Reise in Südamerika. Erster Band.
Part 15
Im Umkreise von einigen Stunden Weges sind mehrere hübsche kleinere Landseen bei Santjago, und dorthin ritten wir häufig um Wasservögel zu schießen, Amphibien und Insekten zu fangen und die Gesteine der Umgegend zu sammeln. So erwarb ich reichliche Ausbeute in der Laguna de Quilicana. Der See hat eine Ausdehnung von etwa einer halben Stunde in der Länge und Breite und ist auf der einen Seite von ziemlich steilen Hügeln eingeschlossen, welche etwa 900 Fuß hoch sein mögen; dort fallen auch seine Ufer ziemlich steil ab und das Wasser hat eine Tiefe von 8 bis 10 Fuß; auf der andern Seite aber verflacht er sich vollständig und geht in eine sumpfige Wiese aus. Er soll durch ein Erdbeben entstanden sein. Trachyt und Dioritporphyr in manchfacher Variation bilden die Hügel, und ich habe später einige der dort auftretenden Gesteine in der Algodonbay in Bolivien wieder gefunden, täuschend, und zum Verwechseln ähnlich. Glasiger Feldspath, Magneteisen und Kupferkies wurden in jenen Gesteinen unter anderen Beimengungen gefunden.
In jenem See lebt ein großer 7 bis 8 Zoll langer Frosch, er ist indessen schwer zu erhalten und scheint eine neue Art zu sein. Ich habe trotz aller Mühe ein einziges Exemplar mit nach Europa bringen können.
Wundervolle Jagdparthieen und zugleich gute naturhistorische Beute ergab eine andere Lagune, irre ich nicht, etwa drei Stunden weit von der Stadt entfernt.
Ich habe dort den =Ibis albicollis= geschossen und =Ibis nigricollis=, wundervoll schöne Enten und die ersten Papageien. Am meisten aber interessirte mich die Jagd des Coypo[22], einer anderthalb Fuß langen Ratte, welche die Ufer des Sees bewohnt. Auf jenem See sowohl, als auch auf anderen in der Umgegend der Stadt war das Thier früher sehr häufig, wird aber jetzt selten getroffen. Obschon längst bekannt und wie es scheint in ganz Südamerika zu Hause, sind dessen anatomische Verhältnisse doch erst in neuerer Zeit näher bekannt geworden, so z. B. die Eigenthümlichkeit, daß das Weibchen die Säugewarzen auf dem Rücken hat, ohne Zweifel aus dem Grunde, weil es schwimmend seine Jungen längere Zeit mit sich umherträgt. Das Thier schwimmt ziemlich rasch und taucht unter sobald es Gefahr bemerkt; mit der Schnelligkeit des Blitzes aber läuft es über liegendes Schilf und andere Wasserpflanzen hinweg, welche selbst in nur schwacher Schicht die Oberfläche des Wassers bedecken. Das Pelzwerk ist graubraun und hat Aehnlichkeit mit dem Biberfelle.
Da der See längs dem Ufer und bisweilen ziemlich weit gegen die Mitte hin mit Schilf bedeckt war, konnten wir uns mit dem Boote hinlänglich versteckt halten, und es gelang mir, ein schönes und großes Exemplar des Coypo zu erlegen, welches sich gegenwärtig in der Sammlung der Gewerbsschule zu Schweinfurt befindet.
Geognostische Studien können in Santjago beinahe schon in der Stadt selbst gemacht werden. Dicht an derselben, noch fast eingeschlossen von ihr, liegt der Monte San Lucia, ein Hügel von etwa 250 Fuß Höhe, auf welchem ein Engländer mit Erlaubniß der chilenischen Regierung zur Zeit meiner Anwesenheit eine Sternwarte erbaute. Die Hauptmasse dieses Felsens ist ein graugrüner Porphyr, in welchem glänzende Kristalle von Feldspath häufig eingemengt sind. Hier und da findet sich Magneteisen und bisweilen, doch seltener, Hornblende. Es finden sich kugelförmige Absonderungen, welche aus concentrischen Lagen begehen, die größere Masse des Felsens aber ist häufig plattenförmig gespalten, und in den Absonderungsflächen findet sich, ohne Zweifel als secundäres Produkt, Kalkspath in Kristallen.
