Reise in Südamerika. Erster Band.
Part 14
Im Allgemeinen ist dies der landschaftliche Charakter des Landes und namentlich im mittleren Theile. Während im Norden und Süden aber beide Hauptgebirgszüge sich gleichmäßig fortziehen wie im mittleren Theile, und auch jene Unterbrechungen der Ebene durch einzelne Bergformen stattfinden, wird das landschaftliche Bild im Norden modificirt durch den Mangel der Flora und erinnert bereits an die nachbarliche Wüste von Atacama. Im Süden hingegen zeigt eine noch weit ausgebreitete waldige Fläche und Ströme, die sie durchziehen, daß hier zwar der im Norden mangelnde, alles befeuchtende Regen nicht fehlt, wohl aber noch Bevölkerung und Arbeitskraft.
Stellen, auf welchen man Belege für das eben Ausgesprochene findet, sind die Cuesta[18] de Valparaiso, die Cuesta de Zapata und die Cuesta de Prado. Die Cuesta de Valparaiso, auf welcher die Mühlen erbaut sind, ist ein Glied der Küsten-Cordillera. Ich habe sie nach meinen barometrischen Messungen 1279 Fuß hoch gefunden; die Cuesta de Prado 2277 Fuß hoch. Der letztere Berg steigt steil an und die Straße, welche über denselben führt, läuft im Zickzack aufwärts, wenigstens 30 Windungen machend. Von dort hat man eine besonders schöne Fernsicht über das Land, während die wilden steilen Abhänge und Schluchten einen romantischen Vordergrund bilden.
Ich habe in einer größern wissenschaftlichen Abhandlung, welche in den Denkschriften der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen ist, die geographischen Verhältnisse von Chile so ausführlich behandelt als es mir nach den gemachten Erfahrungen möglich war, und ich muß auf jene Abhandlung denjenigen verweisen, welcher sich speciell für Geognosie interessirt. Als kurze Skizze eines geognostischen Bildes, und vorzugsweise das mittlere Chile betreffend, möchte etwa Folgendes anzuführen sein. Granitisches Gestein bildet die Hauptmasse der Küstenreihe. Meist gegen Süden, z. B. in Valdivia, als Glimmerschiefer auftretend, herrscht bei Valparaiso der eigentliche Granit vor, hie und da vertreten durch Sienit, oder übergehend in Gneis. Zahlreiche Gänge vom basaltischen, doleritischen und vorzugsweise porphyrischen Gesteine, durchdringen die granitischen Formen, an der Küste häufig als kegelförmige Erhebungen aus den Fluthen ansteigend, in den Gebirgen des Landes aber mächtig sich ausbreitend an manchen Stellen, so daß der flüchtig untersuchende Geognost an ein Ueberwiegen wohl glauben mag. Wirklich aber beginnt ein solches Vorherrschen dieser vulkanischen Gesteine weiter gegen das Innere, gegen die hohe Cordillera zu. Es treten endlich dem Forscher die Vorberge derselben entgegen, Trachyte, Dolerite, Porphyre der verschiedensten Art werden immer häufiger, sie sind kaum mehr als Gangbildung zu betrachten, sondern als selbständige Formen und bilden große mächtige Kegelberge. Dort wird das granitische Gestein in allen seinen Modificationen seltener, bis endlich in der Kette des Andes-Gebirges selbst, das wildeste bunteste Gemenge aller Felsarten der vulkanischen Reihe auftritt, bisweilen aber auch noch von vereinzelten granitischen Schichten bedeckt, die offenbar empor gehoben worden sind, nicht selten aber auch einschließend und umhüllend mächtige Massen darstellen, die mehr oder weniger verändert und umgestaltet sind.
Es giebt vielleicht wenige Landstriche der Erde, für deren Entstehung, d. h. für ihre Erhebung aus der Tiefe, aus den Fluthen des Meeres, leichter eine glaubwürdige Theorie aufgestellt werden kann, als für Chile und einen großen Theil der Westküste. Aber wir haben keinen Maßstab mehr auf unserer Erde für jene gewaltigen Reactionen, welche dort vorgegangen sein müssen, und gegen welche sich das Erdbeben von Lissabon verhält, wie ein emporgeschnelltes Sandkorn gegen das Auffliegen eines mächtigen Pulverthurmes.
