Reise durch den Stillen Ozean

Part 42

Chapter 423,420 wordsPublic domain

Endlich kam ein kleines Excitement, die Dale Creek Schlucht nämlich, über die eine äusserst verdächtige Brücke, 40 Meter hoch, 200 Meter lang und aus Holzfachwerk, führt. Der Zug bremste seinen Lauf zu der Geschwindigkeit eines Fusswanderers, dann gings behutsam und sachte auf das morsche Gestell. Die Balken krachten und stöhnten, und das ganze Gebäude, die Brückenpfeiler, das Schienengeleise und unser Zug fingen an hin und her zu wackeln, dass man sich unwillkürlich an den Sitzpolstern festhielt. Nach Mister Williams ist die Brücke »one of the Wonders on the great Transcontinental Route«, und diesmal hatte er Recht.

Bald darauf kam ein einsames Haus in der baumlosen Ebene, welches unter den Passagieren ebenso viel Aufregung verursachte, wie auf hoher See ein Schiff in Sicht. Alle drängten sich an die Fenster um es zu sehen. Interessant wären mir die unglückseligen Geschöpfe gewesen, die es bewohnten und von denen keine Spur zu entdecken war.

Sehr oft unterbrechen Schneegallerien das Tageslicht. Man fährt dann eine Viertelstunde im Dunkeln und sieht weiter nichts als die dünnen Striche Sonnenschein, die durch die Spalten zwischen den Brettern vorbeiblitzen, was übrigens ungefähr eben so amüsant ist als der Anblick der unverhüllten Landschaft. Merkwürdig war mir, dass diese Schneegallerien fast mitten in der Ebene die Eisenbahn überdeckten, an Stellen, die nur ganz unbedeutende Einsenkungen zeigten. Wir hatten auch manchmal weite Umwege um solche flache Mulden zu machen. Allerdings mag der nivellirende Sturmwind, der im Winter über die Steppen braust, gerade in diesen scheinbar so geringen Vertiefungen genug Schnee zusammenfegen, und die Reste vertrockneter Bäche, die sich wie Muren durch sie hinziehen, deuten auf mächtige Wassermengen.

Auf der Station Sidney im Staate Nebraska, von welcher aus der nächste Weg zu den gerade nördlich gelegenen Black Hills abgeht, und zu der wir am zweiten Abend gelangten, trieben sich viele Indianer herum. Es waren regierungsfreundliche Rothhäute unter weissen Offizieren, lauter jugendlich kräftige Gestalten mit scharfgeschnittenen Zügen. Man hatte ihnen eine Art Uniform und Waffen gegeben, die ihnen viel Freude zu machen schienen, indem sie stolz und grimmig mit dem Säbel rasselten, den Revolver im Gürtel. Die meisten trugen grosse Ringe in den Ohren. Einer hatte schwarz und weisse Federn daran befestigt, einem anderen baumelte eine Schnur mit einem Hasenschwänzchen auf der Schulter herum. Ihre Gesichter waren nicht bemalt wie die der übrigen Indianer die ich gesehen. Wachtfeuer brannten neben dem Stationsgebäude, zu denen die wilde Soldateska eine überaus genussreiche malerische Staffage lieferte.

Am Mittag des 9. Oktober mussten wir nach Omaha kommen. Als ich mich Morgens von meinem Lager erhob, war noch nichts von der Annäherung an das Bereich der Kultur zu merken. Immer noch dieselbe trostlose Ebene. Kein Baum oder höchstens ein paar verkrüppelte. Ueberall kurzes, gelbgedörrtes, mit Staub überzogenes Büffelgras, welches indess auch unsere europäischen Rinder gern fressen sollen, wie mir mein Nachbar sagte.

Wenige Stationen vor Omaha begegneten wir einem westwärts fahrenden Zug, aus dessen Fenstern eine Menge Indianergesichter uns anstarrten.

Farmen und Getreidefelder treten auf. Etwas wie Waldesduft dringt in die Nase, die drei Tage lang nichts als Staub zu kosten bekommen hat. Laubbäume und Gebüsch in Menge, ein wirklicher kleiner Wald, und wir sind in Omaha.

Omaha ist jetzt eine Stadt von vielleicht 25000 Einwohnern und für den europäischen Reisenden hauptsächlich dadurch interessant, dass es der Endpunkt der Union Pacific ist, dass man hier Züge wechselt, und dass hier das Gepäck mit einer beispiellosen Rohheit umgeladen und »recheckt« wird. Dies geschieht drüben am anderen Ufer des schmutziggelben Missouri, über den eine lange eiserne Brücke führt, in Council Bluffs, welches eine Vorstadt von Omaha darstellt, obwohl es bereits zu Iowa gehört. Der Missouri trennt diesen Staat von Nebraska.