War es nicht ein kleiner Anfall von Heimweh, daß es mich lebhaft erfreute, in diesem Gesteine einen alten Bekannten getroffen zu haben? In Franken, am Fuße des Steigerwaldes, und dort ganz vereinzelt alle Formen des Keupers durchbrechend, tritt nämlich ein Gestein auf, welches mit dem des Monte San Lucia so täuschende Aehnlichkeit hat, daß neben einander gelegte Exemplare kaum zu unterscheiden sind. Ich habe dort im fernen Lande mich lebhaft der Arbeiten erinnert, welche ich vor Jahren über jenes Gestein in der Heimath unternommen, und, nebenher, an manches Gute und vieles Schlimme, was ich seitdem erfahren.
Auch der Cerro blanco, der weiße Hügel, liegt dicht an der Stadt, an deren nordöstlichem Ende. Eine reizende Fernsicht ergiebt sich dort auf Stadt und Umgegend, und am Berge selbst, der kegelförmig emporgeschoben ist, zeigen sich einige merkwürdige Erscheinungen. Er ist auf der südlichen Seite durch Steinbruch-Arbeit aufgeschlossen, und dort finden sich Ablagerungen von Geröll und Geschieben, welche mit Sand wechseln. Auf dem trachytischen Gesteine selbst liegt unmittelbar Sand, hierauf Geröll und dann wieder Sand. Jede Lage hat fast einen Fuß Mächtigkeit und die Gerölle sind abgeschliffen, also jedenfalls von weiter hergeführt. Es fällt der Berg an der Stelle, wo ich diese Formen fand, steil ab, etwa in einem Winkel von 40 Graden, aber die Ablagerungen der Gerölle fallen genau ebenfalls in diesem Winkel, also parallel mit dem Abhang des Berges. Man muß also annehmen, daß sie früher sich abgesetzt haben an der Stelle, wo der Berg sich gegenwärtig befindet, und mit demselben später gehoben worden sind. Jene mächtigen Fluthen, deren ich oben erwähnte, haben also schon in einer früheren Periode statt gefunden, nach welcher noch das ganze Land mächtigen Erschütterungen ausgesetzt war, denn ohne solche mag es wohl kaum abgegangen sein bei der Hebung und dem Emporsteigen eines Kegels von etwa 800 Fuß Höhe. Man kann den Cerro blanco als Trachyt-Porphyr ansprechen. Gegen die Stadt zu ist das Gestein weißgrau mit Einmengungen von Quarz-Körnern, Feldspath und glasigem Feldspathe. Hornblende entdeckt man nur durch das Mikroskop in demselben. Gegen Norden zu herrscht eine mehr röthliche Farbe vor, aber fast in der Mitte und auf der Spitze des Hügels zeigt sich, gangartig auftretend, ein dunkles Gestein. Manchmal sind in demselben Trümmer des röthlichen Trachyt-Porphyr eingeschlossen und geben der Bildung das Ansehen eines Conglomerats.