Ohne Zweifel war der größere Theil von Südamerika, der jetzt die östliche Seite bildet, längst empor gestiegen, als durch einen jener gigantischen Vorgänge im Innern der Erde sich eine neue Spalte öffnete, und ohne Zweifel mächtig erschütternd das ganze schon bestehende Festland, die Kette der hohen Cordillera feurig flüssig aus jener Riesenkluft hervordrang. _Gleichzeitig_ mag das wohl geschehen sein, wenigstens das Emporsteigen des größten Theils der Andes-Kette, wenn auch nicht gleichzeitig nach _unsern_ Begriffen von Raum und Zeit, für welche hundert Jahre schon eine Periode.
Durch jene kolossalen glühenden Felsmassen hindurch bahnten sich wieder neue nachdringende Massen einen Weg, theils erstarrend ehe sie die Oberfläche erreicht, theils sie durchdringend und mehr oder weniger flüssig sich ergießend über dieselbe. Längs der ganzen Reihe des neu entstandenen Gebildes aber blieben Kanäle offen nach der gährenden, schmelzenden Tiefe. Fortwährende vulkanische Ausbrüche fanden statt durch dieselben, eine Reihe meteorologischer Erscheinungen hervorrufend, deren Intensität wir nur zu ahnen vermögen, nehmen wir auch die analogen Processe zu Hülfe, welche noch heute vor unsern Augen bei den Ausbrüchen unserer jetzigen Vulkane vor sich gehen.
Später wohl erst hob sich das Flachland von Chile und den andern Ländern, welche jetzt die Westküste bilden. Sind nun jene Gänge und Spalten-Ausfüllungen, welche den Granit und die Gesteine des Flachlandes durchziehen, schon entstanden als noch das Meer alle jene Formen bedeckte, oder erst später, so viel ist sicher, mächtige Erschütterungen müssen durch eine lange Reihe von Jahren das neue Land heimgesucht haben, davon geben die Erdbeben Zeugniß, welche noch heute dort häufiger als irgendwo sonst auftreten.
An manchen Stellen in Chile, unweit Valparaiso, unweit Santjago, im Norden und im Süden, trifft man neptunische Formen den granitischen aufgelagert, und diese oft Versteinerungen führend; die Schichten sind ohne Zweifel der alte Meeresgrund, in der Tiefe schon früher dem Granite aufgelagert und später dann mit demselben emporgestiegen. Aber auch mächtige Alluvialgebilde werden häufig in Chile getroffen und man begegnet auf der Reise von Valparaiso nach Santjago vielfachen Spuren, daß mächtige Wassermassen dort geströmt haben müssen, so wie die schroffen und steilen Schluchten der Küsten-Cordillera, offenbar blos mächtige Wasserrisse, ebenfalls dessen Zeugniß geben.
Alles deutet mit vollständiger Sicherheit darauf hin, daß diese mächtigen Fluthen nicht von der See aus gegen das Land hin gedrängt worden sind, sondern sich vom Lande aus gegen das Meer hin ergossen haben.
Dies wird klar, so bald man sowohl dem Laufe der Flüsse folgt, mithin jenen Rissen und Vertiefungen, die noch heute Wasser führen, als auch den Ablagerungen jener Gerölle und der Form der Schluchten.
Jene Gewässer strömten (und wahrscheinlich in einzelnen öfters wiederkehrenden Perioden) von der Andes-Kette aus hinab über das Flachland von Chile, Gesteinstrümmer und Blöcke von dort mit sich führend und allenthalben zurücklassend, bis sie, aufgehalten durch den Damm, den die Küsten-Cordillera bildete, sich dort aufstauten und endlich gewaltsam Bahn brachen durch jenes Hemmniß.
So sind jene Schluchten entstanden, in denen häufig noch jetzt ein kleines Bächlein die früheren gewaltigen Wasserstraßen repräsentirt, welche sich durch dieselben in das stille Meer ergossen haben müssen.
Es ist nicht schwer zu errathen, durch welche Vorgänge von der hohen Cordillera herab solche Wassermengen gekommen sind, ja selbst die Gegenwart giebt erklärende Beispiele hiezu, wenn gleich nicht in dem kolossalen Maßstabe jener vergangenen Zeit.
