Part 6
Zwar besassen wir entsprechend den englischen Vorschriften einen Kondenser zum Destilliren von Meerwasser, jedoch war dieser so schlecht ausgerüstet, dass wir mit ihm nur beim allergünstigsten Wetter zu arbeiten vermochten. Er ersetzte dafür seine geringe Leistungsfähigkeit durch um so grösseren Lärm. Er stampfte gleich einer mächtigen Dampfmaschine, spie die herrlichsten Feuergarben aus seinem Schornstein, was in der Nacht allerdings ziemlich effektvoll aussah, aber zugleich auch der Takelage Gefahr drohte, und entwickelte so viel russigen Qualm, dass man uns von ferne für eine stolze Fregatte halten konnte.
Ganz besonders erspriesslich waren die Regengüsse für die Pflege der Reinlichkeit. Alles musste jetzt waschen, und das ganze Deck schwamm ein paar Tage lang in Seifenschaum. Die Matrosen bedienten sich hiebei eines sehr praktischen abgekürzten Verfahrens, indem sie ihre Wäsche einfach in eine der vielen Lachen warfen und mit blossen Füssen darauf herumtrampelten.
Ausser der Aequatortaufe fielen in jene Periode der Regengüsse und des Schwitzens noch zwei andere Feste, nämlich Weihnachten und Neujahr.
Für den Christbaum hatten wir Lichter sowie billiges und schlechtes Zuckergebäck von Hamburg aus mitbekommen. Den Baum selbst mussten wir uns künstlich aus einer Stange und Besenreisig herstellen. Es war eine wunderbare, laue, sternenklare Tropennacht, als er angezündet wurde. Aber die Lichter wollten nicht brennen in der freien Luft auf Deck, obwohl fast kein Lüftchen sich regte. Unser materieller angelegtes Publikum zeigte auch nicht viel Sinn für die Poesie der heimathlichen Sitte, und der Schwerpunkt der ganzen Feierlichkeit lag für dasselbe mehr in dem grossen, rosinengespickten und schrecklich unverdaulichen Kuchen, den der Koch angefertigt hatte.
Am Sylvesterabend gaben die Matrosen auf einer hinter dem Grossmast improvisirten Bühne eine von ihnen selbst erfundene Pantomime zum besten. Die Fabel des Stückes war sehr einfach und stylvoll. Mehrere Handwerksburschen kommen in ein Wirthshaus, betrinken sich, schlafen ein, müssen aber fortwährend kratzen, sie machen Skandal, der Wirth erscheint und will Geld, sie haben keines, der Wirth schmeisst sie hinaus, eine Prügelei, und der Vorhang fällt. Dieses zeitgemässe dramatische Opus wurde mit viel mimischer Begabung und grossem Erfolg vom Stapel gelassen. Ein wahrer Sturm von Beifall belohnte die Akteurs nach jeder Szene, und namentlich das mit höchster Naturwahrheit und Empfindung dargestellte Kratzen erregte den ausgelassensten Jubel der germanischen Völker, während die Polen sich etwas betroffen fühlten und theils verlegene, theils zornige Gesichter machten, als Alles auf sie deutete.
Auf dieses folgte eine Tanzunterhaltung. Während des Theaters war der Mond aufgegangen. Sein silbernes Licht schimmerte auf den ewig bewegten, hüpfenden Wellen des Meeres und übergoss mit magischem Glanz die Segel und das Deck des Schiffes, so dass die wenigen farbigen Lampen kaum zur Geltung gelangten. Unbekümmert um den draussen gähnenden Wasserschlund, dessen Oberfläche der Kiel langsam durchfurchte, drehten sich auf engem Raum die fröhlichen Paare im Kreise. Eine Ziehharmonika spielte ihre langweilige, misstönende Musik dazu, und eine dichte Zuschauermenge drängte sich nach dem Tanzplatz oder hing in den Wanten.