Einige Stunden von Santjago gegen die Cordillera und in der Nähe eines Klosters liegen die Bäder von Apoquindo. Ich bin durch diese Bade-Anstalt lebhaft an gewisse kleine Bäder in Deutschland erinnert worden, welche bei uns allenthalben getroffen werden, so wenig ihre Existenz auch über den Umkreis von einigen Stunden hinaus bekannt sein mag. Hier besteht die größte Anzahl der Kurgäste meist aus Frauen der Umgegend, mehr oder weniger mit fabelhaften Zuständen behaftet, und mit Ausnahme der Zunge, hinfällig und leidend. Die Männer bilden die Minderzahl, durchschnittlich ältere Leute, Pensionisten, ein Pfarrer, ein Candidat oder Lehrer, vielleicht auch irgend ein Kranker, dessen Kur von einer mildthätigen Anstalt bestritten wird. Mit wenig Ausnahme war dort in den Bädern von Apoquindo dasselbe Publikum, derselbe Typus der Badegäste, nur, wenn man so sagen darf, vom Deutschen in's Chilenische übersetzt. Es sind zwei lange Gebäude zur Aufnahme der Kurgäste errichtet, blos aus einem Erdgeschosse bestehend, und von Lehm erbaut, mit einfachster Einrichtung im Innern. Die einzelnen Gemächer dieser Häuser waren meist, ja fast sämmtlich von Damen in Anspruch genommen und ich hatte dort Bedenkliches zu überstehen. Ein deutscher Landsmann, welcher mich begleitete, eröffnete nämlich den Frauen, daß ich ein großer und weltberühmter Arzt sei (=risum teneatis amici=?!); man beobachtete ehrfurchtsvolles Schweigen bis ich die Temperatur der Quellen genommen, und flüchtig die Wassermenge bestimmt hatte, welche dieselben lieferten, dann aber wurde ich von ihnen umringt, sollte helfen, retten, gesund machen, selbst Krüppel heilen, vor allem aber »=un remedio=« geben. Ich frug meine Kranken, ob sie schon in Santjago einen Arzt befragt hätten, und eröffnete ihnen, als die meisten bejahten, gravitätisch, daß deutsche Aerzte nicht gewohnt seien einander ihre Kranken abspenstig zu machen (Lieber Gott! wen hat nicht schon _eine_ Frau zum Lügen gebracht und erst hier sicher ein Dutzend!), aber das half wenig. Ich wurde von Zuständen in Kenntniß gesetzt, von deren Existenz ich vorher keine Ahnung gehabt hatte, und konnte mich zuletzt kaum durch die Flucht retten, indem ich mit Mühe mein Pferd gewann, bald wieder zu kommen versprach und davon ritt.
Man nennt die fünf dortigen Quellen warme. Drei derselben entspringen aus einem röthlichen Porphyr, die übrigen zwei brechen aus Schuttland hervor, welches jedoch wohl nur in geringer Mächtigkeit das porphyrische Gestein bedeckt. Dicht an der Quelle hat man Vertiefungen in den Boden gegraben, in welcher sich das Wasser sammelt, und welche man mit leichten, hie und da ziemlich durchsichtigen Reisighütten bedeckt hat, und in diesen badet man.
Die Temperatur der drei aus dem Porphyr brechenden Quellen war I + 17.0° R. II + 19.5° R. III + 19.0° R., die aus dem Schuttlande kommenden hatten IV + 17.0° R. und V + 19.5° R.
Uebrigens entspringen alle fünf nur in geringer Entfernung von einander, so daß der Abstand der beiden entlegensten kaum 15 Schritte beträgt. Die Gesammtmenge, welche alle Quellen zusammen geben, beträgt etwa 60 Litres für die Stunde. Eine Analyse der Quellen ist nicht vorhanden, aber vier derselben haben einen sehr unschuldigen Geschmack und die medicinische Wirksamkeit scheint, nach allem, was ich erfahren konnte, sich ebenfalls in sehr engen Grenzen zu bewegen[23].
Eine derselben aber wurde mir als kupferhaltig bezeichnet, ihr Wasser wird nicht getrunken und für giftig gehalten. Ich habe noch in der Folge von mehreren kupferhaltigen Wassern der Westküste zu berichten, welche dort kaum zu den Seltenheiten gerechnet werden dürfen, und den Kupferreichthum bezeugen, der allenthalben dort in tiefer liegenden Gängen vorhanden sein muß.