Nach Hebung der Andes-Kette war ohne Zweifel ein Zeitpunkt längerer Ruhe eingetreten und die mächtigen Gipfel und Höhen bedeckten sich mit Schnee und Gletschereis, wie es noch heute der Fall ist. Aber die, man kann sagen dichtgedrängte Reihe von Vulkanen, in jener Zeit wohl noch zahlreicher als jetzt, verharrte nicht immer in jener Ruhe, und massenhafte Ausbrüche erfolgten von Zeit zu Zeit. Es ist bekannt, daß selbst in unsern Tagen bei dem Ausbruche eines einzelnen Vulkanes sich elektrische Anhäufungen oberhalb desselben in der Luft ansammeln, Gewitter entstehen, Gußregen auf den Berg herabstürzen, und ist derselbe mit Schnee bedeckt, oft Ueberschwemmungen in der Nachbarschaft verursachen. Denkt man sich aber jene Masse von mächtigen Feuerbergen, welche ohne Zweifel vereint, oder doch wenigstens in größerer Menge und bedingt durch ein und dieselbe unterirdische Reaction, gleichzeitig zu arbeiten begannen, denkt man sich die Masse der Elektricität, welche sich so entlangs eine größere Strecke der Cordillera oberhalb derselben angesammelt, und Wolkenbrüche auf dieselben herab ergossen, nimmt man hiezu noch eine sehr wahrscheinliche Erwärmung der mit Schnee bedeckten Außenseite der Krater an, so ist leicht erklärt, wie plötzlich mit reißender Schnelle, theils durch die meteorischen Niederschläge, theils durch geschmolzenes Gletschereis bedingt, solche mächtige, Alles zerstörende, allenthalben sich Bahn brechende Wassermassen über das Land sich ergießen konnten. Die tiefen Thäler der Andeskette, auch heute von Flüssen durchströmt, welche einzig dem Gletschereise ihren Ursprung verdanken und deren zeitweiliges Anschwellen durch analoge Ursachen, wie die oben angeführten, bethätigen vollständig das so eben Ausgesprochene.
Dem freundlichen Leser, welcher vielleicht kein besonderer Freund geognostischer Studien, sich gelangweilt hat bei diesen Notizen, kann ich leider kaum ein kleines Reiseabenteuer bieten, was ihn entschädigen möchte.
Flüchtiger daher noch, als ich selbst im Galopp jene Strecke zurückgelegt, will ich ihn, nun er die Gegend kennt, oder wenigstens doch eine leichte Skizze derselben erhalten hat, durch dieselbe hinweg und nach Santjago führen.
Ich begrüßte auf den Mühlen Abschied nehmend den Italiener, und erhielt nach gewohnter Weise statt des verlangten Glases Portwein, Cayrock mit der Bemerkung: daß er auch sehr gut sei. Er ermahnte mich beim Scheiden, ja nicht so schnell fahren zu lassen, und man weiß bereits, wie ich durch »=mas pronto=« seine Lehren befolgte.
Ich bin ferner einer Masse von Ochsenkarren begegnet, welche zwischen ganz unsinnig hohen Rädern einherschleichen und sich auf die Länge einer Viertelstunde durch schauderhaftes Knarren und Pfeifen derselben ankündigen. Man hat vier, ja sechs Paar Ochsen vor dieselben gespannt und der Fuhrmann führt einen vier oder fünf Klafter langen, dünnen Stab mit eiserner Spitze, mittelst welcher er die Thiere antreibt. Fährt man mit diesem Wagen einen steilen Berg abwärts, so spannt man ein Paar der Ochsen aus und hängt sie hinter dem Wagen an, diese müssen das Fuhrwerk aufzuhalten suchen, während man die vorderen zum raschen Laufen und Anziehen antreibt. Ich habe nicht recht begriffen, warum man überhaupt nicht gleichmäßig fährt, ohne auf der einen Seite übermäßig anzureizen, so daß man auf der andern aufhalten muß. Da aber die politischen Zustände mehrerer Länder ein ähnliches Bild bieten, muß die Sache vielleicht doch einen vernünftigen Grund haben.
Im Ganzen ist der Weg nach Santjago stets belebt. Neben jenen Ochsenkarren, welche den Waaren-Transport mit dem Innern vermitteln, begegnet man unzähligen Reitern und ganzen Zügen von Maulthieren und Eseln, ebenfalls mit Waaren oder auch mit Victualien beladen.