Noch oft hatten wir an schönen Abenden solche Tanzunterhaltungen. Auch die unverheiratheten Frauenzimmer durften daran Theil nehmen. Es war mir unmöglich, eben so puritanisch zu sein, wie die strengen englischen Vorschriften, und ich konnte unseren Passagieren dieses harmlose Vergnügen nicht versagen, wenn sie mich darum baten. Hoffentlich erfährt die Neuseeländische Regierung nichts davon.
Auf der südlichen Hemisphäre hatten wir im Anfang mit dem Wind nicht mehr Glück als auf der nördlichen. Immerfort mühselig zu kreuzen gezwungen, wendeten wir täglich zwei- oder dreimal und steuerten abwechselnd Westsüdwest und Ostsüdost, ohne wesentlich vorwärts zu kommen, da die leichtgeladene Euphrosyne zu viel Abtrift machte.
Am 29. Dezember bekamen wir das einsame Eiland Fernando Noronha in Sicht. Fernando Noronha ist eine brasilianische Verbrecherkolonie. Wir fuhren Nachts zehn Uhr so nahe daran vorüber, dass wir deutlich die dunklen Umrisse des Piks und der nächsten Hügel und lebhaft am Strande sich hin und her bewegende Lichter erkannten. Vielleicht hielt man uns dort für das von der Regierung gesandte Schiff, welches den auf die Insel Verbannten von Zeit zu Zeit Lebensmittel und Nachrichten bringt.
Der ewige Gegenwind aus Süd hielt an, und am 31. Dezember sahen wir von der Mastspitze aus den Pik von Fernando Noronha abermals, jetzt ungefähr 30 Seemeilen entfernt und von der anderen südlichen Seite.
Endlich am 6. Januar kam der langersehnte Südostpassat. Aber wir hatten die Ostecke Südamerikas noch nicht passirt und waren der Küste so nahe, dass wir noch mehrere Tage kreuzen mussten. Immer wieder führte unser Kurs, wenn wir ihn mit dem Lineal auf der Karte absetzten, gegen Land, und wir mussten wieder wenden und halb rückwärts fahren.
Die dunstige Hitze der Aequatorstillen schwand vor der frischen Brise aus dem Schiff, und eine angenehme Kühle erquickte die erschlafften Nerven. Keine hundert Seemeilen zur Rechten lag Parahyba. Wie mochte es dort drüben im üppigen Dickicht tropischer Vegetation wimmeln von stechenden Moskitos und schillernden Käfern, von schreienden Papageien und giftigen Schlangen, von kletternden Affen und schleichenden Raubthieren, wie mochte die Sonne dort drüben herabglühen auf all das bunte Leben. Und hier auf dem Wasser hatten wir ungefähr die Temperatur eines deutschen Sommers.
Erst jetzt wurde uns der volle Genuss des Segelns im Passat zu Theil, der auf der nördlichen Hemisphäre durch abnorme Witterungsverhältnisse uns so sehr geschmälert worden war. Die See schien ihre ganze Natur verändert zu haben. Ein ewig blauer Himmel wölbte sich über der blauen Fläche und die freundlich strahlende Sonne und der gleichmässige köstliche Wind vereinigten sich zu einer angenehmen, milden Wärme. Nur rings um den Horizont lag die Kette der geballten Passatwolken.
Grosse rosenrothe Schwimmblasen von Physalien, die »Portuguese Men of War« der Seeleute, schaukelten sich auf den munter hüpfenden Wellen. Bläulich schillerten und schossen durch die Fluth vor dem Schaum aufwühlenden Steven flinke Bonitos und Delphine und spotteten unserer Angel. Putzköpfe, jene kleinste Art der Walfische, umspielten zuweilen das Schiff, bliesen ihren Wasserstaub aus den Nasenlöchern, peitschten mit ihren mächtigen Schwanzflossen das Meer und schnellten ihre ganzen ungeschlachten Körper gleichsam jauchzend hoch in die Luft.