Mit Stolz sah ich, wie mein deutscher Koffer, dem ich nicht mehr viel zutraute, die schwere Probe, ohne Umstände kurz aus dem Wagen auf die steinerne Platform herabgeworfen zu werden, ruhmvoll bestand, während einige amerikanische Kollegen erlagen und platzend ihren Inhalt dem Hohngelächter der fröhlichen Packknechte preisgaben.

In Council Bluffs spaltet sich die Pacific Bahn in drei Zweige. Drei Züge stehen neben einander bereit, um nach Uebernahme der Passagiere sofort gleichzeitig in verschiedenen Richtungen abzudampfen. Ich bestieg den mittleren, der über Rock Island nach Chicago ging. Die Gegend wurde nun hübscher als je, und ich war auch jetzt nach der dreitägigen ästhetischen Hungerkur für landschaftliche Anmuth viel empfänglicher denn je. Niedrige Wälder mit jungen Eichen die daraus hervorragen, wie man sie in Frankreich so oft sieht, wechselten mit Farmen, Obstgärten und abgeheimsten Getreidefeldern, auf denen rothe Kürbisse in der Sonnenhitze zeitigten. Alles sehr hausbacken und gewöhnlich, lange nicht so schön wie unsere deutschen Forste und unsere deutschen Fluren, aber die Wirkung des Kontrastes machte bescheiden und dankbar. Die Policemen auf den Stationen hatten jetzt wieder Uniformen, nicht mehr blos einen metallenen Stern auf der Brust wie westlich von Omaha.

Zwischen Davenport auf dem einen und Rock Island auf dem anderen Ufer wälzt sich der Mississippi dem Süden zu, ebenso schmutzig gelb wie sein Bruder Missouri und landschaftlich eben so reizlos wie dieser. Auf einer eisernen Brücke überschreiten wir ihn und betreten den Staat Illinois.

Bis Omaha waren nur wenige Passagiere im Zuge gewesen, und wir hatten uns dabei recht wohl befunden. Jetzt wurde es aber ungemüthlich. Wir fuhren »Express« und hielten trotzdem auf allen Stationen, die Wagen füllten sich immer mehr mit Menschen, die kamen und gingen. Ich hatte unglücklicherweise mein Bett und damit auch die Berechtigung zum Gebrauch des vollständig besetzten Saloon Cars einer Dame abtreten müssen und war somit gezwungen, die Nacht auf einem gewöhnlichen Sitz unter dem gewöhnlichen Eisenbahnpöbel zuzubringen, da es von nun an nur mehr Eine Klasse gab.

Ich bin niemals mit einer widerlicheren Menschensorte in Berührung gekommen als in jenen vierundzwanzig Stunden, in denen ich das nördliche Illinois durchkreuzte. Der ungebildete Durchschnittsamerikaner ist bekanntlich ein geborener Lümmel und rücksichtslos gegen Andere aus Grundsatz. Er hat eine gewisse Vorliebe, Anderen auf die Füsse zu treten, Andere zu rempeln und sich gerade dahin zu setzen, wohin ein Anderer eben seinen Hut gelegt hat. Lässt man irgend einen Gegenstand zu Boden fallen, gleich hat er seine Stiefel darauf und mit einer staunenswerthen Flinkheit hat er ihn vollgespuckt. Von all diesen Liebenswürdigkeiten erfuhr ich reichliche Proben, und ich müsste eben so ekelhaft werden wie jener Theil des souveränen Volkes von Illinois, in dessen Mitte ich jene vierundzwanzig Stunden zuzubringen hatte, wollte ich zu schildern versuchen, was man in solcher Gesellschaft von der nationalen Leidenschaft des Spuckens allein erleben kann.

Die demokratische Gleichberechtigung Aller ist gewiss ein sehr schöner Gedanke. Wenn nur nicht die Geruchswerkzeuge und andere Empfindungsorgane so oft gegen die Praxis desselben protestirten. Auch der amerikanische Frauenkultus ist zweifellos eine schöne Sache. Wenn nur nicht hier zu Lande jede feiertäglich geputzte Stallmagd, die auf zehn Schritt nach ihrem nützlichen Berufe duftet, eine Lady zu sein und ladyhafte Ansprüche machen zu müssen glaubte. Ich sehnte mich lebhaft nach unserem europäischen, sonst so verwerflichen Kupeesystem, bei dem man doch wenigstens nur mit sieben unangenehmen Subjekten zusammengesperrt werden kann.