Als einer freundlichen Erinnerung muß ich des Dorfes Renca unweit Santjago gedenken, das reich geschmückt mit Rebengeländern und prachtvollen Feigenbäumen, einen ländlichen Vergnügungsplatz für die Stadtbewohner abgiebt. Ich habe selten so artig gehaltene und zierliche ländliche Wohnungen gesehen als eben dort, wo die Kunst kaum etwas, aber die Natur alles zur Verschönerung gethan hat. An Sonn- und Feiertagen aber ist auch stets eine zahlreiche Volksmenge dort versammelt. Unter den Belustigungen, mit welchen man dort sich ergötzt, ist mir eine Art theatralische Vorstellung lebhaft im Gedächtniß geblieben. Heilige, gekrönte Häupter und einige Teufel trieben sich in lebhaftem Wechselverkehr auf einer kleinen improvisirten Bühne herum, bisweilen unterbrochen durch eine Reihe grotesker Tänze, welche von einem der Schauspieler aufgeführt wurden. Obgleich ich kaum von den rasch und heftig hergesagten Rollen etwas verstand, und auch wenig Aufschluß über das eigentliche Wesen der Spiele erhalten konnte, hat das Eigenthümliche desselben doch einen bleibenden Eindruck auf mich gemacht. So wie ich auf dem Wege nach Santjago das schauderhafte alte Weib gesehen habe, so sah ich nebenher gesagt, hier in Renca das schönste Mädchen[24].
Es steht vielleicht zu erwarten, daß Chile in nicht sehr langer Zeit das Ziel für manche deutsche Auswanderer werden wird, und in diesem Sinne dürfte es manchem der Leser nicht unangenehm sein, die Notizen zu durchblättern über die Form der Regierung, über das Militär und Studienwesen, Handel und Gewerbe, welche ich hier folgen lassen will. Bekanntlich ist Chile eine Republik und vielleicht hat nie ein Volk mit mehr Recht eine Revolution begonnen, als eben die Chilenen.
Ich habe mehrfache Notizen gesammelt über die Bedrückungen, welche die Spanier gegen ihre Provinzen ausgeübt haben, zwar von in Chile wohnenden Deutschen, aber von Männern, welche unbefangen waren und parteilos, so viel es überhaupt ein ehrlicher Mann sein kann, und man weiß nicht, soll man unwillig oder bedauernd auf das Verfahren hinblicken, welches die spanische Regierung eingeschlagen hatte, indem sie Alles that um in allen ihren Besitzungen an der Westküste Unzufriedenheit hervorzurufen, Nichts aber um sie sich zu erhalten. So durften unter andern blos spanische Handelsschiffe die dortigen Häfen besuchen, so daß der Handel auf das Aeußerste beschränkt war. Eine der unsinnigsten Maßregeln war aber ohne Zweifel die, daß kein im Lande, d. h. in Chile, Peru u. s. w. Geborener irgend einen höheren staatlichen Posten dort begleiten konnte, sondern daß alle diese Stellen stets mit geborenen Spaniern besetzt werden mußten. Der Sohn des loyalsten Anhängers der Regierung wurde als _Fremder_ betrachtet, war er in Chile geboren, und so gewissermaßen schon zum Feinde Spaniens bei seiner Geburt gestempelt.
Die Erbitterung, welche sich allmälig einschlich, wurde durch jedes spanische Schiff mit neuen Ankömmlingen stärker angefacht, denn diese benahmen sich stolz und abstoßend gegen die eingeborenen Chilenen, und man betrachtete sich gegenseitig mit argwöhnischen und feindseligen Blicken, besonders nachdem einmal die ersten Unruhen ausgebrochen waren.
Es wurde nie vielleicht ein Bürgerkrieg mit mehr Erbitterung geführt, als der chilenische Befreiungskampf. Die vom Mutterlande eingeführten Truppen schlugen sich mit beispielloser Tapferkeit und ohne Zweifel hätte sich, da die meiste taktische Kraft auf ihrer Seite war, auch für sie der Sieg entschieden, hätte nicht die Unterstützung von Spanien aus gefehlt. Hatte man dort die Mittel hiezu nicht, lag Perfidie im Spiele, oder war es Nachlässigkeit, ich weiß es nicht, aber es ist sicher, daß die Bewaffnung der Truppen, der Stand der Forts, der Häfen und alle Hülfe von außen zu jener Zeit in demselben schlechten Zustande war, wie vor hundert Jahren schon Anson dies geschildert hat.