Nachts aber glimmte es geheimnissvoll in den dunklen Tiefen der Salzfluth. Unzählige Funken erhellten den schaumigen Streif des Kielwassers, den wir zurückliessen, und wie Wetterleuchten fuhr es zuweilen glitzernd über den ganzen Spiegel der See hin. Ein paar mal fuhren wir Stunden lang durch Schwärme von Pyrosomen. Sie waren nur bei Nacht als feurige Zylinder zu sehen, namentlich deutlich und zahlreich im sprudelnden Kielwasser, da sie, erregt, stärker zu phosphoresziren pflegen. Erst kurz vor Neuseeland gelang es mir, mehrere zu erbeuten.
Alle waren jetzt guter Laune, bis auch das schöne Passatwetter langweilig wurde. Selbst der Kapitän thaute auf, aber erst, als wir die Höhe von Pernambuco hinter uns und wieder freies Wasser vor uns hatten, welches erlaubte, den Kurs beizubehalten. Er mochte sich wohl Gewissensbisse darüber machen, dass er soweit nach Westen herüber gegangen war. Es galt nun mit dem Passat so weit als möglich nach Süden hinab zu gelangen, um erst im Bereich der aus Westen kommenden Strömungen und Winde gegen Ost abzuschwenken.
Bis Mitte Januar war unser Gesundheitszustand ein sehr günstiger gewesen, und ich wiegte mich bereits in der Hoffnung, dass wir ohne Todesfall nach Neuseeland kommen würden. Meine frohe Zuversicht erlitt plötzlich rasch nacheinander heftige Stösse.
Die beiden Hospitäler füllten sich in wenigen Tagen mit fiebernden Kranken, und jeden Tag kamen neue. Die Fieber stiegen stetig höher, und Erscheinungen gesellten sich hinzu, die mir keine andere Diagnose als Abdominaltyphus, die gefürchtete Schiffspest, gestatteten. Anfänglich sträubte ich mich gegen die traurige Wahrheit. Ich suchte mich selbst zu täuschen und anzunehmen, es sei vielleicht doch nur eines jener räthselhaften, noch wenig bekannten Tropenfieber, die uns von der afrikanischen oder brasilianischen Küste zugeweht worden. Die grosse Unregelmässigkeit der meisten Anfangsstadien unterstützte mich in dieser Annahme. Aber bald mussten auch die letzten Zweifel schwinden, und als am 1. Februar fast gleichzeitig zwei Todesfälle eintraten, verschafften mir die Sektionsresultate volle handgreifliche Gewissheit.
Die eigenthümliche Thatsache, dass unsere Epidemie so plötzlich ausbrach, nachdem wir bereits zwei Monate auf See und ohne Berührung von Land gewesen, liess sich vielleicht dadurch erklären, dass das Krankheitsgift, welches zweifellos schon bei der Abreise von Hamburg im Schiff gesteckt haben musste, anfangs zu schwach war, um deutliche Erscheinungen hervorzurufen, und erst unter dem Einfluss der langen tropischen Feuchtigkeit und Hitze zu grösserer Wirksamkeit sich entwickelte.
Es waren zwei junge, kräftige, vor Kurzem noch blühende Weiber, eine Polin und eine Dänin, die als die ersten der tückischen Seuche zum Opfer fielen. So hatten wir denn am folgenden Morgen das trübselige Schauspiel einer doppelten Leichenbestattung. Die Flagge wurde zum Zeichen der Trauer halbstocks gehisst. Eine fremdartige Stille herrschte auf dem Schiff, Passagiere und Mannschaft waren erschüttert und in gedrückter Stimmung. Alles fürchtete sich vor dem unheimlichen Gast, der unsichtbar und unheilschwanger unter uns hauste. Vier Matrosen trugen die in Segeltuch eingenähten und mit Flaggen bedeckten Leichen aus dem Hospital um den Grossmast herum nach Steuerbord, welcher eben Leeseite war, voran die Missionäre, hinterdrein die Angehörigen, der Kapitän und ich und die ganze Bevölkerung. Die Missionäre sprachen ein Gebet, dann glitten von dem Bollwerk unter der Flagge hinweg, an kurzen Tauen gehalten, die Leichen ins Meer und verschwanden, durch Steinkohlen beschwert, gurgelnd in die Tiefe. Einige Luftblasen stiegen an die Oberfläche zurück, und von den theuren Körpern war nichts mehr zu sehen. Zerknirscht stund die Menge herum, und ausser dem Schluchzen und Weinen und ausser dem Rauschen der Fahrt regte sich kein Laut.