Auch die Fauna wird reichlicher. Vögel aller Art schwärmen im Gebüsche, oder treiben sich auf dem Felde umher, so mehrfache Geierarten und zierliche wilde Tauben. Indessen zeichneten sich mit Ausnahme der bereits erwähnten Kolibri-Arten alle diese Vögel kaum durch besonders glänzende Farben aus. Der =Sturnus militaris= mit glänzender rother Brust macht hievon allein halbweg eine Ausnahme. Die ziemlich reichliche Ausbeute in zoologischer und botanischer Hinsicht, welche ich in Chile erwarb, habe ich in der bereits erwähnten Abhandlung in den Denkschriften der k. k. Akademie in Wien angegeben, und werde daher mit der Anführung lateinischer Namen hier nicht den Leser ermüden, wenn ich nicht etwa über die Lebensweise irgend eines Thieres oder die eigenthümlichen Eigenschaften einer Pflanze etwas Besonderes anzuführen im Stande bin.
Ich habe indessen auf dieser Fahrt immerhin etwas Interessantes in anthropologischer Beziehung getroffen, eine Greisin von unendlich hohem Alter, welche an der Cuesta de Prado in einer kleinen Lehmhütte wohnte und die Vorüberreisenden um Almosen ansprach. In einen alten schwarzen Fetzen gehüllt, von weißem Haupthaar umflattert, und mit nicht unbedeutendem gleichgefärbten Barte, machte diese lebende Mumie einen fast grauenhaften Eindruck. Sie sprach mich mit einigen Worten an, welche etwa bedeuteten: »Gebt einer alten Unglücklichen, welche selbst nicht weiß, wie alt sie ist, eine Kleinigkeit«. Ich reichte ihr etwas, worauf sie eine segnende Geberde machte, aber meine Knechte riefen =Vamos!= und fuhren wie verrückt von dannen. Es ist des Teufels Großmutter, sagte der eine, die jeden verflucht, der ihr nichts schenkt. Sie erzählten mir ferner, daß das Weib schon vor der ersten Revolution (1810) an jener Stelle gewohnt, und vorgebe, so alt zu sein, daß sie ihr Herkommen vergessen habe, und auch die ältesten Männer hätten sie, als sie noch Knaben gewesen, schon in diesem Zustande gekannt. Also eine Art stabile Ahasvera.
Ich habe in Santjago dasselbe über die Alte gehört, wo man hinzusetzte, sie sei die einzige öffentliche Bettlerin, welche kein Privilegium[19] habe, welche aber niemand antaste, und ernähre sich fast einzig von Brod und -- Branntwein!
Auf der Höhe der Cuesta de Prado tritt dem Reisenden die Cordillera schon näher und imposant entgegen. Ich hielt dort einen Augenblick, um den Stand meines Aneroid-Barometers zu bemerken, dann wurde natürlich wieder am äußersten Rande der Straße, und was die Pferde laufen konnten, bergab gefahren, und bald war die Ebene von Santjago erreicht.
Die Cordillera, an deren Fuße die Stadt erbaut zu sein scheint, entwickelte sich hier zum ersten Male vor meinem Blicke in größerer Ausdehnung. Es reichten ihre beschneiten Gipfel, so schien es, gerade bis an die Wolkenschicht, welche oberhalb derselben schwebte, und ich staunte über die Höhe des Gebirges. Aber oben in den Wolken bemerkte ich einen schwarzen Fleck, den ich mir nicht erklären konnte.
Da vertheilte sich plötzlich jener Wolken- oder Nebelschleier, rasch und in Zeit von wenigen Minuten der Sonne weichend, und vor mir stand die Andes-Kette in _doppelter_ Höhe. Jene Wolken hatten die obere Hälfte des Gebirges bedeckt und der schwarze Fleck von vorhin war eine steil emporstehende, nicht mit Schnee bedeckte Felsenspitze gewesen.
Dort habe ich wie ein Kind diesem wundervollen Anblick entgegen gejubelt, und noch heute -- -- nun noch heute sagen meine verständigen Freunde, es sei eine Kinderei, über einen unfruchtbaren Berg solchen Lärmen aufschlagen.
VII.
Santjago (Chile).
Wenn man die Stadt nahebei erreicht hat, wird man erst inne, daß man von dort, bis an den Fuß, an die Vorberge der hohen Cordillera, noch drei bis vier Stunden zu reisen hat, trotzdem daß von einiger Entfernung aus gesehen, Stadt und Gebirge sich zu berühren scheinen.