An manchen Städten und Städtchen gings vorüber, von denen noch nichts in der Geographie steht, die aber doch schon viele tausend Einwohner haben, und in denen ein emsiges Leben von qualmenden Fabriken, von dampfenden Maschinen, von Kanälen, Strassen und Brücken voller Verkehr pulsirt. Bremen (sprich »Brümmin«) hiess eine Station und erinnerte durch die flache, monoton grüne Weidelandschaft und einige Windmühlen an ihre Pathe, das deutsche Bremen. Eine andere hiess Joliet. Der Schaffner rief »Eioleiet«, was jedoch für ein unkundiges Ohr auch »How do you like it« klingen konnte. Joliet ist, wie schon der Name sagt, eine Ansiedlung französischer Abkunft.

Mein ursprünglicher Plan war gewesen, einen oder zwei Tage in Chicago zu bleiben. Ich gab ihn auf, um die lästige Reise so bald als möglich hinter mir zu haben, und fuhr gleich wieder weg. Nur den Niagara durfte ich mir nicht schenken. Ich war wahrscheinlich zum ersten und letzten mal in seiner Nähe.

Ich sah somit von Chicago nur einige Aussenstrassen, durch welche die Lokomotive langsam mit der Glocke bimmelte, und einige Masten und Getreideelevatoren, welche das süsse Meer des Lake Michigan repräsentirten.

Zwischen Chicago und Buffalo in den Staaten Indiana und Ohio bevölkerte ein weit besseres, anständigeres Publikum unseren Zug als im Staate Illinois. Es war viel die Rede von der bevorstehenden Präsidentenwahl, und von allen Seiten ertönten die Schlagworte Tilden und Hayes. Eine mir neue Art von Unterhaltung wurde veranstaltet. Man wettete auf die Chancen der beiden Gegenkandidaten unter den Passagieren, vertheilte Stimmzettel und hielt eine Probewahl. Die Republikaner siegten mit einer sehr geringen Majorität. Grosse Begeisterung und nicht endenwollende Cheers auf Hayes brausten durch sämmtliche Wagen des Zuges, bis wir in Cleveland angekommen waren, wo die Meisten ausstiegen.

Schon gestern, als ich noch in Illinois war, hatte ich viel von Wahlen, von Tilden und Hayes gehört. Und da ich noch nicht wusste, um was es sich handelte, frug ich meinen Nachbarn, einen alten stupid aussehenden Farmer. »Ach, die wollen den Governor von Illinois wählen« war die Antwort. Auch er hatte noch keine Ahnung von der Präsidentenwahl.

Wir fuhren das ganze südliche Ufer des Erie-Sees entlang, manchmal so dicht an seinem Rande, dass wir die Brandung hörten und den aufspritzenden Schaum der sich brechenden Wellen sahen. Einige weissglänzende Segel glitten über die grüne Fläche im Strahle der Morgensonne dahin. Das Land war eben und brach am Ufer mit horizontalen Schichtungsflächen, die an den Solenhofener Schiefer erinnerten, senkrecht hinab. Eichenwälder und Obstgärten wechselten mit Feldern von türkischem Korn, dessen Fruchtähren bereits abgeschnitten waren, und zwischen dem rothe Kürbisse lagen, aus welchen man einen beliebten Kuchen, den Pumpkin Pie, fertigt. Farmen, zierliche Landhäuser und zierliche Dörfchen, alle aus Holz, waren hineingestreut.

Von Buffalo im Staate New York bog ich, wie gesagt, nach Niagara ab. In zwei Stunden war ich am Ziele dieser Seitenexkursion, stieg aus und begab mich sofort nach dem Wasserfall.

Kaum hat man den Bahnhof verlassen und befindet sich in der Stadt, so schlägt der brausende Donner der grossen Sehenswürdigkeit ans Ohr. Dieses Naturwunder beherrscht hier Alles. Ihm verdankt die Stadt Niagara ihre Entstehung und ihre Existenz. Es giebt hier keine Industrie, die sich nicht auf den Wasserfall und den Fremdenverkehr bezöge. Und Tag und Nacht bekundet er weithin tosend seine Nähe.