Nach der Reihenfolge des Sterbens wurde zuerst die Polin, dann die Dänin zur Ruhe gesenkt. Niemals schnitt eine Melodie mir schriller und schärfer ins Ohr, als der polnische und dann der dänische Grabgesang, welche die Feier beschlossen. Ruhte ja doch auf mir die Hauptlast unseres Unglücks, und wusste doch Niemand an Bord besser als ich, wie unzureichend und ohnmächtig die ganze Medizin einer solchen Epidemie gegenüber ist. Wir hatten noch ungefähr die Hälfte der Reise vor uns, und es war mir gewiss, dass die eben ad Akta gelegten zwei Fälle nur den Anfang einer Reihe anderer bildeten, wenn ich auch gegen Niemand den Namen Typhus aussprach und stets die tröstlichste Zuversicht heuchelte, dass die Krankheit in den nun bevorstehenden kälteren Breiten rasch aufhören würde.
Die Erkrankungen nahmen immer mehr zu. Es wurde unmöglich, sämmtliche Kranke zu isoliren, blos die schwersten konnten im Hospital Unterkunft finden. Häufig brachen ganz plötzlich furibunde Delirien aus bei solchen, die bisher nur leicht ergriffen waren. Heute wurde mir vielleicht ein Frauenzimmer vorgeführt, das auf einmal im Bette herumzuschlagen begonnen hatte, morgen vielleicht ein junger Bursche, der den Versuch gemacht, ins Wasser zu springen. Wenn ich sie mit dem Thermometer mass, hatten sie die höchsten Temperaturen.
Tag und Nacht in Anspruch genommen, ohne geschulte und gewissenhafte Wärter, hatte ich fast Alles selbst zu thun. War es mir gelungen, gegen ansehnliche Geldversprechungen ein wenigstens der Zahl nach genügendes Personal für die Krankenpflege zu engagiren, so liefen sie nach wenigen Tagen eigenmächtig wieder hinweg oder holten mich Nachts aus dem Bett, um mir zu erklären, dass sie sich vor den Delirien fürchteten und es nicht mehr aushalten könnten.
Unter solchen Umständen wurde die Seereise ungemüthlich. Eine mächtige Sehnsucht nach Land, namentlich nach Ruhe und Alleinsein, nach Waldesdunkel und Wiesengrün, ergriff mich. Sie sollte erst in sechs Wochen einigermassen gestillt werden.
IV.
IM INDISCHEN OZEAN.
Um das Kap herum. Segeln vor dem Sturm. Die Krozet Islands. Unsere Typhusepidemie steigt. Gedrückte Stimmung. Zur Naturgeschichte der Seeleute. Albatrosse und sonstige Vögel. Ventilationseigenthümlichkeiten.
Am 31. Januar passirten wir bei gutem Winde das Kap der guten Hoffnung in 44 Grad südlicher Breite, nachdem wir kurz vorher an Tristan da Kunha vorübergesegelt waren, ohne den Inselvulkan in Sicht zu bekommen.
Wir gingen bis hart an die Grenze des antarktischen Treibeises, beinahe bis zum 50. Grad hinab, um erst in der Höhe von Neuamsterdam uns wieder etwas nördlich zu wenden. Es wurde nun ziemlich kalt, was wir um so bitterer empfanden, verweichlicht durch das äquatoriale Dampfbad der letzten Wochen. Das Thermometer sank Nachts bis auf zehn Zentigrade trotz des Hochsommers der südlichen Hemisphäre.