So siegten die Chilenen. Diese Revolution verdankt nicht dem Beispiele Nordamerikas ihren Ursprung, sie wurde nicht erzeugt durch Nachahmung französischer Grundsätze, nicht durch englische speculative Einflüsterungen, sie ging aus dem Bedürfnisse, aus der unabweisbaren Nothwendigkeit hervor, das spanische Joch abzuwerfen, sie wurde von _Besitzenden_ des Landes, von den am meisten Begüterten, und von dem intelligentesten Theile der Nation entworfen und ausgeführt, und diese halten auch noch gegenwärtig die Zügel der Regierung in den Händen.
Die Form der _Regierung_ ist etwa folgende: Ein Präsident, der das Prädicat Excellenz hat, steht an der Spitze. Er wird auf fünf Jahre gewählt, und kann hierauf auf's Neue für die gleiche Zeit, aber nicht für die folgenden fünf Jahre gewählt werden. Die Wahl des Präsidenten geschieht durch Wahlmänner, welche vom Volke gewählt werden.
Die Regierung wird durch die Nationalversammlung, den Congreso nacional, geleitet. Er besteht aus zwei Kammern. Die der Senatoren aus 20 Mitgliedern bestehend, welche 9 Jahre im Amte bleiben, und die der Deputirten, welche alle drei Jahre neu eintreten. Die Kammer der Senatoren hat unter andern das Recht die Ernennung der Erzbischöfe zu bestätigen oder zu verwerfen und spricht, im Falle ein Minister angeklagt wird, das Urtheil. Der _gesammte_ Congreso nacional aber bestimmt die Stärke des Heeres, bewilligt die Etatsausgaben, stimmt für Frieden oder Krieg, nachdem der Präsident die betreffenden Vorschläge gemacht hat. Die Gerechtigkeitspflege wird durch verschiedene Gerichtshöfe geübt, welche von unten herauf folgende sind:
_=Inspectores=_, mit Urtheil ohne Appellation über Dinge von 12 Peso Werth, und mit Freiheit des Verurtheilten zu appelliren, bis zu 39 Peso.
_=Subdelegatos=_ (wörtlich: Unterbevollmächtigte). Sie urtheilen in erster Instanz über Sachen von 40 bis 150 Peso Werth, und in zweiter Instanz über solche von 12 zu 40 Peso.
_=Alcades ordinarios=_, mit Urtheil in zweiter Instanz über Sachen von 40 bis 150 Peso und in erster Instanz über höhere Werthe.
_=Jueces de latras=_, entscheiden endlich alle Processe die über 150 Peso Werth haben, und in erster Instanz alle Processe gegen die vorher genannten Richter, ebenso in Strafsachen.
Dann folgen in höherer und höchster Instanz ein _Appellationsgericht_ und ein _Oberappellationsgericht_.
Es mögen folgende Bestimmungen, Auszüge aus der Constitution und aus Gesetzbüchern, vielleicht am besten geeignet sein, einiges Licht auf den Geist der Regierung zu werfen:
Es darf Niemand verhaftet werden, außer durch Gerichtsbeschluß oder auf frischer That ertappt.
Die Sklaverei ist abgeschafft[25].
Die Tortur und der Eid des Angeklagten in Kriminalsachen ist abgeschafft.
Das Briefgeheimniß ist garantirt.
Es besteht vollkommenste Preßfreiheit. (Hiebei muß indessen bemerkt werden, daß die Justiz, liberal im höchsten Sinne des Worts, kein Preßvergehen zu kennen scheint. Macht sich aber irgend Jemand unnütz, und zeigt sich als Feind der Regierung, so weiß ihn die Polizei zu fassen. Ausländer werden in diesem Falle auf das nächste beste Schiff einer befreundeten Macht gesetzt und friedlich in ein anderes Land gefahren. Einerlei wohin: Bolivien, Centralamerika, Peru.)
Alle Abgaben und Lasten sind gleich.
Die Industrie ist vollkommen frei.
Literarisches Eigenthum ist gegen Nachdruck geschützt.
_Die öffentliche Macht gehorcht, sie deliberirt nicht_.
