Geschichte einer großen Revolution auf der sonst so stillen und friedlichen Insel. Ueber dieses Ereignis liegt von dem amerikanischen Kapitän Ormsby, welcher vier Monate nach des englischen Admirals Besuch zufällig auf die Insel kam, ausführliche Kunde vor, die wir in Kürze wiedererzählen.
Der obenerwähnte amerikanische Eindringling hieß _Butterworth Stavely_. Derselbe begann damit, sich durch alle möglichen Pfiffe und Kniffe bei den Pitcairnern einzuschmeicheln. Er wurde bald sehr beliebt, zumal er alle seine weltlichen Gewohnheiten verließ und sich mit ganzer Inbrunst auf die Religion warf. Bald übertraf er alle in der Ausdauer und Inbrunst des Betens und Hymnensingens. Sobald er die Zeit für gekommen erachtete, begann er heimlich die Saat der Zwietracht zu streuen. Es war von Anfang an seine überlegte Absicht, die Regierung zu stürzen. Zu diesem Zweck bediente er sich der verschiedensten Mittel. Bei den einen erweckte er Unzufriedenheit, indem er auf die Kürze der Sonntagsfeier hinwies, und _drei_- anstatt der _zwei_stündigen Gottesdienste befürwortete. Die Anhänger dieser Meinung verbündeten sich in der Stille zu einer Partei, um für ihre Reform zu wirken. Den Frauen redete er ein, daß ihre Stimme nicht genügend in der Gebetstunde vertreten sei; so entstand eine zweite Partei. Keine Waffe war ihm zu gering. Selbst die Kinder zog er zu sich herüber, indem er in ihren jungen Herzen Unzufriedenheit erweckte, durch seine Entdeckung, daß sie nicht genug Sonntagsschule hätten. Das erzeugte eine dritte Partei.
Als Stavely solchermaßen vorgearbeitet, führte er einen Schlag gegen die oberste Magistratsperson, Yames Russell Nikroy, einen Mann von Charakter und Tüchtigkeit, einen der wohlhabendsten Bewohner und Besitzer des einzigen Fahrzeuges auf der Insel, eines Walfischbootes. Um zu erzählen, wie sich das begab, muß in der Geschichte der Insel zurückgegriffen werden.
Eines der wichtigsten Gesetze auf der Insel ist das gegen Eigentumsverletzung; es gilt als das Palladium der Volksfreiheit. Vor etwa dreißig Jahren kam ein wichtiger Fall, der unter dieses Gesetz fiel, vor das Gericht. Ein Hühnchen, das der Elisabeth Young (damals 58 Jahre alt, eine Tochter John Mills, eines der Meuterer der ›Bounty‹) gehörte, richtete auf dem Grundstück Henry Christians (29 Jahre alt, ein Enkel Fletcher Christians, eines der Meuterer) Unfug an. Christian tötete das Hühnchen.
Nach dem Gesetz war Christian berechtigt, indem er das tote Huhn zurückgab, Ersatz für den von demselben angerichteten Schaden zu beanspruchen. Christian that das letztere und beanspruchte einen Scheffel Yamswurzeln als Entschädigung, was Fräulein Young zu viel war. Sie klagte und das Gericht setzte die Entschädigung auf einen halben Scheffel herab.
Christian appellierte dagegen. Der Prozeß ging darauf durch alle Instanzen. Endlich -- im vorigen Sommer -- nachdem der Prozeß 20 Jahre geschwebt -- war der Streit vor das höchste Obergericht gelangt. Dasselbe bestätigte das ursprüngliche Urteil. Christian mußte sich nun zufrieden geben, aber Stavely raunte dessen Verteidiger ins Ohr, er ›solle -- bloß der Form wegen‹ -- verlangen, daß ihm das betreffende Gesetz, auf das sich das Urteil bezog, vorgezeigt werde, damit er sich von seiner Existenz überzeugen könne. Das Gericht ließ diesen seltsamen Einfall gelten. Ein Bote wurde in das Haus des Bürgermeisters geschickt, welcher bald darauf mit der Nachricht wiederkehrte, das Gesetz sei aus dem Staatsarchiv verschwunden. Der Gerichtshof mußte darauf seine Entscheidung für null und nichtig erklären. Das Publikum aber geriet in große Aufregung über den Verlust des Gesetzes, das seine wichtigsten Freiheitsrechte enthielt. Auf Stavelys Antrag erfolgte die Anklage des Bürgermeisters. Seine würdige Haltung und ruhige Beteuerung, daß er an dem Verlust unschuldig sei, indem er das Staatsarchiv stets in der nämlichen Zigarrenschachtel aufbewahrt habe und dasselbe weder verlegt noch zerstört habe, half ihm nichts. Er wurde abgesetzt und sein Vermögen eingezogen. Das Erbärmlichste an der Geschichte war, daß von seinen Feinden als Grund, warum er das Gesetz vernichtet habe, angegeben wurde, er habe dadurch Christian nützen wollen, weil er sein _Vetter_ sei. Und doch gab es auf der Insel außer Stavely keinen Menschen, der nicht Christians Vetter gewesen wäre. Denn es läßt sich denken, daß die ganze Einwohnerschaft mit der Zeit durch Heiraten so miteinander verbunden wurde, daß nachgerade ein jeder in allen möglichen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den anderen stand.