Am anderen Ende einer breiten fast nur aus Hotels und Kaufläden mit allerhand Souvenirschnickschnack zusammengesetzten und merkwürdig todten Strasse ist der Eingang zu ihm und kostet einen Vierteldollar. Auf einer Säule davor steht ein steinerner amerikanischer Soldat, aus Anlass irgend einer gloriosen Begebenheit verurtheilt, seine traurige Gestalt den Augen aller Vorüberwandelnden preiszugeben. »Prospect Park« heisst der umzäunte, von Restaurationen und Photographenbuden bevölkerte Hain, den man zunächst betritt, und von dessen felsigem Rande aus man den ersten Anblick des gewaltigen sich in eine fünfzig Meter tiefe Schlucht stürzenden Stromes geniesst.

Es ist überwältigend, berückend, in die kolossalen Massen zu schauen, die rastlos ohne Ende sich heranwälzen und in ihrer ganzen mächtigen Dicke von mindestens sechs Meter mit weiter Wölbung in den Abgrund sich hinunterbeugen. Auf halbe Höhe prallt diesem Wassergewölbe von unten herauf der glänzende Gischt entgegen, zu phantastischen, ewig wechselnden, ewig kämpfenden Formen geballt. Man fühlt sich unwillkürlich versucht, Kaulbachs Hunnenschlacht in sie hineinzumalen. Das Grossartige des Phänomens spottet jeglicher Beschreibung.

Ein thurmartiger Vorbau nähert sich so sehr dem Bug des Stromes, dass wir ihn mit der Hand zu greifen wähnen. Feiner Staubregen wirbelt ins Gesicht, brüllender Donner erfüllt die Luft und macht die eigene Stimme unhörbar. Wir können uns den Scherz erlauben, so laut als möglich zu schreien -- der Nebenstehende merkt nichts davon.

Die Umgebung des durch eine Insel in zwei grössere Abtheilungen geschiedenen Falles ist flach, und ihr ruhiger hausbackener Charakter lässt eine so schroffe Unterbrechung im Lauf des Niagara gänzlich unmotivirt. Erst eine Viertelstunde oberhalb beginnt der bisher gesetzt und würdevoll durch die Ebene fliessende Strom zu schäumen und zu rumoren und über Felsblöcke zu hüpfen, und verräth dadurch seine wilden Absichten. Die plötzlich und unvermittelt sich aufthuende Schlucht ist sein Werk, seit Jahrtausenden nagt er langsam und stetig an dem harten Gestein, und der Fall schreitet nach rückwärts fort. Dieses Rückwärtsschreiten soll im Jahre etwa ein drittel Meter betragen, so dass er in 70000 Jahren den Erie See erreichen und tiefer legen wird.

Die Wände der Schlucht sind nahezu senkrecht. Durch einen geneigten Schacht stellen zwei auf- und nieder steigende Wagen die Verbindung zwischen oben und unten her, und mit überraschender Schnelligkeit schweben in ihnen die ängstlich sich festhaltenden Passagiere hinab. Für diejenigen, die sich den Fall auch von hinten betrachten wollen, sind unten Führer und wasserdichte Anzüge bereit.

Wir vertauschen in einer Hütte die ganze Bekleidung gegen Wachstuchhose und Wachstuchjacke, ziehen ein paar plumpe Gummistiefel an und stülpen einen Südwester aufs Haupt. Dann klettern wir in dieser ungeschlachten Vermummung, angestaunt von Ladies und Kindern und belächelt von ähnlich uniformirten Gestalten, die zurückkommend uns begegnen, über schlüpfrige Felsen und über schlüpfrige Stege, um das Opfer eines niederträchtigen Humbugs zu werden.

Dichter und heftiger wird der Regen, Windstösse pfeifen von allen Seiten, die Wasser brüllen und donnern, unter den Füssen zittert die Erde. Wir vermögen nichts mehr zu sehen, hundert stechende Tropfen peitschen Gesicht und Hände wie bei einem Orkan auf See, nur dass das Wasser nicht salzig schmeckt. Wir tasten uns blindlings am schwanken Geländer und am Arme des Führers vorwärts auf einem schmalen Brett in unbekannte Regionen hinein, um uns die tobenden Elemente. Wir sehnen uns nach dem Moment, die Augen öffnen zu dürfen, aber vergebens. Das Duschbad wird immer wüthender, und der Führer kehrt um und zieht uns mit sich. Gehorsam und schweigend folgen wir ihm, denn zu sprechen hat keinen Sinn.