Eine Maßregel, welche in Gegenwart oder in Folge einer Aufforderung der öffentlichen Macht getroffen worden ist, ist als nichtig zu betrachten.
Jede Repräsentation des Volkes, außer durch den Congreso nacional, ist Aufruhr.
Bei Aufruhr kann der Belagerungszustand eintreten.
Beim Belagerungszustand ist die Constitution örtlich und zeitlich aufgehoben.
Das Militär in Chile besteht aus den Linientruppen und der Landmiliz.
Die Soldaten der Linie werden geworben. Ich kann keine Nachricht geben, ob blos nur Chilenen oder ob auch Ausländer eintreten können. Indessen weiß ich, daß während ich in Valparaiso war, ein Nordamerikaner als Militärarzt angenommen wurde. Der Stand der Landarmee ist im Frieden auf 3000 Mann festgesetzt. Zur Zeit meiner Anwesenheit betrug derselbe indessen nur 2770 Mann. Der chilenische Soldat liegt während des Friedens gerne im Schatten und raucht seine Cigarre, speist gerne und thut am liebsten Nichts. In Sauberkeit der Uniform wäre Manches zu wünschen. Im Kriege geht er wie toll auf den Feind und macht Märsche, deren Größe ich hier nicht niederschreiben will, weil man mir nicht glauben würde. Bei solchen Fällen herrscht strenge Mannszucht, und ich will ein Beispiel anführen, welches mir von einem höchst glaubwürdigen Augenzeugen erzählt wurde. Die chilenische Republik führte Krieg, ich glaube mit der argentinischen, doch weiß ich dieß nicht mehr so genau und ebenso nicht den Namen des Generals, welcher einsah, daß es durchaus nöthig war, zu einer bestimmten Zeit über der Cordillera zu sein. Die Jahreszeit war übel, die Wege gefährlich und mühsam zu erklimmen. Jener Anführer aber erließ fast wörtlich folgenden Tagesbefehl:
Mitbürger! Soldaten!
Wir _müssen_ über die Cordillera. Ich habe nur zwei Dinge zu befehlen:
Bei dem Marsche über die Cordillera gibt es keine vollständige Musik, für je 30 bis 40 Mann reicht eine Guitarre aus!
Bei dem Marsche über die Cordillera gibt es keine Müdigkeit. Der zurückbleibende Müde wird erschossen!
Man kam in unglaublich kurzer Zeit über das Gebirge, indem man beim Klange der Guitarre marschirte und es meldete sich nicht ein Mann als müde.
Die Offiziere der chilenischen Linie haben durchaus die Haltung der europäischen und alle die ich gesehen habe, schienen mir feine Männer zu sein.
Da jeder Chilene in die Liste des Heeres eingetragen ist, so beträgt auf dem Papiere die Anzahl der Miliztruppen fast 80,000. Wie viele indessen hievon dienstfähig und ob alle Milizen verpflichtet sind über die Grenze zu gehen, weiß ich nicht. Indessen uniformirt und bewaffnet der Staat diese Landwehr auf seine Kosten, und wenn sie im Diente sind, werden sie besoldet. Den Rang eines Generals giebt der Congreso und vom Major aufwärts ernennt derselbe ebenso alle Offiziere der Miliz, welche Leute vom Fach sein und bereits bei der Linie gedient haben müssen. Vom Major abwärts wählt die Miliz sich ihre Offiziere selbst. Es kömmt kaum vor, daß hiebei Männer zur Wahl kommen, welche, wie soll ich sagen, mißliebig sind.
Es mag sich treffen, wie anderwärts auch der Fall ist, daß die militärischen Uebungen der Miliz nicht mit derselben Sorgfalt und Präcision ausgeführt werden, wie jene der regulären Truppen; aber im Kriege hat sich die chilenische Landwehr stets vortheilhaft benommen und Tüchtiges geleistet. Daß die Cavallerie vorzüglich ist, braucht kaum erwähnt zu werden, wenn man bedenkt, daß jeder Chilene ein geborener Reiter.