Ein Fremder sagt z. B. zu einem der Insulaner: »Sie sprechen von jener jungen Frau als ihrer Base; vor einer Weile nannten Sie sie Tante!« Er wird vielleicht darauf zur Antwort erhalten:
»Nun, sie ist meine Tante und auch meine Base; ferner ist sie meine Stiefschwester, meine Nichte, meine Base im 4., 23. und 32. Grad, meine Großtante, meine Großmutter, meine verwitwete Schwägerin, -- und nächste Woche wird sie mein Weib werden!«
So war denn der Vorwurf des Nepotismus gegen den Angeklagten überaus schwach; aber schwach oder stark, er paßte in Stavelys Plans. Derselbe wurde alsbald an des Gestürzten Stelle zum Bürgermeister gewählt. Es regnete nun Reformen. Eine der ersten war, daß der zweite Sonntagsvormittags-Gottesdienst, der sonst 35 bis 40 Minuten gedauert hatte und in welchem eine Fürbitte für jeden Weltteil, jede Nation und jeden Volksstamm eingelegt war, um eine Stunde verlängert und daß die Fürbitte auf alle erdenklichen Völker auf den verschiedenen Planeten ausgedehnt wurde. Die Neuerung gefiel allgemein und die Leute sagten sich: das sieht doch etwas gleich. Als Stavely das Verbot des Essens am Sonntag an die Stelle des bisherigen Verbots, an diesem Tage zu kochen, setzte, und die Sonntagsschule den ganzen Tag über dauern ließ, kannte der Jubel des Volkes keine Grenzen. Durch seine Neuerungen machte sich Stavely bald zum Abgott des Volkes.
Stavely wagte einen weiteren Schritt. Er begann unter der Hand die öffentliche Meinung gegen England aufzuwiegeln. Als er die Geister einzeln angeschürt, trat er öffentlich auf und erklärte, die Nation sei es ihrer Ehre und Vergangenheit schuldig, sich des drückenden englischen Joches zu entledigen. Darauf erwiderten einige besonnene Insulaner: »Wir fühlen den Druck nicht. Wie sollten wir? England sendet alle paar Jahre ein Schiff zu uns, das uns Seife und Tuch und was wir sonst brauchen, bringt, und läßt uns im übrigen in Ruhe.«
»Läßt uns in Ruhe?« entgegnete Stavely. »So haben Sklavenseelen jederzeit gefühlt und gesprochen. Solche Worte zeigen, wie tief ihr schon unter dem Druck der Tyrannei gesunken seid. Wie, hat euch aller Mannesstolz verlassen? Ist euch Freiheit nichts? Seid ihr zufrieden, immer nur ein Anhängsel an eine fremde und hassenswerte Macht zu sein, wo ihr doch berechtigt wäret, euern Platz unabhängig groß und frei in der erhabenen Familie der Nationen einzunehmen?«
Solche Reden verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Insulaner begannen das englische Joch zu fühlen; sie fühlten es, ohne zu wissen, wo und wie. Sie begannen zu klagen, zu murren, unter eingebildeten Ketten zu seufzen und sich nach Befreiung und Erleichterung zu sehnen. Ihre Abneigung gegen England wuchs. Während sie vordem auf dem Wege nach ihrem Kapitol freudig an dem englischen Banner hinaufsahen, schlugen sie jetzt die Augen vor dem Symbol ihrer Unterthänigkeit nieder. Eines Morgens fand man die Flagge herabgerissen und in den Staub getreten. Niemand hißte sie wieder auf. Der Staatsstreich lag in der Luft. Nächtlicherweile kamen einmal einige Bürger zu Stavely. Es entspann sich folgende Unterhaltung:
»Wir können diese verhaßte Tyrannei nicht länger ertragen; wie entledigen wir uns derselben?«
»Durch einen ~coup d’état~!«
»Was ist das?«