Mächtige Tangmassen trieben in gleicher Richtung mit uns ostwärts, von Ferne schwimmenden Inseln oder Schiffstrümmern ähnlich. Selten gelang es mir, mit dem nachschleppenden Haifischhaken einzelne Aeste derselben, oft gegen zehn Meter lang, aus dem Meere zu angeln. Eine Menge von Lepadinen und Balaniden, von höheren Krustern und von Mollusken, von Bryozoen und von Polypen, die Passagiere dieser natürlichen Fahrzeuge, wurden dann meine Beute.
In Bezug auf die Windverhältnisse war die Fahrt durch den tiefen Süden des Indischen Ozeans der günstigste Theil unserer ganzen Reise. Häufig hatten wir Sturm von hinten, und dann flogen wir förmlich in grandiosen und langsamen Galoppsprüngen vor den in Kolonnen nachrückenden Wogen her. Die Masten krachten und bogen sich unter dem Druck der gerefften Marssegel. Die vollgespannte Fock schien das Schiff aus dem Wasser lüften zu wollen. Hoch empor spritzte unter dem Steven der Gischt, zu zischenden Schaumhügeln nach beiden Seiten auseinandergepflügt, und über Berg und Thal schlängelte sich hinter uns die schäumende Spur des Weges, den wir im Fluge gemacht. Unwillig rauschte das Meer. Ganze Gebirgsketten wälzten sich mit uns vorwärts. Aber wir liefen allen voran, eine nach der anderen wurde geschlagen, und sie hatten das Nachsehen.
Nur die Krozet Islands verdarben uns auf kurze Zeit die Freude. Wir wollten dicht an ihnen vorüber fahren, aber sie wollten nichts von uns wissen und umhüllten sich mit einer Nebelkappe. Man konnte keine Schiffsbreite sehen, und wir mussten umkehren, beim schönsten Wind umkehren und beidrehen. Wir hatten entschieden Pech. Kaum dass einmal der Wind uns günstig war, stellte sich so ein unnützes Pack kahler Inseln entgegen. Zum Glück klarte nach zwei Tagen die Luft wieder auf und erlaubte Kurs zu steuern. Abgerechnet einige windstille Tage gab es jetzt keine Unterbrechung mehr.
Das Rollen des Schiffes wurde zuweilen wieder so stark, dass ich mich in meiner Koje feststauen musste, um schlafen zu können. An der einen Seite den Sack mit Kamillenthee, an der andern den Sack mit Scharpie, gegen die barbarische Kälte mit allen disponiblen Decken und Mänteln belastet, so bot ich den Schrecken der nächtlichen Stürme Trotz, fest entschlossen nothwendigen Falles lieber im Bett als draussen in der ungemüthlichen freien Natur zu ersaufen, unbekümmert um die Bücher, den Stuhl und etliche Kistchen, welche von einer Wand der Kammer zur anderen purzelten. Nur wenn die Gläser oben in ihren Stellen stärker zu rütteln begannen, machte ich mich los aus meiner Verpackung und klemmte die Papierkeile fester, welche sie hielten.
Seekrankheit gab es aber jetzt nicht mehr an Bord. Auch der Verzagteste war seefest geworden. Man freute sich der wilden Fahrt. Ein Liederkranz hatte sich gebildet und suchte mit dem Toben des Sturmes zu wetteifern, und mitten durch das Rauschen der See, das Brausen des Windes und das Stöhnen des Schiffes schallte trotzig und herausfordernd das alte schöne Kriegslied »Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben« in die aufgeregte Natur hinaus, gesungen von dem ganzen Mischmasch unserer Nationalitäten.