Der Stand der Marine ist kein glänzender. Chile hat eine Fregatte, zwei Corvetten und noch zwei andere kleine Schiffe. Es wollte mich bedünken, als segle die Fregatte nicht sehr rasch und sei zum Dienste auf hoher See nicht wohl zu brauchen. Obgleich nur allein Küstenland, hat Chile doch vielleicht eingesehen, daß im Fall einer Mißhelligkeit mit einer größeren Macht Europas oder mit Nordamerika, gegen jene bedeutenden Seemächte mit aller Aufopferung doch Nichts auszurichten sei; da aber Chile außerdem mit Ausnahme zweifelhafter Stationen in der Maghellanstraße, keine überseeischen Besitzungen oder Colonien hat, und überdem keine bedeutende Ausfuhr an Landesprodukten durch chilenische Schiffe stattfindet, hält man wohl die Kosten einer größeren Flotte für nicht äquivalent ihrem Nutzen. --
Ueber das _Unterrichtswesen_ weiß ich nur wenig zu sagen.
In Santjago ist eine Universität und ein höheres Gymnasium; Realgymnasien (Collegio) sind in jeder Provinz, niedere Bürgerschulen in jeder Stadt. Außerdem ist in Santjago eine Militärakademie, ein geistliches Seminar, ein Schullehrer-Seminar und eine Hebammen-Schule. Eine Navigationsschule ist in Valparaiso, eine Bergwerksschule ist in Coquimbo.
Das Laboratorium der Universität zu Santjago ist vollständig zweckmäßig erbaut und reichlich mit Instrumenten und Geräthschaften ausgerüstet. Ich habe mich in demselben heimischer gefühlt als fast irgendwo auf meiner ganzen Reise. Domeyko steht demselben vor und ist überhaupt die Seele aller naturwissenschaftlichen Unternehmungen des Landes. Ich bin erstaunt über das vielseitige und gediegene Wissen dieses Mannes und über seine rastlose Thätigkeit. Aber ich habe nie auf die in mein Fach einschlagenden Gegenstände des Unterrichts näher eingehen können, und vermag keine Aufschlüsse zu geben über den Gang der Gymnasialbildung, die Form und die Gesetze, welche dort eingehalten werden bezüglich des Uebertritts auf die hohe Schule und ob dort alte Sprachen, wie bei uns, vorzugsweise betrieben werden.
Im Uebrigen weiß ich aus guter Quelle, daß die Regierung sich lebhaft für das Erziehungs- und Unterrichtswesen interessirt, dasselbe cultivirt und nach ihrem Sinne regelt.
Obgleich Chile nach seinen gegenwärtigen Verhältnissen eher bestimmt ist, den Ackerbau und das Bergwesen zu cultiviren, als vorzugsweise ein Handel treibender Staat zu sein, ist der Handel doch einer der wichtigsten Gegenstände für das Land und das schon deswegen, weil sowohl wirkliche Luxusgegenstände, als auch zum Leben unentbehrliche Bedürfnisse von Außen eingeführt werden. Obgleich ich vielleicht im Stande wäre, ziemlich ausführliche Nachrichten in Betreff des dortigen Handels mitzutheilen, muß ich mich doch auf einen kurzen Raum beschränken, da der Zweck der gegenwärtigen Notizen nur der ist, eine allgemeine Uebersicht zu geben.
Die Artikel, welche ausgeführt werden, sind vorzugsweise: _Silber_, =plata pinna= und =plata en barras=, d. h. in kurzen runden Blättern und Barren, und gemünzt, Pesos, als Zahlung nach Europa; _Gold_, doch weniger. -- _Kupfer_, ein Hauptartikel, in Erzen sowohl nach England und Hamburg, vorzugsweise aber =cobre in ejes=, d. h. schon einmal geschmolzenes, ferner in Barren und fast vollständig rein. Das chilenische Kupfer geht nach ganz Europa und nach den Vereinigten Staaten.
_Wolle_, Schafwolle; indessen scheint es als würden blos geringere Sorten ausgeführt, und man behielte die feinsten im Lande.