In die Hütte zurückgelangt, wo man sich endlich wieder hören kann, erklärt er, dass wir den Fall nun auch von hinten gesehen hätten, verlangt für den Anzug einen halben Dollar und für seine Bemühung ein Trinkgeld nach Belieben, und reicht uns Handtücher dar, das genossene Vergnügen von unserem Körper zu trocknen. Nun begreifen wir, warum die Begegnenden so eigenthümlich gelächelt, und lächeln nun selbst über neue Opfer.

Von hier aus kann man sich entweder in einem Boot ans jenseitige, Canadische Ufer setzen lassen, oder man fährt auf demselben Wege durch den Schacht wieder nach oben und geht über die einen Büchsenschuss unterhalb befindliche Hängebrücke.

Das einmalige Passiren der Brücke kostet abermals 25 Cents, gleichwie das Auf- und Abrutschen im Schacht, das Uebersetzen, der Eintritt in Prospect Park und zu anderen Aussichtspunkten. Die Niagarenser wissen aus ihrer Naturmerkwürdigkeit vortrefflich Kapital zu schlagen. Will der Fremde die Niagarafälle von allen Seiten beschauen, so kostet ihm der Zutritt allein schon etliche Dollars.

Drüben in Canada unter englischer Flagge herrscht dieses System nicht. Man kann dort frei und ohne Zoll von der am Rande der Schlucht hinführenden Strasse die volle Ausdehnung des Niagara übersehen. Grosse und elegante Hotels stehen an der anderen Seite der Strasse und geben dem Ganzen ein vornehmes, reiches Gepräge.

Kaufbuden und photographische Ateliers fehlen indess auch hier nicht. Photographen lauern mit ihren Apparaten am Wege und fragen, ob man sich nicht mit dem Falle im Hintergrund photographiren lassen wolle. Es scheint hier Mode zu sein, ein solches Dokument zu erwerben, um schlagend beweisen zu können, dass man wirklich in Niagara gewesen. Ich verzichtete darauf, mit dem grossen Naturwunder zusammen verewigt zu werden. Das Wetter war zu unfreundlich und kalt, bitter kalt für mich, der ich vor drei Tagen noch in den Wüsten Nebraskas geröstet worden war.

Niagara selbst machte mir den Eindruck der ödesten und todtesten amerikanischen Stadt, die ich jemals gesehen. Es fehlte selbst das Charakteristikum der Streetcars und der vielen Stroh- und Papierabfälle auf den Strassen, weil es hier eben keinen nennenswerthen Handel gibt. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Centennial Vergnügungsreisender aus allen Gegenden der Vereinigten Staaten schienen die Kaufläden mit ihren Schwindelwaaren, mit ihren ausgestopften Vögeln und Hirschgeweihen, ihren Muschelkästchen und Photographien, ihren unechten Indianerwaffen und ihren von der Nähmaschine zusammengestoppelten Phantasie-Indianerkostümen schlechte Geschäfte zu machen. Weitgeöffnet und hellerleuchtet suchten sie am Abend vergeblich Käufer anzulocken. Unter den Thüren aber standen die Besitzer und Besitzerinnen und flöteten in den süssesten Tönen »Step in Sir if you please«, »Would not you come in Sir«, »Please come in Sir« -- eine sehnsüchtige Fluth von Einladungen bei jedem Schritt, grade wie ehemals in gewissen dunklen Strassen zu Hamburg.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach New York. Immer anmuthiger wurde das Land, bis mein alter Bekannter, der Hudson, erreicht war, dessen Reize nach amerikanischer Anschauung sogar mit denen des Rheins zu wetteifern im Stande sein sollen. Rechts guckten die blauen Catskill Mountains hinter den Hügeln des jenseitigen Ufers heraus, links erhoben sich steile Felswände, unter denen der Schienenstrang, den Krümmungen des Flusses sich anschmiegend, uns südwärts geleitete. Segelfahrzeuge und Dampfer belebten die Fläche des Wassers. Ueber den Wäldern lag jene eigenthümliche herbstliche Färbung, die für Amerika charakteristisch ist und sonst wohl nirgends auf der Erde vorkommt. Während bei uns der scheidende Sommer das Grün der Forste in die bekannten, von den Malern so sehr geschätzten, weich gestimmten und harmonischen braunen Töne abklingen lässt, verwandelt sich dort das Laub in grelles Zinnoberroth und schreiendes Pomeranzengelb. Man würde Amerikanern gegenüber eine arge Ketzerei begehen, wollte man Zweifel äussern, dass dieses bizarre Gewand der Natur schön sei. Trägt es ja doch dieselben Farben, die dem Bürger der grossen Republik an seinen Lokomotiven und Häusern, Reklamen und Krawatten so lieb sind.