Wenn nur nicht aus den Hospitälern das Wimmern des Fieberwahnsinns als schriller Misston dazwischen gedrungen wäre. Unsere Typhusepidemie griff immer mehr um sich. Mein Journal zeigte am Ende der Reise 94 Nummern, alle, auch die leichtesten und deshalb zweifelhaften Fälle mitgezählt. Kaum war die erste Doppelbestattung vorüber, so folgten andere nach, und wir mussten noch fünf Leichen mehr über Bord werfen. Diese gräuliche Epidemie, für den Kapitän die Gewissheit, dass wir auch unter den fortan günstigsten Umständen eine aussergewöhnlich schlechte Reise machten, für mich die unerfreuliche Aussicht, mit der ganzen Zwischendecksgesellschaft, die ich schon so satt hatte, in Quarantäne zu kommen, die immer schlechter werdende Beschaffenheit des Proviants und des Wassers -- all dies war geeignet, gar oft die schwärzeste Stimmung heraufzubeschwören. Solange der Wind uns günstig war, und wir rasch vorwärts segelten, ging es noch leidlich. Als jedoch einmal wieder Windstille eintrat und zwei, drei Tage nicht weichen wollte, wirkte die Verzögerung deprimirend wie noch nie. Die Nähe des Frauenhospitals, in welches ich, weil es am besten eingerichtet war, die schwersten Kranken ohne Unterschied des Geschlechts zusammenlegte, wurde dann bei der herrschenden Ruhe doppelt unangenehm, und oft konnte ich nicht schlafen in der Nacht von dem ewigen Geschrei und Gewimmer, das in meine Kammer herüberdrang. Es machte mich nervös immer und immer wieder dieselben quälenden Laute zu hören.
In keiner Lage habe ich die Misere der ärztlichen Unzulänglichkeit schmerzlicher empfunden als damals. Nicht darin liegt ja die Härte des ärztlichen Standes, worin der Laie sie meist zu vermuthen pflegt, in der Aufopferung an Zeit und Mühe, an Schlaf und Erholung, in all den abscheulichen und ekelhaften Dingen, mit denen man in Berührung kommt, sondern in der Unvollkommenheit und Ohnmacht der sogenannten Heilkunde. »Ihr durchstudirt die gross und kleine Welt, um es am Ende gehn zu lassen wies Gott gefällt.« Das Durchstudiren ist sehr schön, dass Gehen lassen müssen aber ist unerträglich.
Am unglücklichsten fühlte sich der Kapitän über unser Missgeschick. Es war nun Alles ganz anders gekommen als er gewünscht hatte. Von Ersparnissen, mit welchen er bei seinem Rheder sich einzuschmeicheln gehofft, keine Rede. Wir mussten froh sein, wenn wir mit unserem Wasser knapp bis Neuseeland reichten, da der Kondenser bei stürmischer Witterung nicht arbeiten konnte. Ich war fast täglich gezwungen, eine Menge Brot, welches sich als verdorben erwies, über Bord werfen zu lassen, und hatte bereits seit längerer Zeit alle Spirituosen und feineren Esswaaren der Euphrosyne für meine Kranken in Beschlag genommen. In der Kajüte herrschte jetzt absolutes Teatotalerthum. Dass mir Solches ohne sonderliche Kämpfe gelang, war dem zerknirschten Zustand des Kapitäns, welcher seine tobsüchtigen Neigungen gänzlich lähmte, zu verdanken.