Theils die Größe und Höhe des Gebirgs, welches es näher erscheinen läßt, trägt an dieser Täuschung die Schuld, theils aber auch eine eigenthümliche in Chile auftretende Erscheinung, ich meine den Mangel dessen, was die Maler mit Luftperspektive bezeichnen. Es ist dort schwierig auf größere Entfernungen hin die wirkliche Weite abzuschätzen, in welcher sich irgend eine Stadt, ein Berg u. s. w. befindet, indem alle diese Objekte sich fast in gleicher Klarheit darstellen, seien sie eine, zehn oder zwanzig Stunden weit entfernt. Ich habe später von der Cordillera aus das 15 Stunden weit entfernte Santjago so deutlich vor mir gesehen, daß ich auf einen Abstand von höchstens anderthalb Stunden geschlossen haben würde, hätte ich nicht den Weg von dort selbst zurückgelegt, und in Valdivia hätte ich dem 50 Stunden weit gelegenen Vulkane von Villarica höchstens 8 bis 10 Stunden Entfernung gegeben. Die Trockenheit der Luft und Mangel an Wasserdünsten in derselben kann kaum hieran allein schuld sein, denn obgleich trocken im Flachlande von Chile, war in der Cordillera selbst die Luft feucht genug, und in Valdivia war zu jener Zeit der Hygrometerstand etwa wie der mittlere von Deutschland. Ich erwähne mithin diese Erscheinung, ohne sie näher erklären zu können[20].
Flüchtig will ich über die Beschreibung der Stadt hinweggehen und nur den allgemeinen Eindruck zu schildern versuchen, den sie hervorruft. Es ist Santjago, die Hauptstadt Chiles, nur mit Ausnahme von Lima wohl die größte der Westküste, schon früher hinreichend geschildert, und es hat sich seitdem dort im Ganzen nur wenig geändert. Alle Straßen derselben schneiden sich im rechten Winkel, sind breit und mit Trottoirs versehen; durch die Mitte vieler derselben laufen starke Rinnen, theils auch gedeckte Kanäle zum Abzug der Unreinlichkeiten. Die durch die parallel laufenden Straßen entstandenen Vierecke werden Quadras genannt und haben einen Flächenraum von etwa zwei bayerischen Tagwerken. Die Außenseiten der Häuser, welche diese Quadras bilden, haben durchschnittlich ein klösterliches Ansehen, wenigstens die aus älterer Zeit. Meist einstöckig sind sie häufig mit kleinen vergitterten Fenstern versehen, und einfach weiß angestrichen. Durch jene Eintheilung in Quadras aber bleibt Raum für den Privatbesitz, so daß eine behagliche Einrichtung im Innern nicht fehlt. Ein ziemlich geräumiger Hof mit kleinem Garten bildet dann die Mitte des Gebäudes, die Thüren sind meist gegen diesen Hof hin geöffnet, und es hat mich der Gesammt-Typus dieser Wohnungen, ich weiß nicht mit Recht oder Unrecht, unwillkürlich immer an die alten römischen erinnert.
Indessen hat man auch größere zwei- ja dreistöckige Häuser erbaut, welche den häufigen Erdstößen bis jetzt mit mehr oder weniger Glück gut widerstanden haben. Am Hauptplatze, der Plaça, steht das Gouvernements-Gebäude und einige Kasernen. Die Münze ist ein wirklich großartiges Gebäude zu nennen, eben so die Universität, und unter den durchschnittlich gut gebauten Kirchen nimmt die Kathedrale den Hauptplatz ein und dürfte ihn auch in mancher großen Stadt Europas behaupten.
Schöne öffentliche Brunnen zieren die Stadt, aber das Wasser der meisten derselben ist trübe, d. h. fast milchähnlich gefärbt und es befinden sich in allen Häusern Filtrir-Apparate, wo vermittelst eines Sandsteins das Wasser klar erhalten wird. Man nennt dieß dort destilliren.
Die Ursache dieser Unreinheit des Wassers ist die, daß alle Brunnen der Stadt mit Flußwasser gespeist werden. Aber diese Flüsse selbst verdanken ihre Entstehung dem geschmolzenen Schnee der Cordillera, von welcher herab sie sich in's Flachland ergießen. Dieß geschieht im Gebirge selbst mit einem solchen starken Falle, und in Folge dessen mit einer so reißenden Schnelle, daß man in einem jener Gebirgswasser, welches kaum einen Fuß Tiefe hat, häufig nur mit Mühe zu stehen vermag.