XXVII.

HEIMKEHR.

Die Centennial Exhibition in Philadelphia. Abschied von New York. Ankunft in England und Landung in Liverpool. Sonntagsöde. Auffahrt des Mayors. Ueber London nach Hamburg.

New York war mir willkommener als je nach einer stürmischen Atlantikfahrt. Die sieben Tage und sieben Nächte Eisenbahn, die ich, abgerechnet Salt Lake City und Niagara, hinter mir hatte, summten noch weitere drei Tage und drei Nächte in meinem Gehirn herum.

Der anfänglich nur auf kurze Zeit projektirte, aber immer wieder und wieder verlängerte Aufenthalt in dem Hause eines theuren Freundes entschädigte mich für die erlittenen Strapatzen. Dank dem wonnigen Gefühle, ein Daheim zu haben, sah ich diesmal nicht viel von der Empire City, die ich bereits von früher her kannte. Und beinahe hätte ich im Genuss dieser körperlichen, gemüthlichen und geistigen Oase auch den grossen Jahrmarktsleviathan in Philadelphia, die Centennial Exhibition, »the Wonder of the Wonders« vergessen.

Offen gestanden, ich ging nur mit Widerstreben hin, weil ich musste. Ich war so übersatt von der ewigen Bombasterei, von all den Lobpreisungen und all dem Geschrei im Styl der Menageriebudenbesitzer. Ich hatte schon so viel schlechtes erbärmliches Zeug gesehen, was sich centennial nannte, Centennial Akrobates, Centennial Minstrels und Centennial Dancers, hatte in San Francisco eine Centennial Hose gekauft, die eine Woche später in Chicago aus dem Leim ging, und in Buffalo ein paar Centennial Schuhe, deren Sohlen an den Felsen des Niagarafalles zurückblieben, hatte verschiedene Centennial Dinners zu mir genommen, und auf der ganzen Reise so viel saueres Centennial Bier getrunken, und war überdies von so vielen lümmelhaften Centennial Vergnügungsreisenden gerempelt und auf die Füsse getreten worden, dass man es mir nicht verübeln kann, wenn ich ein kleines Vorurtheil gegen das Wort hatte.

Ich ging aber dennoch pflichtschuldigst hin nach Philadelphia und betrachtete Alles in drei Tagen und war sehr zufrieden, als ich wieder nach New York zurückkehren durfte. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nicht imponiren zu lassen, und in Folge davon imponirte mir auch nichts in der ganzen Ausstellung.

Das berühmte »Billig und schlecht« brauchte ich zum Glück nicht erst hier schätzen zu lernen. Wieder sah ich mit Entsetzen verschiedene Bilder, die ich schon in Berlin und in Hamburg vor Jahresfrist mit Entsetzen geschaut. Wieder sah ich auch den amerikanischen Soldaten trauriger Gestalt, den ich kurz zuvor in Niagara kennen gelernt. Hier aber war er ein Riese aus Granit gemeisselt und stand vor dem Haupteingang des gläsernen Industriegebäudes, und an seinem Sockel waren sämmtliche Elemente der Kunstkritik, wie hoch, wie breit, wie schwer und wie theuer das Monstrum sei, für Jedermann leicht verständlich zu lesen. Von dem in den Zeitungen ausposaunten Zusammenströmen sämmtlicher Völker der Erde vermochte ich blos einige Chinesen und etliche deutsche Juden, die mit rothen Fezen auf den Häuptern türkischen Tabak verkauften, der in Virginia gewachsen war, zu entdecken. Ich sah Krupps Killing Engine und die vielen Prinzen und Fürsten aus Erz und aus Thon und aus Pappe, die Riesenhand mit der flammenden Fackel aus Frankreich, die Maschinenhölle, den Palast der Frauen, die Horticultural Hall und den Tempel der Künste, ich fuhr auf der kleinen Eisenbahn mehrmals im Kreise herum, ich speiste jedesmal bei einer anderen Nation, aber lieber als alle diese Herrlichkeiten war mir die Rückkunft in New York.

Nur zu bald war auch hier meine Zeit bis zur äussersten Frist abgelaufen. Ich musste fort nach Europa. Abermals nahm ich Abschied, den schmerzlichsten auf der ganzen Rundreise, und der Cunard Dampfer »Scythia« entführte mich von dannen.