Der Kapitän war im Grunde ein guter Kerl, aber eben ein Kauffahrteischiffer und von dem ganzen Elend dieses bemitleidenswerthen Standes verbittert und verbost. Er hatte erst kurz vorher geheirathet, und die Sehnsucht nach seiner jungen Frau zu Hause zehrte fortwährend an ihm. Wie oft verfluchte er seinen jugendlichen Leichtsinn, der ihn vor zwanzig Jahren auf das Meer getrieben. Wie oft schwor er, den ersten besten Erwerb auf dem Lande zu ergreifen, wenn er nur kein Wasser mehr zu sehen brauchte. Er besass nichts von jener Schwärmerei für die Poesie des Meeres, die den Seeleuten von Laien manchmal angedichtet wird. Ich habe überhaupt noch keinen älteren, reiferen Seemann kennen gelernt, der an einer derartigen Schwärmerei gelitten hätte, und nichts kann lächerlicher klingen, als was gelegentlich der traurigen Schillerkatastrophe an den Scilly-Inseln dem unglücklichen, mit den 337 Opfern seines Leichtsinns rühmlich untergegangenen Kapitän Thomas in irgend einer Zeitung von irgend einem überspannten Frauenzimmer in den Mund geblaustrumpft worden ist -- »Ich kenne nur eine einzige Liebe, und das ist mein Schiff, mein Schiff ist mir meine Braut« oder wie das dumme Zeug gelautet haben mag.[2]
[2]: Das Gehalt des Kapitäns der Euphrosyne, eines Segelschiffes grössten Kalibers, betrug nicht mehr als hundert Mark pro Monat. Aber nur so lange das Schiff auf der Reise war. Lag es ohne Mannschaft im Hafen, so bekam der Kapitän nichts. Ausserdem hatte er 2½ Prozent vom Reingewinn, in den jetzigen Zeiten, wo Schiffe oft Jahre lang nichts verdienen, eine sehr problematische Grösse.
Man muss einen Seemann, insbesondere der Kauffahrtei, viel milder beurtheilen als andere Menschen. Der bösen Einflüsse, die ungünstig auf seinen Charakter wirken, sind zu viele. Jenes erfahrungsgemäss auf jeder längeren Seereise eintretende Stadium der üblen Laune, in dem sich Alles gegenseitig anärgert, bleibt sogar auf Kriegsschiffen mit ihrer strammen Disziplin nicht aus, und die Marineärzte haben dafür einen eigenen Namen »Mania navalis« erfunden.
Während der Atlantik wie ausgestorben gewesen war, belebte sich östlich vom Kap die See wieder mit Möven und Seeschwalben, mit Kaptauben, Sturmvögeln und Albatrossen.
Den Albatrossen wird bekanntlich von den Schiffern aufs Emsigste nachgestellt. Leider ist ihre Zahl dadurch schon merklich verringert, und in hundert Jahren werden sie zu den ausgestorbenen Geschöpfen gehören. Trotz dieser zur Schonung auffordernden Erwägung konnte auch ich mich nicht enthalten, ihren Fang zu versuchen.
Schon bei Tristan da Kunha hatten einzelne sich sehen lassen. Der Ruf »O was für ein grosser Vogel« zog mich hinaus auf Deck, und mein erster Albatross schwebte majestätisch über die Wogen.
Rastlos über Wellenberg und Wellenthal, kaum merklich hie und da die in gerader Linie steif ausgespannten Flügel bewegend, senkrecht bald nach links bald nach rechts geneigt mit den Flügelspitzen die Wellenkämme ritzend, verfolgte in weit gebogenen und gewundenen Linien das gewaltige Thier mühelos unsere Fahrt. Andere gesellten sich ihm bei, schon von ferne erkennbar als geradlinige in der Mitte zu einem Knoten anschwellende kreuz und quer in der Luft hin und her balanzirende Stäbe. Es lag etwas Räthselhaftes in ihrer Stetigkeit und Ruhe, mit der sie gegen den scharfen Wind -- nicht kämpften, sondern gelassen und ohne Anstrengung dahinglitten.
Von nun an schleppte stets eine Albatrossangel hinten nach, aber fünf Wochen ohne etwas zu fangen. Die Seeleute hatten zwar jedesmal Gründe zur Hand, warum sie nicht bissen. Einmal weil die Fahrt zu rasch, das andere mal weil zu langsam, heute war das Wasser zu durchsichtig, morgen wieder zu trübe. Ich wusste bereits, was von dieser Weisheit zu halten sei, und es war mir kein geringer Triumph, mit der Flinte einen Albatross zu erbeuten, lange ehe jene mit der Angel einen erwischten.