In Folge dieser Heftigkeit des Laufes werden aber eine bedeutende Anzahl größerer oder kleinerer Fragmente der Gesteine losgerissen, durch welche die Gewässer strömen und diese Geschiebe reiben sich fortwährend theils unter einander, theils an den noch fest stehenden Felswänden des Flußbettes, so daß das Wasser mit einer Menge unendlich kleiner nicht nur aufgelöster, sondern auch suspendirter[21] Theile geschwängert wird, welche es trübe und milchähnlich erscheinen lassen. Ich habe eine Zeit lang unweit der Schneegränze auf der hohen Cordillera am Ufer eines solchen Flusses geschlafen und bin häufig in der Nacht durch das donnerähnliche Getöse geweckt worden, was plötzlich vorübergeführte Steinmassen verursachten, indem während der Nachtzeit alle diese Gewässer stärker anschwellen und heftiger strömen, da sie durch den durch die Sonnenhitze des Tages geschmolzenen Schnee verstärkt werden. --
Es ist mir die Einwohnerzahl von Santjago auf 80 bis 90,000 angegeben worden, allein die ziemlich zahlreiche Geistlichkeit und das Militär sollen bei dieser Schätzung nicht mit inbegriffen sein, und ich muß überhaupt bemerken, daß ich eher mehr als weniger Seelen für die Stadt annehmen möchte.
Was den Charakter der Bevölkerung von Santjago betrifft, wie ihre Sitten und Gebräuche, so gilt für dieselben was für Valparaiso bereits ausgesprochen wurde. Doch herrscht in Santjago, trotzdem, daß europäische Mode auch hier allgemein, doch noch mehr eigenthümliches Leben und die Sitte altspanischer Zeit vor.
So ist z. B. die ganz verständige Sitte, gegen Abend einen leichten Mantel zu tragen, dort ganz allgemein, und selbst die Senoritta schlägt keck und malerisch den großen Shawl um sich, wenn sie sich in den Räumen ihres Hauses bewegt.
Auch die glänzenden Läden und Verkaufsgewölbe werden in Santjago nicht angetroffen, wie in Valparaiso. Die Mehrzahl der Verkaufslokalitäten sind in Santjago eigentlich nichts weiter als Kramläden, in welchen mancherlei Waaren bunt genug gemengt verkauft werden.
Der eigentliche Ausdruck des chilenischen Lebens ist also in Santjago besser kennen zu lernen als in Valparaiso.
Ich war im englischen Hotel abgestiegen und hatte bald darauf einige Deutsche aufgesucht, an welche ich Briefe von Valparaiso hatte. Von =Dr.= Segeth, einem deutschen Arzte, wurde ich sogleich eingeladen, in seinem Hause zu wohnen. Es ist mir von jeher durchaus zuwider gewesen, _in einer Stadt_ auf solche Weise Gastfreundschaft anzunehmen, indem man, selbst seiner Freiheit beraubt, den Gastfreund dennoch stets mehr oder weniger stört. Als ich aber Segeth ganz unverholen deshalb meine Meinung eröffnete, sagte er lachend, er sei ganz meiner Ansicht, aber er habe einige Quadras weiter noch ein anderes Haus, blos von einem Jäger bewohnt, und das solle ich als alleiniger Herr ungestört in Besitz nehmen. Ich schlug ein, und hatte mich bald ganz behaglich eingerichtet. Außer dem Jäger (einem Deutschen in Segeth's Diensten), dessen Familie, einer unbestimmten Anzahl von Knechten, Pferden und Maulthieren, einem lebenden Condor, verschiedenen Papageien und anderem Gethiere, war niemand im Hause, und ich hatte bald eine gewisse Obergewalt usurpirt.
Segeth war Minenbesitzer, hatte Landgüter und betrieb noch andere Geschäfte. Er hatte sechszig und etliche Pferde und eine, wie ich glaube, noch größere Anzahl von Maulthieren. Mir standen daher stets Pferde zu Gebot, so viel ich benützen wollte, und ich machte reichlichen Gebrauch von diesem Anerbieten, indem ich in Begleitung des Jägers sowohl als auch allein oder mit einigen Knechten Ausflüge in die Umgegend machte. Die Abende brachte ich dann, heimgekehrt von solchen Excursionen, häufig bei einem deutschen Kaufmanne, F. Schulze, zu, welcher mit gastlicher Freundlichkeit sein Haus allen Deutschen geöffnet hatte und bei welchem ich heitere Stunden verlebte. Noch steht lebhaft in meinem Gedächtnisse ein kolossaler Feigenbaum in Schulze's Garten, unter welchem wir oft halbe Nächte in fröhlichen Gesprächen verbrachten und in dessen Gipfel der =Trochylus gigas=, der größte Colibri Chile's, nistete.